Ludwig-Feuerbach-Religionskritik-Christentum-Projektion-Gott-Kritik-Atheismus

Ludwig Feuerbach ist heutzutage im Grunde für seine blendende Religionskritik bekannt.

Seine Analyse des Christentums war so treffend und präzise, dass man zu seiner Zeit davon sprach, es gäbe nichts mehr zur Kritik an der Religion hinzuzufügen. Das ganz besondere an seiner Vorgehensweise bestand darin, dass Feuerbach nicht versuchte die Religion als Unvernunft zu demaskieren, sondern ihr Wesen zu verstehen – genau darin liegt seine großartige Leistung.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Ludwig Feuerbach – Eine Kurzbiographie
  2. Was bedeutet eigentlich Religionskritik?
  3. Feuerbachs anthropologische Religionskritik
  4. Die Rivalität zwischen Gott und Mensch
  5. Zusammenfassung der Thesen Feuerbachs
  6. Ausblick: Was folgt aus Feuerbachs Kritik?
  1. Warum ist Feuerbach so bedeutend?
  2. Was heißt Religionskritik für Feuerbach?
  3. Wie lautet die feuerbachsche Religionskritik?
  4. Was bedeutet die Formulierung: Gott ist die Projektion des Menschen?
  5. In welche Konsequenz mündet Feuerbachs Kritik?

Ludwig Feuerbach – Eine Kurzbiographie

Bevor wir uns der Theorie eines Denkers widmen, sollten wir uns zumindest schnell einen Überblick über sein Leben verschaffen. Ludwig Feuerbach (1804-1872) war Philosoph und Anthropologe, der in seiner Blütezeit in kommender Ahnung einer Epoche des Umbruchs stand.

Seine Hauptwerke, darunter Das Wesen der Religion, wurden nur einige Jahre vor der Märzrevolution 1848/49 veröffentlicht, die er mit seinen Ideen mitbestimmt hat. Er hatte auch einen riesigen Einfluss auf Marx und den frühen Nietzsche.

Feuerbach wird eindeutig zu den Linkshegelianern gezählt, also zu den Denkern, die man als Schüler des großen Philosophen Hegel bezeichnet, wobei dies durchaus im kritischen Sinne zu deuten ist. Sie werteten seine Ideen nämlich radikal um zu Gesellschafts- und Religionskritik sowie später in den Atheismus. Bedeutende Vertreter markieren neben Feuerbach auch Marx und Engels.

Letzterer hat in Bezug auf eines von Feuerbachs Werken, das Wesen des Christentums, welches wir nachfolgend genau behandeln, lobend erwähnt: Man muss die befreiende Wirkung dieses Buchs selbst erlebt haben, um sich eine Vorstellung davon zu machen. Die Begeisterung war allgemein: Wir waren alle momentan Feuerbachianer. [1]

Feuerbach - Ludwig - Narabo - Atheismus - Religionskritik

Ludwig Feuerbach – Große Inspiration für Marx, Engels, Nietzsche und weitere Denker.

Zusammenfassend lässt sich die Wirkung Feuerbachs wie folgt beschreiben:

Wenn Karl Marx 1844 schreibt: „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im Wesentlichen beendigt“, dann sagt er dies vor allem mit dem Blick auf Ludwig Feuerbach, obwohl dessen epochemachendes Werk über ››Das Wesen des Christentums‹‹ erst drei Jahre zuvor erschienen war. Nach dem Selbstverständnis der späteren Religionskritik hat Feuerbach den für sie entscheidenden Grund gelegt. [2, S.78]

Was bedeutet eigentlich Religionskritik?

Religionskritik im heutigen Sinne wird plump gesagt auf eine Widerlegung religiöser Gottesvorstellungen reduziert. Meistens findet man unter den vielen Anhängern der Religionskritik leider nur solche Menschen, die es satt haben von dogmatischen Rechtfertigungsgründen der Religionen zu hören und deshalb prinzipiell alles, was nur den Hauch von Gott und Religion hat, direkt ablehnen.

Feuerbach kam dieser auf die heutige Zeit bezogenen, enorm von der Wissenschaft beeinflussten Haltung nicht einmal nahe. Er wollte die Religion – das heißt vor allem das Christentum – nicht als Märchen entlarven, nur weil Glauben für ihn selbst (im persönlichen Sinne) unmöglich wahr – so wie es die meisten modernen Religionskritiker und Alltagsmenschen heutzutage tun.

