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Die Wirklichkeit lebt von zwei Motiven: vom Dionysischen und vom Apollinischen.

Friedrich Nietzsche prägte dieses Begriffspaar in seinem Erstlingswerk Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, wo er seine damals überaus kontroversen Theorien von der Entstehung und Niedergang der griechischen Tragödie zusammen mit einer allgemeinen kulturphilosophischen Betrachtung und ihrer zentralen Bedeutung für das menschliche Leben präsentiert.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Geburt der Tragödie – Zusammenfassung
  2. Die zwei konträren Kunstformen
  3. Das apollinisch-dionysische Verhältnis
  4. Notwendigkeit einer apollinischen Lebenserhaltung
  5. Die Beziehung von Wort und Musik
  6. Fazit – Wohin führt uns die Tragödie?
  1. Was ist der Kern der Geburt der Tragödie?
  2. Was bedeutet apollinisch? Und was dionysisch?
  3. Auf welcher Basis gründet die griechische Kultur?
  4. In welcher Beziehung stehen Musik und Wort im griechischen Schauspiel?
  5. Wie kann man die zwei großen Kunstformen treffend beschreiben?

Geburt der Tragödie – Zusammenfassung

Nietzsche stellt in seinem ersten großen Werk die haarspalterische These auf, dass die Griechen im Gegensatz zu herkömmlichen Auffassungen seiner Zeit überhaupt kein glückliches Völkchen waren, sondern ganz im Gegenteil ein in der Tragik des Lebens verwickeltes und verzweifeltes.

Aus der Geschichte sind uns die unzähligen Vernichtungskriege und Schlachten der Griechen bekannt. Nietzsche betont in diesem Kontext, dass die Götterwelt der griechischen Antike eine Zuflucht vor der bitteren Lebenstragik dieser Zeit war. Zwei spezielle Götter nehmen dabei eine zentrale Rolle ein, nämlich Apollon und Dionysos.

An ihre beiden Kunstgottheiten, Apollo und Dionysus, knüpft sich unsere Erkenntniss, dass in der griechischen Welt ein ungeheurer Gegensatz, nach Ursprung und Zielen, zwischen der Kunst des Bildners, der apollinischen, und der unbildlichen Kunst der Musik, als der des Dionysus, besteht:

Beide so verschiedene Triebe gehen neben einander her, zumeist im offenen Zwiespalt mit einander und sich gegenseitig zu immer neuen kräftigeren Geburten reizend, um in ihnen den Kampf jenes Gegensatzes zu perpetuiren, den das gemeinsame Wort „Kunst“ nur scheinbar überbrückt; bis sie endlich, durch einen metaphysischen Wunderakt des hellenischen „Willens“, mit einander gepaart erscheinen und in dieser Paarung zuletzt das ebenso dionysische als apollinische Kunstwerk der attischen Tragödie erzeugen. [1, §1]

Die zwei konträren Kunstformen

Mit beiden Gottheiten verknüpft man jeweils eine Kunstform, die ihren Namen gemäß als apollinisch respektive dionysisch bezeichnet wird. Apollon vereint unter seinem Namen die Attribute Licht, Heilkunst, Ordnung, Musik, Gesang, Dichtkunst, während Dionysos das Wahrzeichen des Wahnsinns, der Ekstase und des Rauschs ist.

Entsprechend charakterisiert das Apollinische eine Kunst der Ordnung und der Verklärung, da die Realität durch Strukturen (z. B. durch Komposition) in abstrakte Formen eingeengt und ‚verständlich‘ gemacht wird. Man findet dies vor allem in den bildnerischen Künsten am Werk, das heißt in der Plastik, Malerei und Architektur.

Diese sind der Realität, dem Ungeheuerlichen des Lebens jedoch fremd und fern. Das Dionysische ist hingegen das Ungeheure selbst. Es bezeichnet den Wahnsinn der Existenz, das Absurde des Lebens und ist für Nietzsche gar der Ur-Grund der Realität. Als Kunstform verachtet das Dionysische alle Ordnung, es ist nichts als Rausch, Hingabe an den Moment und Selbstvergessenheit durch Auflösung des Ich:

Singend und tanzend äussert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen. Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung. Wie jetzt die Thiere reden, und die Erde Milch und Honig giebt, so tönt auch aus ihm etwas Uebernatürliches: als Gott fühlt er sich, er selbst wandelt jetzt so verzückt und erhoben, wie er die Götter im Traume wandeln sah.

Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk geworden: die Kunstgewalt der ganzen Natur, zur höchsten Wonnebefriedigung des Ur-Einen, offenbart sich hier unter den Schauern des Rausches. Der edelste Thon, der kostbarste Marmor wird hier geknetet und behauen, der Mensch, und zu den Meisselschlägen des dionysischen Weltenkünstlers tönt der eleusinische Mysterienruf: „Ihr stürzt nieder, Millionen? Ahnest du den Schöpfer, Welt? [1, §21]

Das apollinisch-dionysische Verhältnis

Im Kern der frühen nietzscheanischen Philosophie steht eine sogenannte fundamental-ästhetische Konzeption, die sich von allen herkömmlichen Fundamenten wie etwa Wahrheit und Gott ablöst, denn es gilt allein der Grundsatz …

… nur als aesthetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt [1, §5]

Das Leben ist tragisch, wie wir es bereits festgestellt haben. Der Ur-Grund des Seins ist das Ungeheuerliche und spielt sich ab im Leid, Tod, unendlicher Grausamkeit und Verderben des Lebens [vgl. 2, S.66]. In der ästhetischen Weltanschauung, die all dieses Grauen ewiglich bejaht, muss die Größe des Lebens liegen. So hält Nietzsche fest:

Auch die dionysische Kunst will uns von der ewigen Lust des Daseins überzeugen: nur sollen wir diese Lust nicht in den Erscheinungen, sondern hinter den Erscheinungen suchen. Wir sollen erkennen, wie alles, was entsteht, zum leidvollen Untergange bereit sein muss, wir werden gezwungen in die Schrecken der Individualexistenz hinein zublicken — und sollen doch nicht erstarren: ein metaphysischer Trost reisst uns momentan aus dem Getriebe der Wandelgestalten heraus. [1, §17]

Mit dem Konzept des agonalen Triebes der griechischen Kultur fügt Nietzsche die Umwandlung des Krieges in den (olympischen) Wettstreit analog das Schema der Umwandlung dionysischer Energien in eine verträglich-lebbare apollinische Form ein. Das Dionysische als Ausdruck der puren Lebensenergie und Musik muss in die Struktur des Apollinischen gedrängt werden, damit es dem Menschen verträglich werden kann. [vgl. 2, S.62]

Was vermag nicht der heilkundige Zauber des Apollo, wenn er selbst in uns die Täuschung aufregen kann, als ob wirklich das Dionysische, im Dienste des Apollinischen, dessen Wirkungen zu steigern vermöchte, ja als ob die Musik sogar wesentlich Darstellungskunst für einen apollinischen Inhalt sei? Bei jener prästabilirten [sic!] Harmonie, die zwischen dem vollendeten Drama und seiner Musik waltet, erreicht das Drama einen höchsten, für das Wortdrama sonst unzugänglichen Grad von Schaubarkeit. [1, §21]

Notwendigkeit einer apollinischen Lebenserhaltung

Diese beiden Motive des apollinischen und dionysischen finden Ausdruck im griechischen Tragödienspiel, sind für Nietzsche aber auch metaphysische und psychologische Momente. Das Dionysische markiert im metaphysischen Sinne das heraklitische Weltbild vom Werden und Vergehen ohne Sinn und Ordnung. Ebendies ist der Urstoff aller Realität. Dessen Gegenspieler liegt auf der Hand:

Das Apollinische findet vor allem im Sokratismus seinen Ausdruck, das heißt also in der Heiligung der Vernunft, des Bewusstseins und der Erkenntnis. Das Sein ist unheimlich. Die Erkenntnisbemühungen des Menschen versuchen es harmlos und ungefährlich werden zu lassen, denn die Macht der dionysischen Wahrheit würde im vollen Licht jeden in den Wahnsinn treiben.

