Narabo-Kapitalismus-Essay-Illusion-des-Erfolgs-Materialismus-Philosophie

Es wird endlich Zeit, dass man sich ernsthaft fragt wozu dies alles eigentlich passiert.

Was heißt ›alles‹? In erster Linie spreche ich von der maßlosen Ausbeutung der Meere und Wälder, der skrupellosen Versklavung anderer Nationen durch machthaberische Industrieländer, von der perversen Konsumkultur und der verharmlosten Verschwendung von Ressourcen. Ich möchte hierzu spontan einige Gedanken teilen, die mir immer wieder durch den Kopf fahren.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Eine kleine Geschichte …
  2. Wir können nicht vor uns selbst flüchten
  3. Kampf und Leid für einen falschen Erfolg
  4. Geld verdienen, um Geld zu verdienen…
  5. Ständig schieben wir das Leben vor uns her!
  6. Ellenbogen-Gesellschaft und American Dream
  7. Die aufgeblasene Ego-Gesellschaft
  1. Was mir eine simple Alltagserfahrung zeigte…
  2. Warum ist Eile und Hast so weit verbreitet?
  3. Wie wird Erfolg in unserer kapitalistischen Gesellschaft eingeordnet?
  4. Was ist am Erfolgsbegriff so problematisch?
  5. Warum sind wir so ausgerichtet auf die Zukunft?

Eine kleine Geschichte …

Ich saß einmal vor nicht allzu langer Zeit in einem kleinen Café an einer stark belebten Straße und beobachtete die vorbeiziehenden Menschen. Zwischen der Bestellung und dem Warten vergingen fünf schnelle Minuten des stillen und unvoreingenommenen Beobachtens.

Die umliegenden Tische waren beinahe alle vollständig besetzt. Einige Touristen, viele Angestellte in der Pause, Spaziergänger und andere saßen dort gemütlich, rauchten, tranken Kaffee, schwatzten über Neuigkeiten – alle gingen je ihren Dingen nach. Nicht weit entfernt befand sich eine enorm belebte Straßengabelung, die zu dieser Uhrzeit von der schieren Masse an Menschen geradezu überlief.

Ich wunderte mich sehr und dachte im selben Zug, es könne doch nur verwunderlich erscheinen wie dort hunderte Passanten aneinander vorbeijagen, ein bisschen so wie die Anhänger einer Ameisenkolonie, und als solches ist dies ein Phänomen, das, wenn es nicht jeden Tag ständig vor den eigenen Augen ablaufen würde, gar nicht sehr fern von einer regelrechten Massenhysterie zu sein scheint.

Bemerkenswert war dabei, dass die Menschen – ganz den Ameisen gleich – äußerst getaktet und präzise ihrem Weg nachgehen, ohne sich auch nur zu streifen, zu stocken oder zu kollidieren. Und wenn man nun weiß, dass bei Ameisen ein gewisser chemischer Botenstoff als Orientierungshilfe dient, bleibt es für uns doch ein spannendes Rätsel, was den Menschen veranlasst so unbeirrt und ohne Zweifel durch die Straßen zu sprinten.

Die gesamte Masse der Fußgänger machte den Eindruck, als sei sie an dünnen unsichtbaren Fäden befestigt, die sie zielstrebig in eine Richtung zogen. Und wahrlich so war es doch auch! Wir brauchen uns nur einmal kurz umsehen: Den einen zieht die Arbeit zu sich, den anderen der Feierabend, wieder ein anderer wird von einem Termin geplagt und alle zusammen folgen sie einer fremden lenkenden Macht.

Wir können nicht vor uns selbst flüchten

Aus der Ferne sah ich eine junge Dame mit einem kleinen Tablett in ihrer Rechten zügigen Schritts direkt auf mich zulaufen. Es war mein Kaffee, den sie übrigens ebenso zügig abstellte. Noch bevor ich mich bedanken konnte, war sie auch wieder verschwunden.

Versucht hier jemand einen Weltrekord aufzustellen?

Der schnellste Lauf von der Arbeit nach Hause? Oder das schnellste Kaffeeservieren?

Was soll denn überhaupt diese Hast und diese beklemmende Eile, die jeweils den Eindruck machen, jemand sei ständig auf der Flucht. Fragt man einmal nach dem Grund für dieses Verhalten, hat zunächst keiner eine Ahnung wovon man überhaupt spricht.

Welche Eile, welche Flucht?