Die Ansätze Feuerbachs sind viel differenzierter. Er versteht Religionskritik vor allem als die Aufdeckung der Natur von Religion. Für ihn ist sie nicht einfach Aberglaube, sondern hat einen Stellenwert den es zu verstehen gilt, weil der Mensch durch die ihm innewohnenden Kräfte – d.h. Eigenschaften und Antriebe, die ihm wesentlich sind – zur Religion gekommen ist. Es gilt nämlich, dass …

… die Religion identisch mit dem Bewusstsein des Menschen von seinem Wesen ist. [3]

Am besten beschreibt es Feuerbach, indem er sein Vorhaben wie folgt prägnant auf den Punkt bringt: Ich aber lasse die Religion sich selbst aussprechen; ich mache nur ihren Zuhörer und Dolmetscher, nicht ihren Souffleur. Nicht zu erfinden – zu entdecken, Dasein zu enthüllen war mein einziger Zweck [3, S.16f.].

Überraschend mag insbesondere die starke Position sein, dass für Feuerbach „Vernunft und religiöser Glaube nicht notwendigerweise und nicht immer im radikalen Gegensatz zueinander stehen“ [2, S.79f.]. Sein Ziel ist es keinesfalls einen Atheismus zu begründen, bloß weil er die Schnauze voll von Religionen hat – nein, er untersucht lediglich den Menschen und zeigt wie dieser zur Religion gekommen ist.

Feuerbachs anthropologische Religionskritik

Die Religionskritik Feuerbachs unterteilt sich in eine soziologische und eine psychoanalytische Form. Wir werden die zweite Variante behandeln, welche man auch anthropologische Religionskritik nennen kann, weil sie das Wesen Gottes als das Wesen des Menschen aufdeckt. Gott ist nichts weiter als eine Projektion des Menschen!

Die Kernthese lautet: Die Welt Gottes ist eine phantastische Fiktion, die wir aber mit dem Erfahrungsmaterial unserer eigenen Welt aufbauen [2, S.83]. Der gläubige Mensch ist gebunden sowie entzückt an bzw. von einer Traumwelt. Er hält für wahr, was allein dem „Traum des menschlichen Geistes“ [4, S.26] entsprungen und betet jene Vorstellung an, was nur ein „Gespenst der Phantasie ist“ [4, S.83].

Diese Projektion geschieht nicht einfach grundlos, sondern baut auf einem grausam tiefen Prinzip auf. Feuerbach unterscheidet in Summe vier Ursachen, die alle miteinander zusammenhängen und die menschliche Phantasie – den Ursprung der Religion – in Gang setzen.

1. Angst vor der eigenen Macht

Der Mensch ist erstaunt von seinen eigenen Kräften. Dazu zählen wir vor allem die seelischen und geistigen Kräfte, von denen wir getragen werden, ja die uns beflügeln und immer unser Leben bestimmen. Diese Macht scheint uns so unermesslich, dass wir sie nicht in uns, sondern außer uns vermuten.

So kommt es zur Äußerung Feuerbachs, „es ist in dir über dir“ [4, S.50], weil wir uns (lange Zeit) nicht eingestehen wollten, dass diese enormen Kräfte unsere eigenen Kräfte sind. Der Mensch erschreckt sich davor, sein eigenes Wesen, also sich selbst in diesen Kräften zu sehen, und auf diese Weise kommt es zur Spaltung.

Er zerstört die Einheit mit sich selbst und entäußert seine eigenen Kräfte nach außen, auf etwas anderes, das seiner eigenen Vorstellung entspringt. Die Religion ist demnach ein Ergebnis mangelnder seelischer Integrationskraft [2, S.84].

2. Streben nach Absolutheit und Freiheit

Der Mensch erfährt sich selbst als ein abhängiges und begrenztes Wesen, das gleichzeitig doch nach Absolutheit strebt. Dieser Konflikt führt uns auf die Suche nach einem Trost, besser gesagt einer Macht, die uns aus diesem Dilemma heraushelfen kann. Dies nennen wir Gott. Gott ist als eine solche Macht der Welt natürlich überlegen, denn schließlich gilt:

Das Bewusstsein der Welt ist das Bewusstsein meiner Beschränktheit. [4, S.145]

Dieses Hinausdenken auf etwas, das uns retten soll, das somit unsere Beschränktheit aufheben soll, ist im Kern die Religion. Wir verfallen in den Glauben, dass es einen Gott gibt. Gottes Existenz ist nichts weiter als die Existenz des Wunsches nach Absolutheit.

