Narabo-Einstein-und-Freud-über-Krieg-und-Frieden-Philosophie

Albert Einstein und Sigmund Freud gehören zweifelsohne zu den größten Genies der Menschheit.

Diese beiden Ikonen der Physik und Psychologie sind natürlich für ihre herausragenden Errungenschaften auf ihren Gebieten bekannt, doch nur wenige wissen, dass sie einen interessanten Briefwechsel führten. Im Jahre 1932 – nur einige Monate vor Hitlers Machtergreifung – unterhielten sich zwei der größten Denker des 20. Jahrhunderts über die Frage „Warum Krieg?“.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Manifest gegen die Wehrpflicht
  2. Einstein – Der militante Pazifist
  3. Was treibt den Menschen zu Krieg?
  4. Einstein zur Frage: Warum Krieg?
  5. Freud an Einstein: Triebe und Gewalt
  6. Der menschliche Trieb zur Zerstörung
  7. Fazit: Was bleibt uns nun übrig?
  1. Was bedeutet der Begriff ‚militanter Pazifist‘?
  2. Welche Ursache erkennt Einstein für Kriege?
  3. Wie nimmt Einstein einen Teil der freudschen Psychologie vorweg? Und welcher ist das?
  4. Wie antwortet Freud auf Einsteins Brief?
  5. Was bleibt uns nach Freuds Ansicht übrig?

Manifest gegen die Wehrpflicht 

Einstein und Freud waren Pazifisten. Beide unterzeichneten das sogenannte Manifest gegen die Wehrpflicht und die militärische Ausbildung der Jugend von 1930 zusammen mit vielen anderen großen Persönlichkeiten, darunter zum Beispiel Gandhi, Bertrand Russell und Rabindranath Tagore. [1]

Ihnen beiden war neben ihrer Gesinnung zudem gemeinsam, dass die Machtübernahme der Nationalsozialisten sie dazu zwang, Deutschland zu verlassen. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine von Einsteins Äußerungen in einem Interview mit George Sylvester Viererck, für die er große Berühmtheit außerhalb der Physik erlangte [2]:

Es gäbe genug Geld, genug Arbeit, genug zu essen, wenn wir die Reichtümer der Welt richtig verteilen würden, statt uns zu Sklaven starrer Wirtschaftsdoktrinen oder -traditionen zu machen. Vor allem aber dürfen wir nicht zulassen, dass unsere Gedanken und Bemühungen von konstruktiver Arbeit abgehalten und für die Vorbereitung eines neuen Krieges missbraucht werden. Ich bin der gleichen Meinung wie der große Amerikaner Benjamin Franklin, der sagte: es hat niemals einen guten Krieg und niemals einen schlechten Frieden gegeben. [3]

Einstein – Der militante Pazifist

Ich bin nicht nur Pazifist, ich bin militanter Pazifist, ich will für den Frieden kämpfen. Nichts wird Kriege abschaffen, wenn nicht die Menschen selbst den Kriegsdienst verweigern. Um große Ideale wird zunächst von einer aggressiven Minderheit gekämpft. Ist es nicht besser, für eine Sache zu sterben, an die man glaubt, wie an den Frieden, als für eine Sache zu leiden, an die man nicht glaubt, wie an den Krieg? Jeder Krieg fügt ein weiteres Glied an die Kette des Übels, die den Fortschritt der Menschlichkeit verhindert. [3]

Was für eine Welt könnten wir bauen, wenn wir die Kräfte, die ein Krieg entfesselt, für den Aufbau einsetzten. Ein Zehntel der Energien, die die kriegführenden Nationen im Weltkrieg verbraucht, ein Bruchteil des Geldes, das sie mit Handgranaten und Giftgasen verpulvert haben, wäre völlig hinreichend, um den Menschen aller Länder zu einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen sowie die Katastrophe der Arbeitslosigkeit in der Welt zu verhindern. [3]

Was treibt den Menschen zu Krieg?

In seinem Brief an Sigmund Freud beginnt Einstein mit den bekannten Worten, ein großes Interesse zu haben, sich über diejenige Frage zu unterhalten, die ihm beim gegenwärtigen Stande der Dinge als die wichtigste der Zivilisation erscheint:

Gibt es einen Weg, die Menschen von dem Verhängnis des Krieges zu befreien? Die Einsicht, dass diese Frage durch die Fortschritte der Technik zu einer Existenzfrage für die zivilisierte Menschheit geworden ist, ist ziemlich allgemein durchgedrungen, und trotzdem sind die heißen Bemühungen um ihre Lösung bisher in erschreckendem Maße gescheitert [3].

