Narabo-Wie-kommt-es-zu-Moral-Frühkindliche-Entwicklung-Philosophie

Wir fällen tagtäglich unzählige moralische Urteile ohne dies zu bemerken.

Wir loben die Arbeit eines Kollegen, bewundern ein Musikstück oder Kunstwerk, wir schimpfen über politische Ereignisse und tadeln das Fernsehprogramm, da es einen verdummenden Effekt haben soll – doch wie sind wir in der Lage solche Urteile zu treffen? Warum sind wir alle befähigt eine Sache als gut oder schlecht, als sittlich oder unsittlich einzustufen?

INHALT ÜBERBLICK
  1. Grundlage: Einige Begriffe zum Verdauen?
  2. Was sind Moral, Ethik und Moralität?
  3. Die Entwicklungspsychologie Jean Piagets
  4. Der Kontakt des Kindes mit seiner Umwelt
  5. Ausgangspunkt: Heteronomes Verhalten
  6. Übergangsphase: Aufbruch zur Autonomie
  7. Moral als Endphase: Autonomie und Reflektierung
  1. Was bedeuten Moral, Ethik und Moralität?
  2. Welches Ziel verfolgte Jean Piaget?
  3. Wie unterteilt Piaget die Phasen kindlicher Entwicklung und was zeichnet diese aus?
  4. Was kennzeichnet moralische Kompetenz?
  5. Auf welche Weise und auf welchen Grundlagen entsteht moralische Kompetenz?

Grundlage: Einige Begriffe zum Verdauen?

Bevor wir in die einzelnen Stadien der kindlichen Entwicklung eintauchen und uns somit der Entwicklung von Moral widmen, sollten wir kurz einige Grundbegriffe der Ethik behandeln. Diese werden im Artikel und an vielen anderen Stellen immer wieder auftauchen, weshalb wir schon wissen sollten, was wir meinen, wenn wir von Moral und Ethik sprechen.

Was unterscheidet eben diese beiden Begriffe, Moral und Ethik? Zunächst muss man feststellen, dass es die eine perfekte Grenzlinie nicht gibt. Man hat in der Geschichte der Philosophie viele Unterscheidungen getroffen, die je nach Denkrichtung und Auffassung besser oder schlechter zutreffen. Ich möchte an dieser Stelle schnell auf einen modernen Vorschlag hinweisen.

Was sind Moral, Ethik und Moralität?

Eine sehr gängige Begriffsbestimmung von „Moral“ lautet:  Eine Moral ist eine endlich-geschichtliche Gestalt der dem Menschen wesentlichen Freiheit und bedarf als solche der ständigen Begründung und Legitimation durch den Begriff der Moralität. [1, S.45]

Moral ist also ein Ordnungsbegriff, das heißt eine Menge von Aussagen, die in diesem Fall moralischen Charakter haben und durch den Begriff der Moralität getragen werden. Vielleicht könnte man schon sagen, dass sie so etwas wie ein Regelwerk umfasst. Was aber bedeutet nun Moralität?

Moralität ist das zur festen Grundhaltung gewordene Gutseinwollen, das sich den unbedingten Anspruch der Freiheit zu eigen und zum Sinnhorizont jedweder Praxis gemacht hat.

Wer aus dieser Grundhaltung heraus handelt besitzt moralische Kompetenz. Was aus Moralität geschieht, gilt zu Recht als moralisch, auch wenn eine solche Konkretisierung von Freiheit im Grenzfall gegen die Normen einer faktisch geltenden Moral verstößt. [ebd.]

Moralität ist nichts weiter als das Bewusstsein moralischen Handelns, was in der Entwicklung von Moral – wie wir gleich sehen werden – eine zentrale Rolle spielt. Es geht über die Kenntnis von Regeln (eine spezifische Moral) und deren Einhaltung hinaus, denn nur weil man moralische Regeln befolgt, handelt man noch lange nicht moralisch.

Zuletzt müssen wir noch den Begriff der Ethik richtig einordnen. Das ist nun nicht weiter schwer, da wir die Basis bereits gelegt haben. Ethik hat Moral und Moralität zu ihrem Gegenstand. Während Moral ein System von Regeln ist, geht Ethik über jede Moral hinaus und untersucht dieses System von Regeln als eine philosophische Disziplin. Ethik ist also eine Theorie der Moral, die das Verhältnis von Moral und Moralität im Auge hat.