3. Unvermögen unsere geistige Beschränktheit zu akzeptieren

Die Beschränktheit des Menschen reicht auch in seinen Geist. Wir können viele Fragen nicht vernünftig erklären, wie zum Beispiel den Ursprung allen Lebens. Anstatt uns folglich einzugestehen, dass wir gewisse Dinge niemals wissen werden, erfinden wir eine willkürliche Rechtfertigung, eben Gott. So schreibt Feuerbach:

Aber statt so ehrlich und bescheiden zu sein, schlechtweg zu sagen: Ich weiß keinen Grund, ich kann es nicht erklären, mit fehlen die data, die Materialien, verwandelst du diese Mängel, diese Negationen, diese Leerheiten, diese Poren deines Kopfes vermittelst der Phantasie in positive Wesen, in Wesen, die immaterielle, d.h. keine materiellen, keine natürlichen Wesen sind, weil du keine materielle, keine natürlichen Ursachen weißt. [4, S.102]

4. Religion als Phase menschlicher Kultur

Feuerbach macht deutlich, dass die Entwicklung einer Religion in der Menschheitsgeschichte unvermeidlich war, heute aber wieder ins Rechte zurechtgewiesen werden muss. Dem einzelnen Menschen mangelt es an der nötigen Hinwendung zu seiner eigenen Gattung. Ihm fehlt es ebenso an Vertrauen zu sich selbst, zu den Menschen.

Aber wo dem Menschen nicht die Gattung als Gattung Gegenstand ist, da wird ihm dann die Gattung als Gott Gegenstand. [4, S.247]

In der Entwicklung der Religion offenbart sich das kindliche Wesen des Menschen: Der Mensch verlegt sein Wesen zuerst außer sich, ehe er es in sich findet [4, S.53]. Wichtig ist aber auch, dass der Mensch diese Projektion wieder zurücknimmt, also auf sich selbst bezieht und somit sein wahres Wesen erkennt – dies ist der Idealfall:

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Dass der Mensch auf sich selbst schaut, wenn er von Gott spricht, liegt für Feuerbach beispielsweise im Glauben an die Allmacht Gottes oft zutage. In ihm wird nämlich nicht angenommen, dass Gott schlechthin alles tun könne, sondern allein das, was auch uns vernünftig erscheint. Andernfalls würden wir den Absurditäten Tür und Tor öffnen. [2, S.86]

Die Rivalität zwischen Gott und Mensch

Der Vergleich oder die Entgegensetzung Gottes zum Menschen bringt eine Reihe radikaler Kontraste. Ohne große Überlegungen anzustellen wird offensichtlich, dass Gott die unendliche Potenzierung menschlicher Attribute ist. Sie beide sind demnach zwei Extreme, zwei Pole.

Gott ist nicht, was der Mensch ist – der Mensch nicht, was Gott ist. [4, S.80]

Der Glaube an eine Offenbarung zeigt nochmal wie sehr der religiöse Mensch sich selbst negiert, indem er daran festhält, dass er niemals aus eigener Kraft zum Heil gelangen könne, sondern die helfende Hand Gottes benötige. Nietzsche greift einige Jahrzehnte später diesen Aspekt der Ohnmacht des Menschen nochmal genauer auf.

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Zusammenfassung der Thesen Feuerbachs

Feuerbach versteht die Religion als ein Verhältnis des Einzelnen zu seiner Gattung und damit als ein Produkt des Menschen. Hier erlangt dieser oft zitierte Spruch seinen Sinn: In Genesis 1, 26 heißt es, dass Gott den Menschen schuf – Feuerbach sagt: Der Mensch schuf Gott.

Feuerbach bestimmt die christliche Religion allgemein als „Verhalten des Menschen zu sich selbst oder richtiger: zu seinem (und zwar subjektiven) Wesen, aber das Verhalten zu seinem Wesen als zu einen andern Wesen. Das göttliche Wesen ist nichts anderes als das menschliche Wesen oder besser: das Wesen des Menschen, gereinigt, befreit von den Schranken des individuellen Menschen, verobjektiviert, d.h. angeschaut und verehrt, als ein andres, von ihm unterschiedenes eigenes Wesen – alle Bestimmungen des göttlichen Wesens sind darum menschliche Bestimmungen“. [4, S.48f.]

