Narabo-Philosophie-Die-Sieben-Weisen-Griechenlands

Viele haben von ihnen gehört, wenige wissen Genaues über sie.

Jeder, der sich auch nur ein klein wenig in den Weiten der Geschichte der Philosophie umgehört hat, ist über die sogenannten sieben Weisen Griechenlands gestolpert. Es handelt sich dabei um vorsokratische Philosophen, die aufgrund ihrer großen Bedeutung für die antike griechische Kultur und ihrer bekannten Sprüche an Berühmtheit gewonnen haben.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Wer waren die sieben Weisen?
  2. Dann ist doch alles klar, oder?
  3. Die Bedeutung der sieben Weisen
  4. Die Sprüche der sieben Weisen
  1. Wer zählt zu den sieben Weisen?
  2. Welche historischen Quellen gibt es?
  3. Welche Bedeutung haben die sieben Weisen?
  4. Wie lauten die Sprüche der sieben Weisen?

Wer waren die sieben Weisen?

Es scheint, wenn man schon von genau sieben Weisen spricht, müsse vollkommen klar sein, wer zu dieser Gruppe der sieben gehört und wer nicht, dem ist aber nicht so. Leider sind die wenigen Quellen durch, respektive über die zahlreichen Jahrhunderte hinweg verwaschen, verloren gegangen oder einfach widersprüchlich geworden.

Schließlich müssen wir uns klarmachen, dass die vorsokratische Periode mittlerweile eine recht lange Zeit her ist und die Texte, Überlieferungen und Erzählungen durch viele Hände gekommen sind. Um konkrete Zahlen vor Augen zu haben, kann man die vorsokratische Periode im Zeitraum von etwa 600 bis 350 v. Chr. einordnen. [1]

Heute rankt sich um den ominösen Titel zum größten Teil die Vorstellung, es handele sich bei den sieben Weisen um große vorsokratische Denker, Politiker und Naturforscher, die jeweils durch die von ihnen in aller Prägnanz geprägten Weisheitssprüche Berühmtheit erlangten. Das sollten wir und etwas genauer betrachten.

Es macht nun Sinn zu fragen, wann die Auflistung der sieben Weisen erstmals stattgefunden hat, respektive welche die älteste uns erhalten gebliebene Quelle ist. Bei dieser handelt es sich um einen der platonischen Dialoge. Platon erwähnt in Protagoras erstmals eine vollständige Liste der sieben Weisen (343 a4):

  • Thales von Milet
  • Pittakos von Mytilene
  • Bias von Priene
  • Solon von Athen
  • Kleobulos von Lindos
  • Myson von Chenai
  • Chilon von Sparta

In der Aufzählung dieser ausdrücklich sieben (a4) Personen liegt, ohne daß sie die Sieben Weisen genannt werden, die älteste Liste der sog. Sieben Weisen vor (in späteren Quellen werden sie zumeist als επτά σοφοί [die Sieben Weisen] bezeichnet. [2]

Dann ist doch alles klar, oder?

Die Sieben Weisen sind bei Platon erstaunlicherweise jedoch keine festen Größen. Es besteht gar die Vermutung, dass Platon die Liste als pauschale Angabe, sogar ironisierend geschaffen hat [vgl. 2]. Demnach wären die sieben Weisen ja nichts als zufällig aufgelistete Denker und Naturforscher jener antiken Zeit, die den ehrwürdigen Titel vielleicht gar nicht verdient hätten.

Außerdem ist in der Forschung nicht sicher, ob Platon die Liste als Erster aufgestellt hat, oder sich von früheren Erzählungen hat inspirieren lassen. Es könnte durchaus der Fall sein, dass er einfach die Liste der sieben Weisen dem Volksmythos des 5. oder 6. Jahrhunderts v. Chr. entnommen hat. [4]

Es ist indessen nicht nur die Bedeutung der Gruppe umstritten, sondern vor allem auch ihre Zusammensetzung. Die Sieben Weisen sind in der Geschichte der Philosophie keine festen Namen gewesen und haben sich von Autor, Quelle und Zeitpunkt abhängig gewandelt, genauso wie die ihnen zugeordneten Sprüche:

Ebenso wie die Zusammensetzung der Gruppe unterschiedlich angegeben wurde, stand auch die Zuordnung der Aussprüche zu den einzelnen Weisen nicht immer eindeutig fest. […] So wurde der Spruch ‚Erkenne dich!‘ (u.a.) Thales und Chilon zugeschrieben […] ‚Nichts im Übermaß!‘ Solon, aber auch Chilon […][2]

