Narabo-Langeweile-Zeit-Philosophie-Warten-Geduld

Zeit ist ein unglaublich mysteriöses Phänomen, das unser gesamtes Leben bestimmt.

Wir wissen nicht, was Zeit ist. Höchstens ist es uns erlaubt seine Wirkung in der Erfahrung, im Zeiterleben selbst, wahrzunehmen. Dabei wird uns nur allzu deutlich, wie sehr unsere theoretischen Konzepte mit der tatsächlichen Wahrnehmung kollidieren. In der Erfahrung von Zeit in der Langeweile offenbaren sich uns diesbezüglich wirklich interessante Einsichten.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Die Form und Struktur der Zeit
  2. Was ist das eigentlich – die Langeweile?
  3. Langeweile bis zur Verzweiflung
  4. Langeweile als lähmendes Erlebnis
  5. Das zeitbezogene Zwangsdenken
  6. Erfahrung der Langeweile als Sinnferne
  1. Wie nehmen wir Zeit eigentlich wahr?
  2. Was kann man unter Langeweile verstehen?
  3. Welche Charaktermerkmale kann die Erfahrung von Langeweile haben?
  4. Auf welche existenzielle Grundfrage kann uns die Langweile hindeuten?

Die Form und Struktur der Zeit

Zeit wird für gewöhnlich als die lineare Abfolge von Ereignissen erlebt. Wir sprechen in diesem Kontext ständig von der Dreiteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wobei Letztere in Erstere übergeht. Wir alle denken und wurden offensichtlich zu jener Denkweise erzogen, dass Zeit linear und konstant ist.

Festmachen können wir dies allein schon an der Art und Weise, wie Zeit gemessen oder mit ihr umgegangen wird. Die Uhr unterscheidet nicht zwischen einer bestimmten Sekunde und einer anderen. Jede Sekunde ist ihr gleich im Angesicht aller anderen. Sie haben immer dieselbe Dauer und Bedeutung, sogar für verschiedene Menschen.

Dabei muss uns allen jedoch klar sein, dass wir Zeit eigentlich stets relativ wahrnehmen und nicht linear, konstant und neutral. Jeder kennt ja die ewig lange, nie endende Stunde im Wartezimmer genauso wie jeder den blitzartig vergehenden Urlaub kennt. Nie ist unser Erleben von Zeit dasselbe.

Wir sollten demnach sehr vorsichtig sein, wenn wir von Zeit reden. Uns muss nämlich ständig klar sein, wovon wir eigentlich reden: von unserem Wahrnehmungsvermögen der Zeit (vollkommen relativ) oder vom Konzept der Zeit (absolut konstant). Zeit ist nicht gleich Zeit. Vor allem dann nicht, wenn wir in den Leerlauf des Zeiterlebens fallen: in die Langeweile.

Was ist das eigentlich – die Langeweile?

Im Erleben von Zeit und in jeder Tätigkeit und Aktivität, die der bewussten Aufmerksamkeit entspringt, sprechen wir von einer Subjekt-Objekt-Beziehung zwischen uns als beobachtende, tätige Subjekte und einem Gegenstand oder Ähnlichem als Objekt, mit dem wir umgehen, oder auf das wir uns konzentrieren.

In diesem Sinne ist ein normales Zeitgefühl bestimmt durch eine genau solche Subjekt-Objekt-Beziehung, welche jedoch nicht auffallend bedeutend für uns ist. Das Gegenteil der Langeweile, also Kurzweil, baut diese Verbindung zwischen uns und einem Ding, auf das wir unsere gesamte Aufmerksamkeit legen, in besonders krassem Maße auf.

Langeweile hingegen ist dann eine Tatsache der Zeitwahrnehmung, wenn diese Beziehung schwächelt oder ganz zerbricht. Es gibt nichts mehr, worauf wir uns beziehen, nichts mehr, was unsere Aufmerksamkeit einnimmt. Wir werden umgehend nur auf uns selbst zurückgeworfen, bleiben also nur Subjekt. Genau in diesem Fall entsteht das Gefühl der Langeweile, zumindest unter gewissen Umständen.