Die Entwicklungspsychologie Jean Piagets

Der Schweizer Biologe und Entwicklungspsychologe Jean Piaget (1896-1980) machte es sich zur Aufgabe das Moralische beim Kinde genetisch zu erklären. Mit „genetisch“ meinte Piaget jedoch nicht die bloße biologische Bedeutung im Sinne von erblich programmiert, sondern vielmehr im Sinne der Genese (altgriechisch: γένεσις – genesis – Geburt, Entwicklung, Entstehung).

Er wollte also die verschiedenen Stufen der Entwicklung eines Kindes eingrenzen und mit dieser Einteilung eine Erklärung für die Entstehung der moralischen Urteilskraft liefern. Seine Forschung führte ihn zu insgesamt vier Stufen der Entwicklung eines Kindes von der Geburt bis zum sechzehnten Lebensjahr. [vgl. 2, S.100]

Nach Piaget gibt es zwei zentrale Aspekte zu beachten: (1) die stufenweise Reflektierung von Strukturen und (2) die Dezentrierung [ebd.]. In einfachen Worten ausgedrückt, bedeutet der erste Aspekt, dass jedes Kind zunächst unreflektiert in die Welt kommt und dann allmählich lernt intuitives Verhalten und Weisung bewusst zu erfassen und zu überdenken.

Der zweite Aspekt will sagen, dass jedes Kind zu Anfang auf einer einfachen Handlungsebene lernt, diese aber mit fortschreitender Entwicklung übertritt – es findet eine Abstraktion statt: Zunächst werden die Dinge selber und ihre inneren Beziehungen erarbeitet, danach die Beziehungen zwischen den Dingen und schließlich die Beziehungen zwischen ganzen Struktursystemen. [2, S.101]

Diese zwei Grundschemata der Entwicklung des Kindes sind von zentraler Bedeutung für unsere folgenden Betrachtungen der Heranbildung einer moralischen Urteilskraft. Beginnen wir also mit der ersten Phase.

Der Kontakt des Kindes mit seiner Umwelt

Sobald das Kind in der Lage ist komplexere Wahrnehmungen der Umwelt richtig einzuordnen und in eine Beziehung der Interaktion tritt, beginnt auch notwendig eine Spaltung – ein erster Konflikt mit der Welt.

Dies liegt schlicht gesagt daran, dass das Kind in allerlei Akten, wo es versucht der Welt seinen direkten Willen aufzuzwingen, schnell mit Unmöglichkeiten konfrontiert wird. Solche Barrieren sind wichtige Grundsätze der Erfahrung zwischen ICH und Welt.

Das Kind gewinnt sehr früh im Leben die Erfahrung, dass es nicht alles, was es will, ungehindert erreichen kann. Auf diesem Weg begegnet es dem Begriff der Regel. Doch Regel heißt nicht nur das, was die Eltern sagen. Es bezeichnet viel allgemeiner die zahllosen Abläufe der gesamten Welt.

Es gibt demzufolge ganz einfach Ziele oder Wünsche, die eigentlich gar nicht begehrenswert sind (z.B. Kochplatte anfassen), aber natürlich auch solche, die von einer Autorität – meist die Eltern – verboten wurden. Das Kind lernt zwischen folgenden Kriterien zu unterscheiden:

    1. Geboten: Du sollst
    2. Erlaubt: Du darfst
    3. Verboten: Du sollst oder darfst nicht

Jede Moral ist ein System von Regeln, und das Wesen jeder Sittlichkeit besteht nur in der Achtung, welche das Individuum für diese Regeln empfindet. Das Kind empfängt die moralischen Regeln, die es zu beachten lernt, zum größten Teil von den Erwachsenen, d.h. in fertiger Form. [3, S.7]

Solange das Kind ein Apparat für die Befolgung aufgezwungener Regeln ist, kann man unmöglich von moralischer Urteilskraft reden, denn das Befolgen von Regeln ist noch lange nicht gleichzusetzen mit moralischem Verhalten. Dieses rezeptive Stadium der kindlichen Entwicklung ist deshalb noch nicht das Stadium der Moral.

Ausgangspunkt: Heteronomes Verhalten

Piaget führt aus dem oben erwähnten Grund eine zweite Unterscheidung ein, nämlich die zwischen Bewusstsein einer Regel und Praxis einer Regel. Das Bewusstsein der Regel ist nun der Übergang zur moralischen Kompetenz. Jedes Kind lernt jedoch zunächst nur die Praxis der Regel, also das stupide Befolgen.

