Narabo - Verantwortung, Schuld und Freiheit des Menschen

Unser Leben beginnt dort, wo wir Verantwortung entdecken.

Wir haben verschiedene Ideen von Ursachen und Wirkungen, die unser Leben und das anderer beeinflussen und lenken – im positiven oder auch negativen Sinne. In einer Demokratie betonen wir mit aller Kraft die Freiheit des Menschen, doch was passiert dabei mit der Verantwortung?

INHALT ÜBERBLICK
  1. Die Geschichte der Freiheit und Verantwortung
  2. Was ist mit der Schuld?
  3. Biblische Zugänge – Sündenfall
  4. Umbruch durch Säkularisierung und Wissenschaft
  5. Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt
  6. Keine Freiheit ohne Verantwortung
  7. Opfermentalität
  8. Eher Gesetze als Freiheit
  9. Fazit: Kollektive Verantwortlichkeit
  1. Wie hat sich die Freiheit und Verantwortung des Menschen entwickelt?
  2. Welche Rolle spielen diese Begriffe heutzutage?
  3. Was passiert, wenn es Gott nicht mehr als höchste Instanz gibt?
  4. Auf welche Weise verknüpft Jean-Paul Sartre die Begriffe Freiheit und Verantwortung?
  5. Was bedeutet kollektive Verantwortlichkeit?

Die Geschichte der Freiheit und Verantwortung

In der westlichen Kultur standen sowohl die Freiheit als auch Verantwortung des Menschen bis in die jüngste Zeit unter der Herrschaft der Religion. Was erlaubt war, wurde von der Kirche festgelegt und diese bekam ihre Stellung und Macht durch Gottes Weisung und Gebote.

Der einzelne Mensch verschwamm unter einem ungreifbaren Gott, der metaphysischen, überweltlichen, oder wie es auch heißt transzendenten Instanz und musste sein Dasein den weltlichen Vertretern dieser höchsten Ebene in jeder Hinsicht unterstellen.

Das bevormundete Individuum überließ es aus diesem Grund dem Klerus die Ursprünge seines Leids zu erklären. Durchdrungen von einer prinzipiellen Gottesfürchtigkeit sah der altertümliche Mensch selbst die Ursache seines Glückes und materiellen sowie immateriellen Reichtums vollkommen von der Wohltätigkeit und Gnade Gottes – oder von seinen irdischen Vertretern abhängig.

Schuld und Verantwortung waren zusammen mit dem zentralen Begriff der Sünde in einer Weise verwoben, dass wir sie nur in Bezug auf den Zwei-Welten-Dualismus verstehen können:

Beide Verantwortung Der Mensch hat Verantwortung vor Kirche (weltlich – 1) und Gott (transzendent – 2).
(1) Schuld Schuldig war der Mensch gegenüber der Kirche als Institution.
(2) Sünde Sündig war der Mensch nur gegenüber Gott.

Die Freiheit des Einzelnen war auf ähnliche Weise beschränkt. Was ist mit der Freiheit? Offensichtlich ist, dass der Mensch zur Zeit der religiösen Regentschaft seine Freiheit nur insofern wahrnehmen konnte, wie es die ihm strikt auferlegten Regeln gestattet haben. Demnach war der Mensch seit Anbeginn der Kultur durch Gott determiniert.

Die Wesenszüge des gesamten Lebens waren unter klarer Ordnung so definiert: Grund allen Übels war der Teufel, die Sakramente heilten die Seelen und die Kirche übernahm die sozialen Grundaufgaben: Krankenpflege, Erziehung der Kinder, Begleitung in den großen Momenten des Lebens – Geburt, Hochzeit, Tod. [6, S.32]

Was ist mit der Schuld?

Diese Art einer religiösen Vorbestimmung können wir bereits in der etymologischen Wurzel der Begriffe Sünde und Schuld wiedererkennen. Im Kontext von Sünde und Schuld unterscheidet man traditionell nämlich zwischen den lateinischen Begriffen debitum und culpa und dem griechischen ἁμαρτία (hamartia).

Während culpa sich auf Tat- oder Unterlassungsschuld, also ein konkretes Fehlverhalten bezieht, meint debitum das Schuldig-Sein als grundlegendes Phänomen menschlichen Daseins, quasi eine existenzielle Schuld, die dem Handeln vorausgeht und oft als tragisch erlebt wird.

