Narabo-Philosophie-Existenzanalyse-Dimensionalontologie-Frankl-Lebenssinn-Was-ist-der-Mensch-Logotherapie-Reduktionismus

Wir geraten durch den Einfluss der Wissenschaft immer mehr in die Nähe von reduzierenden Ansichten.

Sehr häufig hört man heutzutage Meinungen wie beispielsweise, dass das Gehirn nichts als ein Computer sei, Liebe nichts als eine hormonelle Reaktion bedeute und die gesamte Welt nur ein sinnloses Zusammenspiel von Atomen und deren Kräften darstelle. Wir müssen uns fragen, ob solche Vereinfachungen ja überhaupt gerechtfertigt sind, oder doch nicht etwas Wichtiges übersehen.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Was ist der Reduktionismus?
  2. Kennzeichen einer reduktionistischen Weltsicht
  3. Der Reduktionismus und seine Makel
  4. Philosophische Bezugnahme
  5. Imago hominis – Frankls Dimensionalontologie
  6. Das erste Gesetz der Dimensionalontologie
  7. Das zweite Gesetz der Dimensionalontologie
  8. Fazit: Reduktionismus – ein Wunschdenken
  1. Was besagt der philosophische Reduktionismus?
  2. Welche Einwände können gegen den Reduktionismus sprechen?
  3. Inwieweit ergeben sich Probleme aus der philosophischen Position des Reduktionismus?
  4. Wie lautet Viktor Frankls Menschenbild?
  5. Was besagt die Dimensionalontologie?

Was ist der Reduktionismus?

Man kann die philosophische Position des Reduktionismus leicht unter eine Formel bringen: Das Ganze ist nichts als die Summe seiner Teile. In der Einleitung habe ich bereits einige Beispiel erwähnt. Sehr beliebt ist die Letztere, von der Physik geprägte Sicht, dass alles letztlich bloß aus Atomen bestehe und die Realität deshalb nichts weiter sei als ein Haufen von Atomen.

Mit einem Reduktionismus geht stets die vollständige Zurückführbarkeit – eben die Reduktion – von Theorien auf empirische Daten, von Ideen oder Begriffen auf konkrete Gegenstände und von natürlichen Gesetzmäßigkeit auf deterministische Zusammenhänge einher.

Das Vorgehen ist jenes eines terribles généralisateurs [1, S.47], also einer Person, die einen sehr speziellen Bereich – so zum Beispiel eine atomistische Weltdeutung – auf alles übertragen zu versucht, also unermesslich generalisiert. Durch eine solche Reduktion gehen jedoch unzählige Aspekte verloren.

Kennzeichen einer reduktionistischen Weltsicht

Der Psychiater Viktor Frankl hat wie viele andere Denker Zeit seiner akademischen Laufbahn gegen die Thesen des Reduktionismus, das heißt vor allem gegen den Psychologismus gekämpft, den er als eine Gefahr für die Dimension des Menschlichen ansah, denn „heute leben wir in einem Zeitalter der Spezialisten, und was sie uns vermitteln, sind bloß partikuläre Perspektiven und Aspekte der Wirklichkeit.“ [1, S.46]

So müssen wir aber stets bedenken, beteuerte Frankl ausdrücklich, dass „die Forschungsergebnisse aber nicht nur partikulär sind, sondern auch disparat, und es schwerfällt, sie zu einem einheitlichen Welt- und Menschenbild zu verschmelzen.“ [ebd.]

Genau diese Zerstückelung der Welt in sinnlose Einzelteile, die an und für sich keine Bedeutung mehr tragen, ist eine Krankheit der modernen Wissenschaft, die verheerende Folgen für die Umwelt und Menschheit hat. Was zum Beispiel bedeutet der Mensch aus der Sicht eines reduktionistischen Weltbilds basierend auf moderner Physik?

