Narabo - Nikomachische Ethik - Einblicke - Aristoteles - Tugend -Teil-2

Man kann nur dann ein glückliches Leben führen, wenn man tugendhaft lebt.

Diese These bildet die Grundlage der Antiken Ethik, doch was bedeutet sie eigentlich? Was können wir unter dem vagen Begriff der Tugend oder unter dem noch viel vageren Begriff des glücklichen Lebens verstehen? Aristoteles liefert hierzu in einer leicht verständlichen Fassung klare Antworten, die uns bei einer gelungenen Lebensführung unterstützen können.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Wiederholung: Wie geht Aristoteles vor?
  2. Die vier Lebensformen nach Aristoteles
  3. Die Lebensform der Lust
  4. Das politische Leben
  5. Das theoretische Leben
  6. Die kaufmännische Lebensform
  7. Das berühmte Ergon-Argument
  8. Was ist das spezifisch menschliche Merkmal?
  9. Die Mesotes-Lehre des Aristoteles
  1. Welche vier Lebensformen unterscheidet Aristoteles ganz genau?
  2. Warum kann die Glückseligkeit nur in einer von diesen liegen?
  3. Wie lautet das Ergon-Argument des Aristoteles?
  4. Wie lässt sich die menschliche Seele nach Aristoteles zergliedern?
  5. Worauf spielt die Mesotes-Lehre an?

Wiederholung: Wie geht Aristoteles vor?

Im ersten Teil des Artikels zur Einführung in die Nikomachische Ethik hatten wir mit der adaptiven Konzeption des Glücks aufgehört. Wir sollten uns wie bei jeder Argumentation kurz nochmal ins Gedächtnis rufen, welche Struktur und Schritte wir bereits abgelaufen haben. Die Ausgangsfrage war, wie man ein glückliches, durchweg gelungenes Leben führen kann.

Aristoteles stellt zunächst fest, dass es so etwas wie eine Ziel-Hierarchie gibt. Unsere Handlungen lassen sich in eine Struktur bringen, die offenbart, dass wir im Grunde immer nach Glückseligkeit streben. Dies ist das höchste Ziel. Wir nennen es ganz allgemein gesprochen Glück, doch wie dieses aussieht beziehungsweise umzusetzen ist, bleibt ungeklärt.

In der Beantwortung der Frage nach der Umsetzung des Glücks geht Aristoteles ganz ähnlich vor, wie wir es in der Untersuchung der Tätigkeiten bereits kennengelernt haben. Er baut nicht auf großen Theorien, sondern orientiert sich zunächst am Alltäglichen.

Den nächsten Schritt den Aristoteles tätigt, besteht darin zu fragen worin das oberste Gut oder die Glückseligkeit nun wirklich zu finden ist, wenn man sich bei allem Streit, der über alle mögliche Antworten geführt wird, gar nicht sicher sein kann:

Was aber die Glückseligkeit sein soll, darüber entzweit man sich, und die Menge erklärt sie ganz anders als die Weisen. Die einen erklären sie für etwas Greifbares und Sichtbares wie Lust, Reichtum und Ehre, andere für etwas anderes, mitunter auch dieselben Leute bald für dies bald für das: der Kranke für Gesundheit, der Notleidende für Reichtum, und wer seine Unwissenheit fühlt, bewundert solche, die große, seine Fassungskraft übersteigende Dinge vortragen. [1, 1095a]

Die vier Lebensformen nach Aristoteles

Auf diese Weise kommt Aristoteles rasch zu dem Punkt, wo er die üblichen Lebensarten der Menschen untersucht, um herauszufinden, ob sich in ihnen wahrhaftig Glückseligkeit verbirgt. Die Kriterien für diese kennen wir noch gut vom letzten Teil: Eudaimonia ist das oberste Ziel allen Handelns, kein Mittel zum Zweck  und für sich selbst da.

Aristoteles untersucht daraufhin nun vier Lebensformen:

    1. Die Lebensform der Lust
    2. Das politische Leben
    3. Das theoretische Leben
    4. Die kaufmännische Lebensform

1. Einwand: Das Genussleben macht den Menschen zum Sklaven seiner Begierden.

Warum das Glück nicht in der Lust liegen kann, lässt sich einfach verdeutlichen. Man stelle sich zwei Menschen vor: Beide leben in Luxus, und beiden wird der Luxus entzogen. Der eine ist erschüttert, der zweite nicht. Wen würden wir glücklicher nennen? Natürlich den zweiten. Deshalb kann das Glück plump gesagt nicht in der Lust liegen, denn Glück muss autarkisch sein.

