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Sprache erscheint im Alltag nur als ein Medium der Kommunikation.

Dass Sprache ein zwiespältiges Instrument sein kann, das unsere Weltgeschichte zum einen ins Negative und zum anderen auch ins Positive geführt hat, übersehen wir leider viel zu häufig. Sprache wird unentwegt im Machtkampf missbraucht, weshalb wir uns genauer mit diesem zentralen Instrument menschlichen Lebens beschäftigen sollten.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Erklärung der Zusammensetzung von Sprache
  2. Sprache – Sehr kontrovers in der Philosophie
  3. Sprachanalyse als reflexive Disziplin
  4. Sprache als menschliches Grundmuster
  5. Kommunikation als Synthese
  6. Arno Gruen: Politische Sprache als Lüge
  7. Fazit: Hohle Predigten und theatralische Gesichter
  1. Wie kann man Kommunikation aufteilen?
  2. Welche Stellung nimmt Sprache in der modernen Entwicklung der Philosophie ein?
  3. Was ist eine Einzigartigkeit der Sprache?
  4. Wie setzen sich unbewusste und bewusste Kommunikation zusammen?
  5. Wie werden wir heutzutage von Sprechern und besonders von Politikern getäuscht?

Erklärung der Zusammensetzung von Sprache

Es steht in der modernen Forschung völlig außer Frage, dass die Kommunikationsfähigkeit die Entwicklung des Menschen zum homo sapiens am meisten begünstigt hat [1]. Natürlich ist die Kommunikation nicht nur für den Menschen reserviert, denn auch die einfachsten Tiere können Signale, also kommunikative Mittel, wie Schreie, Rufe, Gesang und so weiter gezielt für verschiedene Zwecke einsetzen.

Was die Sprache des Menschen kennzeichnet, ist ihre Komplexität und ihr Abstraktionsgrad. Tiere und Menschen können zwar beide ein Warnsignal ausstoßen, um auf eine Gefahr hinzudeuten, aber für den Menschen spezifisch ist zum Beispiel eine Wort-Sequenz, wie „Bitte folgen Sie mir in den Salon“ [1].

Der Philosoph, Psychotherapeut und Experte für Kommunikation Paul Watzlawick traf diesbezüglich die Unterscheidung zwischen analogen und digitalen Signalen. In ihrem gelungenen Buch Signale des Körpers: Körpersprache verstehen, hat Vera F. Birkenbihl dies sehr treffend wie folgt beschrieben:

Der Warnruf der Tiere wäre ein analoges Signal, der oben genannte Satz bestünde hingegen aus mehreren digitalen. Diese Unterscheidung Watzlawicks besagt, dass es grundsätzlich zwei Signal-Arten gibt: Analog-Signale sind direkt, bildhaft oder stellen eben eine Analogie dar, während die digitalen Signale symbolhaft, abstrakt, meist kompliziert und wahrscheinlich spezifisch menschlich sind. [1]

Was uns Watzlawicks Kommunikationsmodell verständlich machen kann, liegt in der Tatsache, dass die analogen Signale weitaus unmissverständlicher und deshalb meistens unverwechselbar sind. Menschliche Sprache, die sich auf digitalen Signalen aufbaut, ist jedoch, gerade durch ihre Komplexität, auf vielerlei Arten manipulierbar – eine Eigenschaft, die vor allem von Politikern missbraucht wird, wie wir noch sehen werden.

Einschub: Sprache – Sehr kontrovers in der Philosophie

Ich möchte in diesem Artikel auch noch auf eine andere Besonderheit der Sprache hinweisen, die uns zwar für die späteren Überlegungen nicht ins Gewicht fallen wird, aber dennoch sehr interessant ist. Es betrifft die Reputation der Sprache in der Geschichte der Philosophie.

In den Anfängen der europäischen Philosophiegeschichte hat Sprache nur im Sinne der Rhetorik eine bedeutende Rolle gespielt, nicht aber in der Form von Sprachanalyse oder im Bereich von Fragen, die den Zusammenhang von Sprache, Denken und Geist betreffen. Für lange Zeit galt für das letztgenannte Thema der Konsens, dass Sprache durchaus als eine idealisierte Sprache verstanden werden darf – kurz gesagt: Sprache sei ein perfektes Abbild der Welt. Diese Grundhaltung hat sich erst in der Neuzeit gewandelt.

Insbesondere die letzten Jahrzehnte haben das Bild und die Orientierung der Philosophie so drastisch verändert, dass man gegenwärtig sogar davon spricht, die Aufgabe der Philosophie bestehe allein in der Auseinandersetzung mit der Sprache. Der Grund dafür wird von Prof. Geert Keil hervorragend auf den Punkt gebracht:

Medien geraten erst dann ins Blickfeld, wenn sie problematisch werden. So ist es auch mit der Sprache als Medium der Philosophie; auf ihre mediatisierende Funktion wird man erst dann aufmerksam, wenn sich Zweifel an ihrer Transparenz, an ihrer Neutralität als Darstellungsmittel einstellen.

