Einführung zu Kierkegaard - Existenz und Furcht - Philosophie

Wir leben in einer Zeit, in der so einiges in die Brüche geht und zerfällt.

Dennoch zieht sich ein hohes Maß an Zufriedenheit und Selbstverständlichkeit durch alle Gesellschaftsschichten. Sind wir nicht eingebildete Narren? Wie können wir uns nur mit dem Verfall unserer Freiheit und Verantwortung versöhnen und in einer Spaß- und Konsumkultur dahintreiben, während wir uns gleichzeitig voller Feigheit in die vage Sicherheit der Allgemeinheit flüchten?

INHALT ÜBERBLICK
  1. Wer war Kierkegaard?
  2. Die Menge ist die Unwahrheit
  3. Anfang der Existenzphilosophie
  4. Jener Einzelne – radikale Subjektivität
  5. Die Frage ist: Wie soll ich leben?
  6. i. Das Stadium des Ästhetischen
  7. ii. Das Stadium des Ethischen
  8. iii. Das Stadium des Religiösen
  1. Wer ist Kierkegaard überhaupt?
  2. Was macht Kierkegaard als Menschen und Philosophen so besonders?
  3. Welches Ziel verfolgte Kierkegaard?
  4. Was meint Kierkegaard mit: Jener Einzelne?
  5. Was bedeutet der Dualismus zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit?
  6. Wie sehen die drei Lebensstadien aus?

Wer war Kierkegaard?

Der dänische Philosoph, Theologe und Schriftsteller Søren Kierkegaard (1813-1855) war der erste Denker, der voraussah, wohin die Moderne mit all ihren heiklen Eigentümlichkeiten führen kann. Bekannt als Begründer der europäischen Existenzphilosophie legte Kierkegaard den Grundstein für viele seiner berühmten Nachfolger wie Jean-Paul Sartre, Martin Heidegger und Karl Jaspers.

Er beobachtete die erschreckende Tendenz, dass die immerzu selbstsicherer werdenden Menschen beginnen, das allgemeine gesellschaftliche Fühlen und Denken für das eigene zu halten. Sie gaben sich zu seiner Zeit (und geben sich noch heute) damit zufrieden, andere für sich entscheiden zu lassen.

Narabo - Kierkegaard

Kierkegaard – Ein Existenzphilosoph

Die unter der Kategorie der Masse lebenden Menschen denken nicht mehr selbst, sprechen nicht mehr selbst und meinen nicht mehr selbst. Der ausschlaggebende Grund für diesen Zustand ist die existenzielle, überwältigende Angst vor dem Loch des eignen Daseins, vor welcher der Mensch ständig flüchtet, indem er stets nach neuen Ablenkungen und Zerstreuungen sucht – auf welche Weise könnte man nun unsere moderne Gesellschaft noch besser beschreiben?

Hieraus ergibt sich auch das wichtigste Element seiner Philosophie:
Das Subjektive, der Einzelne, das Konkrete, worauf wir später noch eingehen werden.

Die Menge ist die Unwahrheit

Zu jener Zeit in der die riesige Masse der Gesellschaft mehr und mehr begann sich bequem zu fühlen, der Biedermeier florierte, ja der eitle Idealismus groß wurde, hielt Kierkegaard seine einsame Stellung, wie ein Fels in der Brandung.

Ich will die Menschen aufmerksam machen, damit sie ihr Leben nicht vergeuden und schlicht zugrunde richten. [1]

Er protestierte mit voller Energie gegen das Scheinchristentum, also die verkommene, zu reinem Wortgefasel verdummte Religion, die als wahrer Glaube ausgegeben wird und machte sich damit viele Feinde. Kierkegaards oberstes Ziel kann man in der Aussage beschreiben, dass er die Menge auf ihr eigenes Verderben aufmerksam machen wolle. [1]

Seine in Selbstgefälligkeit eingewickelten Zeitgenossen nahmen ihm dieses Vorhaben sehr übel. Es kam als Folge sogar dazu, dass er auf zahllosen Spaziergängen von einigen Hochgeehrten der kopenhagener Szene mit Steinen beworfen wurde. Er ließ sich von diesem Hass aber nicht entmutigen und trieb seinen Kampf unerbittlich weiter, bis er nach vielen Jahren des Schaffens und der Einsamkeit schlussendlich am 2. Oktober 1855 direkt auf offener Straße unter totaler Erschöpfung einen Schlaganfall erlitt, zusammenbrach und starb.