Im späteren Verlauf des Briefes gelangt Einstein selbst auf einige mögliche Ursachen, die nach seiner Ansicht die Kriegszustände der Menschheit befördern. Erschreckend ist dabei, wie diese Einschätzungen fast deckungsgleich mit den Zuständen im Dritten Reich sein werden:

Einstein zur Frage: Warum Krieg?

Er identifiziert zu Beginn seines Briefs vor allem zwei Aspekte, die zum Krieg der Menschen beitragen, nämlich Indoktrination bzw. Beherrschung des Denkens und ein generelles perverses Machtstreben. Auf diese Weise nimmt er bereits Teile aus der Psychologie vorweg:

1. Die Minderheit der jeweils Herrschenden hat ja vor allem die Schule, die Presse und meistens auch die religiösen Organisationen in ihrer Hand. Durch diese Mittel beherrscht und leitet sie die Gefühle der großen Masse und macht diese zu ihrem willenlosen Werkzeuge. [3]

2. Das politische Machtbedürfnis der jeweils Herrschenden wird häufig genährt aus einem materiell-ökonomisch sich äußernden Machtstreben einer ändern Schicht. Ich denke […] an diese Gruppe jener Menschen, denen Krieg, Waffenherstellung und -handel nichts als eine Gelegenheit sind, persönliche Vorteile zu ziehen, den persönlichen Machtbereich zu erweitern. [3]

Doch mit diesen beiden Faktoren scheint noch nicht alles gesagt zu sein. Es erscheint unplausibel, dass Menschen solche Gräueltaten anrichten können, und das allein bedingt durch Indoktrination und Machtstreben – so wirkt es zumindest auf Einstein. Mit einem dritten Aspekt für die Ursache der Kriege nimmt er dann ein Stück von Freuds Psychologie vorweg:

Die Antwort kann nur sein: Im Menschen lebt stets ein Bedürfnis zu hassen und zu vernichten. Diese Anlage ist in gewöhnlichen Zeiten latent vorhanden und tritt dann nur beim Abnormalen zutage; sie kann aber auch leicht geweckt und zur Massenpsychose gesteigert werden.

Einstein kommt letztlich zu der Konklusion, dass es nur einen Weg zum Frieden seiner Zeit geben kann, nämlich diesen: Der Weg zur internationalen Sicherheit führt über den bedingungslosen Verzicht der Staaten auf einen Teil ihrer Handlungsfreiheit beziehungsweise Souveränität, und es dürfte unbezweifelbar sein, dass es einen ändern Weg zu dieser Sicherheit nicht gibt. [3]

Freud an Einstein: Triebe und Gewalt

Freud sieht die Dinge ähnlich. Nicht zu verkennen ist der Einfluss jener Gedanken, die er in seiner Schrift von 1930 mit dem Titel Das Unbehagen in der Kultur äußert. Er nimmt zu ihnen Bezug und liefert eine sehr kurze Darstellung seiner Theorie, die er wie folgt beginnt:

Sie beginnen mit dem Verhältnis von Recht und Macht. Das ist gewiss der richtige Ausgangspunkt für unsere Untersuchung. Darf ich das Wort ‚Macht‘ durch das grellere, härtere Wort ‚Gewalt‘ ersetzen? Recht und Gewalt sind uns heute Gegensätze. Es ist leicht zu zeigen, dass sich das eine aus dem anderen entwickelt hat, und wenn wir auf die Uranfänge zurückgehen und nachsehen, wie das zuerst geschehen ist, so fällt uns die Lösung des Problems mühelos zu. [3]

Freud beginnt nun anschließend an diesen Paragraphen mit der Erläuterung, dass es Gewalt in der Geschichte der Menschheit schon immer gegeben hat, diese aber im Laufe der Zeit mehr und mehr durch die Errungenschaft der Kultur und Zivilisation gehemmt wurde. Er beschreibt es zum Beispiel auf folgende Weise:

Gewalt wird gebrochen durch Einigung, die Macht dieser Geeinigten stellt nun das Recht dar im Gegensatz zur Gewalt des Einzelnen. Wir sehen, das Recht ist die Macht einer Gemeinschaft. Es ist noch immer Gewalt, bereit, sich gegen jeden Einzelnen zu wenden, der sich ihr widersetzt, arbeitet mit denselben Mitteln, verfolgt dieselben Zwecke; der Unterschied liegt wirklich nur darin, dass es nicht mehr die Gewalt eines Einzelnen ist, die sich durchsetzt, sondern die der Gemeinschaft. [3]

„Damit, denke ich, ist alles Wesentliche bereits gegeben“, so Freud:

… die Überwindung der Gewalt durch Übertragung der Macht an eine größere Einheit, die durch das Mittel der Gefühlsbindungen ihrer Mitglieder zusammengehalten wird. Alles Weitere sind [nichts als] Ausführungen und Wiederholungen. [3]

Bemerkenswert ist an dieser Stelle die Verknüpfung zur Massenpsychologie, die Freud bekanntlich durch den Einfluss von Gustave LeBon reichlich ausgearbeitet hat. Einstein nannte dies den Einfluss der Obersten durch Schulen, Kirche und Presse. Freud weitet dies durch den Begriff der Gefühlsbindung aus – das, was später vor allem der Patriotismus werden wird.

