Narabo - Totenkult und Bestattungsrituale in verschiedenen Religionen - Ägypten - Griechenland - Indonesien - Inka

Wir fürchten den Tod. Allein das Sprechen über die Realität des Todes ist im Westen ein Tabu.

Doch dabei übersehen wir, dass der Umgang mit dem Tod nicht festgelegt, keineswegs auf unsere westlichen vom Christentum beeinflussten Riten eingeschränkt sein muss. Wir können uns kaum vorstellen, dass sich Völker auf den Tod freuen, ihn gar als notwendigen Bestandteil des Lebens sehen und genau deshalb sollten wir uns auch mit einigen fremden Perspektiven konfrontieren.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Der Tod: Einige kurze Anmerkungen
  2. Was der Gedanke an den Tod lehrt
  3. Über den Sinn und Nutzen von Ritualen
  4. Unsere moderne Situation
  5. Der ägyptische Totenkult
  6. Indonesischer Toraja-Totenkult
  7. Vedische und buddhistische Totenkulte
  1. Welche zwei Konzeptionen lenken unser Verständnis vom Tod?
  2. Kann der Tod vielleicht auch etwas Positives sein?
  3. Was bedeutete Tod im alten Ägypten?
  4. Gibt es Kulturen, die den Tod als etwas Wunderbares feiern?
  5. Was ist der wahre Ursprung von Trauer?

Der Tod: Einige kurze Anmerkungen

Bevor wir die verschiedenen Totenrituale und Konzeptionen über den Tod betrachten, sollten wir uns in kurzer Darstellung die westliche / christliche Vorstellung vor Augen führen. Zunächst ist uns allen klar, dass der Tod in unserer Kultur negativ behaftet ist. Der Tod ist schlecht, ja er muss immer Anlass zur Trauer sein.

Die Bestattung der Toten ist ein Akt der Barmherzigkeit, der die Würde des Menschen bewahren und achten soll. Ein sehr wichtiger Ausspruch ist noch dieser: „Es ist alles eitel“ [1], ein weit verbreiteter christlicher Gedanke, der die Nichtigkeit des irdischen Lebens betont.

Uns allen ist bekannt, dass Christen an das Reich Gottes glauben und es ist erstaunlich, wie viele Menschen, die man einfach auf der Straße anspricht, davon überzeugt sind, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Lassen wir das an dieser Stelle einfach so stehen. Konzeptionen gegen solche religiösen Bilder im Allgemeinen habe ich in vielen anderen Artikeln, zum Beispiel hier, bereits behandelt und möchte jetzt nicht darauf eingehen.

Wir wollen in diesem Artikel auch überhaupt keine religiösen Diskussionen einleiten, sondern einfach verschiedene Beispiele zeigen, wie man sonst noch – im Unterschied zu unserer Denkweise – mit dem Tod umgehen kann. Nicht zuletzt ist unsere Angst vor dem Lebensende dem linearen Zeitkonzept und dem dualistischen Denken verschuldet, die den Westen fast schon charakterisieren.

Wir glauben daran, dass eine kosmische Uhr tickt und alles zweigeteilt ist

Wie wir sehen werden, ist zum Beispiel bei den Hindus der Tod in Form der Gottheit Shiva (Zerstörer) immer als zentraler Bestandteil des Lebens mitgedacht. Außerdem werden die Dinge in einer uns vom westlichen Denken infizierten Denkhaltung schwer nachzuvollziehenden Weise immer in einer Ganzheit gedacht. Shiva ist zwar der Zerstörer aber auch das Sinnbild der Schöpfung und des Neubeginns. Es gibt keine lineare Zeit und keine Dualismen.

Was der Gedanke an den Tod lehrt

Doch auch in Europa war der Tod nicht immer ein Angstfaktor. Zum Beispiel in der Antike war man sich darüber einig, dass der Tod in einer Angelegenheit sogar sehr vorteilhaft ist: er kann uns lehren JETZT richtig zu leben. So betonte aber auch der römische Philosoph Seneca immer wieder, dass die Bewusstmachung des Todes unseren Umgang mit der Zeit lenken sollte, wie du es hier nachlesen kannst.

Tod, Verbannung, ja überhaupt alles, was uns furchtbar erscheint, halte dir täglich vor Augen; vor allem den Tod. Das wird dich vor kleinlichen Gedanken bewahren und vor übermäßigen Begierden. [2]

Leider galt all dies wohl nur im philosophischen Kontext, denn der Alltag der griechischen Antike war ebenso von einer Angst vor dem Tod und dem Alter durchdrungen wie es heute in vielen Teilen der modernen Welt ebenfalls der Fall ist. Aus diesem Grund entwickelte sich ja auch der sogenannte Jugendkult der griechischen Antike [3].