Er ist nur eine Sammlung von Atomen, genau wie alles andere. Unzählige Dimensionen des Lebens wie etwa Liebe, Freiheit, Würde, Geschichte, Sozialität, Kultur und so weiter, werden einfach weggestrichen, weil es eben nur noch Atome gibt. Wir sehen damit schnell, wohin eine reduktionistische Position, ob nun in der Form eines Biologismus, Psychologismus oder Physikalismus, hinführt.

Vor den Bäumen der Forschungsergebnisse sieht der Forscher nicht mehr den Wald der Wirklichkeit. [ebd.]

Den Reduktionismus könnte ich definieren als ein scheinwissenschaftliches Vorgehen, durch das die spezifisch humanen Phänomene auf subhumane Phänomene reduziert bzw. von ihnen deduziert werden. […] Hinter der Liebe stehen nunmehr nur noch sogenannte zielgehemmte Triebe, und das Gewissen ist dann nichts als das Über-Ich […] Mit einem Wort, spezifisch humane Phänomene wie Gewissen und Liebe werden zu bloßen Epiphänomenen gemacht. [1, S.48]

Der Reduktionismus und seine Makel

Einen offensichtlichen Grund haben wir gerade eben kennengelernt: der Reduktionismus entstellt ganz zentrale Phänomene menschlichen Lebens, ob nun Liebe, Moral oder Ästhetik, zu bloßen Schein-Phänomenen, die an sich auf nichts als basalen Grundlagen beruhen. Das Problem muss sich in der Frage äußern, ob diese Entwertung und Reduktion gerechtfertigt ist.

Im 20. Jahrhundert war der Reduktionismus die vorherrschende wissenschaftstheoretische Position. Durch den Glauben an die Allmacht der Wissenschaft bestärkt, nahm man nun an, dass sämtliche Phänomene der Welt, also humane wie inhumane, auf physikalische Zusammenhänge zurückgeführt werden könnten. „Dann ist Geist nichts als die höchste Nerventätigkeit“ [1, S.48] und Liebe nichts als Hormonspielerei.

Heutzutage ist in akademischen Kreisen die Lage wieder gespalten. Der Reduktionismus scheint an vielen Stellen zurückzutreten, sogar in den ›harten‹ Wissenschaften wie der Physik. Begründet ist dies vor allem durch neueste Einsichten, so zum Beispiel die des Beweises prinzipieller Unlösbarkeit eines alten Problems der Quantenphysik.

Im Dezember 2015 haben Wissenschaftler der Technischen Universität München, des University College London und der Universidad Complutense in Madrid den wirklich erstaunlichen Beweis erbracht, dass sogar mithilfe einer vollkommen perfekten und vollständigen Beschreibung der mikroskopischen Eigenschaften eines Materials nicht sein makroskopisches Verhalten vorherzusagen ist [2].

Als erstes Ergebnis solcher Art ist der Beweis in der modernen Debatte um den Reduktionismus wegweisend.

Philosophische Bezugnahme

Abgesehen von diesem recht neuen Einwand haben Philosophen schon seit längerer Zeit gegen die Anmaßung des Reduktionismus zugunsten einer Bewahrung der Menschlichkeit argumentiert. Ich möchte im Folgenden auf eine – meiner Ansicht nach – ganz besondere Position eingehen, die einen zentralen Einwand gegen den Reduktionismus anschaulich macht. Dies bildet hierfür die Grundlage:

Um eine Rettung des Menschlichen im Angesicht der reduktionistischen Aspirationen einer jeden pluralistischen Wissenschaft bemüht waren nun wie kaum wer anderer Nicolai Hartmann mit seiner Ontologie und Max Scheler mit seiner Anthropologie. Sie unterschieden distinkte Stufen bzw. Schichten wie das Leibliche, das Seelische und das Geistige. [1, S.51]

Ihnen entspricht je eine Wissenschaft, dem Leiblichen die Biologie, dem Seelischen die Psychologie und so weiter. Der Verschiedenheit der Stufen bzw. Schichten aber entspringt eben der Pluralismus der Wissenschaft – und wo bleibt die Einheit des Menschen? [1. S.52]

