Narabo-Aristoteles-De-anima-Seele-Philosophie-Geist-Platon-Geist

Es ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt, sicheres Wissen über den Menschen zu erlangen.

Mit dieser Haltung beginnt einer der bedeutsamsten Philosophen der Geschichte die wohl erste philosophische Abhandlung über das Lebendige. Aristoteles befasst sich in seinem Standardwerk der Philosophie De anima mit allerlei Fragen der Bestimmung des Begriffs der Seele, was wir im Folgenden genauer betrachten werden.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Einordnung in die Geschichte der Philosophie
  2. Einige vorsokratische Ansichten
  3. Was sagt Platon zur Seele?
  4. Was zeichnet Aristoteles‘ Werk aus?
  5. Der aristotelische Begriff der Seele
  6. Die Seelenvermögen
  1. Was macht das Werk De anima so besonders?
  2. Was sagen die Vorgänger Aristoteles‘ zur Seele?
  3. Inwieweit entfernt sich Aristoteles von Platon?
  4. Wie definiert Aristoteles den Begriff der Seele?
  5. Was meint Aristoteles mit Form und Materie?
  6. Was sind die Seelenvermögen?

Einordnung in die Geschichte der Philosophie

Bevor wir uns dem Inhalt eines Werks nähern, sollten wir uns über den Fassungsrahmen im Klaren sein, das es beherbergt und in die Geschichte des Denkens einspannt. Was ich hiermit meine, ist vor allem eine Einordnung vorzunehmen, die auf frühere Konzeptionen der Seele Bezug nimmt.

Was sagten Denker vor Aristoteles zur Seele und warum ist sein Werk De anima im Hinblick darauf nun gerade besonders? Eine erste schöne Antwort liefert der Philosoph Otfried Höffe:

Während die ›Physik‹ die Grundbegriffe und Prinzipien aller Naturdinge untersucht, erörtert die Abhandlung ›Über die Seele‹ die Grundbegriffe und Prinzipien alles Lebendigen. Sie ist keine Psychologie im heutigen Verständnis, da sie nicht das Geistige (etwa Bewusstsein, Intentionalität) als solches untersucht, sondern das Organische (dieses allerdings von der Pflanze über das Tier bis zum Menschen) im Unterschied zum Anorganischen. Indem Aristoteles die philosophischen Grundlagen der gesamten Biologie einschließlich der Humanbiologie erörtert, legt er eine Art Fundamentalphilosophie oder Metaphysik des Lebendigen vor. [3]

Mit dem ersten Teil dieser Frage startet Aristoteles selbst im zweiten Abschnitt des ersten Buchs, indem er darauf hinweist, man müsse sich die Meinungen der Vorgänger hinzuziehen, um das übernehmen zu können, was davon zutrifft bzw. das zu verwerfen, was nicht zutrifft. [vgl. De an. I 2, 403 b 20ff.]

Einige vorsokratische Ansichten

Wie lauten einige der vorsokratischen Vorstellungen über die Seele? Schauen wir uns gleich ein paar Beispiele an, die Aristoteles in seiner Schrift anführt. Er beginnt mit der einen grundlegenden Unterscheidung, die von seinen Vorgängern getroffen wurde:

Das Beseelte scheint sich vom Unbeseelten also hauptsächlich durch zweierlei zu unterscheiden: durch Bewegung und durch das Wahrnehmen. [ebd.]

Diogenes behauptete die Seele sei Luft, weil sie das Feinteiligste von allem sei, und Alkaimon dachte sie als Unsterbliches, weil sie immer in Bewegung sei. Andere, wie Kritias, sagten, sie sei Blut, in der Annahme, dass das Wahrnehmen der Seele am eigentümlichsten sei und ihr dies aufgrund der Natur des Blutes zukomme. [De an. I 2, 404 b 10ff.]

Demokrit, der bekanntlich den Atomismus vertreten hat, war beispielsweise der Meinung, die Seele sei Feuer und Anaxagoras nannte Seele das Bewegende, wie viele seiner antiken Kollegen ebenfalls. Um diese ganze Diskussion darüber, wer genau was zu welcher Zeit über die Seele gesagt hat kurz zu halten, nutzen wir einfach Aristoteles‘ zusammenfassende Darstellung der Grundpositionen:

Alle diejenigen also, die dem Umstand besondere Beachtung geschenkt haben, dass das Beseelte bewegt ist, nahmen an, die Seele sei das, was vornehmlich Bewegung verursacht. Alle diejenigen dagegen, die einzig dem Erkennen und Wahrnehmen der seienden Dinge (besondere Beachtung geschenkt haben), behaupteten, die Seele sei die Prinzipien, wobei die einen mehrere (Prinzipien) annahmen, die anderen aber, die nur eines (annahmen), (behaupteten die Seele sei) dieses. [De an. I 2, 404 b 5ff.]