Über den Sinn und Nutzen von Ritualen

Völlig egal, ob wir nun den Tod wie Seneca oder Epiktet als Möglichkeit zum besseren Leben verstehen wollen oder nicht, Fakt bleibt, dass der Tod negativ aufgenommen wird und wir überall gewisse Rituale vollziehen, die mit dem Tod in Zusammenhang stehen. Warum ist das so? Zumindest traditionell könnte man darauf wie folgt antworten:

Trauerriten führen zur Realität des Todes, liefern Verhaltenshilfen und spenden Trost. Sie geben Möglichkeiten und Grenzen an, Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Sie ermöglichen es, das Gefühlspotential wieder sozialen Beziehungen zuzuführen, und erleichtern auf diese Weise den Wiedereintritt in das soziale Leben. [4, S. 7]

Unsere moderne Situation

Warum sage ich traditionell? Ganz einfach deshalb, weil sich in weiten Teilen unserer modernen Gesellschaft allein durch die Entmystifizierung eine starke antiritualistische Haltung – vor allem in der Jugend –  entwickelt hat. Sogar Gefühle erscheinen im Lichte der Vernunft merkwürdig und werden nun in einer immer mehr und mehr verkopften Kultur abgestumpft:

Die Rituale im heutigen Leben [auch Hochzeiten, akademische Festakte und so weiter] sind trocken, sinnentleert, manipulierend, gefühlshindernd, übermäßig einschränkend, stark verpflichtend und starr. Für die Trauerproblematik [bzw. die jeweils entsprechende Funktion] sind sie allesamt völlig ungeeignet. [ebd.]

Aus diesem Grund ist es keineswegs verwunderlich, dass der Umgang mit den Toten etwas Mechanisches und Unbeholfenes an sich hat. Heute trauert man in vielen Fällen bloß noch, weil es erwartet wird und wenn man tatsächlich aufrichtig trauern möchte, gibt es dafür keine Gelegenheiten, weil man sofort von Polizei, Behörden, Bestattungsunternehmern, Veranstaltern, Juristen und zuletzt vom Alltag überrannt wird.

Der Tod ist heute wie alles ein Geschäft geworden.

Der ägyptische Totenkult 

Im Gegensatz zu all diesen modernen Reputationen werden wir jetzt auf einige teils uralte Varianten zu sprechen kommen. Die erste sowie wohl berühmteste ist der ägyptische Mumienkult. Jeder hat davon bereits gehört, aber kaum jemand weiß, warum die Ägypter ihre Verstorbenen mumifizierten.

Für die Ägypter war der Tod erst der Anfang. Der Tod war das Ende eines begrenzten Lebens und der Neubeginn eines ewigen Daseins. „Du stirbst, dass du lebst“, so verlautete ein Text über das Leben nach dem Tod [5]. In der alt-ägyptischen Mythologie unterteilt man den Menschen in drei unsterbliche geistige Teile, das Ka, Ba und Ach.

Nach dem Tod eines Menschen entfliehen diese Teile, vor allem das Ba, der Charakter des Menschen oder das, was wir Seele nennen würden. Es kehrt jedoch zurück. Doch kann es dies bloß dann, wenn es den Körper, also die Hülle (Chet) wiedererkennen kann [ebd.]. Der Eintritt in die ewige Welt muss ähnlich wie in den römisch-katholischen und orthodoxen Lehren als Partikulargericht vor einem Richter (Osiris) gerechtfertigt werden.

Der Tod ist hier weniger mit Trauer verbunden, sondern wird als elementarer Bestandteil des Lebens betrachtet auf den man sich bereits seit frühester Geburt vorbereiten muss. Das Ereignis des Tods mündet in eine Prüfung, welche nur durch entsprechende Vorbereitungen bewältigt werden kann. Jan Assmann schreibt dazu:

Die ägyptische Vorstellung, den Tod mit dem Mittel der Rechtfertigung heilen zu können, hat nie aufgehört den menschlichen Geist zu faszinieren [4, S.115].

Indonesischer Toraja-Totenkult

Aus einigen Medienberichten hat man vielleicht bereits von fremden indonesischen Totenkulten gehört, bei denen Leichname immer wieder ausgegraben und rituell durch das Dorf getragen werden. Tote bleiben oft jahrelang im Haus der Angehörigen, werden einbalsamiert und weiterhin wie Familienmitglieder behandelt.