Es ist doch völlig normal, dass es Stress geben muss, schließlich gehört das zur Arbeit, zum gesamten Leben der Geschäftigen und zwar auf solche Weise, dass man ihn nicht mehr identifizieren kann.

Für die allermeisten ist dies ein Teil des Alltags, so wie das morgendliche Zähneputzen, und bis man verständlich gemacht hat, was man nun meinte, sind bereits ein halbes Dutzend Blicke auf die Uhr gefallen. Schließlich kommt man auf einen Nenner und die fantastische Antwort ist auch gleich parat: es sei natürlich um der Arbeit willen, man habe wichtige Termine und Verpflichtungen, was für eine dumme Frage!

Nun sicher, das mag ja alles so sein. Aber damit verhält es sich wie mit den Symptomen einer Krankheit; diese sind nur oberflächlich und nicht Kern der Sache. Unbeantwortet bleibt jedoch der tiefere Sinn hinter alldem.

Warum das ganze Schuften und Knechten? Warum all die Verpflichtungen? Wieso steckt man überhaupt dort drin und wieso versucht man nicht herauszubrechen – denn schließlich ist diese elende Lebensart der rastlosen Hetzerei wahrlich unangenehm, oder etwa nicht?

Und genau hierin liegt der merkwürdige Widerspruch unserer modernen Gesellschaft…

Kampf und Leid für einen falschen Erfolg

Dieses Paradox lautet: Jeder bemüht sich förmlich um die Arbeit, den Gelderwerb, unterliegt dem Kapitalismus, versucht für sich mehr und mehr herauszuschlagen, verachtet keineswegs ein bisschen mehr Luxus zu gewinnen und gleichzeitig wird sich unentwegt beschwert und beklagt über die wenige Zeit, den geringen Freiraum und die harten Tage des mühseligen Alltags, sogar auch über das, was man bereits besitzt.

Der Kern dieses Widerspruchs liegt in der fatalen bürgerlichen Lebensphilosophie von heute, die ihre gesamte Erwartung und Hoffnung auf die ferne Zukunft, das heißt auf ihre fehlleitenden Versprechungen und Ausblicke richtet. Die Einstellung mündet in weitere Probleme: man hechtet ständig nach der nächsten ‚tollen‘ Erfahrung und flüchtet vor der Gegenwart.

So sind wir alle regelrecht verseucht von Bildern und Vorstellungen, die Erfolg im Leben mit Arbeitssucht, hartem Einsatz, hohem Vermögen sowie viel Bequemlichkeit verbinden – alles Versprechungen einer flüchtigen Zukunft. Dies ist natürlich ein Produkt unseres kapitalistischen Systems, das alles befürwortet und verstärkt, was es selbst am besten florieren lässt.

Geld verdienen, um Geld zu verdienen…

Dieser selbsterhaltende Kreislauf ist offensichtlich ein endloser Teufelskreis bei dem etwas verdient wird, um zu verdienen, um zu verdienen ad infinitum. Entsprechend spiegelt sich das auch im Verhalten der Menschen wider. Dazu müssen wir nur einmal unsere Umwelt betrachten: Zerstörung des Regenwalds für Palmöl und so weiter…

Weiterhin kann man sagen, dass diese Art ‚Erfolgsmensch‘ nicht im Jetzt lebt; dies ist ihm vielmehr lästig und unangenehm, weil er doch immer auf das ausgerichtet ist, was er im nächsten Moment erreichen, leisten und überwinden kann. Völlig gleichgültig ist dabei, wie sinnvoll seine Ziele überhaupt ist.

Wie bereits der römische Philosoph Seneca vor über zweitausend Jahren in seiner eigenen Lebensumwelt diagnostiziert hatte, ist das größte Hemmnis des Lebens die Erwartung, die sich an das Morgen hängt und demzufolge das Heute verloren gibt. Daran hat sich gar nichts geändert. Man kann es auch so ausdrücken:

Ständig schieben wir das Leben vor uns her!

Diese Art des Lebens in der Phantasie der Erwartung, anstatt in der Wirklichkeit der Gegenwart zu sein, ist die ausgesprochene Sorge derjenigen Geschäftsleute, die lediglich leben, um Geld zu verdienen. Aber gerade darum versäumen sie zu leben, weil sie sich ständig bloß auf das Leben vorbereiten.

