Narabo-Epikur-Philosophie-Lust-Hedonismus-Der-Weg-zum-Glück-Seelenruhe

Hier ist die Lust das höchste Gut – das klingt zunächst nach einem naiven Rat.

Epikurs Lehre zählt neben dem Stoizismus und Skeptizismus zu den drei großen philosophischen Strömungen der hellenistischen Zeit. Mit dem Begriff der Lust im Zentrum, wird der Epikureismus oftmals missverstanden und auf komische Abwege geführt. Wir sollten Epikurs Weisheit deshalb mit Vorsicht und Gründlichkeit begegnen. Dieser Artikel wird hierfür die nötige Einführung bieten.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Wer war Epikur?
  2. Quellenlage und Anspruch der Lehre
  3. Was besagt die epikureische Lehre?
  4. Betonung der Gegenwärtigkeit
  5. Das Ideal: Der epikureische Weise
  6. Der epikureische Lustbegriff
  7. Verknüpfung von Lust und Vernunft
  8. Die drei Widersacher der Lebensfreude
  9. Wie können wir dem Schmerz trotzen?
  1. Warum ist der Epikureismus oftmals missverstanden worden?
  2. Auf welcher Basis steht die epikureische Lehre?
  3. Was verkörpert der epikureische Weise?
  4. Inwieweit muss man den epikureischen Lustbegriff vom Alltagsbegriff der Lust abgrenzen?
  5. Wie genau lauten die drei Widersacher der Lebensfreude und Epikurs Lösungen?

Wer war Epikur?

Der Name Epikur (341 bis circa 270 v. Chr.) steht natürlich in Verbindung mit der Gründung einer der drei großen philosophischen Strömungen der hellenistischen Zeit, die auf einer hedonistischen Lehre basiert. Der griechische Philosoph und Namensgeber für den Epikureismus wurde auf Samos geboren und gründete etwa im Jahr 306 vor Christus in Athen seine Schule in Form eines Gartens, den sogenannten Kepos.

Besonderstes Merkmal des epikureischen Gartens war, dass wirklich jeder dort Schüler werden konnte, sogar Sklaven wurden zugelassen – wirklich unüblich für diese Zeiten. Schlimmen Gerüchten bereits seiner eigenen Lebenszeit zufolge habe er dort ein „schrankenloses Jagen nach Sinnenlust“ [1] gelehrt, was in Anbetracht der Inschrift am Eingang des Gartes tatsächlich so wirken könnte:

Hier wirst du dich wohl fühlen: Hier ist die Lust das höchste Gut. [2, S.8]

Jedoch werden wir sehen, dass diese Auffassung der epikureischen Philosophie nicht gerecht wird, da doch der Lustbegriff Epikurs fundamental von unserem Alltagskonzept der Lust als bloße Befriedigung und Erfüllung von Wünschen und Begierden abweicht.

Quellenlage und Anspruch der Lehre

Zu Epikur gibt es für unsere Ansprüche nur noch zwei Punkte zu sagen: erstens zur Quellenlage und zweitens zum Anspruch seiner Lehre. Was die Originaltexte betrifft, sieht es bei Epikur – wie bei vielen anderen antiken Autoren leider auch – verdammt düster aus, denn „Epikurs Schriften sind fast ganz verloren.“ [1]

Neben der Wiedergabe des Epikureismus durch die beiden römischen Dichter Horaz (65-8 v. Chr.) und Lucrez (98-55 v. Chr.) sind nur wenige Fragmente und Bezugnahmen durch andere Philosophen, welche ihrerseits aus zweiter Hand zu Epikur gelangten, als Zugang zur Lehre vorhanden. Davon sollen wir uns aber nicht beirren lassen.

Viel wichtiger für uns ist der zweite Punkt, nämlich der Anspruch der epikureischen Lehre. Tatsächlich teilt Epikur diesen Aspekt mit vielen antiken Ethikern, denn zum Beispiel auch für die Philosophie der Stoa gilt, dass praktische Lebensklugheit höher ist als Wissen [vgl. 1]. Es geht also nicht darum bloß zu wissen, was als das Richtige zu tun ist, sondern darum es einfach zu tun. Sehr schön fasst es Michel de Montaigne zusammen:

Die Briefe von Philosophen wie Epikur und Seneca sind nicht leer und inhaltlos, sie haben ihren Wert nicht nur in der feinen Wortwahl, in der richtig angeordneten und rhythmisierten Ausdrucksfülle, sondern sie stecken voll von schönen weisen Reden, durch die man nicht zungenfertiger, sondern klüger wird, und die uns nicht lehren, richtig zu reden, sondern richtig zu handeln. [3, S.136]

Was besagt die epikureische Lehre?

