Narabo-Nietzsche-Gott-ist-tot-Philosophie-Atheismus-Nihilismus

Wir sprechen hier möglicherweise vom einflussreichsten Gedanken des vergangenen Jahrhunderts.

Friedrich Nietzsche gilt als ein unglaublicher Denker zwischen Idealismus und Existenzphilosophie in Europa, der bis heute starken Einfluss auf die Denkspanne der Moderne ausübt. Seine vielen Schriften sind teils fantastische, dichterische Meisterwerke, die den Leser in die Tiefen der Realität werfen oder aber harte Sprengladungen, so als würde man mit dem Hammer philosophieren – wie es Nietzsche selbst von sich sagte.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Kurze Einordnung in Denken und Geschichte
  2. Philosophisches Fundament: Nihilismus
  3. Der Aphorismus 125 in vier Teilen
  4. Der Vorbote des Nihilismus
  5. Divergenz zwischen Denken und Ereignis
  6. Prophet der Zukunft
  7. Was steckt in den einzelnen Abschnitten?
  8. Hat Nietzsche Gott getötet?
  1. Auf welchem philosophischen Gedanken baut Nietzsche seine mittlere Periode auf?
  2. Was versteht Nietzsche unter Nihilismus?
  3. Was beschreibt der Aphorismus 125?
  4. Wie lassen sich die Abschnitte sinnvoll deuten?
  5. Welches Fazit lässt der Aphorismus 125 zu?
  6. Hat Nietzsche Gott wirklich getötet wie es oft behauptet wird?

Kurze Einordnung in Denken und Geschichte 

Friedrich Nietzsche (1844-1900) war ein klassischer Philologe, den man mit seinen zahlreichen philosophischen Schriften wohl am besten zwischen Nach-Idealismus und Existenzphilosophie einordnen kann. Er gilt als einer der einflussreichsten Philosophen überhaupt und hat bis in die heutige Zeit enorme Einflüsse zu verzeichnen.

Der breiten Masse ist er vor allem durch den provozierenden Ausspruch „Gott ist tot!“ bekannt geworden. Wie es dann oft in solchen Fällen ist, hat man ihn für diesen einfach aus dem Kontext gerissenen Satz sogar noch bis ins 21. Jahrhundert hinein unberechtigter und massiver Kritik unterzogen.

Ich werde deshalb in diesem Artikel versuchen, eine möglichst ganzheitliche Einführung für das Verständnis dieser Sentenz zu liefern. Dafür muss ich zuvor insbesondere einen Kerngedanken in der Philosophie Nietzsches genauer erklären, nämlich den des Nihilismus:

Philosophisches Fundament: Nihilismus

Nihilismus bezeichnet eine Weltsicht, die objektive Werte, Gesellschaftsordnungen und Erkenntnis verneint, sowie auch einen Lebenssinn und einen Sinn in der Weltgeschichte. Nietzsches Nihilismus hat vor allem die Auflösung der Werte unserer abendländischen Kultur als Grundlage, denn es gibt für ihn keine absoluten Werte und Wahrheiten.

An erster Stelle sind insbesondere die Werte sowie Normen der christlichen Moral zu zerstören, die einige Jahre nach seinem unglaublichen Werk Fröhlichen Wissenschaft von ihm in seiner Spätschrift Antichrist als Sklavenmoral dargestellt wurden. Wir werden uns jedoch auf den im ersten Werk zu findenden Aphorismus 125 konzentrieren, der den Nihilismus und den Tod Gottes wie folgt verbindet:

Der Satz »Gott ist tot« ist als die konsequenteste wie radikalste Formulierung inmitten der Geschichte des neuzeitlichen Atheismus zugleich Voraussetzung wie Vollendung des Nihilismus. [1]

Wir müssen unbedingt verstehen welche enorme Tragweite diese Entwicklung in der europäischen Philosophie besitzt. Seit Jahrhunderten hat man sich immer auf Gott, entweder auf einen theologisch-christlichen Gott oder einen philosophischen Gott als Erstursache, berufen. Mit Nietzsche gipfelt die Verneinung Gottes wie folgt:

In seinen theoretischen Reflexionen versucht Nietzsche nach 1882 nichts anderes mehr zu denken als das, was daraus folgt, wenn es Gott als den Grund von Wahrheit, Einheit und Sein nicht mehr gibt und damit das überlieferte Denken als Gefüge von Ontologie, Logik, Grammatik, und theologischer Metaphysik in sich zusammenbricht. [ebd.]

