Narabo-Buddhismus zur Einführung-Philosophie-Zen-Yoga-Meditation-Buddha-2

Der Buddhismus tanzt auf dem Seil zwischen Religion und philosophischer Lebensanschauung.

Für die meisten Leute ist der Buddhismus einfach nur eine Religion wie jede andere, doch mit diesem vereinfachten Bild irren sie sich enorm. Ich werde mit dieser raschen Einführung in den Buddhismus versuchen die diesbezüglich schwersten Missverständnisse auszuräumen und die wichtigsten Grundlagen verständlich zu machen.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Der Buddha
  2. Alles kreist um die Erwachung
  3. Die vier Wahrheiten und der Achtfache Pfad
  4. Dukkha: Die Wahrheit vom Leiden
  5. Samudaya: Von der Entstehung des Leidens
  6. Nirodha: Von der Aufhebung des Leidens
  7. Magga: Die Wahrheit vom Weg
  1. Welche bekannte Geschichte rankt sich um den Buddha? Wie ist sie zu deuten?
  2. Auf welchen zwei Bedingungen basiert der Buddhismus? Wie spielen sie zusammen?
  3. Was ist Nirvana? Was ist Samsara?
  4. Wie lautet der Kern der buddhistischen Lehre?
  5. Welche Lebenshaltung verlangt der Buddhismus?

Der Buddha 

Der Buddha spielt natürlich die zentrale Rolle im Buddhismus, wie der Name bereits suggeriert. Dieser ist jedoch kein Gott. Er war ein Mensch wie wir alle – ja, die Lehre des Buddhismus besagt sogar ausdrücklich, dass wirklich jeder Mensch Buddha werden kann. Darauf werden wir später noch zurückkommen.

Buddhisten berufen sich nicht nur auf die historische Person Buddha – genannt Siddhartha Gautama (ca. 500-400 v. Chr.) – als Vorbild, sondern auch oder sogar mehr auf seine Lehren, die bemerkenswert simpel zu sein scheinen. Die historische Figur wurde in Nordindien als Adliger geboren und genoss die ersten Jahre seines Lebens in Üppigkeit.

Die Geschichte seines Lebens wurde immer durch die folgende mehr oder weniger wahre, aber für unser eigenes Leben sehr gehaltvolle Erzählung geprägt: Als ein Prinzensohn geboren, lebte Siddhartha die ersten Jahre seines Lebens behütet und ohne Konflikt mit den unangenehmen Dingen des Lebens: Alter, Arbeit, Leiden, Sorge, Tod …

Die drei Begegnungen des Buddha

Doch einige Ausfahrten aus dem Palast führten zu drei Begegnungen, die ihn nachdenklich stimmten: zunächst sah er einen Greis, dann einen Schwerkranken und zuletzt einen Leichnam. Diese Erfahrungen führten ihm natürlich die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz vor Augen [1, S.34].

Darauf sehnte Siddhartha sich nach einem tieferen, spirituellen Leben, um die Probleme der menschlichen Existenz zu lösen. Er verbrachte einige Jahre bei den asketisch lebenden Wandermönchen, aber kehrte dann schließlich von dieser Lehre ab. Man muss zu dieser gesamten Geschichte  jedoch die folgende Bemerkung hinzudenken:

Es ist unwahrscheinlich, dass diese einfache, ergreifende Geschichte in irgendeinem wörtlichen Sinne wahr ist. Man kann sich kaum vorstellen, dass der Buddha so naiv war, wie er hier dargestellt wird, oder ihm so plötzlich die Augen über das Palastleben geöffnet wurden. […] Die Parabel scheint uns vielmehr sagen zu wollen, dass die Kürze und Zerbrechlichkeit des Lebens überall gegenwärtig sind, die meisten von uns sich aber – wie der junge Buddha – durch psychische Barrieren gegen unliebsame Situationen abschirmen. [1, S.35]

Alles kreist um die Erwachung

Die Erwachung ist ein Erkenntnisprozess, der das Endziel des von Buddha gepredigten ‚Weg der Erlösung‘ darstellt. Im Sanskrit als Bodhi bezeichnet, ist die Erwachung jene Erfahrung, die Buddha selbst erlebte, um nun derjenige zu werden, der als Religionsstifter des Buddhismus bekannt ist.