Das Instrument mit welchem der Mensch dies bewerkstelligt, jenes ausgezeichnete Organ, mit dem die religiösen Empfindungen zu anschaulichen Bildern und Symbolen schematisiert werden, offenbart sich für Feuerbach als die Phantasie [5, S.67]. Das heißt jedoch nicht, dass Religion völlig sinnlos wäre, sondern nur etwas, das man schlicht in seiner wahren Bedeutung sehen muss.

Feuerbachs Versuch lautete dem Glauben „seine Besonderheit, seine Parteilichkeit, seine Autoritäts-Gebundenheit, seine Jenseits-Orientierung, seinen Heils-Individualismus zu nehmen und ihn als allgemein mitteilbare, plausible und schließlich die Menschen über alle Gruppierungen hinweg verbindende Erkenntnis dazulegen.“ [2, S.90]

Ausblick: Was folgt aus Feuerbachs Kritik?

Schlussendlich kann man Feuerbachs Vorhaben in Summe als ein Projekt beschreiben, das die Religion zuletzt in eine Anthropologie, eine Hinwendung zum Menschen verwandelt. Sehr gut beschreibt es Christine Weckwerth:

In dem Ausblick auf eine [zukünftige] Gesellschaft ohne übermenschlichen Gott tritt bei Feuerbach der Gedanke der Depotenzierung der Religion in Liebe (od. respektive Moral) zutage. [5, S.74]

Feuerbach schrieb seine Theorie in Hinblick auf die Zukunft. Wir haben das schon an der Stelle gesehen, wo er die Entwicklung der Religion als einen notwendigen Punkt der Menschheitsgeschichte erklärte. Diese Zeit ist jedoch vorbei. Es soll eine neue Ära anbrechen, in welcher der Mensch sich auf sich selbst besinnt.

Der Wendepunkt der Geschichte liegt in dem offenen Bekenntnis und Eingeständnis, dass das Bewusstsein Gottes nichts anderes ist als das Bewusstsein der Gattung, […] dass der Mensch kein anderes Wesen als absolutes Wesen denken, ahnden, vorstellen, fühlen, glauben, wollen, lieben und verehren kann, als das Wesen der menschlichen Natur. [4, S.443f.]

Diese radikale Hinwendung zum Menschen kennzeichnet die Konsequenzen der feuerbachschen Kritik an aller Religion. Für ihn muss die Rückbesinnung, d.h. die Merkmale Gottes als die menschlichen Merkmale zu erkennen endlich stattfinden. Somit lässt sich abschließend sagen:

Die Auflösung der Theologie in Anthropologie ist für ihn der Schlüssel, den kulturellen Prozess allgemein auf dem menschlichen Gattungswesen zu begründen. An die Stelle Gottes – des Geistes – tritt bei ihm der konkrete, wirkliche Mensch, der, in einen Wesensbezug sowohl zur gegenständlichen Welt als auch zur Welt seines Mitmenschen gefasst, den Status einer neuen einheitsstiftenden Mitte erhält. [5, S.8]


Quellen und Verweise

Bild von Feuerbach: Ludwig Feuerbach (Stich von August Weger) unter CO-Lizenz

[1] Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In einer Vielzahl von Ausgaben; Ende des ersten Teils, oder: Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800–1866. Bürgerwelt und starker Staat. München 1983, S. 443–447 | Literatur (DEU)

[2] Hans Zirker: Religionskritik, Patmos Verlag, Düsseldorf, 1982 | Literatur (DEU)

[3] Ludwig Feuerbach, Gesammelte Werke, hrsg. von Werner Schuffenhauer, Berlin, Akademie Verlag, Band 5, S.29 | Literatur (DEU)

[4] Das Wesen des Christentums in: Ludwig Feuerbach: Gesammelte Werke, hrsg. Von W. Schuffenhauer, Berlin 1967ff. | Literatur (DEU)

[5] Christine Weckwerth: Ludwig Feuerbach zur Einführung. Junius, 2002 | Literatur (DEU)