Hiermit stehen wir am Ausgangspunkt einer typischen reduktionistischen Haltung. Das sich daraus ergebende Problem zeigt die obige Frage. Wir wollen uns nun vor Augen führen, wie man der doch ziemlich verlockenden Zerstückelung des Menschen in Leib, Psyche und Geist zugunsten der Werterhaltung (Würde, Freiheit, Liebe) entkommen kann. Die Basis hierfür liefert Frankl:

Ausgehend von der Philosophie Nicolai Hartmanns und Max Schelers unterscheidet Frankl drei distinkte Schichten im Menschen, das Leibliche, das Seelische und das Geistige. Über die beiden genannten Philosophen hinaus ordnet er nicht einer jeden Schicht eine Wissenschaft zu – dem Leiblichen etwa die Biologie – [3] …

… sondern betrachtet den Menschen als Ganzes, ein Unteilbares, nämlich das Individuum, welches nicht gänzlich auf eine Sichtweise reduziert werden kann.

Imago hominis – Frankls Dimensionalontologie

Wie Frankl zur Erhaltung der Ganzheit und Unteilbarkeit des Menschen kommt, zeigt uns eine Analyse seiner Anthropologie, also seines Menschenbilds. Offensichtlich ist, dass der Mensch natürlich „wie eine Keramik von Rissen und Sprüngen“ [1, S.52] durchzogen ist und somit seine Verschiedenheiten besitzt. Jedoch zeichnet dies nach Frankl zu urteilen den Menschen gerade aus:

Nun, ich möchte den Menschen definieren als Einheit trotz der Mannigfaltigkeit. [ebd.]

„Denn es gibt eine anthropologische Einheit trotz der ontologischen Differenzen, trotz der Differenzen zwischen den unterschiedlichen Seinsarten“ [ebd.], die nach Frankl gar nicht dazu beitragen dürfen, dass wir die Einheit des Menschen übersehen könnten. Im Klartext sagt er hier einfach Folgendes: Wir können den Menschen zwar unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachten, werden damit aber niemals seine Ganzheit erschließen.

Das erste Gesetz der Dimensionalontologie

Wie begründet Frankl seine These der Ganzheit des Menschen gegen den Reduktionismus? Sein erstes Gesetz der Dimensionalontologie, welche nur ein Modell zur Veranschaulichung der Effekte bei Projektionen in verschiedene Ebenen darstellt, offenbart uns dazu die erste wichtige Einsicht:

Ein und dasselbe Ding, aus seiner Dimension heraus in verschiedene Dimensionen hinein projiziert, die niedriger sind als seine eigene, bildet sich auf eine Art und Weise ab, daß die Abbildungen einander widersprechen.

Projiziere ich beispielsweise das Trinkglas da, geometrisch ein Zylinder, aus dem dreidimensionalen Raum heraus in die zweidimensionalen Ebenen des Grund- und Seitenrisses hinein, dann ergibt dies im einen Falle einen Kreis, im anderen Falle jedoch ein Rechteck. Darüber hinaus ergibt die Projektion aber auch insofern einen Widerspruch, als es sich in jedem Fall um eine geschlossenen Figur handelt, während das Trinkglas doch ein offenes Gefäß ist. [1, S.53]

Beziehen wir diese Reduktion auf den Menschen (wie es ja der Reduktionismus tut, wenn er diesen auf nichts als biologische Abläufe herabsetzt) könnten wir Folgendes zusammenfassen: Auch der Mensch, um die Dimension des spezifisch Humanen reduziert, und in die Ebenen der Biologie und der Psychologie projiziert, bildet sich auf eine Art und Weise ab, daß die Abbildungen einander widersprechen. [1, S.54].

Denn die Projektion in die biologische Ebene ergibt somatische Phänomene, während die Projektion in die psychologische Ebene psychische Phänomene ergibt. Im Lichte der Dimensionalontologie aber widerspricht der Widerspruch nicht der Einheit des Menschen [ebd.], weil es immer noch Projektionen ein und desselben Gegenstands sind.

