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Je nachdem wie man sich die Welt anschaut, bekommt man andere Antworten.

In der Psychologie sind seit jeher verschiedene Paradigmata, das heißt grundlegende Denkweisen vorhanden gewesen, die das Verhalten und Erleben von sowohl von Menschen wie auch von Tieren maßgeblich beeinflusst haben. Heutzutage kann man im Grunde sieben Perspektiven identifizieren, die in der Psychologie entweder gewirkt haben oder noch bis in die heutige Zeit nachwirken.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Was genau ist ein Paradigma?
  2. Das psychodynamische Paradigma Freuds
  3. Die behavioristische Perspektive Skinners
  4. Das humanistische Paradigma Rogers‘
  1. Was besagt die psychodynamische Perspektive?
  2. Wie lautet die Grundhaltung des Behaviorismus?
  3. Was besagt der psychologische Humanismus?

Was genau ist ein Paradigma?

Der Begriff Paradigma stammt vom griechischen Wort παράδειγμα ab, wurde aber erst im 18. Jahrhundert vom Mathematiker und Naturforscher Christoph Lichtenberg neu eingeführt [1]. Das Wort setzt sich zusammen aus παρα (parà – neben) sowie δεíκνυμι (deiknymi – zeigen) und meint in etwa begreiflich machen, wird aber auch als Vorbild, Muster oder Weltanschauung übersetzt.

Wie der Literatur- und Sprachwissenschaft Gero von Wilpert darstellt, verstand man in der antiken Rhetorik als Paradigma einen Befund, der als Be- oder Entkräftigung für eine dogmatisch geführte Argumentation oder eine Lehrmeinung diente [2]. In diesem Sinne lässt sich für den Begriff des Paradigmas folgende schöne und treffende Metapher verwenden:

Ein Paradigma ist wie eine Brille, die man sich aufsetzt bevor man die Welt betrachtet. Diese Brille verzerrt das Wahrgenommene in jedem Fall entsprechend ihrer Konstruktionsweise und Ausrichtung. Das Paradigma formt also die Erfahrung von der Welt. Ich sehe alle Dinge nur meiner Weltsicht entsprechend.

Typische Beispiele für Paradigmata sind das geo- oder das heliozentrische Weltbild, der Biologismus und viele weitere. In jeder Wissenschaft existieren Paradigmen, sie sind nicht automatisch schlecht und mit Vorurteilen behaftet, sondern im Grunde nichts als Grundauffassungen, die eben mehr oder weniger treffend sein können.

Auch die Psychologie als Wissenschaft kennt verschiedene Paradigmata, die das Beschreiben des Verhaltens von Individuen und ihrer kognitiven Zustände – die wesentliche Tätigkeit der Psychologie – stark beeinflusst haben.

Im Folgenden werde ich sieben dieser Perspektiven, die innerhalb der letzten 200 Jahre aufkamen, in einer kurzen Zusammenfassung vorstellen und damit einen Crashkurs zu psychologischen Grundpositionen liefern. Auf drei der sieben Paradigmata konzentriere ich mich in diesem Artikel. Die restlichen vier gibt es im zweiten Teil.

Das psychodynamische Paradigma Freuds

Beginnen wir nun mit einer der bekanntesten Anschauungen überhaupt: der Position Sigmund Freuds, auch die psychodynamische Perspektive genannt. Psychodynamik ist in Kürze zusammengefasst die Lehre vom Wirken sogenannter innerseelischer Kräfte.

Dieser Perspektive zufolge rühren Handlungen von ererbten Instinkten, biologischen Trieben und dem Versuch her, Konflikte zwischen persönlichen Bedürfnissen sowie sozialen Erfordernissen zu lösen. Zustände der Deprivation, physiologische Erregung und Konflikte liefern die Energie für das Verhalten. [3, S.13]

Diesem Modell zufolge enden die Reaktionen eines Organismus genau dann, wenn seine Bedürfnisse befriedigt und somit seine Triebe zurückgegangen sind. Der alleinige Zweck von Verhalten und Handeln besteht gar darin, Spannungen zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen persönlichem Interesse und äußeren Geboten vollends zu vermeiden.

