Narabo - Die Macht der Bücher - Philosophie - Kafka - Literatur

Jedes Buch ist ein Schlupfloch zu einer anderen Welt.

Bücher können uns in jeder Situation helfen. Ob wir Trost und Schönheit in der Poesie eines Dichters finden, Halt und Mut in der Weisheit eines Philosophen oder eine tiefere Bindung zur Wirklichkeit in den Geheimnissen eines Mystikers – sie tragen bei zu unserer Menschlichkeit.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Ein Fenster in andere Seelen
  2. Bücher als menschliche Zauberwerke
  3. Schrecken – Das Buch als Abgründiges
  4. Menschsein – Bildung und Individuation
  5. Psyche – Das Buch als Therapeutikum
  6. Eine eindrucksvolle Geschichte
  1. Warum sind Bücher eine so besondere Quelle menschlicher Größe?
  2. Welche Perspektiven kann man zur Macht der Bücher einnehmen?
  3. Was sagen Carl Sagan, Franz Kafka, Hermann Hesse und Viktor Frankl zu diesem Thema?

Ein Fenster in andere Seelen

Es gibt höchstwahrscheinlich kaum etwas, das mehr zur gesamten Entwicklung der Menschheit beigetragen hat als das Buch. An dieser zeitlosen Erfindung ist viel mehr dran als die bloße Weitergabe von Wissen und das Festhalten von Daten, historischen Fakten und dergleichen. Bücher sind tatsächlich Fenster in andere Seelen – das glaube ich.

Der Verleger Reinhard Piper soll einmal gesagt haben: Bücher begleiten uns durch unser Leben. Sie sind Mittel unserer Menschwerdung, sie vertiefen unser Bewusstsein. Damit liegt er vollkommen richtig, doch die Frage ist, wie sie das tun. Für mich kann die Antwort allein darin liegen, dass Bücher – besonders die großen Meisterwerke – ein vereinigtes Bindeglied besitzen.

Jedes Buch, das uns tief berührt, das uns aufweckt und antreibt, muss eine Reflexion des großen Geistes sein, der es verfasst hat. Der römische Philosoph Seneca sprach einst davon, dass wir durch die Niederschriften und Werke vergangener Zeiten in Kontakt mit den alten Weisen treten können, ja wir schaffen uns Lehrmeister, die im Sande der Zeit eigentlich schon längst verweht sind.

Auf diese Weise sammeln wir das Wissen und die Klugheit längst vergangener Generationen und verbinden diese mit unseren eigenen Gedanken. Sprichwörtlich stehen wir demnach auf den Schultern von Giganten, wie es Isaac Newton formulierte. Jedoch müssen wir beachten, dass die Erfahrung und das Erlernen zwei völlig verschiedene Qualitäten sind. Bloßes Lesen hat noch niemanden weise gemacht.

Ich werde in diesem Artikel versuchen die Macht der Bücher durch mehrere Perspektiven großer Dichter und Denker zu beleuchten, um damit einen kurzen Einblick zu verschaffen, der uns offenbart, wie Literatur und der menschliche Geist zusammenspielen.

Bücher als menschliche Zauberwerke

Carl Sagan (1934-1996), der überaus berühmte US-amerikanische Astronom, Astrophysiker, Schriftsteller, Exobiologe und Fernsehmoderator, äußerte sich unter anderem zu Büchern in seiner Fernsehserie Cosmos: A Personal Voyage.

Als ein Wissenschaftler, der 1978 den Pulitzer-Preis für Sachbücher erhielt und auch einen der meistverkauften (Wissenschafts-)Bestseller aller Zeiten geschrieben hat [1], besaß er auch ein Händchen und vor allem ein tiefes Verständnis für die schöpferische Macht der Bücher:

Was für eine erstaunliche Sache ein Buch ist. Es ist ein flaches Objekt hergestellt aus einem Baum mit flexiblen Teilen, auf denen viele lustige dunkle Kringel aufgedruckt sind. Aber ein Blick darauf und du bist in den Gedanken einer völlig anderen Person, vielleicht jemand, der seit Tausenden von Jahren tot ist.