Solange die Sprache, wie etwa bei Descartes, selbst dem radikalsten denkbaren Zweifel entzogen bleibt, solange sie also aller Skepsis als eine unbefragte Voraussetzung noch zugrundeliegt, bewegen wir uns im mentalistischen Paradigma [Mentalistisch: Die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke ist eine Repräsentation im Bewusstsein der Sprachverwenders] und nicht im linguistischen. Insofern ist die linguistische Wende der Philosophie wesentlich eine sprachkritische Wende. [2]

Sprachanalyse als reflexive Disziplin

Erst seit relativ kurzer Zeit haben Philosophen begonnen Sprache zu analysieren und vor allem zu kritisieren. Im Allgemeinen hat sich herausgestellt, dass Sprache bei weitem nicht so präzise ist, wie zuvor angenommen wurde. Die Analyse von Sprache ist außerdem noch aufgrund eines gänzlich anderen Aspekts herausragend: Die Sprache kennzeichnet zusammen mit der Vernunft eine auf sich selbst gerichtete Struktur.

In anderen Worten: Ich muss Sprache verwenden, um Sprachanalyse betreiben zu können, genauso wie ich immer Vernunft einsetzen muss, um über die Vernunft nachzudenken. Diese Doppelfunktion, einerseits ein Medium und andererseits ein Gegenstand zu sein, teilen in der Philosophie nur die Sprache und die Vernunft!

Sprache als menschliches Grundmuster

Bevor wir nun auf den politischen Missbrauch und die schizoide Verwendung von Sprache zu sprechen kommen, müssen wir die Praxis der Kommunikation noch etwas näher betrachten. Hierbei hilft uns zunächst die folgende Beschreibung von Sprache:

Sprache ist ein Mittel des sozialen Verkehrs.
Sie liefert die Werkzeuge des sozialen Lebens, indem sie die Dinge analysieren und in Elemente zergliedern kann. Die Sprache ist das Mittel der Analyse. [3]

Es ist von entscheidender Wichtigkeit, diese Eigenschaft der Sprache verstanden zu haben. Die Verwendung von Sprache, das Formulieren, das Nachdenken und Sprechen sind rationale, berechnende, ganz bewusst-analytische Akte! Im Gegensatz dazu steht das Erlernen von Sprache:

Bedeutung gelangt über das Wechselspiel der Gestik ins Bewusstsein. Auf das Kind angewandt bedeutet dies etwa, dass wir ihm nicht einen Begriff verständlich machen können, indem wir ihm bloß Wörterbuchdefinitionen bieten. Das Kind muss die Bedeutung durch seine eigene Reaktion auf bestimmte soziale Situationen erfahren. [3]

Uns allen ist bewusst, dass das Sprechen gar nicht nur aus der Wortfolge besteht, die man von sich gibt, sondern Aspekte der Körpersprache in der Kommunikation eigentlich noch viel wichtiger sind. Das Erlernen von Sprache geschieht deshalb zunächst auf der analogen Ebene, wie es Watzlawick sagen würde.

Kommunikation als Synthese

Aus diesem Grund verbindet das Kleinkind Wauwau für Hund, weil der Hund Wauwau macht. Der Prozess, das Lebewesen Hund nicht mehr als Wauwau, sondern eben als Hund zu bezeichnen, benötigt eine enorme rationale Orientierung, nämlich das Abstraktionsvermögen.

Genau in dieser ambivalenten Struktur der Sprache findet sich heutzutage ein gängiger Missbrauch, ja eine Täuschungsmöglichkeit, die uns der Psychologe Arno Gruen aufzeigen wird. Wir fassen zunächst zusammen:

Bei der Kommunikation dreht es sich im Allgemeinen um das dialektische Verhältnis zwischen dem begrifflichen Regelwerk der Sprache sowie der Körpersprache. Das reine Sprechen geschieht mehrheitlich bewusst, während zahlreiche motorische Bewegungen unbewusste Akte sind. In diesem Verhältnis zwischen dem, was ein Mensch entscheidet zu kommunizieren, und was er dann tatsächlich (mit der Körpersprache) von sich gibt, liegt ein sehr interessanter Spannungsbereich.

Mehr zum Thema Rhetorik und manipulative Kommunikation kannst du in diesem Artikel erfahren.

Arno Gruen: Politische Sprache als Lüge

In seinem fantastischen Werk Der Wahnsinn der Normalität mit dem treffenden Untertitel Realismus als Krankheit: eine Theorie der menschlichen Destruktivität beschreibt der renommierte Psychologe Arno Gruen eine erstaunliche Situation, die dem Neurologen Oliver Sacks widerfahren ist:

Sacks betreute Patienten, die an Aphasie litten, einer Störung, bei der der Patient die Bedeutung von Wörtern nicht mehr erkennen kann, obwohl er sie akustisch hört [4]. Es kann bei solchen Menschen jedoch nachgewiesen werden, dass sie verstehen können, was ihnen gesagt wird, wenn die Signale, die das Sprechen begleiten, vorhanden sind: Ton und Tonfall der Stimme, die Art der Betonung, Gesichtsausdruck, Gestik, Körperhaltung [4].

