Narabo - Zen-Buddhismus - Meditation - Weisheit

Wir sind so voller Lärm. Unser Kopf quilt über vor Gedanken.

Wenn wir unseren Verstand einmal ganz genau und präzise beobachten, müssen wir uns doch fragen: Was geht in meinem Kopf eigentlich ab? Bin ich denn komplett verrückt? Kann ich meinen Kopf nicht abstellen? Woher kommt dieses Geschnatter und wieso kann ich nicht eine einzige Minute geistiger Ruhe erfahren?

INHALT ÜBERBLICK
  1. Was ist Zen?
  2. Ursprünge des Zen – Mahayana
  3. Buddha und sein Existenz-Paradox
  4. Zen der Gegenwart
  5. Charakteristika des Zen
  6. Meditation – Zazen
  7. Kein Ich, kein Du…
  8. Gegenwärtigkeit – Samu und Kōan
  9. Der Weg des Zen – eine Einladung
  1. Wie sieht die Geschichte des Zen aus?
  2. Welche Unterschiede im Zen-Buddhismus ergaben sich durch dessen Entwicklung?
  3. Auf welche Weise kann man Zen beschreiben?
  4. Aus welchen Praktiken besteht das Zen?
  5. Woraus besteht die Mediation Zazen?
  6. Welches Ziel wird im Zen verfolgt?
  7. Was bedeutet der Begriff der Erleuchtung?

Was ist Zen?

Das Wort Zen wird in Europa, wie vieles andere auch, zuhauf instrumentalisiert, sodass wir die Verbindung Zen-x häufiger vorfinden als den alleinstehenden Begriff in Bezug auf die buddhistische Strömung. Damit haben wir mit Zen ebenso ein Problem wie es beim Begriff Yoga auftritt: letzteres wurde im Westen mehr und mehr zu einer Art Gymnastik verkrüppelt, während ersteres irgendwie mit Entspannung, Wellness und Ruhe verbunden wird.

In beiden Fällen wird diese Art Instrumentalisierung den beiden alteingesessenen Lebenshaltungen nicht gerecht!

Unter dem Schlagwort Zen ist an erster Stelle ein Zweig des Buddhismus zu verstehen, der sich im Japan des frühen 13. Jahrhunderts verfestigt hat. Gleichzeitig wäre es doch falsch Zen als eine buddhistische Tradition einzuordnen, denn wie wir in Kürze noch sehen werden ist Zen weder eine dogmatische Tradition, noch eine Religion und auch keine Philosophie.

Das Zen kennt keine Götter, keine verpflichtenden Schriften, keine Lehren, keine Propheten, und keine bindenden Regeln. Es ist nihilistisch, aber nicht pessimistisch. Es wäre wohl am besten diese mysteriöse, ungreifbare und sehr eigentümliche Linie des Buddhismus mit folgendem Zen-Spruch zu beschreiben:

Im Zen finden wir keine Antworten.

Wir verlieren unsere Fragen.

Ursprünge des Zen – Mahayana

Das traditionelle in Japan verortete Zen hat eine lange historische und geografische Entwicklung durchlaufen, die sich über 5000 Kilometer von Indien nach Japan über eine ewige Zeitspanne von mehr als 1000 Jahren erstreckt. Auf dieser Reise begegnete die im Zen ausgedrückte Lebenshaltung verschiedenen Kulturen und Religionen, die allesamt ihren eigenen Einfluss auf die Entwicklung und Verbreitung des Zen beigetragen haben. Wir können uns dem Zen aus diesem Grund fasslich durch das Wort, also etymologisch annähern.

Abgeleitet ist der Begriff ursprünglich von Sanskrit dhyana (oder im Pali: jhana) und bedeutet so viel wie „Trance“ oder Zustand der Meditation. Das Wort selbst hat so einen wesentlich älteren Ursprung als die Zen-Strömung in Japan, besonders weil der umfangreiche Ausdruck jhana bereits im Hinduismus innerhalb der Veden übersetzt als Meditationsstufe überliefert wurde.

Erst durch den maßgeblichen Einfluss des chinesischen Taoismus um circa 500 n. Chr. wurde aus dem Sanskrit-Begriff dhyana das chinesische Wort Cha’an und schließlich über den Umweg durch Korea das japanische Zen.

Den theoretischen Ursprung des Zen kann man also ganz salopp dort einordnen, wo der Mahayana-Buddhismus begann mehr und mehr in den Nordosten Asiens zu wandern. Wie genau das passiert ist, kann uns hier egal sein. Wichtig ist dagegen zu verstehen, was den Mahayana-Buddhismus als Quelle des Zens ausmacht.

