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„Alles menschliche Tun besteht darin, sich selbst zu beweisen ein Mensch und kein Walzstift zu sein.“

Mich hat letzten Winter vielleicht kein Werk so beschäftigt wie Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Das obige Zitat leiht einen ersten Eindruck, warum ich von dieser kleinen Schrift einige Monate verzaubert war. Sehr eindringlich beschreibt der Ich-Erzähler unter anderem nämlich den Konflikt zwischen dem Reduktionismus der Wissenschaft und Willensfreiheit, was heutzutage aktueller denn je ist.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Kurzüberblick: Записки из подполья
  2. Ist Willensfreiheit nur eine Illusion?
  3. Ist der Mensch lediglich kluge Erde?
  4. Über die Konsequenzen der Physik
  5. Warum die Vernunft nicht allmächtig ist
  6. Über die Vernunft in der Geschichte
  7. Die definitive psychologische Hemmung
  1. Wie ist Dostojewskis Werk grob aufgebaut?
  2. Was ist ein großes Thema des ersten Hauptteils?
  3. Welcher Konflikt entsteht in der Sichtweise des Protagonisten im Verhältnis zu seiner Zeit?
  4. Welche Stellung nimmt der Protagonist ein?
  5. Warum wird der Mensch niemals einer Theorie des Determinismus zustimmen?

Kurzüberblick: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

Die Aufzeichnungen aus dem Kellerloch sind nach Friedrich Nietzsche zu urteilen nun ein „wahrer Glücksgriff für die Psychologie“ [1], doch wird man dies wohl leider nur dann richtig verstehen können, wenn man das komplett Werk selbst gelesen hat. Nichtsdestotrotz werden wird uns durch einige wichtige Stellen aufklären und anregen lassen.

Bevor wir uns dem widmen können, sollten wir kurz ein paar Rahmendaten zum Werk anführen, um so überhaupt verstehen zu können, was dort passiert und worauf sich die nachfolgenden Auszüge beziehen. Dostojewskis Werk gliedert sich zunächst in zwei Teile: den essayistischen und den erzählerischen Teil. Die Beschreibung lautet:

In zwei kunstvoll getrennten Teilen lässt Dostojewski seinen namenlosen Protagonisten die Welt und die Abgründe seiner Seele betrachten. Facettenreich entsteht das ergreifende Porträt eines zutiefst verbitterten Menschen, dessen zynische Abkehr von der Welt sich in seinem düsteren, selbst gewählten Gefängnis versinnbildlicht. [2]

Dostojewski gilt als einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller

Dostojewski gilt als einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller aller Zeiten

Wir werden ausschließlich Auszüge aus dem essayistischen ersten Teil betrachten, der vor allem Gedanken zur gegenwärtigen Gesellschaft wie auch viele Selbstbetrachtungen enthält. Die Schrift wurde 1864 im selben Jahr veröffentlicht, in dem James Maxwell die fantastischen Maxwell-Gleichungen für seine Theorie der elektrischen sowie magnetischen Felder formulierte.

Der Einfluss der Wissenschaft auf den Menschen, vor allem natürlich der Abschluss der klassischen Mechanik in der Physik zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ist in der Debatte um den Determinismus mehr als zentral und damit ein großes Thema in der ersten Hälfte der Aufzeichnungen. Setzen wir gleich dort an.

Ist Willensfreiheit nur eine Illusion?

Mit diesem ersten Abschnitt des achten Kapitels wollen wir unsere kleine Reise beginnen:

»Ha-ha-ha! Aber ein Wollen gibt es ja, wenn Sie erlauben wollen, überhaupt nicht!«, unterbrechen Sie mich lachend. »Die Wissenschaft hat den Menschen bereits so weit seziert, dass wir auch jetzt schon wissen, dass das Wollen und der sogenannte freie Wille nichts anderes sind als …« [2, S.40]

… ja, als was? Als Moleküle, die sich zu großen Strukturen zusammensetzen; als kleinste Teilen, die sich gegenseitig anziehen und abstoßen und alles erschaffen, was wir kennen und selbst sind? Dieser Gedanke besteht so vielleicht schon seit der Erfindung des Mikroskops. Sind wir lediglich große Haufen aus Elementarteilchen?