Man muss sich Kierkegaard also als jemanden vorstellen, der mit seiner ganzen Macht an dem Baum rüttelte, auf dem die gegenwärtige Kultur mit ihrem fetten eingebildeten Hintern saß. Er machte es sich zum Hauptziel seine Mitmenschen sprichwörtlich wachzurütteln und genau das gefiel ihnen überhaupt nicht.

Kierkegaard gehört zu jener Gruppe von Philosophen, die man unmöglich verstehen kann, wenn man ihr Leben – d.h. vor allem ihr Leiden nicht überblickt hat. Aus diesem Grunde muss ich eine große Empfehlung aussprechen, nämlich eines seiner Werke selbst zu lesen, da sein gesamtes Schaffen für ihn auch eine Selbstwerdung – sogar eine inbrünstige Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben war. Eben weil Kierkegaard vor allem dichterisch geschrieben hat, sind seine Werke im Gegensatz zu manch anderen (Hegel, Kant) leicht und erfreulich zu lesen.

Anfang der Existenzphilosophie

Die Existenzphilosophie beschäftigt sich wohl mit der bedeutendsten und zugleich allzu oft ignorierten Frage des menschlichen Lebens: Was ist der Sinn meines Daseins?

Diese Strömung der Philosophie, die vor allem nach den Weltkriegen sehr groß wurde, bezieht sich immer auf den innersten Kern des Menschen. Dabei verwirft man jede Tendenz von einer rationalen Ansicht durch Wissenschaft und Technik und distanziert sich auch zur abstrakten Vernünftigkeit jedes objektiven Denkens.

Das Allgemeine, der Idealismus und die bekannten Normen, spielen keine Rolle mehr, sondern nur die Betrachtung des Subjekts – der eigenen Lebensdimension. Kierkegaard war im Übrigen stets ein bitterer Gegner des hegelschen Dualismus sowie Idealismus und seiner Idee des Absoluten.

Man steckt den Finger in die Erde, um zu riechen, in welch einem Lande man ist, ich stecke den Finger ins Dasein – es riecht nach nichts. Wo bin ich? Was heißt denn das: die Welt? Was bedeutet dies Wort?

Wer hat mich in das Ganze hineinbetrogen, und lässt mich nun dastehen? Wer bin ich? [2]

Für Kierkegaard wurde diese letzte Frage: „Wer bin ich?“ zum Ausgangspunkt seiner gesamten Existenzphilosophie, die er versuchte bis ans Ende zu durchdenken. Doch wie kann man sie beantworten? Es wäre in jedem Fall fatal, der Täuschung zu folgen, dass man sich selbst als Menschen, Bürger, oder selbst als ein Lebewesen betrachtet, weil das über dieses konkrete Ding, das ich bin, auf missachtende Weise hinausgeht.

Zu sagen, dass ich ein Mensch bin, entspricht einer Kategorienzuweisung, die mir als eigenständige Existenz nicht gerecht werden kann. Kierkegaards Philosophie plädiert dafür, den Menschen unvoreingenommen zu betrachten und das Denken außerhalb von objektiven Sichtweisen anzusetzen.

Jener Einzelne – radikale Subjektivität

Für Kierkegaard wurde bereits zu Beginn seiner philosophischen Karriere der Einzelne, also der konkrete Mensch, zum absoluten Hauptgegenstand seiner existenziellen Betrachtungen.

Jede Facette des individuellen Menschen muss man einzeln für sich in Augenschein nehmen. Jede Emotion und alles, was unter dem Gesichtspunkt des Allgemeinen lächerlich wirkt, springt augenblicklich ins Zentrum seiner Philosophie: Zweifel, Angst, Furcht, Verzweiflung, Trägheit, Demut, Erotik, Sünde, Glaube, Lust, Schmerz

Aus dieser Hinwendung zur radikalen Subjektivität, kann man beobachten, dass für Kierkegaard die Gesellschaft als Gruppierung von Menschen, also die Masse, die Unwahrheit sei. In der Menge löst sich das Subjekt einfach auf und ist damit in der Lage unterzutauchen, d.h. vor seiner Verantwortung zu fliehen.

Somit wird gleichzeitig auch die Verantwortung ausgelagert und zwar auf eine nichtgreifbare Ebene:
Nur der Einzelne kann handeln und muss demnach Verantwortung übernehmen. Wie kann eine Masse verantwortlich sein, wenn nicht durch ihre Individuen?