Bodhi erlangt der, wer die sogenannten vier edlen Wahrheiten begreift und den achtfachen edlen Pfad verwirklicht. Es werden die Bedürfnisse – besser gesagt das Anhaften an Wünschen und Vorstellungen – überwunden, wodurch der Mensch den Geburtenkreislauf verlässt und ins Nirvana gelangt. Zu diesen Kernbegriffen folgt eine Erklärung im zweiten Teil dieses Artikels.

Die Vier edlen Wahrheiten und der Achtfache Pfad

Im Buddhismus gilt gemäß Buddhas Predigt im Tierpark bei Benares, die nur kurze Zeit nach seiner ‚Erleuchtung‘ (Sanskrit: bodhi) stattfand, der allgemeine Grundsatz, dass sowohl Weisheit als auch Tugend jeweils notwendige Bedingungen für die Erleuchtung bzw. Erwachung sind.

Die Bedingung der Weisheit offenbart sich in den Vier Edlen Wahrheiten, während die Tugend in der Form des Achtfachen Pfades gelehrt wird. Ziel ist bekanntlich das Erreichen des Nirvāna.

Das grobe Grund­-Gerüst ist zum Beispiel in der Form von Meditation und Mitgefühl bis heute in den zahlreichen buddhistischen Strömungen wie etwa im Zen nun praktisch konstant geblieben. Die folgende Darstellung dieser elementaren buddhistischen Lehrsätze wurde von mir aus dem fantastischen Einführungswerk zum Buddhismus von Damien Keown zitiert. [Vergleiche Quelle 1]

1. Dukkha: Die Wahrheit vom Leiden – Leben ist Leiden

Was, ihr Mönche, ist die Edle Wahrheit vom Leiden? Geburt ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Alter ist Leiden, Sterben ist Leiden. Schmerz, Kummer, Leid, Klage, und Verzweiflung sind Leiden. Mit Unangenehmen vereint zu sein ist Leiden, getrennt von Angenehmen zu sein ist Leiden. Nicht erlangen, was man begehrt, ist Leiden. Kurz, die fünf Faktoren der Individualität sind Leiden: (ma­terieller Körper (rūpa), Empfindungen und Gefühle (vedanā), Wahrnehmungen (saññā), Charakterzüge und Verhaltens-Dispositionen (sankhāra), Bewusstsein (viññāna)).

Der Begriff dukkha ist mit dem einen Wort Leiden nur unzureichend übersetzt. Es beschreibt, wie in der Rede des Buddha hervorgeht, nicht nur äußerliche und innerliche Umstände des Schmerzes, sondern darüber hinaus auch noch ein viel weitreichenderes Gefühl, das wir vielleicht als existenzielle Spannung begreifen können.

Es ist das, was man im ‚Nicht erlangen, was man begehrt‘ ausgedrückt findet, also eine prinzipielle Unzufriedenheit mit dem Leben und seiner vielen Gegebenheiten. Eine äußerst wichtige Anmerkung, die eine oft missverstandene Leseart betrifft, muss an dieser Stelle noch hinzugefügt werden: Buddha war kein krankhafter Pessimist.

Die Wahrheit vom Leiden ist eine realistische Darstellung der Tatsachen des Lebens und nichts weiter.

2. Samudāya: Die Wahrheit vom Entstehen des Leidens  – Leiden entsteht durch Begehren

Dies, ihr Mönche, ist die Wahrheit vom Entstehen des Leidens. Es ist dieser Durst (tanhā), der zur Wiedergeburt führt und sich verbunden mit leidenschaftlicher Lust bald hier bald dort neue Freuden sucht in Form des Durstes nach sinnlichen Freuden, zweitens in der des Durstes nach Dasein und drittens in der des Durstes nach Nichtdasein.

Auch hier ist der Begriff tanhā mit Durst nicht treffend wiedergegeben. Weitaus passender wäre die Übersetzung mit Lebensdrang oder Anhaften am Leben. Jeweils beide sind unmittelbare Ursachen für die in der ersten Wahrheit mit dukkha beschriebenen Offenbarung des Leids.

Zudem ist auch das Begehren nach Nichtdasein eine dieser Ursachen, denn danach zu verlangen, dass gewisse Dinge nicht existieren (z.B. Schmerzen) ist das entsprechende Äquivalent zum Verlangen nach der Kontinuität individueller Existenz und den sinnlichen Freuden des Fühlens, Sehens, Riechens, Hörens, Schmeckens.

