Narabo-Die-sieben-Paradigmata-der-Psychologie-Philosophie-Grundlagen-Teil-2-Kognitivismus

Je nachdem wie man sich die Welt anschaut, bekommt man andere Antworten.

In der Psychologie sind seit jeher verschiedene Paradigmata, das heißt grundlegende Denkweisen vorhanden gewesen, die das Verhalten und Erleben von sowohl von Menschen wie auch von Tieren maßgeblich beeinflusst haben. Heutzutage kann man im Grunde sieben Perspektiven identifizieren, die in der Psychologie entweder gewirkt haben oder noch bis in die heutige Zeit nachwirken.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Kurze Wiederholung des ersten Teils
  2. Anti-Behaviorismus – Kognitive Wende
  3. Kognition und Organismusvariable
  4. Einblick in Tolmans historisches Experiment
  5. Reduktionismus und die biologische Perspektive
  6. Reduktionismus versus Humanismus
  1. Was bezeichnet der Begriff Kognitivismus?
  2. Was ist unter der kognitiven Wende zu verstehen?
  3. Inwiefern trug Tolman zur kognitiven Wende bei?
  4. Was besagt der Reduktionismus?
  5. In welchem Verhältnis stehen der Reduktionismus und der Humanismus?

Kurze Wiederholung des ersten Teils

Im ersten Teil über die sieben großen Paradigmata der Psychologie haben wir uns mit der psychodynamischen, behavioristischen und humanistischen Auffassung beschäftigt. Wir haben ihre Kernthesen und exemplarische Vertreter kennengelernt. Im zweiten und dritten Teil zu diesem Thema werden wir uns vier weitere Paradigmata etwas näher zu Gemüte führen.

Für diesen Zweck sollten wir uns aber zunächst nochmals prägnant vor Augen führen, was die ersten drei oben genannten Positionen in ihrem Kern sagen, weil dies durchaus eine Rolle für die in diesem Artikel und die darin geschilderten Paradigmata spielen wird. In Kürze:

  1. Psychodynamisches Paradigma (s. Sigmund Freud): Dieser Perspektive zufolge rühren Handlungen von ererbten Instinkten, biologischen Trieben und dem Versuch her, Konflikte zwischen persönlichen Bedürfnissen sowie sozialen Erfordernissen zu lösen. Zustände der Deprivation, physiologische Erregung und Konflikte liefern die Energie für das Verhalten. [1]
  2. Behavioristisches Paradigma (s. B. F. Skinner): Ein Behaviorist ist davon überzeugt, dass Verhalten nichts als die Reaktion auf einen Reiz ist. Ein eintreffender Reiz (Stimuli) führt zu einer entsprechenden Reaktion. Dabei erfolgt ein Zwischenschritt über die sogenannte Black-Box, welche den Verarbeitungsvorgang des Reizes im Gehirn symbolisiert. [2]
  3. Humanistisches Paradigma (s. Carl Rogers): Ein Humanist sagt nicht, dass der Mensch von starken inneren Trieben und Konflikten geleitet wird, noch wird er durch verschiedene Umweltstimuli zu einem bestimmten Verhalten verleitet. Stattdessen geht der Humanismus ausdrücklich davon aus, dass der Mensch als aktives Geschöpf eine Möglichkeit zur Wahl, zur Entscheidung trägt und somit Verantwortung und Freiheit besitzt. [ebd.]

Anti-Behaviorismus – Kognitive Wende

Nach der psychodynamischen Perspektive Freuds nannte ich im ersten Teil die behavioristische Position Skinners. Was nun die Paradigmata der Psychologie anbelangt, ist es spannend festzustellen, dass sie sich teilweise extrem rivalisierend gegenüberstehen. So verhält es sich zum Beispiel mit dem Behaviorismus und dem Kognitivismus.

Der Begriff Kognition bezieht sich auf alle Prozesse des Erwerbs, der Organisation, der Speicherung und der Anwendung von Wissen. [3]

Der Ursprung des Kognitivismus wird in der von Max Wertheimer begründeten Gestaltpsychologie verortet [4]. Gestaltpsychologie konzentriert sich darauf, wie der menschliche Geist eine Erfahrung als Gestalt – das heißt als organisiertes Ganzes – auffasst und nicht als eine Sammlung von einzelnen Strukturen [5]. Basierend auf dieser Grundlage kam es also zur Entwicklung des Kognitivismus.

Als zentrale Verbindung zwischen der bis dato vorherrschenden Strömung des Behaviorismus zur sogenannten kognitiven Wende, sieht der Entwicklungspsychologe Guy Lefrancois in ganz besonderem Maße die Studie von Edward Chace Tolman (1886-1959).

Einschub: Man spricht von einer kognitiven Wende einfach aus dem Grund, weil bis dato der Behaviorismus als vorherrschende Theorie galt, der – wie genügend erörtert – kognitive Verarbeitungsprozesse als wesentlichen Bestandteil von Verhalten leugnet. Die Wende vollzog sich somit vom Behaviorismus zum Kognitivismus.