Kierkegaard insistiert damit auf einem Subjekt, das in letzter Instanz nur sich und Gott verantwortlich ist.
[3, S.28]

Handeln wir jedoch im Namen einer Partei, einer Religion oder verallgemeinern den einzelnen Menschen auf den Begriff des Bürgers, dann flüchten wir vor dieser Verantwortung, indem wir uns hinter einem absolut künstlichen Konstrukt verstecken, das uns erlaubt stets die Schuld mit einem Fingerzeig auf andere zu schieben.

Genau hier liegt auch das gewaltige Verderben unserer Politik, in der jeder etwas zu sagen hat, aber sich niemand verantwortlich fühlt. Die Bürger zeigen mit dem Finger auf die Parteien, die Parteien auf einzelne ihrer Mitglieder, die Mitglieder auf Konzerne, die Konzerne auf die freie Marktwirtschaft und so weiter.

Kierkegaard fordert vehement auf, das Leben als ein Individuum zu leben, welches sich dieses selbst mit voller Verantwortung ergründen muss und nicht einfach blindlings den geläufigen Meinungen folgen darf. Da wir als einzelne Menschen existieren und unser Leben auf diese Weise führen müssen, sind wir verantwortlich unser Leben auch als Einzelne zu leben.

Wenn ich eine Aufschrift für mein Grab verlangen sollte, ich verlange keine andere als jener Einzelne; ist sie nun auch nicht verstanden, wahrlich sie wird es werden.
[3, S.27]

Die Frage ist: wie soll ich leben?

Bei der Frage nach dem Lebensweg pendelt Kierkegaard stets zwischen zwei Momenten: auf der einen Seite steht die Unendlichkeit als Möglichkeit und auf der anderen die Endlichkeit als Notwendigkeit: Somit ist der Mensch eine Synthese von Unendlichkeit und Endlichkeit, von Zeitlichem und Ewigem, von Freiheit und Notwendigkeit, kurz gesagt eine Synthese. [4]

Die Spannung, die zwischen diesen beiden Extremen entsteht, sorgt für die Furcht vor der Existenz – Kierkegaard sagt: Verzweiflung ist allgegenwärtig. Der Mensch ist ein solches Gefüge von Dualismen, das so in jedem Augenblick gezwungen ist zu leben und gleichzeitig die Wahl hat sich zu ändern.

Die meisten sind sich selbst gegenüber subjektiv und objektiv gegenüber allem anderen, erschreckend objektiv sogar – aber die Aufgabe ist sich selbst gegenüber objektiv zu sein und allem anderen gegenüber subjektiv.

Kierkegaard behandelt diese Gegensätzlichkeit mithilfe seiner Existenzmitteilung. Darunter ist zu verstehen, dass er eben kein lehrhaftes Koch-Rezept fürs Leben erteilt, sondern stattdessen drei Lebensstadien kontrastiert, die er auf exzellente Fasson in seinen Werken Entweder-Oder und Furcht und Zittern seinem Leser als eine Option samt ihrer positiven und negativen Konsequenzen vorführt. Er überlässt es, seinem eigenen Vorsatz folgend, jeweils dem Leser darüber zu urteilen wie man das Leben letztendlich zu leben hat.

Das Stadium des Ästhetischen (Entweder-Oder I)

Der Ästhetiker bildet die erste und einfachste Lebensform, da der Mensch hier begrenzt durch die Unmittelbarkeit seiner sinnlichen Empfindungen lebt, die in Summe aber sein gesamtes Handeln bestimmen. Die Handlungsmotive und Zwecke des Ästhetikers sind einfach zu erkennen: er lebt für die Erotik (im weitesten Sinne).

Wir sprechen hier nicht zwingend von dem Typus eines Lustmolchs, denn der Ästhetiker ist auch Dichter, Musiker, Schauspieler und so weiter. Seine Lebensweise staffelt sich sozusagen, bis hin zu der Spitze des Archetypen eines Frauenhelden, der von Kierkegaard mithilfe der Figur des Don Juan verdeutlicht wird.

Allen Facetten des Ästhetikers ist jedoch gemeinsam, dass sie unreflektiert leben und der Sinn ihres Daseins nur in Momenten der Lust aufhellt. In allen anderen Momenten macht sich eine tiefe, eiskalte Verzweiflung breit, weil der Ästhetiker prinzipiell in Äußerlichkeiten gefangen ist.