Was sagt Platon zur Seele?

Von besonderem Interesse ist noch die Position Platons, des Lehrers Aristoteles. Auch hiermit wollen wir uns lediglich kurz aufhalten und nicht sehr weit darüber hinaus gehen, worauf Aristoteles bereits Bezug nimmt.

Nach Platon setzt sich die Seele aus einem begehrenden (ἐπιθυμητικόν – epithymētikón), einem sogenannten muthaften (θυμοειδές – thymoeidés) und einem vernünftigen (λογιστικόν – logistikón) Teil zusammen, wobei die Vorherrschaft des Vernünftigen als zu verwirklichendes Ziel gilt. [vgl. Politeia 438d–441c, 443c–445e]

Sie ist darüber hinaus unsterblich, immateriell und geht dem Leben voraus, weil sie vollkommen unabhängig vom Körperlichen ist. Der Körper ist nichts als ein Gefäß für die Seele, wo sie praktisch als Gefangenes zwischen der Ideen- und Sinnenwelt vermittelt. [2]

Aristoteles scheidet sich als Schüler des Platon deutlich von dessen Sichtweise ab. Wir werden im Folgenden sehr deutlich sehen, dass sich Aristoteles‘ Seelenbegriff fundamental von Platons Auffassung unterscheidet.

Was zeichnet Aristoteles‘ Werk aus?

Die aristotelische Schrift De Anima ist der wichtigste antike Text zur Seele und ein Fundament der Philosophie des Geistes. Muss man für die gesamte moderne Psychologie und einige Teilbereiche der Philosophie wie eben den der Philosophie des Geistes einen Startpunkt in der Geschichte setzen, dann wohl hier bei Aristoteles‘ De anima.

De anima untersucht die philosophische Frage, was es heißt, lebendig zu sein und was das allgemeine Prinzip ist, wodurch sich Lebendiges von Nichtlebendigem unterscheidet. [1]

Aristoteles präsentiert darin eine seinen Vorgängern gegenüber völlig neuartige Auffassung der Seele, die sich signifikant von herkömmlichen dualistischen und materialistischen Auffassungen unterscheidet. Einen kurzen Einblick haben wir durch die Darbietung der Positionen seiner Vorgänger bereits erfahren.

Aristoteles fasst mithilfe seines sogenannten Hylemorphismus die Seele als Form des Körpers auf: Die Seele ist demzufolge das Prinzip des Lebendig-Seins. Sie ist also das, was einen Körper zu einem lebendigen Körper macht.

Der aristotelische Begriff der Seele

Nun endlich zum Hauptteil: Was sagt Aristoteles über die Seele?

Aristoteles definiert die Seele als „die erste Verwirklichung eines natürlichen Körpers, der potentiell Leben hat“. Hierbei bezeichnet Verwirklichung oder auch Entelechie (ἐντελέχεια – entelecheia) die Eigenschaft von etwas, sein Ziel und seine Potenz in sich selbst zu haben.

Was den Begriff der Erfüllung angeht, so will er damit (zum Ausdruck bringen), daß die Seele nicht akzidentelle, sondern substantielle Form ist. Mit den Worten ‚für einen natürlichen Körper‘ zielt er darauf ab, den natürlichen Körper vom künstlichen Körper wie der Tür oder der Bettstatt zu unterscheiden.

Und was seine Worte ‚welcher die Möglichkeit nach Leben besitzt‘ betrifft, so will er den (natürlichen Körper) damit vom Eisen, vom Stein und von diesen vergleichbaren Dingen abheben, denn obzwar diese beiden natürliche Körper sind, so besitzen sie doch keine Disposition zur Aufnahme des Lebens.

Daher ist die Seele die Erfüllung eines natürlichen Körpers, welcher die Möglichkeit nach Leben besitzt. [7]

Einen solchen Körper bezeichnet er als organisch, wobei Organ (ὄργανον – organon) synonym mit Werkzeug zu verstehen ist. Der Körper ist das Werkzeug der Seele [De an. II 1, 412 a27–412 b6]. Bedeutsam und zentral ist, was Aristoteles mit folgender Sentenz ausdrückt [4]:

Die Seele ist ein Prinzip des Lebendigen.

