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Woher weißt du, dass du etwas weißt, also dass du über irgendetwas Wissen hast?

Wir sind uns ziemlich sicher, dass wir etliche Erkenntnisse oder mit anderen Worten Wissen besitzen. Jeden Tag stolzieren wir umher und geben uns damit zufrieden, wenn wir von den Erkenntnissen der Wissenschaften hören oder jemand uns berichtet, dass er oder sie wisse wie man dies und das tut, wo man irgendein Geschäft findet und dergleichen. Aber was macht Wissen nun eigentlich aus?

INHALT ÜBERBLICK
  1. Das Projekt der Erkenntnistheorie
  2. Welche Fragen behandelt die Erkenntnistheorie?
  3. Von welchen Formen des Wissens sprechen wir?
  4. Grundlage: Die klassische Wissensdefinition
  5. Verschiedene Definitionsansätze
  6. Einschränkung durch das Gettier-Problem
  1. Worum geht es in der Erkenntnistheorie?
  2. Welche Fragen stellt sich die Erkenntnistheorie?
  3. Was versteht man unter propositionalem Wissen?
  4. Wie lautet die klassische Wissensdefinition?
  5. Ist die klassische Wissensdefinition endgültig?

Das Projekt der Erkenntnistheorie

Die Erkenntnistheorie oder auch aufgrund des griechischen Wortes ἐπιστήμη (epistími – Erkenntnis, Wissen oder Wissenschaft) Epistemologie genannt, bildet eine der zentralen Disziplinen innerhalb der Philosophie. Kaum eine Frage hat die großen Denker der Neuzeit mehr beschäftigt als jene nach den Bedingungen des Wissens. Um gleich zu Beginn einige Verwirrungen auszuschließen, sollte kurz erwähnt sein, dass die Begriffe Erkenntnis und Wissen weitgehend synonym verwendet werden.

Das Thema der Erkenntnistheorie ist selbstverständlich die Erkenntnis, doch keine besondere oder spezielle Form konkreten Wissens, wie zum Beispiel jenes Einsehen von mathematischen Gesetzen, sondern die Erforschung des Wissens an sich – es geht also um Wissen über das Wissen.

Man kann das Problem der Erkenntnistheorie ganz leicht mit einer kurzen Frage verdeutlichen: Weißt du, wie du heißt? Kaum jemand würde diese Frage ernsthaft verneinen und doch ist es erstaunlich, wie schwer es uns fällt, sinnvoll zu beantworten, woher wir nun wissen, dass wir einen konkreten Namen besitzen.

Woher weiß ich zum Beispiel, dass ich, was meinen eigenen Namen betrifft, nicht belogen wurde oder es keine Verwechslung im Krankenhaus gegeben hat? Es gibt hunderte Einwände und das ist bloß eine Frage aus einem unendlichen Repertoire an Rätseln. Der Philosoph Gerhard Ernst hat dies wie folgt auf den Punkt gebracht:

Wenn man damit beginnt, über das Phänomen menschlicher Erkenntnis nachzudenken, erweist sich bald vieles als nicht mehr selbstverständlich. Zunächst einmal zeigt sich, dass es überhaupt nicht klar ist, ob wir all das, oder zumindest das meiste von dem, was wir zu wissen glauben, tatsächlich wissen. [1, S.8]

Er erklärt gleich zu Beginn seines Werks zur Einführung in die Erkenntnistheorie [1], dass dieses Namensbeispiel sogar eher darauf hindeutet, dass wir überhaupt nichts ganz wissen! Haltungen, die darauf aufbauen jene These zu bekräftigen, dass wir keinerlei Wissen (in machen Bereichen oder sogar prinzipiell) besitzen können, fallen in den Bereich oder die Denkhaltung des Skeptizismus.

Welche Fragen behandelt die Erkenntnistheorie?

Eine der Hauptaufgaben der Epistemologie ist es demnach diese weitaus leichtere und wenig gewinnbringende skeptische Haltung zu widerlegen oder zumindest in gewissen Bereichen einzugrenzen. Damit lautet die erste Grundfrage – nicht nur in der Erkenntnistheorie, sondern in der gesamten Philosophie: Was können wir wissen?

Bevor wir diese Frage methodisch untersuchen können, müssen wir natürlich an erster Stelle klären, was Wissen tatsächlich bedeutet. Wir können niemals verstehen, was die Grenze aller Erkenntnis des Menschen ist, wenn wir uns nicht darüber einigen können, was Wissen letztlich heißt. Auf diesem Weg gelangen wir in das Herzstück der Erkenntnistheorie und zu ihren vier Grundfragen:

  1. Was ist Erkenntnis?
  2. Wie lautet der Umfang und die Grenze des menschlichen Wissens? (Was können wir wissen?)
  3. Welche Quellen des Wissens gibt es? (Wie kommt Wissen zustande?)
  4. Wie lautet die Struktur des Wissens (Wie ist unser Erkenntnissystem aufgebaut?)