Über die Jahrtausende spricht ein Autor klar und leise in deinem Kopf, direkt zu dir. Schreiben ist so vielleicht die größte menschliche Erfindung, denn es verbindet Menschen, die sich nie kannten, Bürger von fernen Epochen. Bücher brechen die Fesseln der Zeit – Sie beweisen, dass Menschen in der Lage sind, Magie zu wirken. [2]

Schrecken – Das Buch als Abgründiges

Franz Kafka (1883-1924), dessen erschreckend tiefgründige Werke einen äußerst besonderen Platz im Kanon der Weltliteratur einnehmen, wird zu den größten Schriftstellern gezählt, die jemals gelebt haben. Heutzutage ist Kafka sogar der meistgelesene Autor deutscher Sprache [3].

In einem Brief von 1904 an Oskar Pollak, ein sehr guter Freund Kafkas während seiner Studienzeit, teilte er ihm mit, was seiner Ansicht nach der ganze Sinn von Büchern sei, also ihre Funktion und ihr Zweck für den Menschen.
Der folgende Auszug ging in die Geschichte ein:

Aber es tut gut, wenn das Gewissen breite Wunden bekommt, denn dadurch wird es empfindlicher für jeden Biss. Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?

Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich. [4]

Menschsein – Bildung und Individuation 

Hermann Hesse (1877-1962) wurde 1946 der Nobelpreis für Literatur [5] und 1954 der Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste [6] verliehen. Für mich persönlich sind seine Werke von ganz großer Bedeutung, weil sie die Entwicklung des Menschen auf sehr feinfühlige Weise darstellen.

Bücher waren für Hesse schon immer ein zentraler Bestandteil seines Lebens. Im Kern seiner zahllosen Arbeiten steht immer in irgendeiner Prägung die Entwicklung eines Menschen in einer gespaltenen Lebenslage, den er als Protagonisten auftreten lässt, zu sich selbst, also seine Individuation. Bildung, oder wohl eher wahre Bildung, ist dafür ein elementarer Schlüssel:

Echte Bildung ist nicht Bildung zu irgendeinem Zwecke, sondern sie hat, wie jedes Streben nach dem Vollkommenen, ihren Sinn in sich selbst. […] Von den Wegen, die zu solcher Bildung führen, ist einer der wichtigsten das Studium der Weltliteratur, dass allmähliche Sich-vertraut-machen mit dem ungeheuren Schatz von Gedanken, Erfahrungen, Symbolen, Phantasien und Wunschbildern, den die Vergangenheit uns in den Werken der Dichter und Denker vieler Völker hinterlassen hat.

Nicht darauf soll es uns ankommen, möglichst viel gelesen zu haben und zu kennen, sondern in einer freien, persönlichen Auswahl von Meisterwerken, denen wir uns in Feierstunden ganz hingeben, eine Ahnung zu bekommen von der Weite und Fülle des von Menschen Gedachten und Erstrebten, und zur Gesamtheit selbst, zum Leben und Herzschlag der Menschheit, in ein belebendes, mitschwingendes Verhältnis zu kommen.

Dies ist schließlich der Sinn allen Lebens, soweit es nicht bloß der nackten Notdurft dient. Keineswegs etwa zerstreuen soll uns das Lesen, sondern vielmehr sammeln, nicht über ein sinnloses Leben uns wegtäuschen und mit einem Scheintroste betäuben, sondern unserm Leben im Gegenteil einen immer höhern, immer volleren Sinn geben helfen. [7]

Psyche – Das Buch als Therapeutikum

Viktor Frankl (1905-1997) will ich zum Schluss noch mit seiner besonders eindrucksvollen Perspektive anführen. Frankl war Neurologe und Psychiater, aber wohl weitaus wichtiger ist die Tatsache, dass er Auschwitz überlebte. Trotz seiner unvorstellbaren Erfahrungen hat er niemals den Sinn des Lebens aufgegeben [8].