Wie jede antike Lehre ist auch die epikureische umfassend, das heißt also: sie ist grob in die zwei Bereiche Physik (Beschreibung der Welt) und Ethik (Beschreibung des richtigen Handelns) zu unterteilen. Mit der Physik werden Aussagen darüber getroffen, was und auch wie die Welt ist, wonach sich das Handeln dann entsprechend anpasst:

Die Physik ist auch nur Vorstufe zum richtigen Handeln. Sie hat die Aufgabe, zu zeigen, daß die Welt ganz aus dem natürlichen Zusammenhang der Dinge zu erklären ist, daß Götter sie weder geschaffen haben noch in ihren Lauf eingreifen, und so die Menschen von Furcht befreien.

Es ist gerade die Aufgabe der physikalischen Welterkenntnis – in der Epikur sich eng an die Atomlehre des Demokrit anschließt -, dem Menschen die Furcht vor überirdischen Mächten, die sonst seine Seele verdüstert, zu nehmen und ihn dadurch fähig und frei zu machen zum vollen Genuß des irdischen Lebens, den Epikur in der Tat empfiehlt. [1]

Ausgehend von dieser Basis erkennt man sofort, dass Epikurs Lehre – wie im letzten Satz herausgestellt – um den Genuss des irdischen Lebens kreist. Was jedoch unter diesem irdischen Genuss zu verstehen ist, kann nicht bloße Lustbefriedigung sein, sondern allein die Ausrichtung auf das individuelle Lebensglück oder gar Seelenheil, das im griechischen Begriff Eudaimonie (Glückseligkeit) Ausdruck findet.

Dies ist typisch für die antiken philosophischen Schulen, denn auch Aristoteles mit seiner Tugendethik und die Stoiker haben die Glückseligkeit respektive Gemütsruhe als höchstes Ziel des menschlichen Lebens erachtet. Entscheidend sind nur die unterschiedlichen Wege, die von den jeweiligen Schulen zur Erreichung dieses Ziels eingeschlagen werden.

Betonung der Gegenwärtigkeit

Ein zentrales Merkmal aller dieser Schulen entgegen ihrer Differenzen ist beispielsweise die Hervorhebung des gegenwärtigen Lebens. Wer sich starr auf die Zukunft versteift, wird automatisch unglücklich. Ganz besonders hervorgehoben ist diese Gegenwärtigkeit in der epikureischen Lehre, was Michel de Montaigne in einem seiner Essais wie folgt kommentiert:

Wünsche tragen uns immer in die Zukunft; sie bringen uns um die Möglichkeit, das, was jetzt ist, zu fühlen und zu beachten; statt dessen gaukeln sie uns Dinge vor, die einmal kommen sollen, vielleicht erst dann, wenn wir gar nicht mehr existieren. Unglücklich ist, wer sich um die Zukunft sorgt. [3, S.46]

Montaigne zitiert in diesem Zusammenhang zusätzlich eine wichtige Lebensregel Platons, welche im Kern eben diesen zentralen Aspekt der epikureischen Lehre verdeutlicht, nämlich die Hinwendung zur Gegenwärtigkeit im Ausdruck vollkommener Sorglosigkeit hinsichtlich zukünftiger Ereignisse:

Tu das Deine und erkenne dich selbst. [3, S.46]

Wer diese Selbsterkenntnis besitzt, nimmt nicht mehr ›das Fremde‹ für ›das Seine‹; mehr als alles andere zieht ihn dann die Beschäftigung mit seinem Ich und die Kultivierung seines Ich an; was überflüssig ist, will er dann nicht mehr tun, und was unnütz ist, nicht mehr denken und planen … Bei Epikur soll der Weise nicht in die Zukunft sehen und sich nicht um sie sorgen. [ebd.]

Das Ideal: Der epikureische Weise

Was nun das oberste Ideal der epikureischen Lehre ist, kann man leicht formulieren. Der Weise ist unbeirrt von Ängsten gegenüber metaphysischer Spekulation und verweilt dagegen in der Gewinnung von Lust, welche vor allem in der Bedürfnisregulation umgesetzt wird:

Er hat seinen Begierden Grenzen gesetzt und ist gleichgültig gegen den Tod; er hat von den unsterblichen Göttern, ohne sie irgendwie zu fürchten, richtige Vorstellungen und nimmt keinen Anstand, wenn es so besser ist, aus dem Leben zu scheiden. Mit solchen Eigenschaften ausgerüstet, befindet er sich stets im Zustand der Lust. Es gibt ja keinen Augenblick, wo er nicht mehr Genüsse als Schmerzen hätte. [4]

Der epikureische Lustbegriff

Bereits in der Einleitung habe ich nun deutlich darauf hingewiesen, dass der Epikureismus gerade aufgrund seines hedonistischen Kerns oftmals zu Unrecht fehlinterpretiert wurde. Eben habe ich bereits darauf hingewiesen, dass vor allem die Bedürfnisregulation dazu beiträgt, dass man in einem stetigen Zustand der Lust verweilt und darum nicht einfach blind nach einem Maximum der Lust strebt. Hans Joachim Störig beschreibt es treffend:

