Narabo-Einführung-in-die-Philosophie-des-Geistes-Psychologie-Bewusstsein-Seele

Seit Jahrtausenden sind Menschen von dem verblüfft, was wir Geist oder Seele nennen würden.

Wir werden damit geboren und benutzen es alltäglich, nur was es wirklich ist, das weiß bis heute keiner. Wir sind selbst durch die modernen Wissenschaften dem Verständnis des menschlichen Geistes, Denkens und Bewusstseins keinen Schritt nähergekommen. Auch dieser Artikel wird keine Antworten liefern. Er wird dafür aber zeigen, wie unfassbar kompliziert dieses ganze Thema wirklich ist.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Was sind geistige Phänomene?
  2. Unterscheidung: Ereignis und Disposition
  3. Gibt es gemeinsame Merkmale im Geist?
  4. René Descartes und bewusste Zustände
  5. Franz Bretano und Intentionalität
  6. Vorschlag der phänomenalen Qualität
  7. Was ist das Verhältnis von Geist zu Materie?
  8. Drei konfliktreiche Thesen
  1. Wie kann man geistige Phänomene klassifizieren?
  2. Gibt es gemeinsame und verschiedene Merkmale geistiger Phänomene?
  3. Wie kann man versuchen die Vorgänge des Geistes zu definieren?
  4. Was ist das allgemeine Problem der Philosophie des Geistes? Wieso ist es so gravierend?
  5. Welche drei Thesen stehen in einem Konflikt?

Was sind geistige Phänomene? 

Wahrscheinlich ist es am sinnvollsten sich zu Beginn einer solchen Überlegung über geistige Phänomene zuerst zu vergegenwärtigen, was man bisher im alltäglichen Verkehr unter der Kategorie ‚geistige Phänomene‘ eingeordnet hat, oder was man sich darin zumindest denken kann.

Denken! – das ist schon einmal ein gutes Stichwort. Wenn es ein geistiges Phänomen gibt, das jeder auf Anhieb erfassen kann, dann ist es das Denken. Es gibt aber noch viele andere, wie zum Beispiel die Wahrnehmung, das Empfinden, Erinnern und so weiter. Darüber hinaus ist es eine gänzlich andere Frage, was all diese Phänomene wirklich sind.

Ich werde in diesem Artikel nicht darauf eingehen können, was man unter Gedanken oder Erinnerungen verstehen kann. Stattdessen will ich zeigen wie kompliziert das Thema der Philosophie des Geistes wirklich ist und wie schwer es ist dort auf einen Nenner zu kommen. Sehr lebhaft beschreibt es eines von Dehmels Gedichten:

Was sind Worte, was sind Töne,
all dein Jubeln, all dein Klagen,
all dies meereswogenschöne
unstillbare laute Fragen –
rauscht es nicht im Grunde leise,
Seele, immer nur die Weise:
still, o still, wer kann es sagen!
– Richard F. L. Dehmel

Auch in diesen Zeilen findet man noch weitere Klassifizierungen. Ich kann zum Beispiel Hoffnungen herauslesen, die ebenfalls zu geistigen Phänomenen zählen. Im Grunde kann man nach kurzem Überlegen auf die folgende Liste stoßen und kommt damit zu einem ganz guten Ergebnis. Geistige Phänomene sind unter anderem:

  • Wahrnehmungen, Gefühle, Schmerzen
  • Überzeugungen, Gedanken
  • Hoffnungen, Erinnerungen
  • Dispositionen (Verhaltensneigungen)

Wichtig ist an dieser Stelle der Vergleich der einzelnen Kandidaten. Gibt es klar zu erkennende Gemeinsamkeiten? Auf diese Frage werden wir später zurückkommen. Einfacher ist die Unterscheidung von Differenzen, denn es zeigt sich leicht, dass es so etwas wie geistige Ereignisse und geistige Haltungen (wiederkehrende Ereignisse) gibt.