Kognition und Organismusvariable

Tolman ging zunächst vom Behaviorismus aus und postulierte demzufolge, dass jegliches Verhalten auf ein Reiz-Reaktions-Schema zurückzuführen ist. Indem er anhand von Experimenten mit Ratten zeigen konnte, dass es so etwas wie latentes Lernen geben muss, entkräftete er das behavioristische Paradigma. [6] (Siehe obiges Schema)

Narabo-Psychologie-Behaviorismus-Kognitivismus-Kognitive-Wende-S-R-Schema-Tolman

Oben: Das klassische S-R-Schema des Behaviorismus. Unten: Das neobehavioristische S-O-R-Schema

Das klassische Stimulus-Reaktions-Schema des behavioristischen Paradigmas wurde wesentlich umgestoßen. Zuvor galt, dass die scheinbare Verarbeitung der einkommenden Stimuli keine Auswirkung auf die Reaktion hat. Der Begründer des radikalen Behaviorismus B. F. Skinner (1904-1990) ging sogar davon aus, dass sogenannte kognitive Fähigkeiten nichts als Reaktionen auf Umweltstimuli seien.

Die kognitive Wende, welche sich gegen Ende der 1940er Jahre vor allem angestoßen durch Tolmans Experimente zu entwickeln begann, widersprach Skinners Auffassung stark. Das klassische S-R-Schema wurde durch ein S-O-R-Schema ersetzt, wobei O für Organismus-Variable steht.

In Kürze gesagt, beschreibt die Organismusvariable genau das, was wir gemeinhin als kognitive Prozesse (etwa Denken, Erinnern …) bezeichnen und somit gleichzeitig das, was Skinner als Einflussfaktor auf das Verhalten zu leugnen versucht hat.

Einblick in Tolmans historisches Experiment

Die Details seines Experiments sind etwas haarig und sollten uns an dieser Stelle nicht aufhalten. Falls du mehr darüber erfahren willst, kannst du hier alles nachlesen, was dein wissbegieriges Herz einen Luftsprung machen lässt. In aller Kürze will ich trotzdem einen groben Einblick geben:

Tolman setzte verschiedene Ratten, die insgesamt in drei Gruppen aufgeteilt waren, in ein Labyrinth. Jede Ratte wanderte durch das Labyrinth, bis sie zum Ziel gelangte oder auch nicht. Gemessen wurde über mehrere Wochen hinweg die Erfolgsrate das Ziel des Labyrinths zu erreichen. Für die erste Gruppe wartete dort eine Belohnung, für die zweite nichts und für die dritte Gruppe eine Belohnung erst am dem elften Versuchstag.

Nun das spannende Resultat: Man muss nach der behavioristischen Auffassung vermuten, dass die dritte Gruppe von Tag 1 bis 11 der ersten Gruppe und ab Tag 11 der zweiten Gruppe ähneln würde. Es trifft jedoch nur die erste Hypothese zu. Ab dem elften Tag schnitt die dritte Gruppe erstaunlicherweise wesentlich besser ab, als die erste!

Tolmans Schlussfolgerung: Die Ratten haben ein mentales Bild des Labyrinths abgespeichert. Als sie dann ab dem elften Tag einen Anreiz bekamen, dieses auch zu zeigen (Belohnung am Ende des Labyrinths), setzten sie es ein und waren sogar erfolgreicher als jene Gruppe, die gleich zu Beginn mit der Belohnung gestartet hat:

[The rats] had been building up a ‚map‘ and could utilize the latter as soon as they were motivated to do so. [6]

Zurück zum Ausgangspunkt, nämlich dem kognitiven Paradigma der Psychologie. Was besagt es nun genau? Ganz simpel: Während behavioristische Lerntheorien schwerpunktmäßig die äußeren Bedingungen des Lernens (Auslösung von Reaktionen durch Reize bzw. Belohnung oder Bestrafung des Verhaltens durch nachfolgende Konsequenzen) beschreiben, rückt bei den kognitiven Lerntheorien die innere Repräsentation der Umwelt in dem Mittelpunkt des Interesses. [7]

Reduktionismus und die biologische Perspektive

Das biologische Paradigma ist der Ansatz, welcher sich bei den Ursachen und der Erklärung des Verhaltens stets auf die Funktionsweise der Gene, des Gehirns, des Nervensystems und des endokrinen Systems konzentriert. Es stellt den Versuch dar, Verhalten auf Chemie und Physik zu reduzieren und gliedert sich in zwei Teile [8]:

  1. Die Untersuchung der physiologischen Prozesse (also der biochemischen und elektrochemischen Prozesse), die mit dem Verhalten und Erleben einhergehen.
  2. Die Untersuchung der Zusammenhänge von genetischen sowie epigenetischen und auch evolutionären Bedingungen mit psychologischen Phänomenen.