Aus diesem Grund beginnt Luciano DeCrescenzo seine einfach zu lesende sowie sehr lustige Einführung in die griechische Philosophie auf folgende Weise recht scherzhaft: Die Sieben Weisen waren zweiundzwanzig, nämlich: Thales, Pittakos, Bias, Solon, Kleobulos, Chilon, Periandros, Myson, Aristodemos, Epimenides, Leophantos, Pythagoras, Anacharsis, Epicharm, Akusilaos, Orpheus, Peisistratos, Pherekydes, Hermioneos, Lasos, Pampilos und Anaxagoras. [3, S.21]

Die Bedeutung der sieben Weisen

Zunächst müssen wir festhalten, dass die sieben Weisen keinerlei Rolle für die moderne Philosophie spielen. Man würde diese ‚Weisen‘, die als σοφοί (= Wissende) bezeichnet wurden zwar ‚Philosophen‘ nennen, aber heutzutage ganz und gar nicht mehr als Philosophen beschreiben, da die moderne Tätigkeit der Philosophie eine ganz andere ist.

Spricht man also von der Bedeutung der sieben Weisen, dann lediglich in Hinblick auf ihre Relevanz in der Antike.

Dort nahmen sie tatsächlich eine wichtige Stellung ein – offensichtlich hätten sie sonst nicht diesen ehrwürdigen Titel erhalten. Man kann sagen, dass sie sieben Weisen in erster Linie eine Autoritätsposition innehatten und in Sachen der Erziehung eine zentrale Stellung einnahmen:

[Die Worte der sieben Weisen] dienten den Vätern zur Erziehung ihrer Söhne, und sie wurden von den Rednern in der Politik wie auch vor Gericht stets zitiert; ihre Lieder erklangen rundum bei Gastmählern, und im Unterschied zu manchen heutigen Schlagern waren sie gespickt mit moralischen Grundsätzen.

Ich erinnere mich da vor allem an einen Gesang von Chilon, in dessen Kehrreim es heißt: »An Schleifsteinen prüft man das Gold …, am Gold aber zeigt sich die Sinnesart der Männer, ob sie gut sind oder schlecht.« [3, S.23]

Die Sprüche der sieben Weisen

Der gallo-römische Dichter Ausonius (310-394) lässt eine seiner Figuren im Stück Ludus Septem Sapientum (Das Spiel der Sieben Weisen) deren berühmte Sprüche und Maximen verkünden. Natürlich sind dies bei weitem nicht die einzigen, die den jeweiligen Weisen über die Geschichte hinweg zugeordnet wurden, aber es reicht als gute Basis. Vielleicht kannst du dich von einem der Sätze inspirieren lassen?

Die folgende Passage, in der die Sprüche der sieben Weisen aufgeführt werden, ist aus dem Werk Bruno Snells, eines klassischen Philologen, mit dem Titel Leben und Meinungen der Sieben Weisen zitiert [5]:

In Delphi, heißt’s, schrieb Solon von Athen
γνῶθι σεαυτόν, zu deutsch: erkenne dich.
Doch manche meinen, dies sei Chilons Wort.

Die Maxime γνῶθι σεαυτόν (gnṓthi seautón), also ‚erkenne dich‘, ist einer der berühmtesten Sprüche überhaupt. Die Bedeutung dieser Maxime weitet sich auf verschiedene Bereiche mit verschiedenen Interpretationen aus. Ursprünglich könnte man diesen Satz einfach als Aufforderung zur Demut gegenüber den Göttern verstanden haben.

Spätestens zur Zeit der Stoa erlangte die Aufforderung zur Selbsterkenntnis eine Wendung: der Mensch soll sich bewusst werden, dass er sterblich, in seinen Möglichkeiten unvollkommen und in seinem Leben sehr begrenzt ist. Entsprechend muss er, um gelungen leben zu können, ein rechtes Maß der Bescheidenheit zur Tugend entwickeln.

Spartaner Chilon, auch wird drum gestritten,
Ob dein der andre Spruch sei: ὅρα τέλος μακροῦ βίου,
den man dir zuschreibt, da du befiehlst,
das Ende eines langen Lebens erst abzuwarten. […]

Die Maxime ὅρα τέλος μακροῦ βίου (hóra telos makru bíu), sinngemäß „Achte auf das Ende bei einem langen Leben“, mag jeder für sich selbst interpretieren. Nach meiner Ansicht gibt es hier nicht wirklich viel zu gewinnen.

