Narabo-Dan-Savage-Philosophie-Liebe-Freundschaft-Beziehung

Was macht eine Beziehung zu einer langfristigen und standhaften Beziehung?

Der amerikanische Autor, Journalist und Beziehungsratgeber Dan Savage ist gewillt in dieses Thema etwas Licht einzubringen. In einem seiner zahlreichen Interviews entlarvt er viele recht gängige Missverständnisse über Liebe und Beziehung, die nach seiner eigenen Erfahrung immer wieder zu großen Krisen in Partnerschaften führen.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Gibt es bedingungslose Liebe?
  2. Den Eintrittspreis zahlen …
  3. Die Illusion des perfekten Partners
  4. Was uns die Lüge des Ideals bringt
  5. Dynamische Gestaltung der Beziehung
  1. Welche zwei Seiten der Liebe müssen wir sehen?
  2. Von welchem finsteren Geheimnis spricht Savage?
  3. Wie kann man das Lügen-Selbst positiv machen?
  4. Was soll das Ziel in einer Beziehung sein?

Gibt es bedingungslose Liebe?

Die französisch-amerikanische Schriftstellerin Anaïs Nin (1903-1977) hat in einem ihrer Briefe an ihren Geliebten Henry Miller einmal mehr beiläufig erwähnt, was sie eigentlich unter Liebe versteht: What is love but acceptance of the other, whatever he is. [1]

Dieses Verständnis von Liebe ist recht geläufig und wird uns als Ideal immer wieder von vielen Seiten suggeriert. Wie nobel und bewundernswert wir Nins Worte finden müssen, dürfen wir gleichzeitig nicht die problematische Seite dieser Sichtweise vergessen. Professor für Pädagogik Leo Buscaglia formulierte eines dieser Probleme wie folgt verdammt treffend – Liebe als bloß passiven Zustand:

Most of us continue to behave as though love is not learned but lies dormant in each human being and simply awaits some mystical age of awareness to emerge in full bloom. Many wait for this age forever. We seem to refuse to face the obvious fact that most of us spend our lives trying to find love, trying to live in it, and dying without ever truly discovering it. [2]

Den Eintrittspreis zahlen …

Wenn wir Liebe schon als bedingungslos, als die Akzeptanz des Partners in seiner ganzen Fülle auffassen wollen, müssen wir um der von Leo Buscaglia geschilderten Passivität zu entkommen, ein dynamisches Element in jeder Beziehung wahrnehmen. Dan Savage, um dessen Ansicht dieser Artikel kreisen wird, beschreibt dies so:

Es gibt kein Ruhen, ohne dass man sich selbst beruhigt. Es gibt keine langfristige Beziehung, die sich nicht nur mit den Fehlern Ihres Partners herumschlägt, sondern sie auch akzeptiert und dann vorgibt, dass sie gar nicht da sind. Wir nennen es gerne ‚den Eintrittspreis zahlen‘. [3]

Dieser Eintrittspreis oder ›Price of Admission‹ wie es im Original heißt, führt uns zum dynamischen Element, das wir eben angedeutet haben und entlarven damit einhergehend ein finsteres Geheimnis der Liebe, das hinter der Fassade einer idealen bedingungslosen Liebe steckt:

Man kann gar keine langfristige Beziehung mit jemandem haben, es sei denn, man ist bereit die Eintrittspreise zu identifizieren, die man zu zahlen bereit ist – und diejenigen, die man nicht zahlen will. Aber die, die man nicht zahlen will, also die Liste jener Dingen, die man nicht akzeptieren kann, muss man an einer Hand abzählen können. [ebd.]

Die Illusion des perfekten Partners

Savage weist mit großem Humor auf ein gängiges Wunschkonzept hin, nämlich das des perfekten Partners. Oft hört man Menschen davon sprechen, dass sie den Einen finden wollen, also denjenigen für den sie bestimmt sind. Dem hält Savage ziemlich vehement wie folgt entgegen:

Viele junge Leute haben diese Idee: Da ist jemand da draußen, der völlig perfekt für mich ist … ›der Eine‹.

›Der Eine‹ existiert verdammt nochmal nicht. ›Der Eine‹ ist eine Lüge. Aber der schöne Teil der Lüge ist, dass es eben eine Lüge ist, die man sich sagen kann, um daraus etwas Positives zu gewinnen. Jede langfristige Beziehung, die erfolgreich ist, ist wirklich ein Mythos, den zwei Menschen zusammen erschaffen … und Mythen bestehen aus Lügen und es gibt gewöhnlich einen Kern der Wahrheit … [3]

Lernen wir einen Menschen kennen, was ist es, was wir von dieser Person erkennen? Offensichtlich ist es nicht das wahre Selbst der Person, völlig egal wie authentisch sie auftreten mag. Man führt in der Anfangsphase einer jeden Beziehung immer mit seinem Besten. Niemals zeigt man sofort die dunklen Seiten:

Denken wir kurz darüber nach: trifft man jemanden zum ersten Mal, präsentiert keiner dem anderen sein warziges Selbst in seiner Ganzheit, sondern immer das idealisierte Selbst – man führt immer mit seinem Besten. Und dann – nach einiger Zeit – furzst man plötzlich vor einander und man lernt die dunklen Seiten des anderen kennen.

