Narabo-Kant-Deontologie-Imperativ-Ethik-Moral-Pflicht

Wahrscheinlich hat kein Name in der Geschichte europäischer Philosophie mehr Gewicht als der Kants.

Der Allgemeinheit dämmert bei diesem altehrwürdigen Klang ja sofort der Begriff des kategorischen Imperativs: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die zu zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“. Wie oft hat man diese Formel bereits gehört, aber doch nie so richtig verstanden?

INHALT ÜBERBLICK
  1. Die Grundlagen zu Kants Ethik
  2. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
  3. Wichtige Begriffe: Wille, Maxime und Gesetz
  4. Das Sittengesetz
  5. Kategorische und Hypothetische Imperative
  1. Wie grenzt sich Kants Ethik von all seinen Vorgängern ab?
  2. Was ist eine Maxime, ein Gebot und der Wille?
  3. Was besagt das Sittengesetz?
  4. Welches spezielle Verfahren verfolgt Kant?

Die Grundlagen zu Kants Ethik

Kant zu verstehen ist für die meisten Studenten der Philosophie in etwa wie das Besteigen eines schweren Bergs. Es braucht teils enorm viel Übung und Anstrengung. Ich werde mit einer Einführung in Kants Ethik höchstens die Oberfläche streifen können, im besten Fall einige Anhaltspunkte liefern können, um das Verständnis zu stärken.

Um damit gleich beginnen zu können, sollten wir einige Kerndaten zur Ethik Kants betrachten, die bereits einiges für die spätere Ausführung vorwegnehmen und erleichtern werden. Kant ist heißer Vertreter eines sogenannten ethischen oder moralischen Rationalismus. Das heißt im Grunde, dass für ihn sämtliche ethischen Wahrheiten stets allgemeine Vernunftwahrheiten sein müssen.

In der normativen Ethik will er also nur Forderungen zulassen, die sich durch reine Vernunft als korrekt erkennen und begründen lassen. Damit werden sie zu allgemeinen Gesetzen – ein fundamentaler Begriff in Kants gesamter Philosophie. Darüber hinaus setzt sich Kant mit seiner Ethik von seinen Vorgängern ab.

Vor Kant gab es im Wesentlichen zwei andere Theoriegebäude der Ethik, nämlich die Tugendethik der Antike – vor allem durch Aristoteles vertreten und verbreitet – und den englischen Utilitarismus, der selbst jedoch erst im 18. Jahrhundert aufkam. Kants Ethik bezeichnet man diesen zwei Strömungen entgegengesetzt als Deontologie, d.h. als Pflichtethik. Die Unterschiede werden im Verlauf deutlich.

Ein letzter Punkt sollte noch kurz erwähnt sein, bevor wir richtig in die Analyse einsteigen. Kants Ethik ist absolut unpsychologisch, das heißt also, dass es ihm nicht darum geht, was Menschen zum Beispiel motivieren könnte, was sie antreibt oder glücklich macht. Das alles sind schließlich empirische Tatsachen, die für eine Vernunftmoral keine Rolle spielen dürfen. Eine Kurzzusammenfassung seines Vorgehens könnte indessen so aussehen:

1) Ausgangspunkt: Was ist uneingeschränkt gut? Wir müssen Handlungsabsichten untersuchen!
2) Gegen seine Neigungen muss der Mensch der Pflicht der Moral gehorchen.
3) Kategorischer Imperativ: Das Sittengesetz ist ein unbedingt geltendes Vernunftgesetz.

Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

Diesen Titel trägt eine von Kants Schriften in der er seine Gedanken zur Ethik ordnet. Das Hauptziel der GMS ist die Feststellung eines Moralprinzips, mit dessen Hilfe Handlungen moralisch beurteilt werden können [1, S.203]. Gleich zu Beginn stellt sich Kant darum die Frage, was als moralisch uneingeschränkt gut zu verstehen sei. [ebd.]