Die Spaltung des Buddhismus – auch Schisma genannt – in die zwei Hauptströmungen Mahayana-Buddhismus (Großes Fahrzeug in Tibet, West-China, Korea, Japan) und Theravada-Buddhismus (Schule der Ältesten in Burma, Thailand, Kambodscha, Laos und auf Sri Lanka) kann man bezüglich des Ausmaßes in etwa mit der christlichen Reformation vergleichen.

Die Theravadin sind im Vergleich die durchaus konservative Strömung, die sich hartnäckig auf die ursprünglichen heiligen Texte bezieht, weswegen sich die Mahayanisten durch die Hinzunahme von neuen Sutras sowie durch die teilweise völlig evolutionäre Interpretationen der alten Lehren abspalteten.

Buddha und sein Existenz-Paradox

Buddha selbst sorgte für eine Verstärkung ideologischer Abspaltung durch eine missverständliche Aussage, welche das ganze buddhistische Weltbild betrifft. Die paradoxale Aussage, nämlich einmal der Satz „Alles ist (existiert)“ und dann die oftmals wiederholte Äußerung „Alles ist nichtig / Nichts existiert“ [1] führte zu den zwei folgenden komplett gegenteiligen Auslegungen des Weltverständnisses im Buddhismus:

  1. Realistische Metaphysik (Theravada)
  2. Nihilistische Metaphysik (Mahayana)

Wie die philosophischen Details aussehen und was die Begriffe im Konkreten bedeuten, muss uns nicht aufhalten. Es soll nur kurz erwähnt sein, dass die philosophische Disziplin der Metaphysik die Beschaffenheit der Realität zu erklären versucht. Im Zen entstand durch die oben erwähnten Denkrichtungen eine jeweils starke Auswirkungen auf die Interpretation der Realität bzw. auf die Frage nach dem Sinn der Existenz.

In diesem Kontext meint Nihilismus, dass man genau darüber, also über die wahre Beschaffenheit der Welt keine objektive Wahrheit aufstellen kann. Die Lösung, die nun diese nihilistische Auffassung des Mahayana vorschlägt und den man auch als Kernaspekt im Zen wiederfindet …

… meint, dass sämtliche Versuche, die Welt zu deuten und das Rätsel des Seins zu ergründen, notwendig in willkürliche Abgrenzungen verfallen und dass der Weise, der sich weder auf Sein noch auf Nichtsein stützt, die ganze Frage als irreführend abtut und streitlos in Schweigen verharrt. [2]

Die wesentlichen Hauptmerkmale, die wir daraus bereits für die Zen-Strömung ablesen können, lauten folglich:

  • Misstrauen gegen absolute Wahrheiten
  • Misstrauen gegen die Sprache
  • Wortkargheit
  • Ablehnung von Systemen
  • Ablehnung des Intellektualismus
  • Kein Verlangen nach Wissen

Zen der Gegenwart

Aus dieser Auflistung heraus wird es uns leichtfallen, den folgenden Aspekt zu verstehen: Der Zen-Buddhismus distanzierte sich bereits sehr früh in seiner Geschichte vom klassischen Buddhismus und vor allem natürlich von den heiligen Texten, die im Zen als reine Papierverschwendung angesehen werden, die nichts weiter als den Dreck des Intellekts abwischen [3].

Der Zen-Meister Huineng (circa 700 n. Chr.) zerreißt heilige Sutras

Der Zen-Meister Huineng (circa 700 n. Chr.) zerreißt heilige Sutras

Dieses Verhalten war jedoch nicht immer so stark ausgeprägt. Verstärkt wurde diese Haltung gegen den Intellekt und gegen alle Lehren und Systeme durch den Einfluss des Taoismus, der selbst nur lose Ansichten beinhaltet, die aber insbesondere den Quietismus betonen und die Grenzen der Sprache immer wieder unterstreichen.

Der wahrhaft religiöse Mensch hat nichts zu tun außer sein Leben, wie er’s unter den mancherlei Umständen dieser weltlichen Existenz vorfindet, fortzusetzen. Er steht des Morgens ruhig auf, kleidet sich an und begibt sich an seine Arbeit. Wünscht er zu gehen, so geht er; wünscht er zu sitzen, so setzt er sich – gar kein Verlangen nach Buddhatum, nicht den entferntesten Gedanken daran [5, S.40].

Charakteristika des Zen

Was Zen so wirklich ausmacht, lässt sich nicht präzise ausdrücken. Das sollte nun nicht verwunderlich sein, wenn man bedenkt, dass die Zen-Buddhisten wenig von Worten halten und das eben nicht einfach so ohne jeden Grund. Ursache dieser Sprachablehnung ist die Tatsache, dass im Zen eine Dimension ins Zentrum rückt, die schlicht und ergreifend nicht durch sprachliche Beschreibungen ausgedrückt werden kann – der Versuch einer Erklärung hat dort keinen Sinn mehr.