Oliver Wolf Sacks erzählt nun, dass ihm, als er einmal die Abteilung mit den Aphasikern betrat, großes Gelächter entgegenschallte. Die Patienten sahen gerade den Beginn einer Fernsehansprache von Präsident Reagan und waren begierig, sie weiter zu sehen.

Sie sahen den alten Charmeur, den als Schauspieler geübten Redner, sein theatralisches Talent, seine emotionale Ausstrahlung – und die Patienten bogen sich vor Lachen … Der Präsident wird gewöhnlich als ein eindrucksvoller Redner anerkannt – aber bei den Patienten erregte er ganz offensichtlich nur Gelächter … ›Man lügt wohl mit dem Munde‹ schrieb Nietzsche, ›aber mit dem Maule, das man dabei macht, sagt man doch die Wahrheit.‹ [4]

Aphasiker reagieren auf Ungereimtheiten in der Körpersprache, auf falsches sowie unaufrichtiges Verhalten mit phänomenaler Sensibilität. Jetzt sollte auch einleuchten, warum wir zuerst den Aufbau der Sprache untersuchen mussten. An diesem Fallbeispiel wird ohne Zweifel deutlich, dass Authentizität seinen Ausdruck im Unbewussten der Kommunikation und nicht im Gesprochenen findet!

Fazit: Hohle Predigten und theatralische Gesichter

Jeder Mensch kann seine Anteilnahme und Erschütterung über ein schreckliches Ereignis aussprechen, aber ob es wirklich gemeint wird, also ob das Innenleben des Sprechers mit jenen Worten übereinstimmt, ist nicht Sache der rationalen Analyse, sondern des Unbewussten. Wenn ein Zuhörer nun zu stark von der Vernunft abhängt, und von seiner eigenen emphatischen Sensibilität getrennt ist, lässt er sich mit Leichtigkeit durch den Einsatz heuchlerischer Sprache in die Irre führen.

Sprache hat sich in unserer Kultur, die so mächtig vom Verstand beherrscht wird, auf reine Wortgaukelei reduziert. Man achtet nicht mehr auf Authentizität, sondern nur auf logische Zusammensetzung. Das Problem ist sogar, dass wir verlernt haben, indirekte Botschaften beim Sprecher wahrzunehmen. Damit kann jeder Redner, jeder Politiker und jeder Mensch auch in seinem Alltag Emotionen vortäuschen, obwohl er überhaupt gar keine hegt und schindet damit Eindruck, obwohl er eigentlich kalt und herzlos ist.

Bei der Kommunikation kommt es nun darauf an, jeweils beide Ebenen, nämlich die analoge und digitale, in der Interpretation der Gesamtaussage zu verwenden. Die Kongruenz, d.h. Abgestimmtheit zwischen analogen und digitalen Signalen macht den Sprecher authentisch! Ein wunderbares Beispiel, wo dies erneut nicht stattfindet, zeigt Vera Birkenbühl in ihrem Buch [1] anhand von Richard Nixon.

Signale der Inhalts- und Beziehungsebene sind entweder kongruent oder inkongruent, wobei nur eine Kongruenz wirklich überzeugen kann.


Quellen und Verweise

Titelbild: Kennedy Giving Historic Speech to Congress in 1961, Public Domain

[1] Birkenbihl, Vera F.: Signale des Körpers: Körpersprache verstehen. mgv Verlag, 2007, S.17f. | Literatur (DEU)

[2] Keil, Geert: Sprache, in: Philosophie. Ein Grundkurs. Herausgegeben von Ekkehard Martens und Herbert Schnädelbach, erweiterte und überarbeitete Aufl. Reinbek bei Hamburg, 1994, Bd. II, 549-605, 1998, S.2 | Literatur (DEU)

[3] Mead, George Herbert: Vorlesung 38, Sprache, Kommunikation und Bedeutung in der Erziehung, in: Philosophie der Erziehung. Klinkhardt, 2008, S.199 | Literatur (DEU)

[4] Gruen, Arno: Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine Theorie der menschlichen Destruktivität. München: dtv, 2017, S. 64f. | Literatur (DEU)

Empfehlungen

Buch: Searle, John R.; Gavagai, Harvey P.: Geist, Sprache und Gesellschaft. Philosophie der wirklichen Welt. Berlin: Suhrkamp, 2004 | Literatur (DEU)

Buch: Benjamin, Walter; Tiedemann, Rolf; Adorno, Theodor W.: Sprache und Geschichte: Philosophische Essays. Stuttgart: Reclam, 1992 | Literatur (DEU)

Video: The School of Life: PHILOSOPHY – Ludwig Wittgenstein | YouTube (ENG)

Artikel: Sophisten und die Kunst der Rhetorik | Blog (DEU)