Aber Epikur lehrt keineswegs zügelloses Jagen nach Sinnenlust. Allerdings bezeichnet er als alleiniges Ziel des Menschen die Glückseligkeit und definiert diese sehr einfach als Gewinnung von Lust und Vermeidung von Unlust. Aber er weiß, daß auf Ausschweifungen jeder Art nur um so schmerzhaftere Rückschläge zu folgen pflegen. Vernunft muss deshalb das Streben nach Glück leiten und zügeln. [1]

Verknüpfung von Lust und Vernunft

Menoikeus, ein Freund von Epikur, fasst diese Zügelung der Lust durch die Vernunft treffend zusammen, indem er sich gegen die naive Lustkonzeption ausspricht und die korrekte Bedeutung der Lust innerhalb der epikureischen Philosophie auf den Punkt bringt – Lust und Vernunft gehen Hand in Hand:

Weder fortwährende Trinkgelage und Umzüge noch der Genuss von Knaben und Frauen und auch nicht von Fischen und allem übrigen, was ein üppiger Tisch zu bieten hat, können das lustvolle Leben erzeugen. Sondern nur eine besonnene Vernunft, die sowohl die Ursachen jedes Wählens und Meidens erkennt, als auch die leeren Meinungen vertreibt, aus denen die Seele die größte Beunruhigung befällt.

Der Ursprung all dessen also und das größte Gut ist die Vernunft. Deshalb ist die Vernunft auch wertvoller als die Philosophie, aus der alle übrigen Tugenden herrühren, weil sie uns lehrt, dass es nicht möglich ist, lustvoll zu leben, ohne vernünftig, edel und gerecht zu leben, und so ist es unmöglich, vernünftig, edel und gerecht zu leben ohne lustvoll zu leben. [2, S.34]

Denn die Tugenden sind fest mit einem lustvollen Leben verwachsen und das lustvolle Leben lässt sich nicht von ihnen trennen. [2, S.34]

Die drei Widersacher der Lebensfreude

Zusammenfassend sollten wir nochmals alle zentralen Motive, die um den epikureischen Lustbegriff kreisen, auf den Punkt bringen. Nach Epikur müssen wir uns gegen drei Widersacher der Lebensfreude behaupten: erstens gegen Furcht, dann gegen Schmerz und zuletzt gegen die Zügellosigkeit der Begierden.

Die Furcht hält uns davor ab das Leben genießen zu können und taucht in zweierlei Form auf, nämlich in der Furcht vor dem Tod und in der Furcht vor den Göttern. Durch die epikureische Physik soll Letztere beseitigt werden. Was kann man aber gegen die Todesfurcht machen? Epikur hält hierfür folgenden Vorschlag parat:

Gewöhne dich daran zu glauben, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat. Denn alles, was gut, und alles, was schlecht ist, ist Sache der Wahrnehmung. Der Verlust der Wahrnehmung aber ist der Tod. Daher macht die richtige Erkenntnis, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat, die Vergänglichkeit des Lebens zu einer Quelle der Lust, indem sie uns keine unbegrenzte Zeit in Aussicht stellt, sondern das Verlangen nach Unsterblichkeit aufhebt. [5]

Das schauerlichste aller Übel – der Tod – hat also keine Bedeutung für uns; denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da. [5]

Wie können wir dem Schmerz trotzen?

Die beiden anderen Widersacher, nämlich Schmerz sowie die Bändigung der Begierden, lassen sich in einem Zug abhandeln, denn schließlich liegt der Sinn in der Mäßigung ausschließlich darin, Schmerzen gekonnt zu vermeiden. Das Sich-Behaupten gegen die Zügellosigkeit der Begierden referiert somit letztlich auf die begehrte Vermeidung von Schmerz und braucht nicht extra abgehandelt zu werden.

Wie aber lassen sich Schmerzen nun vermeiden? Ganz einfach: durch Lust! Ebendies ist doch gerade der Kern der gesamten epikureischen Lehre. Damit einhergehend betont Menoikeus ausdrücklich: Wenn wir also sagen, dass die Lust das Ziel ist, meinen wir nicht die Lust der Ausschweifungen oder der Genusssüchtigen […] Unser Ziel ist vielmehr, dass man weder körperliche Schmerzen empfindet, noch in seiner Seele Unruhe verspürt. [2, S.31]


Quellen und Verweise

[1] Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M., 1992, S.198f. | Literatur (DEU)

[2] Epikur: Der Weg zum Glück, Matthias Hackemann (hrsg. und übs.), Anaconda, Köln, 2011 | Literatur (DEU)

[3] Michel de Montaigne: Die Essais, herausgegeben aus dem Französischen übertragen und mit einer Einleitung versehen von Arthur Franz, Anaconda, Köln, 2005 | Literatur (DEU)

[4] De finibus bonorum et malorum I, 62; zit.n. Werle, S. 86 | Literatur (LAT/DEU)

[5] Epikur: Wege zum Glück. Herausgegeben und übersetzt von Rainer Nickel. Artemis & Winkler, Düsseldorf, Zürich 2005, S.117 | Literatur (DEU)