Ist der Mensch lediglich kluge Erde?

Wenn wir nur aus kleinsten Dingen bestehen, die Gesetzen gehorchen, die wir wiederum erkennen können, dann sind wir erstens grundlegend determiniert und zweitens sogar in der Lage diesen Determinismus zu begreifen. Seit Jahrhunderten plagt den Menschen der Gedanke, dass er eigentlich keinen Willen hat, dass er sich nur einbildet, eigenständig zu handeln, während alles durch die Gesetze der Physik bereits vorbestimmt ist – seit jeher und für alle Ewigkeit.

In der Tat, wenn wirklich einmal die Formel für all unser Wollen und für alle unsere Launen gefunden sein wird, das heißt, wovon sie abhängen, nach welchen Gesetzen sie entstehen, wie sie sich ausbreiten, wohin in diesem oder jenem Falle ihr Streben geht, und so weiter, das heißt die richtige mathematische Formel – dann wird ja der Mensch vielleicht sofort aufhören zu wollen, ja, er wird wohl bestimmt aufhören. Na, was ist das für ein Vergnügen, nach der Tabelle zu wollen? Und damit nicht genug: Er verwandelt sich sogleich aus einem Menschen in den Stift eines Leierkastens oder etwas Ähnliches; denn was ist ein Mensch ohne Wünsche und ohne Wollen anderes als ein Stift auf der Walze eines Leierkastens? Wie denken Sie darüber? [2, S.41]

Wenn die Physik stimmt, ist der Mensch eine Maschine

Der Protagonist sieht sich mit der vorherrschenden geistlichen Elite seiner Zeit konfrontiert, die eben durch die unglaublichen Errungenschaften aller Wissenschaften den Eindruck akzeptiert, alles sei durch die Gesetze der Mathematik zu erklären – nicht nur die Welt, sondern auch der Mensch könnte in eine Formel gepackt werden (viele Wissenschaftler glauben auch heute noch daran). Was folgt daraus?

Aber da alle Wünsche und vernunftmäßigen Überlegungen tatsächlich werden berechnet werden können (denn irgendeinmal werden doch die Gesetze unseres sogenannten freien Willens entdeckt werden), so wird sich wirklich, ohne Scherz gesagt, so etwas wie eine Tabelle herstellen lassen, sodass wir tatsächlich nach dieser Tabelle wollen werden. […] Was bleibt da bei mir an freiem Willen übrig … [2, S.42]

Warum die Vernunft nicht so mächtig ist wie wir denken

Ja, aber sehen Sie, gerade hier liegt für mich die Schwierigkeit! Meine Herren, verzeihen Sie mir, dass ich ins Grübeln und Klügeln hineingekommen bin […] Erlauben Sie, dass ich mich ein bisschen meiner Fantasie überlasse. Sehen Sie mal: Die Vernunft ist ein gut Ding, das ist nicht zu bestreiten; aber die Vernunft ist nur Vernunft und befriedigt nur die vernunftmäßige Fähigkeit des Menschen; das Wollen aber ist eine Bekundung des gesamten Lebens, das heißt des gesamten menschlichen Lebens mitsamt der Vernunft und allem sonstigen Zubehör. Und obgleich unser Leben bei dieser Bekundung sich oft als ein rechter Quark erweist, so ist es doch Leben und nicht nur das bloße Ausziehen einer Quadratwurzel. [2, S.43]

Es ist ganz klar: das Problem des Determinismus im Konflikt mit der Willensfreiheit des Menschen ist ein Problem der Vernunft. Es entsteht ja dann, wenn wir die Idee akzeptieren, die Vernunft sei unbegrenzt, völlig objektiv und allgemein, so wie es Idealisten wie Hegel glaubten. Wer sagt uns, dass wir die Welt objektiv erkennen können, dass wir alles erkennen können?