Von welchen Formen des Wissens sprechen wir?

Wenn wir von Erkenntnis sprechen, benutzen wir damit insgeheim einen doppeldeutigen Begriff. Zum einen steht er nämlich für einen Prozess des Erkennens, also eine Tätigkeit und zum anderen wird er nun auch für das Resultat dieses Prozesses verwendet, also den Zustand der Erkenntnis. Dies bereitet uns an dieser Stelle aber keine großen Probleme.

Eine andere Unterscheidung ist da schon deutlich kritischer. Erkenntnis kann zudem in einem personalen und unpersönlichen Sinne vorliegen. Im ersten Fall sprechen wir von der Erkenntnis einer bestimmten Person, so beispielsweise, wenn ich mit meinen Augen einen Farbeindruck habe und damit registriere „Da ist die Farbe x.“

Der zweite Fall wäre dem gegenüber so etwas wie eine Erkenntnis der Wissenschaften, also etwas, das nicht konkret in einer Person und nur in dieser Person vorliegt. Unpersönliche Erkenntnis zu begreifen ist weitaus schwieriger als das Verständnis personaler Erkenntnis, weshalb ich mich in diesem Artikel auch bloß auf das subjektive Phänomen der Erkenntnis beschränken muss.

Was ist propositionales Wissen?

Wenn wir im Alltag Wissen äußern, so tun wir das meist in der Form: Ich weiß, dass …

Tatsächlich beschäftigt man sich in der Erkenntnistheorie fast ausschließlich mit dieser Art Äußerungen, weil sich andere Formulierungen, wie zum Beispiel „Anna kennt Max“ im Grunde immer auf S weiß, dass p reduzieren lassen. Dieses Wissen nennt man propositionales Wissen oder auch Wissen-dass.

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Propositionen haben einen Wahrheitswert und werden durch Tatsachen bestimmt

Es gibt vier voneinander unterscheidbare Formen des Wissens. Eine klare Reduktion aller Formen des Wissens auf Wissen-dass ist unter Umständen möglich. In jedem Fall zählt aber das Wissen-dass zum zentralen Themenkreis der Erkenntnistheorie. Der deutsche Philosoph Thomas Grundmann beschreibt dies sehr anschaulich in seinem Werk Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie [2, S.86]:

  1. Wissen-dass bezieht sich auf wahrheitsfähige Propositionen.
  2. Wissen durch Bekanntschaft bezieht sich auf Gegenstände (Personen, Dinge, Ereignisse).
  3. Wissen-wie-es-ist bezieht sich auf die eigenen phänomenalen¹ Zustände.
  4. Wissen-wie bezieht sich auf praktisches Können.
1 das unmittelbare innere Erleben betreffend

Grundlage: Die klassische Wissensdefinition

Kommen wir jetzt zum Herzstück dieses Artikels. Ich möchte im folgenden Verlauf versuchen, eine schrittweise Hinführung zur klassischen Wissensdefinition zu liefern, die nicht einfach nennt, sondern vielmehr im Zuge eines Denkprozesses verdeutlicht, was Wissen nun bedeuten kann.

Wir beginnen mit der klaren Einsicht, die wir implizit bereits erwähnt haben, nämlich dass Wissen immer einem Erkennenden zugeordnet ist. In anderen Worten könnten wir sagen, dass Wissen ein geistiger Zustand ist, oder:

(1) Von Erkenntnis sprechen wir in Bezug auf kognitive Zustände eines Subjekts

Zu den kognitiven Zuständen zählen wir Überzeugungen, Wünsche, Gefühle, Empfinden und so weiter. Doch bei weitem nicht jeder kognitive Zustand kann Wissen sein. Gefühle und Empfindungen haben beispielsweise keinen propositionalen Gehalt [2, S.2f.] und vor allem Wünsche zudem noch keinen Wahrheitswert.

Also bleibt unter den Kandidaten für Wissen nur die Überzeugung übrig. Das bringt uns tatsächlich schon einen großen Schritt weiter, denn jetzt können wir unsere erste Definition wie folgt verbessern:

(2) Erkenntnis ist eine wahre Überzeugung

Denken wir jedoch etwas genauer nach, stößt auch diese Definition sehr schnell auf ihre Grenzen. Ein einfaches Szenario aus der Schule hebelt sie bereits aus. Nehmen wir zum Beispiel einen multiple-choice-Test, bei dem ich einige Fragen nicht sicher beantworten kann.