Mit Ähnlichkeit zum christlichen Begriff der Erbsünde beschreibt debitum eine Schuld, die allein durch die bloße Existenz auf den Menschen zurückfällt. Hamartia meint ursprünglich einfach „ein Ziel nicht treffen“ und ist in seiner rein religiösen Bedeutung mit einem Verfehlen in der Gottes-, Menschen- und Selbstliebe zu umschreiben [1].

Biblische Zugänge – Sündenfall

Die christlich-theologische Differenzierung des Schuld- und Sündenbegriffs umfasst alle drei genannten Versionen. Johannes beispielsweise versteht versteht unter dem Begriff der Sünde den Unglauben der Welt [2], worunter vor allem die Knechtschaft, Eigenliebe und Hass fallen.

Für Paulus umfasst die Sünde eine Dimension, die über das Individuum hinausgeht und damit einen strukturellen Charakter hat. Der Theologe Prof. Udo Schnelle beschreibt dies im Hinblick auf den Sündenfall folgendermaßen:

Die Sünde ist eine jeder menschlichen Existenz vorgängige Macht mit Verhängnischarakter. Der Mensch findet sich immer schon im Bereich der Sünde und des Todes vor; er ist stets in eine von ihm nicht verursachte Unheilssituation verstrickt. Indem er Glied der Menschheit ist, betrifft ihn die Macht der Sünde [3].

Narabo - Der symbolische Verzehr der verbotenen Frucht des Baums der Erkenntnis des Guten und des Bösen durch Adam und Eva

Der symbolische Verzehr der verbotenen Frucht des Baums der Erkenntnis des Guten und des Bösen (CO)

Umbruch durch Säkularisierung und Wissenschaft

Seit Anbeginn der europäischen Aufklärung und der fortschreitenden Säkularisierung wandelte sich das religiös-motivierte System hauptsächlich innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte, indem anstelle der hohen Kirche nun der Staat in Bezug auf das Subjekt das höchste Prinzip der Lebensausrichtung geworden ist.

Selbstverständlich erlangten nun auch die in der Tradition verankerten Begriffe Sünde, Verantwortung, Schuld und Freiheit eine neue Interpretation, die bis heute unter atheistischen, handlungstheoretischen und an erster Stelle leider auch unter wirtschaftlichen Perspektiven explosiv diskutiert werden. Wir müssen in jedem Fall zunächst feststellen, dass es in diesem altchristlichen Sinne keine Sünde mehr gibt, weil Gott als höchstes Prinzip von der Aufklärung durch die Wissenschaft verdrängt wurde.

Im heutigen Bezugsrahmen sprechen wir nun von moralischen Grundprinzipien, die wir jedoch nur schwer ohne den stützenden Gottesgedanken hochhalten können. Die Verantwortung des Einzelnen wurde in eine direktere Verantwortung gegenüber dem Staat und den bürgerlichen Pflichten umgemünzt.

Im Gegensatz zur früheren Verantwortung gegenüber Gott, sprechen wir jetzt von einer anderen Verantwortung, nämlich einer Form der Erhaltung des Systems, anders gesagt also einem Gesellschaftsvertrag, ähnlich wie es der Staatstheoretiker Thomas Hobbes bereits 1651 in seinem Werk Leviathan beschrieben hat. Schuldig wird nun der moderne Mensch ganz einfach dadurch, dass er diesen Vertrag bricht, stört oder anderswie verletzt.

Was die Freiheit anbelangt, haben wir eine gewaltige Umstellung, da das Verschwinden Gottes [4] aus den Augen der Menschen dazu führte, dass diese allerhöchste transzendente Instanz als unverrückbare Referenz nun keinen internen Stellenwert mehr besitzt.

Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!
– Friedrich Nietzsche

In anderen Worten bedeutet dies schlicht gesagt, dass der Mensch die Möglichkeit gewonnen hat seine eigentlich individuelle Verantwortung abzuschieben und auf diese Weise in der Lage ist eine vage Scheinfreiheit zu erlangen. Er braucht sich nicht länger in letzter Instanz zu verantworten – vor wem denn auch, wenn es Gott nicht mehr gibt?

Die moderne Gesellschaft in Kombination mit der Macht der Staatsordnung gewährt dem einzelnen Menschen hohe Anonymität und daher einen maßlosen Gewinn an Freiheit. Schließlich ist die absolut subjektive, für jeden gültige Beziehung zu und Prüfung von Gott durch entsprechende vor allem natürlich atheistische Entwicklungen der Kultur im Sand verloren.

Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt.

Ich möchte hier einen kurzen Einschub einfügen, um den russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski (1821-1881) zu würdigen, der sich mit diesem Thema in aller Tiefe beschäftigt hat. Seine exzellenten und eindrucksvollen Werke von Schuld und Sühne bis Die Brüder Karamasow zeigen nicht nur die verzwickte und von Verzweiflung durchtränkte Situation des Menschenlebens, sondern auch den darin inbegriffenen Konflikt von Verantwortung und Freiheit.

Jeder trägt die Schuld an allem. Wenn nun jeder Mensch das wüsste, dann hätten wir ja das Paradies auf Erden.

Keine Freiheit ohne Verantwortung

Der französische Philosoph und großer Vertreter des atheistischen Existentialismus Jean-Paul Sartre (1905-1980) brachte die Begriffe Freiheit und Verantwortung unter dem für uns weniger wichtigen Aspekt Hoffnung und Wille sehr treffend in Verbindung.

Wir Menschen der Neuzeit betonen ausdrücklich unsere Freiheit und Sartre stimmt dem in seiner eindrucksvollen Schrift Der Existentialismus ist ein Humanismus auch völlig zu. Für ihn ist diese absolute Freiheit gerade ein leitendes Prinzip, das unserem Leben einen Sinn geben kann. Ein Großteil seines komplexen Menschenbilds basiert einzig auf dieser Grundhaltung: Ich bin dazu verdammt, frei zu sein.

Was daraus folgt, ist auf erschreckende Weise eindeutig, wird aber in unserem Alltagsleben stets unterschlagen: wir müssen gar unter allen Umständen aufgrund dieser radikalen Freiheit jedwede Konsequenzen ertragen und akzeptieren. Wenn wir dies einmal wahrlich erkennen und verstehen, haben wir nach Sartre eine beängstigende Tatsache vor Augen.

Der Mensch kann niemals frei sein, ohne auch eigenständig völlig verantwortlich zu werden.

Bei jeder unserer Taten geht es um den Sinn der Welt und den Platz des Menschen im Universum; selbst wenn wir es nicht wollen, schaffen wir durch jede unserer Taten eine allgemeine Werteskala, und angesichts einer so umfassenden Verantwortlichkeit sollten wir nicht von Furcht ergriffen sein? [5]

Folgen wir diesem Gedanken konsequent, dann stoßen wir sofort auf eine Heimtücke des menschlichen Lebens: Wenn Menschen Angst haben – und das haben wir alle auf einer existenziellen Ebene – dann überlassen sie ihre Freiheit einer starken Macht.

Genau das lenkt unsere modere Gesellschaft, die Massenbildung, den Populismus und den globalen Verfall der Verantwortung. Keiner will schuld sein an den Gräueln der Welt, aber alle wollen in großen Zügen ihre Freiheit genießen. 

Opfermentalität

Jede Errungenschaft erreicht man nur durch Engagement. Unser Glück und Unglück liegt in unseren Händen.
Diese Einstellung widerspricht grundsätzlich einer weit verbreiteten und zerstörerischen Grundhaltung der Menschen: die Opfermentalität.

Anders ausgedrückt bedeutet diese, dass ein anderer die Schuld und Verantwortung an meinem Unglück tragen muss, meistens die Politik, das Schicksal, oder der Nachbar. Menschen mit dieser sehr heimtückischen Gesinnung fühlen sich selbst weder schuldig noch verantwortlich. Sie möchten ohne Konsequenzen völlig frei sein, doch wie Sartre vorzeigt, ist dies eine Unmöglichkeit.

Für sein Leben verantwortlich zu sein heißt auch abzuschätzen, welchen Einfluss all unsere Worte, Taten und Gedanken haben; es heißt ebenfalls, wach zu bleiben und aufmerksam, es heißt weiterhin nicht unüberlegt vor sich hin zu leben [6, S34].

Warum wir die Schuld bei anderen suchen ist leicht zu erklären: Wir selbst haben Angst, und zwar Angst vor den Konsequenzen unseres Handelns, Angst vor den unendlichen Möglichkeiten, die uns die neue radikale absolute Freiheit in die Hände gibt.