Die Triebe, inneren Spannungen sowie Konflikte, die wir alle besitzen, sind meist nicht bewusst vorliegend. Freud wurde innerhalb der Psychologie darauf basierend vor allem darum so gelobt, weil er das sogenannte Unbewusste bzw. Irrationale im Menschen anerkannte.

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Freuds topisches Modell der Psyche bestehend aus Es, Über-Ich und Ich

Nur aus der Konfrontation des uns Unbewussten und den bewussten Aspekten des Lebens erwächst ein komplexes psychischen Netzwerk, das uns als Menschen anzieht und abstößt. Freuds Strukturmodell der Psyche (das topische Modell) beschreibt diesen Zustand knapp durch die Gegenüberstellung des Es und Über-Ich, welche vom Ego (Ich) vermittelt werden, dieses in Wahrheit jedoch ziehen und lenken.

Freud gilt als der sicherlich bekannteste Psychologe überhaupt. Jeder hat von ihm gehört. Doch sind seine Theorien heutzutage veraltet und in vielen Punkten als falsch respektive unwissenschaftlich widerlegt [4]. Nichtsdestotrotz formen seine Ideen die Welt der psychologischen Gedanken bis zum heutigen Tage.

Die behavioristische Perspektive Skinners

Der Behaviorismus ist das strikte wissenschaftstheoretische Konzept, welches Verhalten und Handeln von Menschen sowie von Tieren mit naturwissenschaftlichen Methoden, demnach frei von Introspektion oder Einfühlung untersucht und zu erklären versucht.

Im Gegensatz zur frühen Einstellung des Strukturalismus, der unter anderem Bemühungen anstellte sämtliche Kategorien der Wahrnehmung in Begriffe einzuordnen, beschränkt sich der Behaviorismus auf beobachtbares Verhalten, das empirisch sehr präzise im Experiment nachgewiesen wird.

Wer nun eine behavioristische Perspektive einnimmt, versucht zu verstehen, wie bestimmte Umweltstimuli bestimmte Arten des Verhaltens hervorrufen. [3, S.13]

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Klassisches S-R-Schema gemäß dem Behaviorismus – Skinner modifizierte dieses Schema leicht

Klassischerweise hört man im Kontext des Behaviorismus von Experimenten wie der Skinner-Box bei der das Verhalten eines Tieres vollständig mithilfe von Belohnung für erwünschtes Verhalten in Sinne der operanten Konditionierung beeinflusst werden kann.

Der Behaviorist ist davon überzeugt, dass Verhalten nichts als die Reaktion auf einen Reiz ist. Ein eintreffender Reiz (Stimuli) führt zu einer entsprechenden Reaktion. Dabei erfolgt ein Zwischenschritt über die sogenannte Black-Box, welche den Verarbeitungsvorgang des Reizes im Gehirn symbolisiert.

Der Behaviorist entfernt aus seinem wissenschaftlichen Vokabular alle Begriffe wie Empfindung, Wahrnehmung, Vorstellung, Verlangen, Zweck und sogar Denken und Emotionen, solange sie subjektiv definiert sind. [5, S.6]

Der Behaviorist erkennt keine solchen Dinge an wie … mentale Eigenschaften, Dispositionen oder Neigungen. [ebd. S.78]

Heutzutage ist der Allmachtsanspruch der behavioristischen Sichtweise längst verdrängt worden. Die Annahme sämtlicher Behavioristen, dass sich die Erkenntnisse in Tier-Experimenten uneingeschränkt auf den Menschen beziehen lassen könnten, ist mehr als fragwürdig und wird heutzutage nicht mehr getragen.

Einen (experimentellen) Einblick in das psychologische Programm, welches den Behaviorismus als Theorie stark geschwächt hat, findest du im zweiten Teil dieses Artikels unter dem Stichwort Kognitivismus.