Zu dieser Dimension außerhalb aller analytischen Darstellungen zählen im Zen:

  1. Nichts und Leere
  2. Niemand-Sein
  3. Stille und Meditation
  4. Gegenwärtigkeit und Tod

Meditation – Zazen

Die wohl wichtigste Einsicht in die konkrete Praktik des Zen bildet die schon im Namen erwähnte Meditationsform, genannt Zazen 座禅 (Sitz-Meditation). Praktiziert man Zazen, so übt man sich in der Kunst, sich von seinem starren Zwangsdenken zu befreien. Jede Form von geistiger Unruhe wird damit zum Stillstand gebracht, denn der Verstand des gewöhnlichen Menschen steckt inmitten einer Unmenge von Zerstreuungen.

Man lenkt hierbei seine ungeteilte Achtsamkeit auf den gegenwärtigen Moment und findet darin Erleuchtung (jap. Satori 悟り). Selbstbeobachtung verbindet den Meditierenden mit Geist, Körper und Augenblick, macht ihn seinen vernebelten Kopf ausgießen, sodass er Leere und Stille erfahren kann.

Aus diesem Grund wird im Buddhismus allgemein, der Verstand stets mit einem Affen verglichen, weshalb man den ungeübten Geist humorvoll als „Monkey-Mind“ beschreibt. Die Analogie ist nichtsdestotrotz sehr treffend: wie ein Affe spielt und springt der Geist nämlich von einem Ast zum nächsten. Sobald er irgendetwas aufwirbelt, woran er sich dann klammern kann, wird sofort die gesamte Aufmerksamkeit darauf ausgerichtet.

Wir erleben dies meist, wenn wir gezwungen sind ruhig zu sein, was in uns einen höllischen Gedankensturm, ein wahres Chaos in unseren Köpfen hervorruft – auch bekannt als Geistesgeschnatter. Innere Stille und ungeteilte Aufmerksamkeit sind für den von Arbeit und Stress durchtränkten Menschen der Neuzeit eine wahre Folter.

Wenn die Gedanken verschwinden, erwacht die Bewusstheit zum Leben.
Halte gelegentlich inne – an jedem beliebigen Ort, zu jeder beliebigen Zeit. Schau einfach hin und höre zu und sei ein Zeuge – beobachte die Welt und dich selbst. Denke nichts. Sei bloß Zeuge und sie, was geschieht. Wenn dieses Zeuge-Sein da ist, hört dein Ego auf zu existieren – und so wirst du sehen, wirst erkennen, wer du wirklich bist.
[4]

Kein Ich, kein Du…

In der Meditation löst sich der Dualismus von Subjekt und Objekt auf, was im Grunde nichts anderes bedeutet, als ein nichtunterscheidendes Denken zu kultivieren – es gibt kein Ich mehr und auch kein Du ebenso wenig wie eine Außenwelt. Man sieht die Dinge und hört auf zu interpretieren, zu bewerten und zu verlangen.

Dabei ist Zazen an sich keine Tätigkeit, der man ein Ziel oder einen Sinn zuordnen darf. Man meditiert nie für etwas oder über etwas, sondern man meditiert (Punkt!). Der Zen-Meister Sawaki Kodos formulierte dies auf folgende Art: Wie lange du Zazen üben musst, bis es dir etwas bringt? Zazen bringt dir überhaupt nichts.

Gerade das macht, wie ich finde, das Zen so schwer. Wir sind unglaublich daran gewöhnt Dinge mit Hinblick auf ein Ziel zu erreichen, doch im Zen kann man nichts erreichen, es ist ja gerade das Nicht-Begehren, das Nicht-Erreichen der unfassbare Kern der Meditation.

Das Selbst wahrlich zu verstehen, bedeutet, sich selbst zu vergessen; sich selbst zu vergessen bedeutet: Satori
– Dogen Zenji

Gegenwärtigkeit – Samu und Kōan

Die Illusion, dass die Dinge sich unterscheiden und dass das Ich eine eigene, vom Rest abgegrenzte Existenz hätte, soll sich in der Übung mit dem Kōan auflösen. Am besten werde ich das Wesen eines Kōan verdeutlichen können, wenn ich einfach einige Beispiele aufzeige:

1. Welch ein Schall entsteht beim Zusammenschlagen einer Hand?

2. Vor langer Zeit hielt ein Mann eine Gans in einer Flasche. Sie wuchs und wuchs, und zuletzt kam sie aus der Flasche nicht mehr heraus. Der Mann wollte aber weder die Flasche zertrümmern noch die Gans verletzen. Wie kann er die Gans herauskriegen?