2. Einwand: Das politische Leben zielt auf Ehre, diese aber liegt im Ehrenden.

Ein Mensch, der nach Anerkennung und Lob strebt, ist genau wie der Mensch des Genusslebens ein Sklave, da er nämlich von den Ehrenden abhängt. Die Qualität des nach Ehre strebenden Lebens ist also enorm stark von der Einschätzung durch andere abhängig, während die Glückseligkeit doch gerade autarkisch sein muss – sie muss jedem einzelnen Menschen innewohnen.

Außerdem ist es ja in Wahrheit niemals die Ehre, die man in einem politischen Leben sucht, sondern viel eher die eigene Tüchtigkeit. Man will gelobt werden, weil man tatsächlich gut ist oder etwas lobenswertes getan hat und nicht ohne Grund, denn ein grundloses Lob hat keinen Wert.

Also geht es bei der Ehre eigentlich gar nicht um die Ehre selbst, sondern vielmehr um unsere Tüchtigkeit oder eben unsere Tugend, die sich als ehrenwert auszeichnet. Damit erweist sich die Tüchtigkeit oder Tugend (unser Gut-Sein) als das eigentlich erstrebte Gute und nicht die Ehre selbst!

3. Das theoretische Leben ist unüblich und wird erst später ausgeführt.

Das theoretische oder besser gesagt philosophische Leben erweist sich später für Aristoteles als das eigentlich gute Leben. Der Grund hierfür wird uns sofort einleuchten, sobald wir das Ergon-Argument verstanden haben, nämlich das spezifische Merkmal des Menschen.

4. Zum Schluss erwähnt Aristoteles noch die kaufmännische Lebensform.

Die kaufmännische Lebensform kann aus einem einfachen Grund nicht das gesuchte gute Leben sein kann, da sie bekanntlich etwas Gewaltsames oder Gezwungenes an sich hat: was eigentlich naturgemäß lediglich ein Mittel ist, nämlich den Reichtum, fälscht die kaufmännische Lebensform – seine natürliche Beschaffenheit völlig gewaltsam verdrehend – zum Zweck. [2]

Nachdem wir die vier Lebensformen untersucht haben wissen wir zwar, wo Glückseligkeit keinesfalls sein kann, aber hilft dies uns nur bedingt weiter, denn wo sie in Wirklichkeit ist, vermuten wir weiterhin lediglich nach der aristotelischen Ansicht (siehe theoretisches Leben). Dasselbe stellt Aristoteles fest und beginnt endlich richtig anzupacken:

Jedoch mit der Erklärung, die Glückseligkeit sei das höchste Gut, ist vielleicht nichts weiter gesagt, als was jedermann zugibt. Was verlangt wird ist vielmehr, dass noch deutlicher angegeben werde, was sie ist. [1, 1097b]

Das berühmte Ergon-Argument

Aristoteles geht davon aus, dass jedes Wesen eine spezifische Weise des Daseinsvollzugs, also eine spezifische Tätigkeit oder Wirksamkeit besitzt. Worauf diese spezifische Tätigkeit oder Wirksamkeit abzielt, ist das ergon. Jedes Wesen strebt und drängt danach, dasjenige, was seiner spezifischen Beschaffenheit entspricht (also sein ergon), zu verrichten. Und nur wenn es dies tun kann, ist das Wesen erfüllt bzw. glücklich. [2, S.6]

Aus diesem Grund kann uns die Bestimmung der Glückseligkeit nur gelingen, wenn wir die spezifische menschliche Eigenschaft erkennen, also das, was ihn vollkommen auszeichnet, ihn besonders macht. So schreibt Aristoteles für das deutlichere Angeben der Glückseligkeit, dass uns…

… dies […] gelingen dürfte, wenn wir die eigentümliche menschliche Tätigkeit ins Auge fassen. Wie für einen Flötenspieler, einen Bildhauer oder sonst einen Künstler, und wie überhaupt für alles, was eine Tätigkeit und Verrichtung hat, in der Tätigkeit das Gute und Vollkommene liegt, so ist es wohl auch bei dem Menschen der Fall, wenn anders es eine eigentümliche menschliche Tätigkeit gibt. [1, 1097b]

Sollte nun der Zimmermann und der Schuster bestimmte Tätigkeiten und Verrichtungen haben, der Mensch aber hätte keine und wäre zur Untätigkeit geschaffen? Sollte nicht vielmehr, wie beim Auge, der Hand, dem Fuß und überhaupt jedem Teil eine bestimmte Tätigkeit zutage tritt, so auch beim Menschen neben allen diesen Tätigkeiten noch eine besondere anzunehmen sein? Und welche wäre das wohl? [ebd.]