Das humanistische Paradigma Rogers‘

Der psychologische Humanismus wurde während der 50er-Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts im Kontrast zur psychodynamischen und behavioristischen Perspektive entwickelt und ist übrigens jene Perspektive, die mir am meisten am Herzen liegt.

Ein Humanist sagt nicht, dass der Mensch von starken inneren Trieben und Konflikten geleitet wird, noch wird er durch verschiedene Umweltstimuli zu einem bestimmten Verhalten verleitet. Stattdessen geht der Humanismus ausdrücklich davon aus, dass der Mensch als aktives Geschöpf eine Möglichkeit zur Wahl, zur Entscheidung trägt und somit Verantwortung und Freiheit besitzt. [vgl. 3, S.14]

Das Individuum verfügt potentiell über unerhörte Möglichkeiten, um sich selbst zu begreifen und seine Selbstkonzepte, seine Grundeinstellung und sein selbstgesteuertes Verhalten zu verändern; dieses Potential kann erschlossen werden, wenn es gelingt, ein klar definiertes Klima förderlicher psychologischer Einstellungen herzustellen. [6]

Der Psychoanalytiker und eremitierte Professor für Psychiatrie an der Universität Stanford Irvin D. Yalom fasst die fünf wichtigsten Grundannahmen der humanistischen Psychologie wie folgt zusammen [7]:

  • Erstens: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile.
  • Zweitens: Der Mensch lebt in zwischenmenschlichen Beziehungen.
  • Drittens: Der Mensch lebt bewusst und kann seine Wahrnehmungen schärfen.
  • Viertens: Der Mensch kann entscheiden.
  • Fünftens: Der Mensch ist intentional.

Der Humanist erklärt das Verhalten des Menschen anhand seiner ihm vollkommen wesentlichen Ausprägung zur Selbstverwirklichung (A. Maslow), dessen Verwirklichung Ziel des menschlichen Lebens ist. Das Individuum zeigt immer eine natürliche Tendenz zur geistigen Weiterentwicklung und Gesundheit.

Hier erkennen wir sehr gut, warum diese Position ihren Namen trägt: der Humanismus betrachtet den Menschen als Einheit, als ein Gesamtes, das nicht unter der Zerstückelung in Teilaspekte des Menschseins leiden soll. Dieser psychologische Holismus hat insbesondere die Psychotherapie enorm geprägt.

Außerdem führte diese neue Sichtweise zu einer starken Förderung der Entwicklung der Psychologie:

Der humanistische Ansatz erweitert das Gebiet der Psychologie um wertvolle Erkenntnisse aus Untersuchungen zur Literatur, Geschichte, und den Künsten. Dadurch wird Psychologie eine vollständigere Disziplin. [3, S.15]

Im zweiten und dritten Teil dieser Artikelserie betrachten wir vier weitere Paradigmata der Psychologie.


Quellen und Verweise

[1] Vgl.: Toulmin, Stephen Edelston: Menschliches Erkennen, I: Kritik der kollektiven Vernunft, übersetzt von Hermann Vetter. 1. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, S.131f. | Literatur (DEU)

[2] Vgl.: Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 4. Auflage, Kröner, Stuttgart, 1964, S. 194 | Literatur (DEU)

[3] Gerrig, R., Klatt, A.(Übersetzer). Psychologie. Pearson, 2016, 20. Auflage| Literatur (DEU)

[4] YaleCourses: Introduction to Psychology. 3 – Foundations: Freud | Video (ENG)

[5] Watson, John B.: Behaviorism. Kegan Paul, Trench, Trubner & Co., Ltd: London, 1930 | Literatur (ENG)

[6] Rogers, Carl R.: Der neue Mensch – Klett – Cotta: Stuttgart, 1981, S.66 | Literatur (DEU)

[7] Yalom, Irvin: Existenzielle Psychotherapie; Edition Humanistische Psychologie, Köln, 1989, S. 30/31 | Literatur (DEU)