Der menschliche Trieb zur Zerstörung

Einstein bemerkt wie bereits an einer anderen Stelle erwähnt, dass der Mensch etwas von Natur aus Destruktives in sich haben müsse, da es ihm unplausibel erscheint, Kriege und Zerstörung als eine Sache der Erziehung abzutun. Damit trifft er einen Punkt, über den Freud bekanntlich ganz genau Bescheid wusste:

Ich kann nun daran gehen, einen anderen Ihrer Sätze zu glossieren. Sie verwundern sich darüber, dass es so leicht ist, die Menschen für den Krieg zu begeistern, und vermuten, dass etwas in ihnen wirksam ist, ein Trieb zum Hassen und Vernichten, der solcher Verhetzung entgegenkommt. Wiederum kann ich Ihnen nur uneingeschränkt beistimmen. [3]

Natürlich ist dies in der freudschen Schule als Todestrieb (Thanatos) neben dem Lebenstrieb (Eros) bekannt und wurde von mir bereits in einem Artikel über Faschismus und die Bereitschaft zur Grausamkeit im Dritten Reich angesprochen. Freud fasst es in seinem Brief nochmals anders zusammen:

Der Todestrieb wird zum Destruktionstrieb, indem er mit Hilfe besonderer Organe nach außen, gegen die Objekte, gewendet wird. Das Lebewesen bewahrt sozusagen sein eigenes Leben dadurch, dass es fremdes zerstört. [3]

Auf wunderbare Weise greift der Psychologe Arno Gruen genau diesen Gedanken wieder auf. Er bezieht ihn auf Hitler und seine Offiziere, in denen der Tod zur Triebfeder ihrer einzigen bitteren Form der Lebendigkeit wurde:

Es gibt eine Sorte von Männern, deren zentraler Impuls immer nur um den Tod kreist. Wir übersehen gewöhnlich, daß Hitler und seine Schergen morden ließen und selbst mordeten, aber weit davon entfernt waren, zu erkennen, daß sie damit ein Menschen repräsentierten, das sich nur durch Tod und Zerstörung lebendig fühlt. [4]

Fazit: Was bleibt uns nun übrig?

Freud beendet seine Antwort an Einstein gewissermaßen mit einer Klage. Man kann es auch als einen Vorwurf an die Menschheit deuten, welchen er darin gerechtfertigt sieht, dass nach Jahrhunderten immer noch nicht begriffen wurde, wie sinnlos jeder Krieg schließlich in die Leere führt. Wir betrügen uns ja immer wieder selbst durch billige Motive, wie Patriotismus, Machtgier und dumme Vergeltung.

Wie lange müssen wir nun warten, bis auch die Anderen Pazifisten werden? Es ist nicht zu sagen, aber vielleicht ist es überhaupt keine utopische Hoffnung, dass der Einfluss dieser beiden Momente, der kulturellen Einstellung und der berechtigten Angst vor den Wirkungen eines Zukunftskrieges, dem Kriegführen in absehbarer Zeit ein Ende setzen wird. Auf welchen Wegen oder Umwegen, können wir nicht erraten. [3]


Quellen und Verweise

Titelbild: Albert Einstein, 1921, Fotografie von Ferdinand Schmutzer und Sigmund Freud, Fotografie von Max Halberstadt, 1921 unter CO-Lizenz.

[1] Lipp, Karlheinz: Religiöser Sozialismus und Pazifismus. Der Friedenskampf des Bundes der religiösen Sozialisten Deutschlands in der Weimarer Republik. Frankfurt am Main: Centaurus Verlag, 1992, S.195 | Literatur (DEU)

[2] Greis, Friedhelm; King, Ian: Der Antimilitarist und Pazifist Tucholsky. Der Krieg ist aber unter allen Umständen unsittlich. Minden: Röhrig Universitätsverlag, 2008, S.166 | Literatur (DEU)

[3] Einstein, A. und Freud, S.: Warum Krieg? Mit einem Essay von Isaac Asimov. Zürich: Diogenes, 1996 | Literatur (DEU)

[4] Gruen, Arno: Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine Theorie der menschlichen Destruktivität. München: dtv, 2017, 21. Auflage, S.68 | Literatur (DEU)