Was mache ich nun? Natürlich muss irgendeine der Möglichkeiten richtig sein (davon bin ich überzeugt) und deshalb kreuze ich auf gut Glück etwas an. Es könnte nun tatsächlich der Fall eintreten, dass ich mit meinen zufälligen Antworten richtig liege und der Prüfer könnte nicht unterscheiden, ob ich nur geraten oder eben zielsicher gewusst habe.

Selbstverständlich würden wir hier nicht von einer Erkenntnis sprechen, weil sie einfach durch Zufall eingetreten ist. Ein anderes Beispiel liefert Platon in seinem Dialog Theaitetos [3]:

Wenn also Richter so, wie es sich gehört, überredet worden sind in bezug auf etwas, das nur, wer es selbst gesehen hat, wissen kann, sonst aber keiner, so haben sie dieses, nach dem bloßen Gehör urteilend, vermöge einer richtigen Vorstellung, aber ohne Erkenntnis abgeurteilt, so jedoch, daß die Überredung richtig gewesen, wenn sie nämlich als Richter gut geurteilt haben? (Theaitetos, 201 b – c)

Also müssen wir unsere Definition nochmals auf diesen Fehler hin verbessern:

(3) Erkenntnis ist eine nicht-zufällig wahre Überzeugung

Leider hat auch diese Definition große Mängel. Ein sehr schönes Beispiel liefert Thomas Grundmann:

Sie verwenden ein perfekt funktionierendes Instrument (sagen wir: ein zuverlässiges Thermometer) und glauben, was immer dieses Instrument anzeigt. In diesem Fall ist die Wahrheit Ihrer Überzeugung nicht mehr zufällig, denn das Instrument zeigt immer korrekt an. Aber Sie haben keinerlei Gründe, die für die Korrektheit des Instruments sprechen. Dann ist die Wahrheit Ihrer Überzeugung aus Ihrer eigenen Perspektive immer noch zufällig. [2, S.4]

Was uns tatsächlich fehlt, sind sehr gute Rechtfertigungen, die unsere Überzeugung stützen. Nur dann, wenn wir Wahrheit, Überzeugung und Rechtfertigung vereinen, können wir (zumindest in 99% der Alltagsfälle) von Wissen sprechen. So gelangen wir zur klassischen Wissensdefinition:

(4) Erkenntnis ist gerechtfertigte wahre Überzeugung

Besser formuliert finden wir diese Definition in der Standardanalyse des Wissens, nach der ein Subjekt S die Proposition p genau dann weiß, wenn:

  1. S überzeugt ist, dass p (Überzeugung)
  2. die Proposition, dass p, wahr ist (Wahrheit)
  3. S in seiner Überzeugung, dass p, gerechtfertigt ist. (Rechtfertigung)
Narabo-Erkenntnistheorie-Philosophie-Wissen-Erkenntnis-Wahrheit-Rechtfertigung-Überzeugung

Wissen / Erkenntnis ist wahre gerechtfertigte Überzeugung

Einschränkung durch das Gettier-Problem

Sind wir damit, was das Wissen über das Wissen angeht, vollkommen abgedeckt? Natürlich nicht. Uns fehlt nämlich noch die Klärung der Frage, was Wahrheit, Rechtfertigung und Überzeugung sind, sowie die Lösung eines weiteren Einwandes, der den Namen Gettier-Problem trägt, benannt nach dem US-amerikanischen Philosophen Edmund L. Gettier mit seinem explosiven Paper Is Justified True Belief Knowledge? [4].

An dieser Stelle noch im Detail auf diese Aspekte einzugehen, würde den Rahmen des Artikels sprengen. Besonders die Beschäftigung mit dem Gettier-Problem sollte detailliert und mit großer Sorgfalt geschehen. Aus diesem Grund werde ich darauf in einem separaten Artikel eingehen.


Quellen und Verweise

[1] Ernst, Gerhard: Einführung in die Erkenntnistheorie. Darmstadt: WBG, 2016 | Literatur (DEU)

[2] Grundmann, Thomas: Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie. Berlin/New York, de Gruyter Studienbuch, 2008 | Literatur (DEU)

[3] Theaitetos. Platon: Sämtliche Werke. Band 2, Berlin [1940] | Literatur (DEU)

[4] Gettier, Edmund L.: Is Justified True Belief Knowledge? | Literatur (ENG)

Empfehlungen

Buch: Nagel, Thomas: Was bedeutet das alles?: Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie. Stuttgart: Reclam, 2000 | Literatur (ENG/DEU)

Buch: Gabriel, Gottfried: Grundprobleme der Erkenntnistheorie: Von Descartes zu Wittgenstein. Stuttgart: UTB, 2008 | Literatur (DEU)

Video: Academy of Ideas: Introduction to Epistemology | YouTube (ENG)