Was ist das spezifisch menschliche Merkmal?

Das Leben kann es wohl nicht sein, denn auch Pflanzen haben einen Stoffwechsel und leben. Wahrnehmung kann es auch nicht sein, denn auch Tiere können wahrnehmen, empfinden und dergleichen. So bleibt also nur ein nach dem vernunftbegabten Seelenteil tätiges Leben übrig, und hier gibt es einen Teil, der der Vernunft gehorcht, und einen anderen, der sie hat und denkt [1, 1098a].

Narabo-Tugend-Seele-Aristoteles-Ergon-Argument

Das Seelenmodell des Aristoteles – Das spezifische am Menschen ist die reine Rationalität

Den Menschen zeichnet es aus, dass er sein Streben und seine Tätigkeit nach der Vernunft richten sowie ganz im Allgemeinen nach der reinen Rationalität tätig sein kann, wie zum Beispiel beim Betreiben komplexer Mathematik. Dies scheint sein spezifisches Merkmal, also sein ergon zu sein:

Wenn wir als die eigentümliche Verrichtung des Menschen ein gewisses Leben ansehen, nämlich mit Vernunft verbundene Tätigkeit der Seele und entsprechendes Handeln, als die Verrichtung des guten Menschen aber eben dieses nur mit dem Zusatz: gut und recht – wenn endlich als gut gilt, was der eigentümlichen Tugend oder Tüchtigkeit des Tätigen gemäß ausgeführt wird, so bekommen wir nach alledem das Ergebnis: das menschliche Gut ist der Tugend gemäße Tätigkeit der Seele, und gibt es mehrere Tugenden: der besten und vollkommensten Tugend gemäße Tätigkeit. [1, 1098a]

Jetzt sollte sofort einleuchten, warum Aristoteles das theoretische Leben als das wahrlich gute Leben versteht. Dieses folgt nämlich dem spezifischen Charakteristikum des Menschen. Ein Mensch kann nur gut sein, wenn er sein ergon gut erfüllt ebenso wie ein Messer nur genau dann gut sein kann, wenn es sein ergon auf gute Weise erfüllt, also gut schneidet.

Die Mesotes-Lehre des Aristoteles

Aristoteles belässt es nicht einfach bei dieser Feststellung, sondern entwickelt eine riesige Tugendlehre, die ich jedoch in einem separaten Artikel (Teil 3) behandeln muss. Er selbst kommt darauf auch erst im zweiten Buch der Nikomachischen Ethik zu sprechen.

Zum Schluss will ich hier trotzdem noch zumindest einen kurzen Abstecher in die praktische Umsetzung des bereits Gesagten vorzeigen. Hierfür ist die Mesotes-Lehre sehr anschaulich:

Tugend, erklärt Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik […] ist das genaue Mittelmaß zwischen den schädlichen Extremen. Tugenden, so erklärt er, gehören zu den Eigenschaften, die durch Mangel oder Übermaß zugrunde zu gehen pflegen.; die Mitte liegt aber zwischen zwei Schlechtigkeiten, so wie beispielsweise die Tapferkeit zwischen Tollkühnheit und Feigheit. [3]

Tugendhaft ist nur derjenige, der seiner Vernunft gemäß in jeder Handlung das Richtige zu tun weiß und sich somit angemessen verhält. Wir würden einen zügellosen Lüstling nicht tugendhaft nennen, aber einen strengen Asketen auch nicht, weil er abstumpft. Erst das richtige Maß, das nicht mit einer arithmetischen Mitte verwechselt werden darf (!), bringt die Tugend, in diesem Fall nämlich Besonnenheit.

Auf diese Weise stellt Aristoteles eine ganze Reihe von Tugenden auf, die er jedem möglichen Lebensbereich zuordnet. Er klärt außerdem, wie Tugend zu verwirklichen ist und wovon sie in Wahrheit abhängt, doch all das werden wir an späterer Stelle behandeln.


Quellen und Verweise

[1] Aristoteles, Nikomachische Ethik übersetzt von Eugen Rolfes, Anaconda, 2009, zitiert nach der üblichen Bekker-Paginierung | Literatur (DEU)

[2] Herbert Huber: Aristoteles: Nikomachische Ethik, Vorlesung SoSe 2006, Skript, S.4 | Literatur (DEU)

[3] Vgl.: Frédéric Lenoir: Was ist ein geglücktes Leben? Kleine philosophische Anleitung. DTV, 2012, Kapitel 8, S.68 | Literatur (DEU)