Narabo - Nikomachische Ethik - Einblicke - Aristoteles - Tugend

Man kann nur dann ein glückliches Leben führen, wenn man tugendhaft lebt.

Diese These bildet die Grundlage der Antiken Ethik, doch was bedeutet sie eigentlich? Was können wir unter dem vagen Begriff der Tugend oder unter dem noch viel vageren Begriff des glücklichen Lebens verstehen? Aristoteles liefert hierzu in einer leicht verständlichen Fassung klare Antworten, die uns bei einer gelungenen Lebensführung unterstützen können.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Was ist und will die Nikomachische Ethik?
  2. Tugend-Ethik – Die Grundlage der antiken Ethik
  3. Warum überhaupt die ganze Tugend-Ethik?
  4. Arten und Hierarchie der Handlungen
  5. Die drei Formen der Tätigkeiten
  6. Was ist das Ziel allen Strebens?
  7. Adaptive Konzeption des Glücks
  1. Worum geht es in der Nikomachischen Ethik?
  2. Wie lautet die Ausgangsfrage jeder antiken Ethik?
  3. Wie kann man die Forderung der Tugend-Ethik auf den Punkt bringen?
  4. Welche Tätigkeiten unterscheidet Aristoteles?
  5. Welche Eigenschaften muss das oberste Ziel allen Handelns haben?

Was ist und will die Nikomachische Ethik?

Die Nikomachische Ethik ist die bedeutendste ethische Schrift des antiken Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.), der als einer der herausragendsten Philosophen und Naturforschern der Geschichte gilt. Dabei dürfen wir jedoch die Bezeichnung als ethische Schrift nicht überbetonen.

Für gewöhnlich assozieren wir mit Ethik die Untersuchung von Normen, Handlungen und Gesetzen, die über-subjektiv zu betrachten sind, doch ist das nicht der Hauptgegenstand dieser aristotelischen Schrift.

Die antike Ethik, oder besser gesagt der Begriff der Ethik im weiteren Sinne, umfasst immer die subjektive Position der Handlung (wie handle ich, dass ich den größten Nutzen habe?) und auch die objektive Position der Gesellschaft, also im Bezug darauf, was wir Moral nennen würden. Es geht ständig um die Vereinigung von Moral und Eigennutzen. Dies werde ich gleich noch besser erläutern.

Die Nikomachische Ethik wird aus diesem Grund zu einer Basisschrift, die eine richtige Lebensführung behandelt, untersucht und aufzeigt. In ihrem Kern kreisen stets die zwei Fragen „Wie werde ich ein guter Mensch?“ und „Wie erschaffe ich Glückseligkeit?“, die Aristoteles in zehn Büchern (Kapitel) erörtert und klärt.

Der französische Soziologe sowie Philosoph Frédéric Lenoir spricht in seinem wirklich gelungenen Buch Was ist ein geglücktes Leben? sogar davon, dass die Nikomachische Ethik zu jenen Werken gehört, die jeder Abiturient gelesen haben muss [1]. Ich stimme dem ausnahmslos zu. Diese Einführung in Aristoteles‘ Werk soll dafür eine Hilfestellung sein, die sich an wichtigen Kernbegriffen orientiert.

Selbstverständlich kann ich in einem einzigen Artikel nicht das gesamte Werk ganz sinnvoll behandeln. Aus diesem Grund will ich hier nur die ersten sechs Kapitel des ersten Buches so gut wie möglich auf den Punkt bringen, sodass das eigene Lesen im Verständnis verbessert wird.

Tugend-Ethik – Die Grundlage der antiken Ethik

Die antike Ethik ist in jeder Hinsicht geprägt von dem Begriff der Tugend. Man nennt insbesondere die Ethik des Aristoteles deshalb auch  eine Tugend-Ethik. Was man unter Tugend versteht, ist keineswegs einfach zu erklären, da einige Grundverständnisse vorausgesetzt werden. Bevor wir also den Kern der Nikomachischen Ethik erfassen können, brauchen wir noch andere Aspekte.

Hierzu zählt, wie bei fast alle antiken Philosophen, ein gewisses Moralverständnis, das als Grundannahme einer rechten Erziehung vorausgesetzt die Möglichkeit zum Verständnis einer Ethik legt. Ein Barbar kann keine Ethik begreifen. Zum Glück haben wir durch unsere Erziehung ein Verständnis von Moralität entwickelt, nämlich das Verständnis von Regeln und Normen – ein unglaublich interessanter Prozess jeder kindlichen Entwicklung, der innerhalb dieses Artikels ausführlich von mir erörtert wird.

Außerdem sind für Aristoteles gewisse philosophische Argumente nötig, wie zum Beispiel das Ergon-Argument und die Mesotes-Lehre, die wir gleich alle klären werden. Wichtig ist darüber hinaus die richtige Einordnung der antiken Ethik – was war ihre Grundfrage?