Sie verlieren die Perspektive der Zeit, was so viel bedeutet, wie den Verlust der Gegenwart im Ganzen. Es wird nach einer Liste gelebt, nach abzuarbeitenden Punkten, einem linearen Schema, das nach einer gewissen Anzahl von Schritten abgehakt werden kann, um zuletzt feststellen zu müssen, dass man all die Zeit absolut nicht gelebt hat, sondern nur im Kreise gelaufen ist.

Untersuchen wir auch nur kurz die Antriebe und Motivation der ehrgeizigen, erfolgsbesessenen oder schlicht hart arbeitenden Menschen, so findet man nun viele flüchtige Motive und Täuschungen, die ein tiefes und reiches Leben grundlegend verhindern.

Es sind hauptsächlich Gründe des Kalibers zwischen Narzissmus und Gier, die so viel Unruhe in den Herzen der Menschen stiften und sie unfähig machen die Weisheit der Stille und Einfachheit zu schätzen. Selbstdarstellung, Selbstsucht, Status sowie Macht sind meist sehr subtil im Handeln versteckt und für die Person, die nach diesen Maßstäben lebt, sehr schwer aufzuspüren bzw. einzugestehen.

Ellenbogen-Gesellschaft und American Dream

Vielleicht hat der aufmerksame Leser zu diesem Zeitpunkt gewisse Analogien entdecken können. Mir jedenfalls ähnelt dieses Erfolgsdenken enorm stark der hochverehrten Vorstellung des „American Dream“. Ein furchtbarer Einfall, der darauf beruht, eine pure Ellenbogen-Gesellschaft zu formen, die sich wie eine wildgewordene Horde Affen übereinander türmt, um die Spitze der Erfolgsleiter zu erreichen.

Es spricht ja absolut nichts dagegen sich größeren Wohlstand zu wünschen und sich dafür einzusetzen, nur soll es sich hierbei um sinnvollen Wohlstand handeln, den man meinetwegen fleißig erarbeitet, aber doch wohl ohne sich aufzublasen mit polarisierenden Werten sowie jämmerlicher Selbstinszenierung. Der Zen-Meister und Philosoph Alan Watts schreibt hierzu:

Grundsätzlich gesprochen weiß der zivilisierte Mensch nicht, was er eigentlich will. Er arbeitet für Erfolg, Ruhm, eine glückliche Heirat, Spaß, um anderen zu helfen oder um „wirklich jemand“ zu sein. Jedoch sind dies keine wirklichen Wünsche, denn es sind keine tatsächlichen Dinge, sie sind Beiprodukte; Duft und Atmosphäre wirklicher Dinge, Schatten, die, abgesondert von etwas Greifbarem, nicht bestehen. Geld ist das vollkommene Symbol all solcher Begierden, das typische Symbol des wirklichen Reichtums, und sich Geld als Ziel zu setzen ist das deutlichste Beispiel dafür wie Maßstäbe mit Wirklichkeit verwechselt werden. [1]

Die aufgeblasene Ego-Gesellschaft

Mit Watts Aussage steht ein häufig missbrauchtes, unsachgemäß verwendetes Konzept in Verbindung, nämlich das des Egos. Dieses ist, ebenso wie die sogenannte Persona, eine Maske, also ein aufgespieltes Ich, welches mehr dem näher kommt, was man vorgibt zu sein, als der wahrhaftigen eigenen Natur.

Genau diesem Schema entsprechend ist unsere ganze Gesellschaft ein einziges Ego-Konstrukt, das nicht auf der Realität beruht, sondern nur auf der von uns erdachten Abstraktion der Dinge. Es geht bloß darum, wie man sich darstellt, wie man erscheint und dieses Trugbild vom „Ich“ am Leben erhält.

Angesichts dieser Betrachtungen kann man sich doch nur fragen, ob dieses Industriegemetzel der Moderne, die dreckige Ausbeutung und der Wahnsinn um das Geld, die Börsen und den ganzen illusorischen, dreckig-falschen Materialismus – ob dieser verlogene und unausstehliche Kampf um einen uns eingeredeten Erfolg etwa der Sinn und Zweck unserer gesamten Existenz sein soll.

Ein gehaltvoller Gedanke, der einiges an Denkkraft wert ist …


Quellen und Verweise

[1] Alan Watts: Weisheit des ungesicherten Lebens. Knaur Taschenbuch, 2014, S.68 | Literatur (DEU)

Empfehlungen

Artikel: Masanobu Fukuoka – Die Beziehung des Menschen zur Natur | Blog (DEU)

Artikel: Alan Watts: Weisheit des ungesicherten Lebens | Blog (DEU)