Eine wirklich gelungene Beschreibung des biologischen Paradigmas liefert Professor Michael Trimmel der medizinischen Universität Wien in seinem Einführungsbuch zur Psychologie:

Das biologische Paradigma ist kein rein psychologisches Paradigma, es greifen jedoch viele psychologische Theorien darauf zurück. Bei diesen Theorien wird das gesamte Verhalten mit neurophysiologischen, elektrochemischen und biochemischen Prozessen des Organismus in Beziehung gesetzt. So wird z.B. Depression als Folge eines Mangels an bestimmten Neurotransmittern, nämlich Noradrenalin und Serotonin, betrachtet. [ebd.]

Spannend ist indessen die Beziehung zwischen Kognitivismus und dem biologischen Paradigma. Letzteres hat sich nämlich aus der kognitiven Wende heraus zu formen begonnen, da man sich unweigerlich folgender Frage stellen musste: Sofern wir das Verhalten auf ein neuronales Geschehen reduzieren können, woraus setzt sich dieses dann zusammen?

Narabo-Psychologie-Reduktionismus-Humanismus-Schema

(a) Biologischer Reduktionismus (b) Humanistischer Interaktionismus [9]

Die Antwort darauf ist offensichtlich: neuronales Geschehen ist letztlich auch nichts anderes als eine Menge von chemischen Verbindungen. Letztlich stoßen wir bei der Untersuchung des Verhaltens auf kleinster Ebene auf den Austausch von Elektronen und die Ausschüttung von Neurotransmittern –  genau mit diesem Punkt befasst sich das biologische Paradigma.

Reduktionismus versus Humanismus

Die obigen beiden Schemata zeigen dies überaus deutlich. Schema (a) zeigt den linearen Bestimmungsverlauf von Verhaltensweisen ausgehend von der molekularen Ebene hin zur sozialen. Im Kontrast dazu sehen wir im Schema (b) den sogenannte interaktionistischen Verlauf.

Im ersten Teil haben wir im Rahmen des Humanismus bereits festgehalten, dass dort die These hochgehalten wird, der Mensch sei durchaus mehr als die Summe seiner Teile. Dies steht offensichtlich im krassen Konflikt mit der hier geschilderten reduktionistischen Auffassung, die den Menschen doch gerade auf seine molekularen Teile zerlegen will. Sind Humanismus und Reduktionismus nun unvereinbar?

Die Antwort lautet: Ja und Nein. Einerseits kann ein ernstzunehmender Humanist nicht leugnen, dass der Körper (Soma) nicht gewissen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, die kalt und trocken nach naturwissenschaftlichen Standards beschrieben werden können. Sonst würde es in der klinischen Praxis ja auch überhaupt vollkommen sinnlos sein auf Medikamente wie Antidepressiva zurückzugreifen.

Andererseits stehen Humanisten wie Viktor Frankl dafür ein, dass es eine genaue Trennung zwischen dem geben muss, was es heißt ein Mensch zu sein (noetische Dimension) und was es heißt, das Lebewesen Mensch zu sein. Mit seiner Dimensionalontologie führt Frankl eine Argumentation dagegen, dass man das Menschliche auf chemische Prozesse reduzieren könne. [10]

Im Detail findest du Frankls Argumentation gegen den Reduktionismus und eine Erklärung seines Menschenbilds in diesem Artikel: Die Rettung des Menschlichen im Kampf gegen den Reduktionismus.

Im dritten Teil dieser Artikelserie zu den sieben großen Paradigmata der Psychologie gehen wir abschließend auf die evolutionäre und kulturvergleichende Perspektive ein.


Quellen und Verweise

[1] Gerrig, R.; Klatt, A. (Übersetzer). Psychologie. Pearson, 2016, 20. Auflage, S.13f. | Literatur (DEU)

[2] Artikel: Die sieben großen Paradigmata der Psychologie – Teil 1 | Blog (DEU)

[3] Mayer, Horst Otto: Einführung in die Wahrnehmungs-, Lern- und Werbe-Psychologie. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2000, S. 27 | Literatur (DEU)

[4] Lefrançois, Guy R; Angermeier, Wilhelm F.; Leppmann, Peter K.; and Thiekötter, Thomas J.: Psychologie Des Lernens. Berlin: Springer, 1986, S.91ff. | Literatur (DEU)

[5] Gerrig, R., Klatt, A. (Übersetzer). Psychologie. Pearson, 2016, 20. Auflage, S. 10 | Literatur (DEU)

[6] Tolman, E. C. (1948). Cognitive maps in rats and men. Psychological Review, 55 (4), 189-208 | Literatur (ENG)

[7] Edelmann, Walter: Lernpsychologie. BeltzPVU, 1996, 5. Auflage, S. 8 | Literatur (DEU)

[8] Trimmel, M.: Einführung in die Psychologie: Lit Verlag, 2015, S. 18f. | Literatur (DEU)

[9] Eigene Abbildung, übernommen von P. Thagard / Topics in Cognitive Science 1 (2009), S. 244 | Literatur (ENG)

[10] Artikel: Die Rettung des Menschlichen im Kampf gegen den Reduktionismus | Blog (DEU)