Ganz einfach: Kann es sein, dass es einen Konflikt gibt, sodass es zu einer Spannung zwischen Moral (das, was für die Gemeinschaft am besten sein soll) und Eigennutzen (das, was für mich am besten ist) kommt? Dieses Problem stellt die Ausgangsfrage aller Ethiker in der Antike dar. Man kann es sehr leicht anhand von Fragen verdeutlichen, die wir uns alle ohne Zweifel schon einmal gestellt haben, zum Beispiel: Warum soll ich gerecht sein? Warum soll ich gut sein?

Warum überhaupt die ganze Tugend-Ethik?

Alle Philosophen der Antike (Sokrates, Platon, Aristoteles, Epikur, die Stoiker und andere) versuchten zu zeigen, dass Moral und Eigennutzen zusammenfallen. Ihre These war demnach, dass man nur dann ein glückliches Leben führen könne, wenn man tugendhaft lebt, was unter anderem das moralische Leben einschließt.

Auf die obigen Fragen „Warum soll ich gerecht sein?“ und „Warum soll ich gut sein?“ hätten die antiken Ethiker alle mit folgenden einfachen Worten geantwortet: Du sollst gerecht und gut sein, weil du nur so glücklich sein kannst!

Arten und Hierarchie der Handlungen

Gleich zu Beginn seiner Schrift beginnt Aristoteles zunächst mit einer Untersuchung der Handlungen. Dies ist für das glückliche, ja für das tugendhafte Leben eine wichtige Grundlage – was und wofür handeln wir? Der erste Satz markiert bereits eine prägende Feststellung:

Jede Kunst sowie jede Lehre, desgleichen jede Handlung und jeder Entschluss, scheint stets ein Gut zu erstreben, weshalb man das Gute treffend als dasjenige bezeichnet hat, wonach alles strebt [2, 1094a].

Hier zeigt sich bereits ein Hinweis auf Aristoteles‘ philosophische Methode. Man kann ihn besonders in der Nikomachischen Ethik als einen Common-Sense-Philosophen beschreiben, also als jemanden, der nicht mit abgehobenen Theorien, sondern mit dem gesunden Menschenverstand auch in den Ansichten des einfachen Bürgers nach Wahrheit sucht.

Die drei Formen der Tätigkeiten

Aus der Beobachtung völlig trivialer Gegebenheiten, wie es das Alltagsleben des Menschen eben ist, gewinnt er markante Einsichten. Eine davon resultiert aus der Frage, wie das Handeln und unsere Tätigkeit im Allgemeinen abhängig von unserer Intention gegliedert ist:

  1. Es gibt Tätigkeiten, die nicht um ihrer selbst willen getan werden, sondern die darauf aus sind, etwas hervorzubringen bzw. einen Endzustand heraufzuführen. Das, worauf die Tätigkeit aus ist – ihr Werk, genauer: spezifisches Ziel, das, worum sie kreist –, ist nicht sie selbst, sondern etwas anderes – z.B. ein Bauarbeiter, der ein Haus baut.
  1. Es gibt Tätigkeiten, die um ihrer selbst willen getan werden, deren Ausübung also selbst schon das Werk ist, worauf sie aus sind. Solcherart Tätigkeiten haben ihren Sinn (den Grund ihrer Verrichtung) niemals in einem Resultat, sondern im Tätigsein selber. Der Weg ist hier das Ziel: Die Tätigkeit selbst verschafft Befriedigung und Erfüllung – z.B. das Tanzen.
  1. Eine Kombination aus a) und b), nämlich solche Tätigkeiten, die um ihrer selbst und zugleich auch um ihres Resultates willen getan werden – so z.B. Sport, weil ich es tun kann, da es mir Freude bereitet und ich dabei Gewicht verliere.

Wozu trifft Aristoteles diese Unterscheidung nochmal? Wir müssen den Sinn seines Werks immer im Hinterkopf haben, nämlich die Beantwortung der Frage, was die richtige Lebensführung ist. Die Hierarchie der Handlungen dient also allein dem Zweck, die Basis hierfür zu klären, nämlich zu erkennen, was das höchste Gut ist , das wir in unserem Leben realisieren können. Die Schützen-Metapher erklärt, warum es für uns so wichtig ist:

Wenn es nun ein Ziel des Handelns gibt, das wir seiner selbst wegen wollen, und das andere nur um seinetwillen, und wenn wir nichts wegen eines anderen uns zum Zwecke setzen – denn da ginge die Sache ins unendliche fort, und das menschliche Begehren wäre leer und eitel -, so muss ein solches Ziel offenbar das Gute und Beste sein. Sollte seine Erkenntnis nicht auch für das Leben eine große Bedeutung haben und uns helfen, gleich den Schützen, die ein festes Ziel haben, das Rechte besser zu treffen? [ebd.]