Die Langeweile gleicht eigentlich der Luft, welche alle Zwischenräume zwischen den Gegenständen ausfüllt und deren Platz einnimmt, wenn sie ihn freigeben und kein anderer Gegenstand an ihre Stelle tritt.
– Giacomo Graf Leopardi

Langeweile bis zur Verzweiflung

Werden wir im Erleben von Zeit auf uns selbst zurückgeworfen, treffen wir auf einen Scheideweg. Zum einen kann diese Erfahrung in Reflexion, tiefste Versenkung und sogar bis zur Mediation führen, zum anderen aber auch in die Langeweile. Es gibt demnach einen qualitativen Unterschied zwischen diesen beiden Zuständen, der sich wie folgt treffend beschreiben lässt:

Für die Erfahrung der Langeweile aber genügt es nicht, dass die inneren und äußeren Ereignisse verblassen. Es muss, im Kontrast dazu, eine innere Unrast fortwirken, ein mattes Begehren, das man spürt, ohne davon erfüllt zu werden.

Es gehört zur Langeweile, dass man eben nicht in etwas versinken kann, dem Augenblick ganz hingegeben, sondern dass man immer schon über den jeweiligen Moment hinaus ist und eine zeitliche Erstreckung erfährt, doch nicht als etwas Befreiendes und Beschwingendes, sonder als etwas Lähmendes. [1, S.22]

In der buddhistischen Meditation beispielsweise, schafft man es sich voll und ganz dem Augenblick hinzugeben. Bei der Langeweile ist das völlig anders. Man wird heimgesucht von einer Perspektive, die über dem Augenblick steht – man schaut sozusagen auf den Augenblick von oben herab und wird von einer Art Rastlosigkeit heimgesucht.

Langeweile als lähmendes Erlebnis

Diese Rastlosigkeit und das starke Gefühl von innerem Unbehagen, die viele Menschen innerhalb ihrer lebhaft empfundenen Langeweile wahrnehmen, stammen so gut wie immer aus der Zurückgeworfenheit auf sich selbst, das heißt aus dem puren Erleben der eigenen Subjektivität. Ob wir es wollen oder nicht, die Langeweile stellt uns vor eine bittere Lebenserfahrung, nämlich die der Frage, ob unser Leben überhaupt einen sinnvollen Inhalt hat:

Lähmend erscheint die Aussicht, alles selber machen zu müssen, seinem Leben selbst einen Inhalt zu geben. Der auf diese Weise Gelangweilte wird ärgerlich fragen: Muss ich heute schon wieder das tun, was ich selber will!? Ungeduldig wartet man auf etwas, ohne zu wissen worauf. [1, S.22]

Ein leeres Treiben ist sie, als Pulsschlag der inneren Zeit.
Moment folgt auf Moment, der Sog der Zeit zieht mit und lähmt zugleich. [ebd.]

Die Flucht vor der Langeweile

Es wird ausgehend von dem bereits Gesagten keineswegs verwunderlich sein, dass die meisten Menschen vor der Langeweile flüchten. Sie ist ihnen höchst unangenehm und muss demnach gemieden werden. Ein weit verbreiteter Weg hierzu ist die Flucht in die Arbeit. Ein Philosoph, der genau dies treffend schilderte, war Nietzsche.

Nietzsche war der Ansicht, dass uns die Bedürfnisse direkt zur Arbeit zwängen. Durch Arbeit stillen wir nur unsere Bedürfnisse. Sind diese jedoch gestillt, überfällt uns schlagartig die Langeweile. Deshalb macht sich die Gewöhnung an die Arbeit als neues Bedürfnis sichtbar.

Kurz gesagt: Um der Langeweile zu entgehen, arbeitet der Mensch über seine Bedürfnisse hinaus oder erfindet ein neues Spiel, nämlich arbeiten um zu arbeiten, um so auf diese Weise niemals mit seiner inneren Leere konfrontiert sein zu müssen. [2]

Narabo-Langeweile-Zeit-Philosophie-Arbeit-Menschen

Ford Madox Brown (1865) Work – Wer arbeitet, langweilt sich nicht.