Unterscheidung: Ereignis und Disposition

Eine sehr hilfreiche Art in die Welt geistiger Phänomene irgendeine Form von Struktur zu bringen, besteht in der Trennung von Ereignis, Akt oder Vorkommnis und den sogenannten Dispositionen. Ein Denkakt ist ganz einfach gesagt ein mentales Ereignis, so wie im Fall, wenn ich denke, dass 5 + 5 = 10 ist.

Gedanken können aber auch Dispositionen sein, denn wenn ich sage ‚Ich weiß, dass 2 + 2 = 4‘, so habe ich ja dieses Wissen auch dann noch, wenn ich gerade den Gedanken nicht aktiv denke. Das Wissen von einem Gedankeninhalt ist als Disposition charakterisierbar [1, S.10]. Die folgende Tabelle macht es deutlich:

Mentale Ereignisse Mentale Dispositionen
Wahrnehmen

Wahrnehmungsakte
(z.B. etwas Rotes sehen)
(v.a. phänomenale Inhalte)

Wahrnehmungsvermögen
(die Fähigkeit bestimmte Inhalte (Farben etc.) wahrzunehmen.)

Fühlen

Gefühlserlebnisse
(z.B. Angst, Lust oder andere Gefühle momentan erleben)

Emotionsvermögen
(Fähigkeit zu emotionalem Erleben, z.B. zu Angst, Stolz, Trauer usw.)

Denken Denkakte
(Vorkommnisse von Wünschen, Überzeugungen, Befürchtungen usw.)

Denkfähigkeiten / -neigungen
(prinzipiell in der Lage sein bestimmte Denkinhalte zu erfassen)

Gibt es gemeinsame Merkmale geistiger Phänomene?

Kommen wir jetzt zur zweiten großen Frage: Gibt es neben Unterschieden auch gemeinsame Merkmale geistiger Phänomene? Albert Newen, Professor für Philosophie in Bochum fasst zusammen, dass es sehr viele verschiedene Ansätze gab geistige Merkmale zu vereinheitlichen, die jedoch alle mehr oder weniger gravierend gescheitert sind.

Eine Verbindung zwischen geistigen Phänomenen bleibt somit eine offene Frage, die bislang nicht gelöst wurde bzw. niemals (prinzipiell) gelöst werden kann [1, S.11]. Einige Beispiele für zumindest versuchte Lösungsansätze werden wir uns nun kurz betrachten.

1. René Descartes und bewusste Zustände

Einer der bekanntesten Vorschläge die Kategorie des Geistes unter einen gemeinsamen Begriff zu spannen, wurde von keinem geringeren als dem Begründer neuzeitlicher Philosophie getätigt: René Descartes. Bekanntlich hat er einen Substanzdualismus vertreten und mit seinem berühmten Ausspruch „Ich denke, also bin ich“ gewissermaßen untermauert.

Seine Idee ist ganz einfach: geistige Phänomene sind immer bewusste Zustände. Ich kann keine Empfindungen, Erinnerungen, Schmerzen oder Sonstiges haben, wenn ja nicht bewusst. Auch für nicht-introspektive geistige Phänomene soll dies gelten. Wahrnehmung sei also ein aktives Ereignis des Geistes:

Descartes macht folgende Behauptung: Wenn materielle Dinge auf unseren Körper eingewirkt und Sinnesreize erzeugt haben, so hat dieser Vorgang dem Geist die Gelegenheit gegeben, Ideen hervorzubringen. Es sind also Körper und Geist, die aktiv sind und aufgrund ihrer gegenseitigen Zuordnung bestimmte Zustände hervorbringen. [2]

Das Problem an dieser These Descartes‘ ist ganz einfach, dass es seit der Akzeptanz der Psychoanalyse enorme Einwände gegen die Bewusstheitsforderung geistiger Zustände gibt. Nicht umsonst ist ein zentraler Begriff der Psychoanalyse das Unbewusste! Neben den anderen Einwänden, die als Konsequenzen dieser These abzuleiten sind, scheidet die Bewusstheit als objektive Gemeinsamkeit aus.