Dieses Befolgen ist natürlich heteronom, das heißt fremdbestimmt. Piaget fasst dies sehr treffend zusammen: Wir werden als moralischen Realismus die Neigung des Kindes bezeichnen, die Pflichten und die sich auf sie beziehenden Werte als für sich, unabhängig vom Bewußtsein existierend und sich gleichsam obligatorisch aufzwingend zu betrachten. [3, S.121]

Pflichtmoral ist in ihrer ursprünglichen Form heteronom. Gut sein heißt dem Willen des Erwachsenen gehorchen. Schlecht sein nach seinem eigenen Kopf handeln.
[3, S.221]

Übergangsphase: Aufbruch zur Autonomie

Auf diese zweite Phase der Fremdbestimmung (die erste Phase war die totale Unfähigkeit zur Beurteilung seiner Umwelt) folgt ein Übergang zur Autonomie. Jetzt gehorcht das Kind, sofern es eine Regel befolgt, nicht mehr aus Gründen der Autoritätsvorschrift, sondern vielmehr deshalb, weil die Regel es so gebietet.

Hier kommen also die zwei zentralen Aspekte der Reflektierung und Dezentrierung ins Spiel. Die Regeln werden verallgemeinert und von konkreten Umständen losgelöst – es entsteht eine Abstraktion. Das Kind ist sich nur klar, dass die Regel „Du sollst nicht stehlen“ keine Vorschrift ist, welche nur in eine Richtung von den Eltern auf es selbst gerichtet wird, sondern eine allgemeine Vorschrift ist.

Auch für die Eltern (die ursprüngliche Quelle aller Regeln) beginnen Regeln zu gelten. Das Kind gehorcht somit jetzt primär der Regel, weil es durch unmittelbare Erfahrung gelernt, hat, dass die Regel nicht etwas ist, das nur einseitig dem Machtbereich der Erwachsenen zugehört, sondern Produkt einer gemeinsamen Praxis ist [1, S.19].

(1) Zunächst einseitiges (heteronomes) Verhältnis
(2) Verallgemeinerung der Regel als Abstraktion
(3) Regel ist das Produkt einer gemeinsamen Praxis, also für alle geltend.

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Die Regeln sind ein Produkt der gemeinsamen Praxis des sozialen Umgangs

Diese Übergangsphase leitet die eigentliche moralische Kompetenz ein. Es entsteht ein Bewusstsein der Regel: Dies ist die Stufe der autonomen Moral, auf der das Kind Regeln kritisch auf ihre Moralität hin zu prüfen imstande ist. [1, S.19].

Moral als Endphase: Autonomie und Reflektierung

Dieser lange, mühselige und anfällige Prozess der Entwicklung führt letztlich zum Ziel: der moralischen Kompetenz. Der wichtigste Punkt ist die Abstraktion und Reflektierung der Regeln, die man zuvor bloß fremdbestimmt befolgt hatte. Piaget betont dies ebenfalls:

Damit ein Verhalten als moralisch bezeichnet werden kann, bedarf es mehr als einer äußeren Übereinstimmung seines Inhaltes mit dem der allgemein anerkannten Regel: es gehört auch noch dazu, daß das Bewußtsein nach der Moralität als nach einem autonomen Gut strebt und selbst imstande ist, den Wert all jener Regeln, die man ihm vorschlägt, zu beurteilen. [3, S.458]

Zusammenfassend lässt sich das Fazit zu diesem äußerst wichtigen Thema in Hinblick auf den größeren Kontext einer sozialen Gemeinschaft folgendermaßen ziehen: Die eigentliche moralische Einsicht besteht jedoch darin, dass solche Regeln nicht als ein von außen aufoktroyierter Zwang aufgefasst werden, sondern als Garant der größtmöglichen Freiheit aller Mitglieder der Handlungs-Gemeinschaft. Nur eine Regel, die dies gewährleistet, ist eine moralische Regel. [1, S.20]


Quellen und Verweise

[1] Piper, Annemarie: Einführung in die Ethik. Tübingen/Basel: Francke Verlag/UTB, 1994 | Literatur (DEU)

[2] Kesselring, Thomas: Jean Piaget. München: C.H. Beck, 1999, 2. Auflage | Literatur (DEU)

[3] Piaget, Jean: Das moralische Urteil beim Kinde. Frankfurt am Main, 1981 | Literatur (DEU)