Hierauf basiert der vielzitierte und berühmte erste Satz der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, der darauf eine bündige Antwort gibt: Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille [2]

Der gute Wille markiert ja gleich zu Beginn des ersten Absatzes das deontologische Element in Kants Ethik. Im Gegensatz zur utilitaristischen Ethik, die konsequenzenbasiert – also teleologisch, d.h. zielgerichtet ist – und zur eudaimonistischen Ethik, die Glückseligkeit als an sich gut und wertvoll erachtet, hat Kant mit seiner Ethik etwas anderes im Sinn.

Weder die Konsequenzen einer Handlung, noch die daraus resultierende Glückseligkeit für den Akteur dürfen eine Rolle bei der Beurteilung einer Handlung als moralisch oder unmoralisch spielen. Kant ist somit durch und durch der Gesinnungsethik verpflichtet. Seine Grundthese kann man wie folgt zusammenfassen:

Der gute Wille ist die Handlungsabsicht eines reflektierenden Subjekts, das mit seinen Begierden ringen muß, um das moralisch Richtige zu tun. Weil der Mensch als unvollkommenes vernünftiges Wesen, weil sinnlich-vernünftiges Wesen nicht immer so handelt, wie es ihm die Vernunft gebietet, stellt das moralische Gesetz für den Menschen einen Imperativ dar, den er aus Pflicht befolgen muß. [1, S.203f.]

Wichtige Begriffe: Wille, Maxime und Gesetz

Der erste wichtige Begriff ›Wille‹ ist für Kant synonym mit dem vernünftigen Vermögen in der Form der sog. praktischen Vernunft, welche „die Fähigkeit des Menschen meint, sein Handeln unabhängig von sinnlichen Bestimmungsgründen, d.h. Trieben, Bedürfnissen und Leidenschaften, Empfindungen des Angenehmen und Unangenehmen zu wählen“ [4, S.12].

Warum ist dieser Begriff eigentlich so wichtig? Kant möchte eben zeigen, dass ein guter Wille, also das, was wir uneingeschränkt gut und moralisch finden, genau dort vorliegt, wo jemand aus Pflicht handelt. Der gute Wille schließt also den Pflichtbegriff ein und ermöglicht Kant die Überleitung zu diesem.

Die beiden Ausdrücke Maxime und Gesetz sind Gegenpole, die unter den Schirm des Willens und der Pflicht fallen. Immer wenn wir handeln, so Kant, erheben wir eine sogenannte Maxime als subjektiven Handlungsgrundsatz, der unser Wollen ausdrückt. Diese sind meist von Neigungen bestimmt und keinesfalls durch vernünftige Überlegung.

Auf der anderen Seite steht das Gesetz als objektiver Grundsatz der praktischen Vernunft, der dem Menschen sagt wie er tatsächlich handeln soll und eben nicht nur – so wie es alle Maximen tun – wie er aus subjektiver Motivation heraus handeln will. Kant fasst es selbst wie folgt zusammen:

Maxime ist das subjektive Prinzip zu handeln, und muß vom objektiven Prinzip nämlich dem praktischen Gesetze, unterschieden werden. Jene enthält die praktische Regel, die die Vernunft den Bedingungen des Subjekts gemäß (öfters der Unwissenheit oder auch den Neigungen desselben) bestimmt, und ist also der Grundsatz, nach welchem das Subjekt handelt; das Gesetz aber ist das objektive Prinzip, gültig für jedes vernünftige Wesen, und der Grundsatz, nach dem es handeln soll, d. i. ein Imperativ. [5]

Das Sittengesetz

Die große Frage ist doch, wie solche Imperative nach Kant lauten. Zunächst gibt es eine Kategorie von Imperativen, die intuitiv sehr einleuchtend sind, ja wir verwenden sie alltäglich. Ein Beispiel wäre: Wenn du zum Zug willst, musst du dich beeilen. In diesem Imperativ steckt eine Bedingung, die der Handlungsanweisung vorausgeht.

Diese Form von Imperativen nennt Kant hypothetisch, also abhängig von Zielen, die man verfolgen kann oder nicht. Diese hypothetischen Imperative können aber niemals ein allgemeines Gesetz sein, weil sie gerade auf empirischen Gegebenheiten aufbauen und keine absoluten Wahrheiten der Vernunft sind. Schließlich könnte ich auch nicht zum Zug wollen – was dann?