3. Ein Mönch fragte Tozan: „Was ist Buddha?“. Tozan antwortete: „Drei Pfund Hanf“. Was sagst du dazu?

Die Kōans sind eine Form von Rätsel ausgehend von der Rinzai-Schule des Zen, die jedoch nicht durch eine überaus ausgetüftelte Verstandesarbeit gelöst werden können – ganz im Gegenteil. Der Zen-Meister gibt dem Schüler eine solches Paradox mit, um seinen Fortschritt im Zen zu überprüfen. Er kann auf diese Weise feststellen, ob dieser an seiner Vernunft, der Logik und dem unterscheidenden Denken festhält.

Es gibt in jedem Kōan gewöhnlich die Wahl zwischen einem Entweder und einem Oder, wovon aber das eine schlicht so unmöglich ist wie das andere. Darum spiegelt jedes Kōan das ungeheure Kōan des Lebens wider; denn für den Kern des Zen liegt das Problem des Lebens darin, über das Entweder-Oder, also über den Gegensatz von Ja und Nein, welche nun beide die Wahrheit verdunkeln, hinaus­zukommen [5].

Meistert man die Kōans, nähert man sich allmählich dem Weg zum Kenshō 見性 was mit dem plötzlichen Erfahren der eigenen Natur (demnach sozusagen ein kleines Satori) übereinstimmt. Das Samu 作務 beschreibt ein Teilgebiet des klösterlichen Lebens, nämlich die meditative Arbeit, welche im Grunde jedoch in jeder möglichen alltäglichen Tätigkeit, wie Kartoffelschälen, Staubwischen, Gartenarbeit und so weiter, stattfinden kann.

Die achtsame und vertiefte Tätigkeit richtet sich auf den jetzigen Moment und vergisst alle fesselnden Gedanken. Das hier offenbarte Merkmal des Zen bezieht sich auf das spontane Element, welches im Kontrast zu Tätigkeiten der Vernunft – z.B. dem Lesen von Schriften – eine direkte Bejahung der Gegenwart ist.

Lese ich, so sammle ich nur Wörter und hoffe irgendwann weise und erleuchtet zu sein. Wenn ich nachdenke, dann argumentiere ich mithilfe der Vernunft und hoffe bei einer großen Erkenntnis zu landen. All diese Handlungen sind auf die Zukunft ausgerichtet und unterschlagen die unmittelbare Wahrnehmung des Lebens.

Wie kann ich Leere und Stille erlangen, wenn ich stets Gedanken in meinem Kopf festhalte?

Der Weg des Zen – eine Einladung

Erleuchtung bedeutet, nichts zu suchen und nichts zu finden.

Wo es etwas zu finden gibt, da ist keine Erleuchtung.

Wo es nichts zu finden gibt, genau da ist die Erleuchtung.

Das, wonach du greifst, wirst du verlieren.

Am Ende bleibt dir nichts anderes übrig,

als einfach loszulassen.

Sawaki Kodo


Quellen und Verweise

[1] Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt a. M.: Fischer, Erweiterte Neuausgabe, 1992, S.64 | Literatur (DEU)

[2] Helmut von Glasenapp: Die Philosophie der Inder. Eine Einführung in ihre Geschichte und ihre Lehren. Stuttgart, 1949, S.344 | Literatur (DEU)

[3] Vgl.: Suzuki, Daisetz Teitaro; Jung, C. G.: An Introduction to Zen Buddhism. Evergreen Black Cat, 1964, S.38f. | Literatur (DEU)

[4] Vgl.: Osho: Das Buch vom Ego: Von der Illusion zur Freiheit. Berlin: Ullstein, 6. Auflage, 2012 S.169f. | Literatur (DEU)

[5] Watts, Alan: Vom Geist des Zen. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch, 1984, S.60 | Literatur (DEU)

Empfehlungen

Buch: Han, Byung-Chul: Philosophie des Zen-Buddhismus. Stuttgart: Reclam, 2002 | Literatur (DEU)

Buch: Keown, Damien: Der Buddhismus. Stuttgart: Reclam, 2014 | Literatur (DEU)

Video: EASTERN PHILOSOPHY – The Buddha | Video (ENG)

Buch: Hempel, Hans-Peter: Alle Menschen sind Buddha – Der Weg des Zen. Leipzig: Reclam, 2002 | Literatur (DEU)

Artikel: Alan Watts – Die Weisheit des ungesicherten Lebens | Blog (DEU)

Buch: Muho, Abt: Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück. München: Piper, 2016 | Literatur (DEU)