Irgendwann wird man die Person so sehen, wie sie hinter der idealisierten Fassade steckt, und man lernt dann beide Seiten, nämlich das Ideal und die konkrete Person samt ihrer Makel getrennt zu sehen. Man erkennt das, was man der anderen Person im besten Licht von sich gezeigt hat, genau wie das, was man wirklich ist. [3]

Was uns die Lüge des Ideals bringt

Savage spricht davon, dass wir dem Partner im Anfangsstadium einer jeden Beziehung nicht als sein Warzen-Selbst, sondern eher als das von ihm vorgezeigte Ideal-Selbst entgegentreten. Das Warzen-Selbst ist die Person in ihrer ganzen Fülle: alle Makel, Probleme, Unsicherheiten und unangenehmen Seiten sind darin enthalten, aber werden zunächst versteckt. Wie können wir das aber positiv umwerten?

Aber genau das ist, was man so schön an einer langfristigen Beziehung finden muss, nämlich zu lernen sich jeden Tag vorzutäuschen, dass der Partner ebendiese ›Lüge‹ – das Ideal – ist, wie damals, als man sich zum ersten Mal traf. Und der andere tut den gleichen Gefallen – er gibt vor, dass man die bessere Person ist, als es tatsächlich der Fall sein mag und das, obwohl der andere weiß, dass man es nicht ist.

Savage rät uns dazu, sich das Ideal als Wahrzeichen herauszugreifen. Man könnte es auch im Einklang mit der von Goethe in seinem Werk Wilhelm Meisters Lehrjahre geprägten Sentenz sagen: ›Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter – wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.‹ [4]

Obwohl man selbst weiß, dass der Partner es nicht ist, tut man so und man wird auf diese Weise verpflichtet, diesen Lügen gemäß zu leben, die man sich gegenseitig über sich selbst erzählt hat. Man wird dann gezwungen zu einem besseren Menschen zu werden, als man es derzeit ist, weil es eben vom anderen (und von sich selbst, da man ja dieses Ideal selbst gewählt hat) erwartet wird. [3]

In einer langfristigen Beziehung kann man durch sein Lügen-Selbst – das idealisierte Selbst – wirklich auch diesem näherkommen und es wahr werden lassen. [3]

Dynamische Gestaltung der Beziehung

Genau das tut man, so Savage, wenn man eine kluge Beziehung führt. Man fordert dieses ideale Selbst vom Partner, und ist seinerseits bereit sein eigenes Ideal zu verwirklichen. Das ist die einzige Weise, wie man der Eine wird – das kann nur dann passieren, wenn jemand bereit ist, so zu tun, als wäre er ›der Eine‹.

Erst dann, wenn wir von uns selbst fordern können genau ›der Eine‹ für den Partner zu sein, kann eine langfristige Beziehung wirklich funktionieren. Schließlich müssen wir uns immer vor Augen halten, dass keine zwei Menschen füreinander perfekt sind …

Keine zwei Menschen sind 100% sexuell kompatibel, keine zwei Menschen sind 100% emotional kompatibel, keine zwei Menschen wollen die gleichen Dinge. Und wenn man sich damit nicht abfinden kann, wird man eben keine Beziehungen haben, die länger als zwei Monate dauern. Und man muss dabei wissen, dass hierfür niemals die andere Person Schuld sein wird, sondern immer nur man selbst. [3]

Es liegt also an uns, wie es Savage deutlich zu machen versucht, dass wir die Verantwortung dafür übernehmen der Partnerschaft gerecht zu werden, indem wir uns selbst dem Ideal stellen, das wir zuallererst erschaffen haben. Wir müssen unserem höchsten Standard gemäß leben, um dem jeweils anderen das geben zu können, was er verdient.


Quellen und Verweise 

Titelbild: Stephan Sinding – Un Homme et Une Femme (1891)

[1] A literate Passion. Letters of Anaïs Nin and Henry Miller. 1932–1953. Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Gunther Stuhlmann, Harcourt Brace & Company, San Diego/London, 1987, S.307 | Literatur (ENG)

[2] BrainPickings: A “Dynamic Interaction”: Leo Buscaglia on Why Love Is a Learned Language | Artikel (ENG)

[3] Chicago Humanities Festival – Dan Savage: Savage Love | YouTube (ENG)

[4] Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, Carl Barthol, Berlin, 1852, 4. Kap., Wilhelm zitiert Natalie | Literatur (DEU)