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Der Schriftsteller bei der Arbeit – Kulikov Schriftsteller E.N. Chirikov 1904 (CO)

Wichtig ist hier, dass der Erzähler gar nicht versucht den Determinismus argumentativ zu widerlegen. Er zeigt nur auf einfache Weise, dass Vernunft eben auf Vernunft bezogen ist, ja auf Vernunftmäßiges selbst und damit das restliche Leben wegstreicht. Selbst dann, wenn der Determinismus wahr wäre, würde sich darüber hinaus eine psychologische Hemmung des Menschen in der Erkenntnis zeigen:

Sie wiederholen mir, dass ein gebildeter, aufgeklärter Mensch, kurz, ein solcher, wie es der Mensch der Zukunft sein werde, nicht imstande sei, wissentlich etwas für ihn selbst Unvorteilhaftes zu wünschen; das sei mathematisch sicher. Ganz einverstanden; das sei mathematisch sicher. Aber ich wiederhole Ihnen zum hundertsten Male: Es gibt nur einen Fall, nur einen einzigen, wo der Mensch absichtlich und wissentlich sogar etwas Schädliches, Dummes, ja etwas riesig Dummes wünschen kann, nämlich um das Recht zu haben, sich sogar etwas riesig Dummes zu wünschen und nicht durch die Pflicht dazu gezwungen zu sein, sich nur Kluges zu wünschen. [2, S.44]

Ist die Entwicklung der Menschheit nicht vernünftig?

Vernünftig? Machen wir uns doch bitte nicht lächerlich …

Die Menschen prügeln sich und prügeln sich; sie prügeln sich jetzt und haben sich früher geprügelt und werden sich in Zukunft prügeln – Sie müssen zugeben, dass das sogar im höchsten Grade einförmig ist. Kurz, man kann über die Weltgeschichte alles Mögliche sagen, alles, was nur der wüstesten Fantasie in den Kopf kommen kann. Nur eines kann man nicht sagen: dass sie vernünftig wäre. [2, S. 45f.]

Der Mensch wird sich niemals determinieren lassen 

Ob der Determinismus wahr ist oder nicht, das sei nun einmal dahingestellt. Wichtig ist doch die Einsicht, dass der Mensch niemals seine Willensfreiheit, wenn auch lediglich die Illusion von Willensfreiheit, aufgeben würde. Nicht einmal zugunsten seiner Vernunft würde er diesen Schritt wagen. Und so schließen wir damit ab, was der Erzähler uns über die Torheit und das Unglück des Menschen zu sagen hat:

Nun frage ich Sie: Was kann man von dem Menschen, als von einem mit so sonderbaren Eigenschaften begabten Wesen, erwarten? Überschütten Sie ihn mit allen irdischen Gütern, versenken Sie ihn in Glück bis über den Kopf, so dass, wie im Wasser, nur Blasen an die Oberfläche des Glückes hinaufsteigen; stellen Sie ihn in materieller Hinsicht so günstig, dass er weiter nichts mehr zu tun hat als zu schlafen, Pfefferkuchen zu essen und dafür zu sorgen, dass die Weltgeschichte nicht vor der Zeit aufhört – so wird er, der Mensch, Ihnen auch dann, auch dann lediglich aus Undankbarkeit, lediglich aus Bosheit irgendeine Gemeinheit begehen.

Er wird sogar die Pfefferkuchen aufs Spiel setzen und sich absichtlich den verderblichsten Unsinn, den materiell nachteiligsten Blödsinn wünschen, einzig und allein um dieser ganzen positiven Vernünftigkeit sein eigenes verderbliches phantastisches Element beizumischen. Gerade seine fantastischen Träumereien, seine grundgemeine Dummheit wird es sich zu erhalten wünschen, lediglich um sich selbst den Beweis zu liefern, dass die Menschen immer noch Menschen sind und keine Klaviertasten. [2, S.46f.]


Quellen und Verweise

[1] Walter Jens (Hrsg.): Kindlers neues Literaturlexikon, Kindler, München 1989, Bd. 4, S. 825 | Literatur (DEU)

[2] F. Dostojewski: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, Hermann Röhl, Anaconda, Köln, 2008 | Literatur (DEU)