2. Franz Bretano und Intentionalität

Geistige Merkmale als intentionale Merkmale zeichnen sich nach Bretano nun dadurch aus, dass sie auf ein Objekt gerichtet sind. Ich denke über etwas nach, erinnere mich an ein konkretes Ereignis und so weiter. In seinen eigenen Worten beschreibt er es wie folgt:

Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben, und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdrücken, die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter / hier nicht eine Realität zu verstehen ist), oder die immanente Gegenständlichkeit nennen würden. Jedes enthält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urteile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Begehren begehrt usw. Diese intentionale Inexistenz ist den psychischen Phänomenen ausschließlich eigentümlich. Kein physisches Phänomen zeigt etwas Ähnliches. [3]

Bretanos Vorschlag geistige Phänomene unter einen Schirm zu bringen scheitert jedoch auch, und zwar an ganz einfachen Empfindungen: Müde sein, nervös sein und so weiter sind alle ohne Objekte. Solche geistigen Zustände sind demnach ohne Intentionalität. Es scheint unplausibel, dass diese Bedingung notwendig ist.

3. Vorschlag der phänomenalen Qualität

Zuletzt möchte ich noch ganz kurz einen Vorschlag vorstellen, der gewissermaßen Bretanos Idee entgegentritt. Zu sagen, dass geistige Phänomene eine phänomenale Qualität haben, bedeutet nichts anderes als zu sagen, dass mit ihnen ein spezifischer Erlebnischarakter verbunden ist. Es bedeutet etwa eine Rot-Empfindung zu haben.

Übrigens: Phänomenal heißt hier nicht fantastisch, sondern sich der Wahrnehmung, der Erkenntnis darbietend.

Besonders simpel kann man sich erklären, dass geistige Phänomene einen Erlebnischarakter haben sollen, wenn man das Erlebnis von Schmerz betrachtet. Es ist ein ganz spezifisches Empfinden, das nur ich in diesem Moment nachvollziehen kann. Doch auch diese Forderung ist zumindest bei Gedanken oder auch unbewussten geistigen Zuständen sehr fraglich.

Habe ich nun wirklich einen solchen Erlebnischarakter, wenn ich denke, dass 2 + 2 = 4 ist, oder wenn ich etwa sage, dass ‚Ich weiß, dass 2 + 2 = 4‘? Es scheint vor allem auch bei unbewussten geistigen Phänomenen sehr unplausibel diese These anzunehmen.

Wie verhalten sich psychische zu physikalischen Phänomenen?

Die Frage, die uns in der Moderne vielleicht am meisten puzzelt, ist die nach dem Verhältnis zwischen Geist und Materie. Nach allem, was wir durch die Wissenschaft sagen können, müssen geistige Phänomene irgendwie im Gehirn lokalisiert sein. Man kann dort jedoch nichts weiter sehen, bzw. messen als elektrische Impulse.

Ich kann aber nicht nachvollziehen, ob jemand momentan das Erlebnis hat, Schokolade zu schmecken, indem ich bloß am Gehirn dieser Person lecke oder elektrische Impulse messe. Noch viel schwieriger mag es werden, wenn wir das Wollen einer Person betrachten. Diese allgemeine Flüchtigkeit des Geistes hat unweigerlich dazu geführt, dass man lange Zeit glaubte, der Geist sei etwas außerhalb des Physikalischen.

Albert Newen erklärt sehr anschaulich welche harten Konflikte sich im Lichte der modernen Erkenntnisse daraus ergeben: In der westlichen Welt sind wir natürlich stark von der platonischen Idee der Trennung von Körper und Geist geprägt und zudem noch vom Dualismus Descartes‘.

