Narabo-Erikson-Stufenmodell-Psyche-Philosophie-Entwicklung-Identität-Selbstfindung

Jeder Mensch muss früher oder später über folgende Frage nachsinnen: Wer bin ich?

Das Erwachsenwerden, einen Platz in der Welt für sich selbst zu finden, ist für viele junge Menschen sehr schwer geworden. Wir erleben in einer Gesellschaft, die weitgehend von starren Traditionen abgelöst und mit praktisch unzähligen Freiheitsgraden ausgestattet ist, das enorm verbreitete Phänomen der Identitätsdiffusion: Besonders junge Menschen fragen sich verzweifelt, wer sie selbst eigentlich sind.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Kurzbiografie Eriksons
  2. Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung
  3. Auf welchen Pfeilern stützt sich Eriksons Modell?
  4. Die acht Stufen Eriksons im Einzelnen
  1. Welchen Anspruch erhebt Eriksons Modell?
  2. Was soll das Modell Eriksons bewirken?
  3. Wie lauten die acht einzelnen Lebensstufen nach Erikson? Was fordern sie vom Menschen?

Kurzbiografie Eriksons

Der dänische Psychoanalytiker und Entwicklungspsychologe Erik Erikson (1902 – 1994) schuf mit seinem Modell der acht Lebensphasen eine auf Freuds frühkindlicher Phasenlehre aufbauende Theorie der Menschwerdung und Identitätsfindung, die einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis des menschlichen Lebensprozesses liefert.

Da die meisten Laien im Bereich der Psychologie den Namen Erikson für gewöhnlich nicht unmittelbar auf ihrem Schirm haben, wäre eine kurze Einführung in sein reiches Leben durchaus von Interesse. Dieses beginnt 1902 bei Frankfurt am Main als seine Eltern bereits getrennt waren [1, S.81f.].

Erikson fasste zunächst den Entschluss Künstler zu werden und besuchte mehrere Kunstakademien, hielt daran aber letztlich nicht fest. Er gelangte 1927 nach Wien [vgl. ebd.]. Dort lehrte er an einer Privatschule, die von einer Analysandin Freuds geleitet wurde. Bei Anna Freud unterzog er sich sogar einer Analyse und stieg recht spät in seinem Leben in die psychoanalytische Fachwelt ein.

Nachdem die Machtergreifung der Nationalsozialisten durchbrach, emigrierte Erikson in die USA und arbeitete dort als Kinderanalytiker [vgl. ebd.]. Kurze Zeit später als Professor für Entwicklungspsychologie formulierte er seine berühmte Theorie der psychosozialen Entwicklung.

Gleichzeitig betrieb er nun ethnologische Forschungen in einem Sioux-Reservat im Bereich der Kindererziehung, worauf sein 1950 erschienenes Werk Childhood and Society stark zurückgreift. Im Jahre 1970 wurde Erikson mit dem Pulitzerpreis und National Book Award geehrt [vgl. ebd.].

Erikson starb 1994 als einer der bekanntesten Psychoanalytiker der USA.

Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung

Erikson beschreibt in seinem Stufenmodell die Gesamtheit aller psychosozialen Entwicklung des Menschen, die sich im Spannungsfeld zwischen den Bedürfnissen und Wünschen des Kindes als Individuum und den sich im Laufe der Entwicklung permanent verändernden Anforderungen der sozialen Umwelt entfaltet.

Eriksons Entwicklungstheorie beachtet die zentrale Stellung allerlei Beziehungen und somit der Interaktion des aufwachsenden Menschen mit seiner personalen Umwelt wesentlich stärker als es zum Beispiel Freud je zu tun pflegte. Das Verhältnis von Umwelt und Mensch spielt nach Erikson die eine wesentliche Rolle für jede psychische Entwicklung.

Würde man Eriksons Modell mit Freuds abgleichen wollen, wird man rasch feststellen müssen, dass Ersterer dem Unbewussten der psychosexuellen Dimension viel weniger Freiraum zuspricht. Im Gegensatz dazu stellt Erikson die breite Dimension der Ich- und Identitätsentwicklung ins Zentrum des gesamten Lebenslaufs eines Menschen.

Auf welchen Pfeilern stützt sich Eriksons Modell?

Kommen wir endlich zum Kern des Artikels: Was besagt Eriksons Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung? Man kann dieses für die Reflexion über das eigene Leben überaus nützliche Modell mit einfachen Worten schlicht zusammenfassen. Erikson geht davon aus, …

… dass der Mensch im Laufe seines Lebens in Summe acht Entwicklungsphasen durchläuft, die in einem inneren Entwicklungsplan angelegt sind. Auf jeder Stufe ist die Lösung der relevanten Krise in Form der Integration von gegensätzlichen Polen, welche die Entwicklungsaufgaben darstellen, notwendig erforderlich. Deren erfolgreiche Bearbeitung ist wiederum für die folgenden Phasen von Bedeutung. [2, S.3]