Doch Pittakos von Lesbos, heißt es, habe gesagt:
γίγνωσκε καιρόν und ermahnt:
Erkenn‘ die Zeit, – καιρός ist ‚rechte Zeit‘.

Von großer Bedeutung ist dagegen Pittakos Spruch γίγνωσκε καιρόν (gígnōske kairón), in etwa: erkenne den rechten Zeitpunkt! Eine jede Handlung kann vollkommen verpfuscht sein, wenn sie zur falschen Zeit erfolgt. Besonders in der aristotelischen Tugendethik wird das rechte Maß, also der rechte Weg eine Handlung zu vollziehen, nur einige Jahrhunderte später nach diesem Spruch maßgebend zum Leitfaden einer neuen Ethik.

Und Bias von Priene sprach: οἱ πλεῖστοι κακοί,
das heißt auf deutsch: die meisten Menschen
Sind schlecht; – versteh‘, die Toren nennt er schlecht.

Bias‘ Spruch οἱ πλεῖστοι κακοί (hoi pléistoi kakói) ist eine vielleicht wahre, doch pessimistische Einstellung, die darauf beruht, dass er die meisten Menschen mit Toren, also Narren, gleichsetzt. Ein Narr kennzeichnet sich dadurch, dass er nicht der Vernunft folgend handelt, zudem unbelehrbar, mutwillig und naiv ist. Bias verurteilt diese spezifischen Charakterzüge, die nach seiner Ansicht den meisten Menschen zufallen.

Und Periander aus Korinth: μελέτη τὸ πᾶν;
Bedacht, meint er, vermöge alles.

Habe das Ganze im Sinn, oder μελέτη τὸ πᾶν (melétē to pan). Hiermit ermahnt uns Periander Weitsicht zu zeigen und uns immer die große Gesamtheit des Lebens vor Augen zu führen. Wir sollten uns alleweil fragen, wie unser Leben, unser Handeln und Wirken auf dieser Welt im Kontext betrachtet erscheint.  

ἄριστον μέτρον lehrte Kleobulos aus Lindas,
– deutsch: das Beste ist das Maß.

Einen weiteren Hinweis auf die Wichtigkeit des Mittleren in der antiken Ethik liefert Kleobulos mit seiner Maxime ἄριστον μέτρον (métron áriston): Maßhalten ist das Beste. Aristoteles gibt dieser Maxime einige Zeit später in seiner Nikomachischen Ethik eine neuere Form, indem er die Lehre der richtigen Mitte aufstellt, die sogenannte Mesotes-Lehre.

Ein Zuviel der Dinge, ebenso wie ein Zuwenig, ist in allen Angelegenheiten nicht erwünscht. Anstatt sich in Extreme zu stürzen, sollte eher darauf geachtet werden, sich mit gesunden Verhältnissen zu umgeben und ausgerichtet am rechten Maß zu leben.

Und Thales sprach: ἐγγύα, πάρα δ᾽ ἄτα;
Er warnt vor Bürgschaft, da sie Schaden bringt.
Dem, der entleiht, mißfällt zwar diese Mahnung.
Ich hab’ gesprochen, trete ab; und Solon,
Der die Gesetze gab, tritt auf.

Bürgschaft, schon ist Unheil da – ἐγγύα, πάρα δ᾽ ἄτα (engýa pára d’áta) – Was könnte Thales hiermit gemeint haben?


Quellen und Verweise

[1] Deussen, P.: Allgemeine Geschichte der Philosophie. Mit besonderer Rücksicht der Religionen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1920, S. 33f. | Literatur (DEU)

[2] Platon, Manuwald, B. (Hrsg.): Platon, Protagoras: Übersetzung und Kommentar. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1999, S.335-337 | Literatur (DEU)

[3] DeCrescenzo,Luciano: Geschichte der griechischen Philosophie. Die Vorsokratiker. Zürich: Diogenes 1990 | Literatur (DEU)

[4] Vgl.: Fehling, Detlev: Die sieben Weisen und die frühgriechische Chronologie, Bern: Peter Lang AG 1985, S.9-18 | Literatur (DEU)

[5] Snell, Bruno: Leben und Meinungen der Sieben Weisen. Griechische und lateinische Quellen. München: Heimeran-Verlag 1952, S.145ff. | Literatur (AG/DEU)