Das zeitbezogene Zwangsdenken

Wir haben bereits die vermeintliche Linearität der Zeit kurz zu Beginn dieses Artikels erwähnt. Im zeitbezogenen Zwangsdenken findet dies jedoch einen neuen Gipfel. Verstärkt man nämlich die Denkweise der linearen Abfolge von Ereignissen ungemein, was um ehrlich zu sein beinahe jeder von uns automatisch tut, dann kommt es häufig zu einem ‚zeitpathologischen‘ Effekt.

Plötzlich kann man gar nicht anders, als sich ständig im Kopf über jenes stetige Vergehen von Sekunden und Minuten bewusst zu werden. Es ist, als ob ständig eine Stoppuhr im Kopf abläuft, die einen unentwegt darauf hinweist, dass wieder eine Sekunde vergangen ist, und wieder eine, und wieder eine…

Die dreidimensionale Zeitordnung aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die in der Reflexion vielfach überlagert werden kann, verengt sich zum Tick-Tack eines linearen Zeitvergehens. [1, S.24]

Das ist eine zwanghafte Wahrnehmungsverengung, die den möglichen Reichtum der Zeiterfahrung auslöscht. Die Erinnerungen und Erwartungen, die in das Erlebnis von Gegenwart hineinspielen, geben der Zeit ein Volumen, eine Breite, eine Tiefe und eine Erstreckung. Wenn sich aber die lineare Zeitreihe vordrängt, schrumpft die Zeit auf die Abfolge von Zeitpunkten, und es kommt zur monotonen Wiederkehr des Gleichen: Jetzt und Jetzt und Jetzt. [1, S.24]

Dieses krankhafte Erlebnis von Zeit wirkt sich besonders schlimm auf unsere Lebensgestaltung aus. Menschen, die schwer unter diesem Effekt leiden, sind offensichtlich Sklaven der Uhr. Ja, sie müssen das Leben getaktet vollziehen und rauben sich die Fülle an spontanen und flexiblen Erfahrungswerten, die es potenziell bereithält.

Erfahrung der Langeweile als Sinnferne

Abschließend will ich erneut auf jene Zurückgeworfenheit in der Erfahrung von Langeweile eingehen, weil ich hier nun eben die wichtigste Funktion und Gefahr derselben erblicken kann. Nehmen wir uns ungehemmt als Subjekte wahr und werden mit unserer potenziellen Inhaltslosigkeit konfrontiert, stellt sich jedem Menschen umgehend die Sinnfrage:

Nichts ist so unerträglich für den Menschen, als sich in einer vollkommenen Ruhe zu befinden, ohne Leidenschaft, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuung, ohne Beschäftigung. Er wird dann sein Nichts fühlen, seine Preisgegebenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. Unaufhörlich wird aus dem Grund seiner Seele der Ennui aufsteigen. [3, S.12]

Die Langeweile ist demnach eine existenzielle Grunderfahrung des Menschen, die im Gegensatz zur Erfülltheit und Sinnhaftigkeit des Lebens steht. Insofern ist die Erfahrung der Langeweile die beste Möglichkeit sich der Sinnfrage des eigenen Lebens zu stellen, denn wer dies hier nicht tun will – stattdessen stets vor der Schwere der Langeweile flüchtet – der wird sich vielleicht niemals die wichtigen Fragen des Lebens stellen.

Sehr schön soll es Prentice Mulford gesagt haben, indem er auf die Seichtigkeit des menschlichen Lebens hinwies, so wie es die große Mehrheit zu vollführen bevorzugt: Was denken so die Leute vor sich hin: den Lohn bekommen, die Qualität des Bieres, vielleicht ein Ausflug. Stets Vordergrund, nie stark genug, das Leben zu zwingen, nur es zu zerdehnen – in lauter Vor- und Nachmittage, denen man einzeln und langsam den Hals umdrehen kann und muss.


Quellen und Verweise

Titelbild: L’ennui 1893 von Gaston La Touche (CO)

[1] Safranski, Rüdiger: Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. München: Carl Hanser Verlag, 2015 | Literatur (DEU)

[2] Vgl.: Nietzsche, Friedrich: Menschliches, Allzumenschliches Nr. 611, in: KSA Bd. 2 S. 346 | Literatur (DEU)

[3] Knape, Joachin et al. (Hrsg.): Und es trieb die Rede mich an. Festschrift zum 65. Geburtstag von Gert Ueding. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 2008 | Literatur (DEU)