Dabei müssen wir uns unbedingt klarmachen, dass der Begriff ‚Krise‘ bei Erikson kein negativ geprägter Begriff ist, sondern vielmehr ein Zustand, der konstruktiv gelöst zu einer Weiterentwicklung führt und die Lösungen dieser in das eigene Selbstbild aufgenommen und integriert wird [vgl. ebd.]. So betont Erikson ausdrücklich:

Jede Komponente kommt zu ihrer Aszendenz, trifft auf ihre Krise und findet dann gegen Ende des erwähnten Stadiums ihre endgültige Lösung […]. Alle existieren am Anfang in irgendeiner Form. [3, S.94]

Die Menschliche Entwicklung ist demnach ein Prozess, der zwischen allen acht Stufen, etlichen Krisen und dem neuen daraus gewonnenen Gleichgewicht wechselt, um auf diese Weise nun immer reifere Stadien zu erreichen. Die Quintessenz des Modells Eriksons lässt sich treffend wie folgt auf den Punkt bringen:

Ausführlich untersuchte Erikson die Möglichkeiten der Weiterentwicklung des Individuums und die affektiven Kräfte, die es handeln lassen. Besonders deutlich werden sie an den acht psychosozialen Phasen […] Sie zeigen, dass Erikson Entwicklung vor allem als eins betrachtet hat: als lebenslangen Prozess. [ebd.]

Erste Stufe: Ur-Vertrauen vs. Ur-Misstrauen

Die erste Phase dieses lebenslangen Prozesses muss natürlich mit dem ersten Lebensjahr beginnen. Unter dem Leitsatz ›Ich bin das, was man mir gibt‹ [4, S.57], setzt sich die Identität in dieser Phase des Lebens aus dem Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens [3, S.62] zusammen:

Durch die erlebte Nähe zu fürsorglichen Personen muss der Säugling ein grundlegendes Gefühl der Sicherheit erwerben: das Urvertrauen. Gelingt dies nicht, begleiten ihn fortan Unsicherheit und Angst. [1, S.82]

Zweite Stufe: Autonomie vs. Scham und Zweifel

Die zweite Stufe der psychosozialen Entwicklung umfasst das zweite und dritte Lebensjahr, in welchen, statt dem zu unterliegen, was einem gegeben wird oder nicht, der Wille zum Ausdruck kommt. Man ist nicht mehr das, was man gegeben bekommt, sondern das, was man will – es kommt zur ersten Entwicklung von Autonomie.

Das Kleinkind lernt laufen und sprechen und seine Ausscheidungen zu kontrollieren. Dabei muss es ein Gefühl der Autonomie und Kompetenz sowie die Gewissheit erwerben, dass es seinen eigenen Körper beherrschen kann. Starke Einschränkungen oder Überforderungen erzeugen in dieser Phase bleibende Scham und Selbstzweifel. [ebd.]

Dritte Stufe: Initiative vs. Schuldgefühl

Schafft das Kind die Autonomiekrise zu überwinden, steht es direkt vor der nächsten Krise des Lebens, nämlich die Bewältigung oder Nichtbewältigung des „Ödipuskomplexes“. Die extrem starke Bindung zwischen Kind und Mutter muss sich öffnen, indem es lernt anzuerkennen, dass viele andere Personen abseits von ihr auch eine wichtige Rolle spielen. Im selben Zug muss es zu einer gesunden Meisterung der kindlichen Moralentwicklung kommen.

Nun entwickelt das Kind zunehmend aus sich heraus Aktivitäten, es dringt mit allen Sinnen in die Welt vor und erweitert stetig seinen Handlungsspielraum. Wird es darin ermutigt, so erwirbt es sich fürs Leben das Vertrauen in die eigene Initiative und Kreativität. Andernsfalls stellen sich Schuldgefühle ein, weil sich das Kind als unerlaubter Eindringling in die Erwachsenenwelt empfindet. [1, S.83]

Vierte Stufe: Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl

Das vierte Stadium reicht circa vom sechsten Lebensjahr bis zur Pubertät und zeichnet sich durch die Freude am Lernen aus. Kinder in diesem Alter haben das starke Bedürfnis etwas beitragen zu können. Sie wollen nicht mehr so tun als ob ihre Energie dem Spielen gewidmet wird, vielmehr richten sie diese auf die Verrichtung von Tätigkeiten, für die sie auch Anerkennung verlangen.

Während dieser Jahre – nach Freud die Latenzzeit, in der die sexuellen Triebe ruhen – entwickelt das Kind seine geistigen, sozialen und motorischen Fähigkeiten systematisch weiter. Es erwirbt sich so die Gewissheit, etwas leisten zu können. Misslingt dies, so stellen sich Versagensängste und Minderwertigkeitsgefühle ein. [ebd.]

Demgegenüber liegt in dieser Phase der Entwicklung die Gefahr eines Gefühls der Unzulänglichkeit sowie der Minderwertigkeit vor, sofern die geforderte Anerkennung aufgrund des geleisteten Werksinns nicht vergeben wird. Diese beiden Gefühl können sich also immer dann ausbilden, wenn der Werksinn des Kindes in zweierlei Hinsicht überstrapaziert wird.