Gleichzeitig wird in der zweiten Wahrheit nicht davon gesprochen, dass alles Begehren falsch ist, sondern nur das negativ konnotierte tanhā, das mit seiner engeren Bedeutung in gewissem Sinne ein pervertiertes und exzessives Begehren beschreibt.

3. Nirodha: Die Wahrheit von der Aufhebung des Leidens – Leiden kann beendet werden

Dies, ihr Mönche, ist die Wahrheit von der Aufhebung des Leidens. Es ist das gänzliche Vergehen jenes Begehrens, das Aufgeben der Leidenschaft, die Entsa­gung, das Verlassen, das Freiwerden, das Sichabwenden vom Begehren.

Buddha erlangte die Einsicht, dass durch die Loslösung vom Begehren das Leiden aufhören werde, und zwar in zweierlei Hinsicht. Das dabei erlangte Nirvāna hat zwei Formen, nämlich eine, die sich gar während des Lebens ereignet, und eine andere, die uns erst in der letzten Instanz, also im und nach dem Tod erreicht.

Nirvāna (wörtlich: Auslöschen oder Ausblasen) kann auf diese Weise einerseits als das Ende der drei großen Übel (Gier, Hass und Verblendung) verstanden werden, andererseits auch als die Aufhebung des samsāra (Kreislauf der ewigen Wiedergeburt). Buddha selbst lehnte es übrigens strikt ab, Aussagen über das Nirvāna zu treffen.

4. Magga: Die Wahrheit vom Weg – Es gibt einen Weg, der zur Auflösung des Leidens führt

Dies, ihr Mönche, ist die Wahrheit vom Weg, der zur Aufhebung des Leidens führt. Es ist der Edle Achtfache Pfad, der da heißt: rechte Anschauung, rechte Rede, rechte Gesinnung, rechtes Handeln, rechtes Leben, rechtes Streben, rechte Wach­heit und rechtes Sichversenken.

Der Achtfache Pfad wir auch als mittlerer Pfad bezeichnet, weil er sich zwischen strengster Askese und üppigem Hedonismus hindurchsteuert. Dabei umfassen die drei Kategorien Weisheit, sittliches Verhalten und Meditation die Dimension des Guten für den Menschen und sind ihm ein Wegweiser für sein eigenes Leben. In seiner Predigt beschreibt Buddha den mittleren Pfad auf folgende Weise:

Zwei Extreme sind, ihr Mönche, von Hauslosen [gemeint sind die damaligen Wandermönche] nicht zu pflegen. Welche zwei? Bei den Sinnen­dingen sich dem Anhaften am Sinnenwohl hingeben, dem niederen, gemeinen, gewöhnlichen, unedlen, heillosen; und sich der Selbstqual hingeben, der schmerzlichen, unedlen, heillosen. Diese beiden Extreme vermeidend, ist der Vollendete zum mittleren Vorgehen erwacht, das sehend und wissend macht, das zur Beruhigung, zum Überblick, zur Erwachung, zum Nirvāna führt. [2]

  1. Rechtes Verstehen bedeutet, die buddhistischen Lehren anzunehmen und sie in der Erfahrung zu festigen.
  2. Rechte Gesinnung bedeutet, sich ernsthaft um richtige Einstellungen zu bemühen.
  3. Rechte Rede bedeutet, die Wahrheit zu sagen und besonnen und rück­sichtsvoll zu sprechen.
  4. Rechtes Handeln bedeutet, Untaten wie Töten, Stehlen oder Fehlver­halten bei sinnlichen Freuden zu meiden.
  5. Rechtes Leben bedeutet, sich auf kein Tun einzulassen, das anderen Schaden zufügt.
  6. Rechtes Streben bedeutet, seine Gedanken beherrschen zu lernen und sich in positivem Denken zu üben.
  7. Rechte Wachheit bedeutet, das Bewusstsein ständig zu schärfen.
  8. Rechtes Sichversenken bedeutet, immer tiefere Zustände der Versen­kung zu erreichen durch Techniken, die den Geist sammeln und die Persönlichkeit vervollständigen.

Die Fortsetzung dieses Artikels im zweiten Teil wird demnächst veröffentlicht.


Quellen und Verweise

[1] Damien Keown: Der Buddhismus. Reclam Sachbuch, Stuttgart, 2014 | Literatur (DEU)

[2] Samyutta Nikāya 56.11 | Literatur (SAN/DEU)