Was ist das Ziel allen Strebens?

Ganz richtig stellt Aristoteles fest, dass es Tätigkeiten geben muss, die um ihrer selbst willen getan werden, weil sonst unser Tun sinnlos wäre. Gäbe es solche Ziele nämlich nicht, dann würde man stets etwas für etwas anderes verrichten, das ist aber nicht der Fall. Wenn alles Handeln ein oberstes Ziel hat, welche Eigenschaften muss dies dann erfüllen? Ziemlich leicht kommen wir auf folgende drei Aspekte:

  1. Zunächst muss das oberste Ziel allen Handelns ein Konvergenzpunkt allen Handelns sein.
  2. Weiterhin kann es kein Mittel zum Zweck sein, keine Tätigkeit für etwas anderes.
  3. Zuletzt muss das oberste Ziel allen Handelns für sich selbst verfolgt werden (Selbstzweck).

Was dieses oberste Ziel allen Handelns ist, das zum einen völlig autarkisch ist und worauf zum anderen jederlei Handeln abzielt, wissen wir alle bereits, ja wir haben dafür sogar gemeinhin einen Namen den Aristoteles ohne Weiteres nennt:

Für etwas Derartiges aber halten wir die Glückseligkeit, ja für das Allerbegehrenswerteste, ohne dass sie mit anderem, was man auch begehrt, von gleicher Art wäre. Denn wäre sie das, so würde sie offenbar durch den Hinzutritt des kleinsten Gutes noch in höherem Grad begehrenswert werden, da das Hinzugefügte ein Mehr des Gutes bedeutet und das größere Gut auch naturgemäß immer mehr begehrt wird. Also: die Glückseligkeit stellt sich dar als ein Vollendetes und sich selbst Genügendes, da sie das Endziel alles Handelns ist. [2, 1097b]

Narabo-Nikomachische-Ethik-Glückseligkeit-Aristoteles-Glück-Tugend

Die Glückseligkeit ist der Konvergenzpunkt allen Handelns

Tatsächlich ist es so, dass wir das Glück oder besser gesagt die Glückseligkeit (εὐδαιμονία – eudaimonía) immer um seiner selbst willen und niemals um anderer Dinge willen wählen. Auch wenn wir in unserem Leben sehr viel Wert auf Liebe, Familie und anderlei Dinge legen könnten, tun wir dies bloß deshalb, weil wir glauben, dass wir dadurch glücklich werden!

So schnell sind wir jedoch noch nicht fertig, denn bislang haben wir nur den Begriff genannt. Aristoteles stellt zwar fest, dass wir dieses oberste Ziel allen Strebens im Allgemeinen Glück nennen, doch was es tatsächlich ist oder wie man es im Leben erreichen kann, haben wir noch lange nicht geklärt!

Adaptive Konzeption des Glücks

Eine Sache, die wir jedoch sofort aus den bereits getroffenen Aussagen über das oberste Ziel ableiten können, besteht in der wichtigen Feststellung, dass die Glückseligkeit – da sie autarkisch ist – niemals von willkürlichen, wandelbaren Zuständen abhängen darf. Ob ich nun einen Ferrari besitze oder nicht, daran darf das Glück nicht hängen.

Das eigene Glück darf nicht daran hängen, was wir gemeinhin Äußerlichkeiten nennen. In diesem Sinne heißt eine adaptive Konzeption des Glücks, dass wir uns unseren Umständen anpassen und das Glück gemäß dieser variablen Möglichkeiten wahrnehmen. Die Tugend-Ethik ist ganz klar davon geprägt, dass man sich nicht von den zahlreichen äußeren Dingen abhängig macht und somit das Glück dorthin verlagern würde, wo es von Zufällen wie der Sand im Wind verweht werden kann.

Mit diesem wichtigen Punkt machen wir demnächst im zweiten Teil des Artikels weiter.


Quellen und Verweise

[1] Lenoir, Frédéric: Was ist ein geglücktes Leben? Kleine philosophische Anleitung. München: dtv, 2012, S.68 | Literatur (DEU)

[2] Aristoteles: Nikomachische Ethik. Übersetzt von Eugen Rolfes. Köln: Anaconda, 2009, zitiert nach der üblichen Bekker-Paginierung | Literatur (DEU)

Empfehlungen

Buch: Rapp, Christof: Aristoteles zur Einführung. Hamburg: Junius, 2001 | Literatur (DEU)

Buch: Flashar, Hellmut: Aristoteles: Lehrer des Abendlandes. München: C.H. Beck, 2015 | Literatur (DEU)

Video: CrashCourse: Aristotle & Virtue Theory: Crash Course Philosophy #38 | YouTube (ENG)