Das Stadium des Ethischen (Entweder-Oder II)

Der Ethiker hat sich selbst als Subjekt und als Gemeinschaftswesen erkannt. Er verbindet die losen Enden von Körper und Geist (wie es beim Ästhetiker der Fall war) und macht die Vernunft zu seiner leitenden Grundlage. Hierdurch bildet der Ethiker die zweite Lebensform und geht über den Ästhetiker hinaus.

Gleichzeitig empfindet er eine Verantwortung für sich selbst und seine Mitwelt. Das Problem und die Verzweiflung des Ethikers besteht darin, die vernunftmäßige Begründung seines transzendenten Geistes herzustellen, der selbst nicht aus der immanenten Welt stammen kann.

Die Vernunft endet bei diesem Versuch immer wieder im Paradox. Der Ethiker sieht sich einem für ihn unendlichen, unbekannten Gott gegenüber, der die Ursache für seine Existenz sein muss. In diesem Sinne lebt der Ethiker ebenso wie der Ästhetiker nur oberflächlich.

Mehr über die ästhetische und ethische Lebensform erfährst du in diesem fortsetzenden Artikel zu Kierkegaard.

Das Stadium des Religiösen (Furch und Zittern, Philosophische Brocken)

In der letzten Instanz akzeptiert der Mensch sein Hineingeworfen-Sein in die Welt und seine Existenz vor Gott.

Das zentrales Element im religiösen Stadium stellt der Sprung zum Glauben dar, der nämlich darin besteht, den „Verstand zu kreuzigen“. Der Glaube an das Unbekannte, welches nicht durch den Verstand erfasst werden kann, muss an sich irrational sein und ist nur durch den metaphorischen Sprung zu bewältigen.

Kierkegaard verdeutlicht den Kern der religiösen Lebensform – die man übrigens genauso gut spirituell nennen könnte – in seiner Ausarbeitung der Abraham-Isaak-Erzählung des Alten Testaments. Hinsichtlich seines vagen Menschenbildes, das diesen als Synthese auffasst, kann man den drei Stadien auf folgende Weise Gestalt geben:

Ein jeder soll im Gedächtnis fortleben, aber ein jeder wurde groß im Verhältnis zu seiner Erwartung.
Der eine wurde groß, indem er das Mögliche erwartete; ein anderer, indem er das Ewige erwartete;
aber wer das Unmögliche erwartet hat, wurde größer als alle.
[5, S. 192]

Man darf diese Kontur von Glauben auf keinen Fall mit der institutionalisierten Religion und ihren dogmatischen Glaubenssätzen verwechseln. Gegen diese Verdummung des Glaubens hat Kierkegaard sein gesamtes Leben lang ja angekämpft, indem er das Scheinchristentum verdammt hat.

Der Religiöse ist auch nicht als ein fanatischer Narr zu verstehen, der die Vernunft schlichtweg leugnet, denn nur mithilfe der Vernunft konnte er bis an den Abgrund dieser spezifischen Lebenserfahrung gelangen, um dann den Sprung zu etwas Größerem zu wagen. Kierkegaard zieht zuletzt den Schluss, dass der Mensch auf dieser dritten Ebene schlussendlich seine Furcht und Verzweiflung momentan aufheben kann – er findet Erlösung.


Quellen und Verweise

[1] Kierkegaard, Søren: Tagebücher II, S.81 f.. Aus [6] | Literatur (DEU)

[2] Kierkegaard, Søren: Die Wiederholung, S.70f.. Aus [6] | Literatur (DEU)

[3] Liessmann, Konrad Paul: Sören Kierkegaard zur Einführung. Hamburg: Junius, 2002 | Literatur (DEU)

[4] Kierkegaard, Søren: Die Krankheit zum Tode. Erster Abschnitt. Aus [6] | Literatur (DEU)

[5] Kierkegaard, Søren: Furcht und Zittern. Lobrede auf Abraham. Aus [6] | Literatur (DEU)

[6] Kierkegaard, Søren; Diem, Hermann: Die Krankheit zum Tode, Furcht und Zittern, Die Wiederholung, Der Begriff der Angst. München: dtv, 2007 | Literatur (DEU)

Empfehlungen

Video: Søren Kierkegaard – Freiheit ohne Grenzen | YouTube (DEU)

Academy of Ideas: Introduction to Kierkegaard: The Existential Problem | YouTube (ENG)

Artikel: Kierkegaard über die ästhetische und ethische Lebensform | Blog (DEU)