Das zweite Gesetz der Dimensionalontologie

Während wir bei der Reduktion eines Objekts innerhalb des ersten Gesetzes auf die daraus resultierende Schein-Widersprüchlichkeit kommen mussten, zeigt das zweite Gesetz der Dimensionalontologie noch einen weiteren Aspekt auf, nämlich den der Mehrdeutigkeit:

(Nicht ein und dasselbe, sondern) verschiedene Dinge, aus ihrer Dimension heraus (und zwar nicht in verschiedene Dimensionen, sondern) in ein und dieselbe Dimension hineinprojiziert, die niedriger ist als ihre eigene, bilden sich auf eine Art und Weise ab, daß die Abbildungen (nicht einander widersprechen, sondern) mehrdeutig sind.

Projiziere ich beispielsweise einen Zylinder, einen Kegel und eine Kugel aus dem dreidimensionalen Raum heraus in die zweidimensionale Ebene des Grundrisses hinein, dann ergibt dies in jedem Fall einen Kreis. [1, S.53]

Wie lässt sich nun auch dieses zweite Gesetz auf den Menschen übertragen? Wirklich ganz einfach: Projiziere ich verschiedene Menschen auf ein und dieselbe Ebene, zum Beispiel die Psychische, kann ich leicht darauf kommen, dass wir es mit denselben Erscheinungen zu tun haben. Ich könnte feststellen, dass die Person X ein Neurotiker ist, genauso wie jeder andere Neurotiker.

Auf diese Wiese werde ich jedoch der spezifisch humanen Dimension nicht gerecht. Ebenso besteht ja die Gefahr, dass ich unberechtigt einen Schluss darauf ziehe, was ein psychisches, biologisches oder sonstiges Symptom hinter sich hat, obwohl ich aufgrund der Mehrdeutigkeit im Grunde keine Aussage darüber treffen kann oder darf, ‚was den Schatten tatsächlich wirft‘, denn letztlich …

… bedarf alle Pathologie erst noch der Diagnose […] eines Durch-blicks, den Hinblicks auf den spezifischen Geist des Menschen, der hinter dem Pathos steht. […] Alle Symptomatologie bedarf erst noch der Diagnose, des Hinblicks auf eine Ätiologie, und in dem Maße, in dem die Ätiologie immer multidimensional ist, ist die Symptomatologie eben nun einmal mehrdeutig. [1, S.57]

Fazit: Reduktionismus – ein Wunschdenken

Die Dimensionalontologie Frankls zeigt anschaulich, warum scheinbare Widersprüche durch Reduktionen eben nur scheinbar sind. Zudem, warum vorschnelle Generalisierungen unberechtigt sein müssen. Frankl bezog sich in seiner Haupttätigkeit als Psychiater natürlich vor allem auf den Reduktionismus bezogen auf die Psyche, also den Psychologismus und dessen Relation zur Pathologie.

Sein Modell der Dimensionalontologie lässt sich jedoch selbstverständlich weiter auf viele Formen der Reduktion ausweiten. Zusammenfassend bleibt mir nur noch einmal darauf hinzuweisen, dass der Reduktionismus eine starke Blindheit mit sich führt, mit deren Hilfe er es sich viel zu leicht macht über die Wirklichkeit, ihre Beschaffenheit als auch Gesetzmäßigkeit zu sprechen.


Quellen und Verweise

[1] Frankl, Viktor: Ärztliche Seelsorge. Wien: dtv, 2007 | Literatur (DEU)

[2] Vgl.: Pro-Physik: Unberechenbare Festkörper, TUM, 10. Dezember, 2015 | Artikel (DEU)

[3] Rolf, Sibylle: Vom Sinn zum Trost. Überlegungen zur Seelsorge im Horizont einer relationalen Ontologie. Hamburg/London: LIT Verlag, 2003, S.111 | Literatur (DEU)