Der Aphorismus 125 in vier Teilen

Ich habe mir die Freiheit genommen den Aphorismus in vier überschaubare Abschnitte zu zergliedern, um die darin vorkommenden Motive besser herausarbeiten zu können. Den ersten Teil möchte ich im Grunde unkommentiert stehenlassen, denn mir bleibt nicht viel darüber zu erzählen, bis auf einen Fingerzeig auf die letzte Zeile zu liefern, in welcher die berühmte Sentenz verkündet wird.

Der tolle Mensch. – Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: »Ich suche Gott! Ich suche Gott!« – Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. 

Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrien und lachten sie alle durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. »Wohin ist Gott?« rief er, »ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! [2]

Zweiter Abschnitt – Der Vorbote des Nihilismus

In Nietzsches aphoristischem Stil steckt die starke Prägung vieler Motive, die alle zügig aufeinanderfolgen und in verschiedenste Richtungen verweisen. Besonders im zweiten Abschnitt treten zahlreiche Bildelemente auf, wie etwa das Meer als ‚das große Zweideutige‘ oder der Horizont als die alles umschließende Ewigkeit [1, S.127].

All dies wird durch den Tod Gottes aufgehoben. Es gibt keine Orientierungen mehr, absolut gar nichts woran der Mensch sich noch halten könnte, das heißt keine Wahrheit, keine Moral, keine Verbindlichkeiten. Hier markiert Nietzsche das Epizentrum des Nihilismus:

Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten?

Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! [2]

Dritter Abschnitt – Divergenz zwischen Denken und Ereignis

In Ansätzen deutet Nietzsche im dritten Abschnitt die Überwindung des Nihilismus an, den er in der Überwindung des Menschen sieht. Der Mensch muss selbst Gott werden – so Nietzsche. Er muss sich kraft seiner selbst befreien vom Traditionsdenken der Theologie und Philosophie zugunsten einer neuen Lebensanschauung.

Dieses neue Leben soll die Bejahung des Lebens im Zentrum haben, die zur Verkörperung der Lebendigkeit werden soll. Der Mensch soll sich nicht mehr einschränken von absoluten Werten, er soll sich überwinden und damit Werte schaffen und wieder vernichten – doch die Zuhörer können im Angesicht dieses Gedankens nur schweigen.

Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?

Es gab nie eine größere Tat – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!« – Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. [2]

Vierter Abschnitt – Prophet der Zukunft

Doch diese Hoffnung auf eine Überwindung des Menschen und der alten Denkweisen wird schnell gebrochen. Gott ist zwar tot, doch die Menschen erkennen nicht die Konsequenzen dieses Ereignisses, ja sie erkennen nicht einmal das Ereignis. Sie leben weiter, als würde es Gott immer noch geben, jedoch ist ihr Handeln geprägt von Betrug und Selbsttäuschung – der tolle Mensch kommt zu früh.

Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, daß sie in Stücke sprang und erlosch. »Ich komme zu früh«, sagte er dann, »ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehn und gehört zu werden.

Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!« – Man erzählt noch, daß der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: »Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?« [2]

Was steckt in den einzelnen Abschnitten?

Es ist äußerst wichtig die Struktur des Aphorismus nachzuvollziehen, denn Nietzsche kündigt sehr deutlich allein schon mit dem Ausspruch des Tods Gottes einen gewissen roten Faden, das heißt eine gedankliche Richtung auch innerhalb seiner weiteren Aphorismen an [3, S.74f.]:

1) Der Tod Gottes wird im Stile einer Feststellung präsentiert.
2) Mit dem Tod Gottes hat sich das Phänomen seiner Wirkung noch nicht erledigt.