Auch in seiner langjährigen Arbeit als Psychiater hat Frankl Erstaunliches geleistet. In einem seiner Vorträge mit dem Titel Das Buch als Therapeutikum beschreibt Frankl die heilsamen Effekte der Bibliotherapie:

Ich besitze Dokumente, aus denen eindeutig hervorgeht, daß Menschen, die jahrzehntelang an schweren Neurosen gelitten hatten und jahrelang in Behandlung gestanden waren, einzig und allein auf Grund der Lektüre eines Buches eine bestimmte Methode und Technik der Psychotherapie selber und selbstständig auf den eigenen Fall anwenden und sich dann auch endlich einmal von ihrer Neurose befreien konnten. […] Das rechte Buch zur rechten Zeit hat viele Menschen vor dem Selbstmord bewahrt, und davon wissen wir Psychiater sehr wohl ein Lied zu singen. In diesem Sinne leistet das Buch echte Lebenshilfe […] [9]

Eine eindrucksvolle Geschichte

An späterer Stelle seines Vortrags führt Frankl mehrere Beispiele zur Macht der Bücher an, darunter auch die herausragende Erzählung einer realen Gegebenheit, in die er sich persönlich zutiefst hineinversetzen konnte:

Der Lesehunger der Jugend ist bekannt. Instinktiv weiß sie um die Kraftquellen, die ihr da zur Verfügung stehen.
Wie anders ließe sich erklären, was sich einmal – vor Jahrzehnten – im Lager Theresienstadt ereignet hat.

Ein Transport mit an die tausend jungen Menschen mußte zusammengestellt werden, und am nächsten Morgen ging es ins Lager Auschwitz. Am selben Morgen aber mußte festgestellt werden, daß in der Nacht in die Lagerbücherei eingebrochen worden war.

Jeder einzelne von den Todgeweihten hatte sich Werke seiner Lieblingsdichter, aber auch wissenschaftliche Bücher in den Rucksack gestopft. Als Reiseproviant auf der Fahrt ins (zum Glück noch) Unbekannte. Und jetzt soll mir jemand noch kommen und sagen: »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.« [9]


Quellen und Verweise

[1] Die Zeit: Zum Tode des Astronomen Carl Sagan | Archiv-Artikel (DEU)

[2] Sagan, Carl: Cosmos, Part 11: The Persistence of Memory (1980) | Video (ENG)

[3] Vgl. Einleitung, in: Engel, Manfred; Auerochs, Bernd (Hrsg.): Kafka-Handbuch. Weimar: Metzler, 2010 | Literatur (DEU)

[4] Siegrist, H. Rödholm: Wenn die Wahrnehmung kippt: Transformationen in Franz Kafkas „Die Verwandlung“. Hamburg: Igel Verlag, 2014, S.46f. | Literatur (DEU)

[5] Liste der Nobelpreisträger für Literatur | Webseite (DEU)

[6] Liste der Ordensträger Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste | Webseite (DEU)

[7] Hesse, Hermann: »Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne«: Lebensstufen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1986, S.79 | Literatur (DEU)

[8] Vgl. Frankl, Viktor E.: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. München/Zürich: Piper, 2015, S. 168f. | Literatur (DEU)

[9] Frankl, Viktor: Das Buch als Therapeutikum: Festvortrag zur Eröffnung der Buchwoche 1975 in der Wiener Hofburg zitiert aus [8] | Literatur (DEU)

Empfehlungen

Buch: Carl Sagan (Autor),‎ Neil deGrasse Tyson (Vorwort),‎ Ann Druyan (Einleitung): Cosmos | Literatur (ENG)

Buch: Kafka, Franz: Der Process. Stuttgart: Reclam, 1998 | Literatur (DEU)

Buch: Frankl, Viktor: … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München: dtv, 2007 | Literatur (DEU)