Der Tod eines Menschen ist immer ein großes Fest, da man darin den Abschluss des Lebens sieht. Es gibt keinerlei Trauer, ganz im Gegenteil freut sich die ganze Gemeinde, dass ein Mensch ins Jenseits eingehen wird und das stiftet Anlass für enorme Festivitäten:

Unter lautem Gelächter und Geklatsche wird die Sänfte auf diese Weise auf dem einen Kilometer langen Weg vom Wohnhaus zum Festplatz transportiert. Wasserbecher fliegen, Bonbons und Schuhe, selbst Pappkartons. Die Stimmung wird in der Mittagshitze immer ausgelassener. Auf dem Festplatz fangen dann die Frauen an der Spitze des Zuges plötzlich an, miteinander zu boxen, sich zu treten und auf dem Boden zu kringeln. Das Gejohle nimmt kein Ende, bis der Sarg auf eine Empore hochgetragen wird, wo er für alle sichtbar die nächsten Tage stehen wird. Zwei Büffel werden geschlachtet, überlebende Tiere dürfen zum Kampf gegeneinander antreten, es gibt reichlich Reiswein und die ausgelassenste Stimmung, die man sich denken kann. Der Tod, so scheint es nun, ist bei den Toraja der Höhepunkt des Lebens, und der muss eben gebührend gefeiert werden. [6]

Vedische und buddhistische Totenkulte

Unserer linearen Zeitkonzeption und der Idee einer Identität stehen die vedischen und buddhistischen Lehren wahrscheinlich am krassesten gegenüber. Sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus spielt Trauer lediglich eine untergeordnete Rolle, weil der Tod eigentlich nichts beendet. Zeit ist zyklisch, ewig und damit gibt es keinen Anfang und kein Ende.

In der vedischen Tradition hat der Mensch einen unsterblichen Seelenteil, Atman genannt, der durch den Tod nicht beeinflusst wird. Der Tote wird auf einem öffentlichen Scheiterhaufen verbrannt, nachdem ihm rituell der Schädel aufgeschlagen wurde – symbolisch für die Freisetzung des Atman aus dem Körper. Der Tod ist damit eine Befreiung, kein Trauerereignis. Die Asche wird einfach verstreut.

Auch im Buddhismus besteht der Glaube an eine zyklische Zeit und eine Wiedergeburt. Der klare Unterschied zum Hinduismus ist jedoch, dass es keine „Seele“ gibt. Strenggenommen gibt es nicht einmal die Identität des Menschen also das ICH, welches uns im Westen so unglaublich wichtig ist.

Wenn eine Person stirbt, ist dies ebenso wie im Hinduismus keinesfalls ein Ende, sondern nur ein winziger Teil eines ewigen Kreislaufes. Nach streng buddhistischem Glauben wird man sooft wiedergeboren, bis man dann das Nirvana erreicht, also die Freisetzung vom ewigen Rad des Lebens.

Besonders bemerkenswert ist, dass Trauer keine Rolle bei der Bestattung spielen sollte, weil das Weinen und Bedauern Zeichen des Selbstmitleids darstellen.

Dies finde ich persönlich sehr spannend. Warum trauern wir eigentlich, wenn jemand stirbt? Natürlich deshalb, weil wir einen Verlust wahrnehmen, aber genau das ist nach buddhistischer Auffassung eine unglaublich selbstsüchtige Einstellung. Es ist ein Verlust den WIR verspüren, das heißt wir trauern, weil WIR jemanden verloren haben – es ist Selbstmitleid, das dort hervorbricht und das erscheint mir sehr merkwürdig.


Quellen und Verweise

Titelbild: Ausschnitt aus El Greco – Begräbnis des Grafen von Orgaz 1586–1588 (CO).

[1] Bibel: Prediger 1,2; Luther | Literatur (DEU)

[2] Ein Panorama europäischen Geistes, Epiktet Handbüchlein der Moral und Unterredungen, Diogenes, Zürich, 1984, S.310 | Literatur (DEU)

[3] Georg Wöhrle, Roland Hardt, herausgegeben von Elisabeth Herrmann-Otto: Die Kultur des Alterns von der Antike bis zur Gegenwart, Röhrig, St. Ingbert, 2004, S.37 | Literatur (DEU)

[4] Franz Maciejewski, Axel Michaels, herausgegeben von Jan Assmann: Der Abschied von den Toten: Trauerrituale im Kulturvergleich, Wallstein Verlag, Göttingen, 2005 | Literatur (DEU)

[5] Artikel: Vom Ba und Ka: Die Seelenvorstellungen | Webseite (DEU)

[6] Welt: Artikel: Zu Gast bei der fröhlichsten Totenfeier der Welt, Eberhard von Elterlein, 2013 | Webseite (DEU)