Überlegen wir uns folgenden Fall: Ich besitze eine Maxime X. Diese kann zum Beispiel lauten: Ich kaufe immer rote Autos, weil mir die Farbe Rot gefällt. Welche Eigenschaften trägt diese Maxime nun mit sich? Die wichtigste ist doch die, dass ich genau diese Maxime auch bei anderen nachvollziehen muss. Das heißt nun, falls ein anderer ein rotes Auto kauft, weil er die Farbe Rot mag, kann ich nicht plötzlich sagen ‚Das macht überhaupt keinen Sinn‘.

Unsere Maximen sind kontexttranszendierend!

Der Kant-Experte Professor Tim Henning hat diesbezüglich eine gelungene Rekonstruktion zu Kants Argument formuliert, die genau das verbindet, was wir bereits zu gutem Willen und Pflicht gehört haben. Allein aus dieser Forderung und dem obigen Beispiel lässt sich folgern, dass der Pflichtinhalt nur ein ganz bestimmter sein kann, und zwar der des Sittengesetzes:

Zu Beginn haben wir bereits diese Prämisse Kants kennengelernt: „Moralischen Wert können wir uns nur dort denken, wo Handelnde eine bestimmte Art von Motivation aufweisen, die Kant »guter Wille« nennt“ [3, S.17]. Darauf aufbauend ergibt sich sich das folgende Argument:

(2) So ein guter Wille liegt (zumindest im Falle von uns Menschen) genau dort vor, wo wir »aus Pflicht« handeln.
(3) Wenn wir in dieser Weise »aus Pflicht« handeln, dann kann diese Pflicht nur einen ganz bestimmten Inhalt haben – eben den Inhalt des Sittengesetzes. [3, S.17]

Kategorische und Hypothetische Imperative 

Wie dieser berühmte kategorische Imperativ lauten muss, haben wir schon in der Einleitung gesehen: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die zu zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Genau dies unterstellen wir im Grund auch jeder unserer Handlungen, eben nur nicht konsequent. Kant erklärt es wie folgt:

Wenn ich mir einen hypothetischen Imperativ überhaupt denke, so weiß ich nicht zum voraus, was er enthalten werde: bis mir die Bedingung gegeben ist. Denke ich mir aber einen kategorischen Imperativ, so weiß ich sofort, was er enthalte. Denn da der Imperativ außer dem Gesetze nur die Notwendigkeit der Maxime enthält, diesem Gesetze gemäß zu sein, das Gesetz aber keine Bedingung enthält, auf die es eingeschränkt war, so bleibt nichts als die Allgemeinheit eines Gesetzes überhaupt übrig, welchem die Maxime den Genuß des gegenwärtigen Augenblicks gebracht hat. [5]

Konkrete Beispiele zu Kants Imperativ und zur Überprüfbarkeit von Maximen findest du im zweiten Teil.


Quellen und Verweise

[1] Philosophie der Moral. Texte von der Antike bis zur Gegenwart, Herausgegeben von Robin Celikates uns Stefan Gosepath, Suhrkamp, F. a. M., 2009 | Literatur (DEU)

[2] Immanuel Kant: Werke in zwölf Bänden. Band 7, Frankfurt am Main 1977, S. 11. / Kant AA IV: 393 (Erstdruck: Riga (Hartknoch) 1785. Der Text folgt der 2. (verbesserten) Auflage, Riga (Hartknoch) 1786) | Literatur (DEU)

[3] Tim Henning: Kants Ethik. Eine Einführung, Reclam, Stuttgart, 2016 | Literatur (DEU)

[4] Joachim Heil: Über die Notwendigkeit einer Metaphysik der Freiheit: Kurze Einführung in die Praktische Philosophie Immanuel Kants: Kurze Einfuhrung in Die Praktische Philosophie Immanuel Kants, Turnshare Ltd. London, 2004 | Literatur (DEU)

[5] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, AA IV: 420f. | Literatur (DEU)