Eher Gesetze als Freiheit

Plötzlich sehnt man sich nach festen Vorschriften und Grenzen, nach den Geboten der Bibel, den Sitten, Gesetzen, Vorschriften und Autorität, der Gesellschaftsordnung – wir geben unsere Freiheit viel lieber auf, nur weil wir eine schreckliche Furcht vor der Realität der Existenz und ihrer Folgen haben.

Nach Sartre ist dies fatal, ja geradezu ein Angriff gegen den Menschen. Aus diesem Grund kritisierte er auch jede Institution und vor allem die Kirche, weil diese die Grundangst des Menschen ausnutzt, um ihn zu beherrschen.

Wie kann der Mensch stattdessen mit dieser Angst durch seine radikale Freiheit umgehen? Sartre würde sagen: Überhaupt nicht, denn sie ist gerade ein zentraler Bestandteil des Menschen, ja der Mensch ist Verzweiflung als Folge der Selbstverantwortung.

Die Angst ist keineswegs ein Hindernis für das Handeln, sondern vielmehr dessen Voraussetzung, und sie ist eins mit dem Sinn jener erdrückenden Verantwortlichkeit aller gegenüber allen, die unsere Pein und unsere wahrhafte Größe ausmacht. [5]

Fazit: Kollektive Verantwortlichkeit

Aus dem Wissen um unsere individuelle Verantwortung gegenüber selbstbezüglichem Handeln erfahren wir direkt eine viel größere Perspektive, nämlich das Wissen um eine kollektive Verantwortlichkeit, die global alle Menschen miteinbezieht.

Wie es so schön heißt, ist kein Mensch eine Insel und gerade dies sollten wir wahrlich beherzigen. Und wenn wir sagen, dass der Mensch für sich selbst verantwortlich ist, so wollen wir nicht sagen, dass der Mensch gerade eben nur für seine Individualität verantwortlich ist, sondern dass er verantwortlich ist für alle Menschen. [6]

Der französisch-litauische Philosoph und Autor Emanuel Lévinas (1906–1995) spricht in diesem Kontext davon, dass man nicht schuldig sei, sondern verantwortlich. Wir sollen uns nicht die Frage nach der Schuld stellen – nein, die Verantwortung müssen wir stets in den Mittelpunkt ziehen, denn die Subjektivität ist keineswegs in sich selbst abgeschlossen.

Ganz im Gegenteil definiert sich das Subjekt durch die Ausrichtung auf den anderen, also die Verantwortung für ihn. Daraus folgt: Ich bin verantwortlich für alles Unrecht, was anderen angetan wird, auch wenn ich kein direkter Verursacher bin. Mehr noch, als Geisel des anderen, muss das Ich als Stellvertreter für dessen Schuld büßen, so jedenfalls Lévinas [7].

Als einzelner Mensch müssen wir uns gründlich überlegen, was wir mit unserer Freiheit tun, welche Konsequenzen wir akzeptieren müssen und was mein Handeln für alles andere bedeutet: Jeder Einsatz für das Leben, egal, wie klein er ist, ist eine Möglichkeit, uns an die Welt zu binden und unsere Ablehnung von Gewalt und Zerstörung auszudrücken…

Je mehr wir sind, die so handeln, desto wahrscheinlicher wird es, dass unsere Welt sich verändert. [6, S.37]


Quellen und Verweise

[1] Bibelwissenschaft: Mirjam Zimmermann: Sünde / Schuld | Artikel (DEU)

[2] Bibel: Das Evangelium nach Johannes: 16,9 | Literatur (DEU)

[3] Udo Schnelle: Theologie des Neuen Testaments, Vandenhoeck und Ruprecht, 2016, dritte Auflage, S.275 | Literatur (DEU)

[4] Friedrich Nietzsche: Aphorismus 125 aus: Die fröhliche Wissenschaft| Literatur (DEU)

[5] Jean-Paul Sartre: Der Existentialismus ist ein Humanismus und andere philosophische Essays 1943-1948, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2005, S.117f.  | Literatur (DEU)

[6] Frédéric Lenoir: Was ist ein geglücktes Leben? – 3. Kapitel, DTV, 2014, S.35 | Literatur (DEU)

[7] Vgl.: Werner Stegmeier: Emmanuel Lévinas zur Einführung, Junius, 2009, Einleitung, S.7ff. | Literatur (DEU)

Empfehlungen

Buch: Fjodor Dostojewski: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch | Literatur (DEU)

Buch: Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow | Literatur (DEU)

Video: PHILOSOPHY – Sartre | YouTube (ENG)