In der Gesammtwirkung der Tragödie erlangt das Dionysische wieder das Uebergewicht; sie schliesst mit einem Klange, der niemals von dem Reiche der apollinischen Kunst her tönen könnte. Und damit erweist sich nun die apollinische Täuschung als das, was sie ist, als die während der Dauer der Tragödie anhaltende Umschleierung der eigentlichen dionysischen Wirkung: die doch so mächtig ist, am Schluss das apollinische Drama selbst in eine Sphäre zu drängen, wo es mit der dionysischen Weisheit zu reden beginnt und wo es sich selbst und seine apollinische Sichtbarkeit verneint. [1, §21]

Die Beziehung von Wort und Musik

Wesentlich für die griechische Tragödie – ob nun bei Ödipus, Antigone oder Medea – ist stets das Zusammenspiel von Chor und EinzelDarsteller. Auch in ihnen findet man die Motive des apollinisch-dionysischen Gegensatzes, wie es Rüdiger Safranski treffend beschreibt:

Die griechische Tragödie bringt das Machtverhältnis zwischen Wort und Musik auf die Bühne. Der Protagonist beherrscht immer das Wort, aber es ist die Musik des Chores, die dann den Wortemacher beherrscht. Das Wort ist Mißverständnissen und Fehldeutungen preisgegeben, es kommt nicht aus dem Innersten und es reicht nicht bis dorthin. Es lebt und webt am Rande des Seins. Anders die Musik. [2, S.54]

Sie trifft das Herz unmittelbar, als die wahre allgemeine Sprache, die man überall versteht. [1, §1]

Es ist nun einmal diese Verknüpfung von Musik als Ausdruck des Dionysischen und die verklärende Wirkung der Vernunft – des Logos -, die Nietzsche als Kernmerkmal der griechischen Tragödie betrachtet. Das Zusammenspiel beider Elemente ist die Funktionsweise der gesamten Realität und findet eine explizite Darstellung im Werk des tragischen Schauspiels:

Die Tragödie saugt den höchsten Musikorgiasmus in sich hinein, so dass sie geradezu die Musik, bei den Griechen, wie bei uns, zur Vollendung bringt, stellt dann aber den tragischen Mythus und den tragischen Helden daneben, der dann, einem mächtigen Titanen gleich, die ganze dionysische Welt auf seinen Rücken nimmt und uns davon entlastet: während sie andrerseits durch denselben tragischen Mythus, in der Person des tragischen Helden, von dem gierigen Drange nach diesem Dasein zu erlösen weiss, und mit mahnender Hand an ein anderes Sein und an eine höhere Lust erinnert, zu welcher der kämpfende Held durch seinen Untergang, nicht durch seine Siege sich ahnungsvoll vorbereitet. [1, §21]

Fazit – Wohin führt uns die Tragödie?

Zusammenfassend wäre es sinnvoll neben der in diesem Artikel doch enorm klassischen Auslegung des Apollinisch-Dionysischen Begriffspaares auf seine zeitlose Wichtigkeit hinzuweisen. Es empfiehlt sich unbedingt, die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik nicht nur auf die griechische Tragödie zu beschränken, weil allein dieses bereits mehr als nur ein unterhaltendes Schauspiel ist.

Die griechischen Dramen leisten einen Beitrag zur Lebensgestaltung, zum Umgang mit dem Wahnsinn der Existenz. Und so schafft Nietzsche mit seinem provozierenden Werk sehr viel mehr als eine neue Interpretation sowie bloße Analyse der griechischen Tragik, die auf einem heraklitischen Weltbild basiert.

Er zeigt uns darüber hinaus wie sich die Lehre des apollinisch-dionysischen auf das einzelne menschliche Leben auswirkt, indem man diese als psychische Strukturen auffasst, die unser aller Handeln und Gedeihen bestimmen und in starker Verbindung mit der modernen Psychologie und ihrer zentralen Unterscheidung von Bewusstsein und Unbewusstem gedacht werden können.


Quellen und Verweise

[1] Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, §1, in: Friedrich Nietzsche, Werke. Kritische Gesamtausgabe, Berlin/New York, de Gruyter, 1967 | Literatur (DEU)

[2] Rüdiger Safranski: Nietzsche. Biographie seines Denkens, München/Wien, Hanser, 2000 | Literatur (DEU)