Aber dies ist nur eine von drei Intuitionen, die unser Alltagsdenken bestimmen. Diese drei zusammengenommen bilden das klassische Leib-Seele-Problem, welches die Unverträglichkeit der drei Behauptungen herausstellt [1, S.14]:

  1. Mentale Phänomene sind nicht-physische Phänomene. (These des Dualismus)
  2. Mentale Phänomene sind auf physische Phänomene kausal wirksam. (These der mentalen Verursachung)
  3. Der Bereich physischer Phänomene ist kausal geschlossen. (These der physikalischen Geschlossenheit)

1. Geist und Materie sind verschieden

Die erste Behauptung stützt sich auf die Intuition, dass geistige Phänomene radikal von physischen Phänomenen verschieden sind. Ein rollender Ball und das Schmerz-Empfinden einer Person fallen demnach in zwei getrennte Kategorien. Das scheint uns irgendwie einleuchtend, vor allem deshalb, weil wir keine gute Alternative angeben können, wie man Geist und Materie verknüpfen könnte.

2. Geist kann physische Einflüsse haben

Die Behauptung aus dem zweiten Satz stützt sich auf die Intuition, dass mentale Phänomene, z.B. Wünsche und Überzeugungen, die Ursache von Verhaltensweisen, also von physischen Phänomenen sein können. Auf dieser Intuition bauen alle unsere alltagspsychologischen Erklärungen auf:

Wir sagen ja, dass jemand vor Freude weint, oder vor Schreck starr ist. Wir erklären uns die Handlung einer Person, dass sie sich einen Kaffee holt zum Beispiel durch ihre Wünsche und Überzeugungen als Ursachen für die Handlung [ebd.].

3. Es gibt nur physische Ursachen für physische Phänomene

Zuletzt haben wir noch einen enorm stark untermauerten Satz aus den empirischen Wissenschaften, der – wenn er falsch sein sollte – die ganze Physik, Chemie und Biologie auf den Kopf stellen würde. Er besagt ganz einfach, dass ein physisches Phänomen nur durch physische Phänomene verursacht werden kann.

Dies steht in direktem Konflikt zur zweiten These, nämlich dass geistige Phänomene (die ja nach der ersten These nicht physisch sind) kausal auf physische Tatsachen einwirken können. Es ist offensichtlich, dass alle drei Thesen so nicht konfliktfrei nebeneinander bestehen können!

Hierzu wieder Newen: Wenn erstens mentale und physische Phänomene getrennt sind (M und P sind ja zwei strikt getrennte Bereiche) und zweitens mentale Phänomene eine Ursache für physische Phänomene sein können (von m führt ein Verursachungspfeil auf p) und drittens jede physische Wirkung eine klar physische Ursache hat (p hat ein p₀ als Ursache), dann sieht man, dass wir für ein Ereignis p stets zwei völlig hinreichende Ursachen haben. [1, S.15]

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Wenn der mentale und physische Bereich getrennt sind, gibt es immer zwei Ursachen für ein Ereignis

Dies ist bekannt als Überdetermination und scheint schwerwiegend unplausibel. Immer wenn wir auf ein solches Resultat stoßen, ist dies ein Indikator dafür, dass wir in unseren Annahmen Fehler haben. Die Lösungen für diese Fehler sind bekannt als zentrale Positionen zur Leib-Seele-Debatte, da doch die erste These (Dualismus) uns am fragwürdigsten erscheint.

In diesem fortsetzenden Artikel* findest du einige zentrale Positionen zur Leib-Seele-Debatte.

*Wird demnächst veröffentlicht


Quellen und Verweise

[1] Albert Newen: Philosophie des Geistes, Eine Einführung, C.H. Beck, München, 2013 | Literatur (DEU)

[2] Dominik Perler: René Descartes, C.H. Beck, München, 1998, S.186 | Literatur (DEU)

[3] Franz Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, 1874, I, S. 124 | Literatur (DEU)