Die letzte Station seiner in den Sammlungen vieler Aphorismen gedachten Struktur, markiert nun der dritte Punkt seines roten Fadens: Dem imaginierten Kollektivsubjekt ‚wir‘ kommt nun die Aufgabe zu, auch die indirekte Präsenz, die Schatten Gottes zu überwinden [ebd.]. Der Gottesbegriff muss mitsamt seiner Anhängsel aufgelöst werden. Alle Spuren einer von göttlichen Werten gelenkten Welt müssen vernichtet werden.

Hat Nietzsche Gott getötet?

Auf ebendiese Auflösung der Überbleibsel des Gottesbegriffs und der damit verbundenen Werte und Gedanken kommt Nietzsche am Ende des Aphorismus zu sprechen. Ich möchte an dieser Stelle aber nochmal betonen, dass der Ausspruch „Gott ist tot!“ eine Feststellung des tollen Menschen ist und keine Beschwörung.

Im Aphorismus wird der Tod Gottes verkündet, weil der Glaube der Menschen, und zwar jener an die christliche Lehre, sowie jene an die philosophischen Gottesvorstellungen, zusammengebrochen ist. Gott ist zu einem leeren, vollkommen sinnlosen Begriff geworden. Genau darauf weist der tolle Mensch hin.

Hinsichtlich dieser Tatsache, also „gerade weil jenes Ereignis des Gottestodes von radikaler Bedeutung ist, ist es bemerkenswert, dass im Aphorismus 125 der Fröhlichen Wissenschaft die Menschen, die am Ereignis teilnehmen, seine Bedeutung nicht sehen.“ [4, S.149]

Der Text beschreibt ein merkwürdiges Verhältnis von Ereignis und Bewusstsein. Man lebe so, dass Gott tot ist.
Man lebt aber auch so, dass man dies nicht denkt. Dass Ereignis und Denken so auseinander fallen, fordert zum Nach-Denken auf.
[ebd.]

Über diesen Fakt gelangt der tolle Mensch als der vielleicht einzige, der jene bittere Feststellung des Zerfalls von Sinn und Ziel begriffen hat, zur Realisation, dass sich das Bewusstsein der Menschen bei Weitem noch nicht den Umständen des Ereignisses angepasst hat:

Gott ist todt: aber so wie die Art der Menschen ist, wird es vielleicht ja noch viele Jahrtausende Höhlen geben, in denen man seine Schatten zeigt – und wir müssen auch noch seinen Schatten besiegen. [5]

Zusammenfassend kann man die Aussage des berühmten Aphorismus wie folgt auf den Punkt bringen: Mit der Feststellung des Tods Gottes legt Nietzsche eine zu seiner Zeit hochmoderne und zu unserer Zeit fortgeführte Entwicklung offen. Obwohl das seit Jahrtausenden durch den trägen Begriff Gottes gelieferte Fundament zur Begründung der Welt zusammengebrochen ist, leben die Menschen weiter als wäre nichts geschehen.

Nietzsche weist mit unglaublicher literarischer Tiefe auf die absurde Tatsache der modernen Kulturentwicklung hin: „Doch man braucht Nietzsches Text nur zu lesen, um zu erkennen, welche Irrsinnstat mit dem Gottesmord geschehen ist: Mit Gott ist der Richtungs- und der Handlungssinn des Lebens verloren“ [6]. Er zwingt uns ebendieser Tatsache ins Gesicht zu blicken.


Quellen und Verweise

[1] Wiebrecht Ries: Nietzsche zur Einführung, Junius, Hamburg, 1990, S.59 | Literatur (DEU)

[2] Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München, 1954, Band 2, S. 126-128 | Literatur (DEU)

[3] S. Dietzsch und C. Terne (Hrsg.): Nietzsches Perspektiven, DeGruyter, Berlin/Boston, 2014 | Literatur (DEU)

[4] Ingolf U. Dalferth und Hans-Peter Großhans (Hrsg.): Kritik der Religion: Zur Aktualität einer unerledigten philosophischen und theologischen Aufgabe (Religion in Philosophy and Theology, Band 23), Mohr Siebeck, Tübingen, 2006 | Literatur (DEU)

[5] Nietzsche, FW 3, KSA 3, S.467 | Literatur (DEU)

[6] Welt: Volker Gerhardt über die Fröhliche Wissenschaft, 2007 | Artikel (DEU)

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