Erstens kann eine Überschätzung – und zwar vom Kind selbst oder auch von seiner Umwelt ausgehend – zum chronischen Scheitern führen, während zweitens eine Unterschätzung zum Minderwertigkeitsgefühl anstiftet. In direktem Bezug zu beiden Seiten, nämlich dem Schaffen (Werksinn) und seinem Gegenteil (Minderwertigkeit), können psychische Fixierungen bis ins Erwachsenenalter entstehen:

Zum einen kann es zu einer Überkompensation durch Arbeit und Leistung kommen, das heißt zum verzweifelten Versuch Anerkennung vor allem über Leistung zu sich zu holen, zum anderen zu Angst vor dem Arbeiten und der Erbringung von Leistung, was ein riesiges Hindernis für das restliche Leben sein wird.

Fünfte Stufe: Ich-Identität vs. Ich-Identitätsdiffusion

Auf dieser Ebene finden wir das kurz in der Einleitung geschilderte Problem. Es äußerst sich in der Adoleszenz, nämlich jener Phase, wo man darauf besteht zu sein, was man ist, jedoch im Unklaren umherirrt, was man nun eigentlich ist. Um zu geistiger Reife und innerer Stabilität zu gelangen, muss man an dieser Stelle eine Identität finden. Diese gibt dem jungen Menschen einen Anker im Strom des Lebens.

In der Jugend probiert der Mensch viele Rollen aus, er ist verwirrt darüber, wer er eigentlich ist (Identitätsdiffusion). Diese Phase muss damit enden, dass ein in sich stimmiges Selbstbild gefunden wird, eine eigene Identität. [1, S.83]

Sechste Stufe: Intimität und Solidarität vs. Isolation

Kraft der Erschaffung einer Identität im vorherigen Abschnitt des Lebens, muss diese wieder durch die Liebe, das heißt durch die Aufgabe des Egos, überwunden werden, um tatsächlich zu sich selbst zu kommen. Zum Ausdruck dieser Phase wird die Sentenz: Ich bin das, was ich liebe. Kann diese Entwicklung nicht vollzogen werden, verweilt man in Isolation und Vereinsamung.

In dieser Phase geht der Mensch tiefe Beziehungen zu anderen ein. Nähe und Intimität statt Isolation lautet folglich die Aufgabe. [1, S.83]

Siebte Stufe: Generativität vs. Stagnation und Selbstabsorption

Die siebte Phase mündet im zentralen Begriff der Generativität, genau jener Kraft, die eigene Liebe durch soziales Engagement in die Welt zu tragen. Man gibt etwas Großes von sich an die Gemeinschaft ab, zum Beispiel durch das Großziehen von Kindern, der Lehre oder Aufopferung in allen möglichen Formen. Zentral hiermit verbunden steht der Begriff der Integrität, welcher als Frucht dieser Lebensphase angesehen werden kann – der Mensch wird hier das, was er bereit ist zu geben:

Der integre Mensch ist bereit, die Würde seines eigenen Lebensstils gegen alle körperlichen und ökonomischen Bedrohungen zu verteidigen, obwohl er sich der Rivalität all der verschiedenen Lebensstile bewusst ist. Denn er weiß, dass ein Einzelleben das Zufällige Zusammentreffen von nur einem Lebenszyklus mit nur einem Ausschnitt der Geschichte ist, und dass für ihn die gesamte menschliche Integrität mit dem einen Integritätsstil, an dem er teilhat, steht und fällt. [3, S.143]

Achte Stufe: Ich-Integrität vs. Verzweiflung

Die letzte Lebensstufe stellt den Menschen vor die Konfrontation mit dem Tod. Es muss seine Aufgabe werden auf das Geleistete zurückzublicken, es zu akzeptieren und sich damit zu versöhnen. Setzt sich der Mensch gar nicht mit dem Alter, der Verzweiflung und dem Tod auseinander, kann dies zu einem schwerwiegenden Problem führen:

Das Fehlen oder auch der Verlust der gewachsenen Ich-Integrität sind dann allein durch Verzweiflung und Ekel gekennzeichnet. Es besteht die Gefahr der Altersverzweiflung, welche aus der Erkenntnis resultieren kann, dass das eigene Leben gewissermaßen gescheitert und nicht mehr rückgängig zu machen ist. [2, S.20]


Quellen und Verweise

[1] Christiane Schlüter: Die wichtigsten Psychologen im Porträt. Wiesbaden, Marix Verlag, 2015 | Literatur (DEU)

[2] Stephanie Scheck: Das Stufenmodell von Erik H. Erikson. Hamburg, Diplomica Verlag, 2014 | Literatur (DEU)

[3] Erik Erikson: Jugend und Krise: Die Psychodynamik im sozialen Wandel. Die Psychodynamik im sozialen Wandel, übersetzt von Marianne Eckhardt-Jaffé, Stuttgart, Klett-Cotta, 2009 | Literatur (DEU)

[4] Volker Kraft: Pestalozzi oder das pädagogische Selbst: eine Studie zur Psychoanalyse pädagogischen Denkens. Bad Heilbrunn, Klinkhardt, 1996 | Literatur (DEU)