Die Beschreibung, dass der Körper Leben als Potenzial besitzt, bedeutet so viel wie, dass er von sich aus zum Belebtsein geeignet ist, aber dieses Belebtsein erst durch die Seele verwirklicht wird. Diese kann folglich nicht unabhängig vom Körper existieren. Sie ist seine Form und daher nicht von ihm trennbar. [De an. II 1, 413 a4]

Die Seelenvermögen

Die Verwirklichung kennt mehrere Abstufungen. Mit der ersten Wirklichkeit der Seele spricht Aristoteles ihre Grundtätigkeit an, die tatsächlich immer vorhanden ist. Diese hält den Organismus zusammen und sorgt dafür, dass er nicht dem Zerfall erliegt. [vgl. De an. I 5, 411 b6–9]

Als Fundament aller anderen Tätigkeiten unterscheidet sie sich sehr stark von den Tätigkeiten einzelner seelischer Aspekte, die jeweils den unterschiedlichen Seelenvermögen entsprechen. Aristoteles fasst nach ihrem Vorkommen und Bestehen das Leben zusammen.

Die grundlegenden vegetativen Seelenvermögen, dazu zählen Ernährung, Wachstum und Fortpflanzung, kommen allem Leben jeglicher Form zu. Prozesse wie etwa Wahrnehmung, Fortbewegung und Strebevermögen sind nur den Tieren und dem Menschen eigen. Dagegen besitzt allein der Menschen die Fähigkeit des Denkens. [5]

Im Zusammenhang mit der aristotelischen Schrift Nikomachische Ethik findest du in diesem Artikel eine weitere Erklärung zum Seelenvermögen, das auf dem sogenannten ergon-Argument beruht.

Wenn De anima die Frage untersucht, wodurch sich Lebendiges von Nichtlebendigem unterscheidet, so ist ›lebendig sein‹ in allgemeiner Weise zu verstehen, wonach alles lebendig ist, was eine Seele hat und deswegen beseelt ist, also Menschen, Tiere und Gewächse. [1]

Die Instanz, die dem Menschen seine wesentliche Fähigkeit verleiht und für diese zuständig ist, nennt Aristoteles den Geist (νοῦς – nous). Dieser ist zwar in der Seele angelegt, aber zugleich jedoch eine vom Körper wie auch der Seele unabhängige Substanz. Sie tritt von außerhalb hinzu und verwirklicht die Denkfähigkeit des Menschen. [6]

Interessant ist auch die Tatsache, dass jenes menschliche Denkvermögen nach Aristoteles im Vergleich zu Platon Erkenntnisse nicht etwa durch Wiedererkennung der Ideen – die bloß der reinen Vernunfterkenntnis zugänglich sind – gewinnt, sondern direkt aus den Objekten der Sinneswahrnehmung kraft der Abstraktion.

Zusammenfassend kann man klar herausstellen, dass für Aristoteles die Seele ein immaterielles Formprinzip des Lebendigen ist, einerseits Ursache der Bewegung, andererseits selbst auch unbewegt. Sie steuert alle Vorgänge des Lebens und beendet ihre Existenz zusammen mit dem Körper durch den Tod. [vgl. De an. 430 a 22–25, 408 b 18f.]


Quellen und Verweise

[1] Aristoteles: Über die Seele. De anima. Übersetzt, mit einer Einleitung und Anmerkungen versehen und herausgegeben von Klaus Corcilius. Hamburg: Felix Meiner Verlag 2017, Einleitung | Literatur (DEU)

[2] Vgl.: Gorgias 493a, Kratylos 400c, Phaidros 250c, Symposion 202d–e | Literatur (AG / DEU)

[3] Otfried Höffe: Aristoteles. München: C.H. Beck 2006, S.138 | Literatur (DEU)

[4] De an. I 1, 402 a 7f. | Literatur (AG / DEU)

[5] Vgl.: Hubertus Busche: Die Seele als System. Aristoteles‘ Wissenschaft von der Psyche. Hamburg: Felix Meiner Verlag 2001, S. 13–17, 35 | Literatur (DEU)

[6] Aristoteles: De generatione animalium 736 b 27f. | Literatur (AG / DEU)

[7] Aristoteles; Arnzen, Rüdiger (Hg.) (1998): Aristoteles‘ „De anima“. Eine verlorene spätantike Paraphrase in arabischer und persischer Überlieferung ; arabischer Text nebst Kommentar, quellengeschichtlichen Studien und Glossaren. Bochum: Univ., Diss., 1994 (erw.). Leiden: Brill (Aristoteles Semitico-Latinus, 9), S.214 | Literatur (DEU)