Narabo-Gettier-Problem-Erkenntistheorie-Wissen-Philosophie-Epistemologie-Grundlage

Nichts hat die klassische Wissensdefinition so erschüttert wie das Gettier-Problem.

Für Jahrhunderte war man sich sehr sicher, dass es eine stabile Definition des Wissensbegriffs gibt, die bereits zu Zeiten Platons bekannt war. Bis zum Jahr 1963 hat man sich mit der bis dato unangefochtenen Definition absolut sicher gefühlt. Doch ein einziger zweieinhalb Seiten langer Beitrag riss die Idylle der Wissensdefinition in Stücke.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Ausgangspunkt: Die Standardanalyse des Wissens
  2. Was hat Gettier nun eigentlich gemacht?
  3. Welches Problem ergibt sich im Wecker-Beispiel?
  4. Gettiers Grundannahmen
  5. Münzen & Job – Der erste Gettier-Fall
  6. Ford & Barcelona – Der zweite Gettier-Fall
  7. Was kommt nach den Gettier-Fällen?
  1. Wie lautet die klassische Wissensdefinition?
  2. Welches Problem ergibt sich innerhalb dieser?
  3. Welche Grundannahmen nimmt Gettier vor?
  4. Wie funktionieren Gettiers Einwände gegen die klassische Wissensdefinition?
  5. Worauf basieren alle Formen von Gettier-Fällen?

Ausgangspunkt: Die Standardanalyse des Wissens

Das Gettier-Problem ist ohne ein Vorverständnis der klassischen Wissensdefinition völlig unmöglich. Zu diesem Thema habe ich deshalb bereits eine Einführung geschrieben, die du hier unbedingt lesen solltest, bevor du dich eingehend diesem Artikel widmest. Nichtsdestotrotz werde ich auch an dieser Stelle nochmals in Kürze die dort genannten Bedingungen klären.

Als Ausgangsfrage dient natürlich die Bedingung für Wissen, also was ist Wissen? Wir haben gesehen, dass wir dabei von propositionalen Inhalten gesprochen haben und Wissen (zumindest im Regelfall) in einer subjektiven Form betrachtet haben. Dies führt uns sehr schnell zu der Idee, dass Wissen irgendwie etwas mit Meinung oder Überzeugung zu tun haben muss.

Doch es reicht noch lange nicht, wenn wir sagen, eine Person weiß x, weil sie x meint oder davon überzeugt ist. Es fehlen noch mehr Komponenten, so zum Beispiel das Kriterium der Wahrheit. Das wovon ich überzeugt bin, muss auch mit der Wirklichkeit übereinstimmen.

Zu guter Letzt mussten wir noch einsehen, dass Wissen etwas wie eine Rechtfertigung benötigt, die unsere Meinung begründet. So kamen wir auf die klassische Wissensdefinition, die bis Gettier seit 2000 Jahren als unantastbar galt: Wissen ist wahre gerechtfertigte Überzeugung.

Was hat Gettier nun eigentlich gemacht?

Edmund L. Gettier zeigte in einem nur dreiseitigen Aufsatz von 1963, dass diese Auffassung von Wissen doch nicht alles abdeckt und somit zu kurz kommt. Die drei Bedingungen, nämlich Wahrheit, Rechtfertigung sowie Überzeugung sind zwar notwendig, das heißt je für sich unabdingbar für Wissen, aber zusammen leider nicht hinreichend.

So lässt sich zeigen, dass man mit wenigen Grundannahmen, die so gut wie jeder akzeptiert, Fälle konstruieren kann, in denen alle Bedingungen des Wissens nach der klassischen Definition erfüllt sind, wir aber niemals von Wissen sprechen würden. Hierzu ein alltagsnahes Beispiel:

Bertrand Russell hatte bereits 1948 in Human Knowledge am Beispiel einer stehen gebliebenen Uhr gezeigt, dass die weitläufige Konzeption von Wissen als wahrer [gerechtfertigter] Meinung falsch sei: Wenn Hans‘ Wecker um 17:00 Uhr stehengeblieben ist, Hans davon aber nichts gemerkt hat und am folgenden Tag um 17:00 Uhr auf seinen Wecker sieht, hat er die gerechtfertigte wahre Meinung, dass es gerade genau 17:00 Uhr sei; niemand wird jedoch behaupten, dass Hans Wissen darüber erworben hätte, dass es 17:00 Uhr sei. [1]

Welches Problem ergibt sich im Wecker-Beispiel?

Das Problem in einem solchen Fall ist einfach. Wir sind da irgendwie mit einem Zufall konfrontiert, bleiben jedoch gerechtfertigt in unserer Überzeugung. Dass kein Wissen vorliegt, wird nun unterschiedlich rezipiert. Einige sehen sofort ein, dass dies der Fall ist, andere hingegen fragen zunächst, wo das Problem überhaupt liegt. Warum ist das kein Wissen?

Gettier begründet dies zum einen durch ein grundlegendes Verständnis von der Natur des Wissens und zum anderen durch die Intuition, was keinesfalls dumm ist. Wenn wir von Wissen sprechen, meinen wir etwas das zufallslos zutrifft, also etwas Unfehlbares, das mit voller Gewissenhaftigkeit gilt.

Betrachten wir diese Zufälle wie eben das Wecker-Beispiel und auch die folgenden Beispiele von Gettier als Wissen, wird unser Wissensbegriff schwammig, ja beinahe willkürlich. Ein Beispiel gegen den Zufall habe ich bereits im Artikel über die Definition von Wissen erwähnt und ein weiteres möchte ich hier noch anführen:

Alle, die den Zufall als unwesentlich für die Problematik der Wissensdefinition erachten, müssten auch in diesem Fall von Wissen sprechen: Angenommen, ich gehe zu einer Frau, die sich als Wahrsagerin ausgibt. Sie prophezeit mir, dass ich am nächsten Tag genau um 16:39 Uhr einen Kontrolleur in der Bahn antreffen werde und tatsächlich passiert das. Würden wir hier wirklich von Wissen sprechen wollen?

Gettiers Grundannahmen

Da wir nun die ersten Kiesel weggeräumt haben, können wir endlich zum konkreten Gegenstand dieses Themas kommen, nämlich zu Gettiers Aufsatz Is Justified True Belief Knowledge? samt seiner beiden Fälle. Gleich zu Beginn erwähnt er zwei Voraussetzungen, die wir im Grund schon implizit erwähnt haben.

1) Fallibilismus – Man kann gerechtfertigt sein etwas zu glauben, was falsch ist.

In dem Sinne von „gerechtfertigt“, in dem es eine notwendige Bedingung für S‘ Wissen von P ist, daß S dann darin gerechtfertigt ist zu glauben, dass P, ist es möglich, daß jemand darin gerechtfertigt ist, etwas zu glauben, was in Wirklichkeit falsch ist. [2]

Klingt das plausibel? Das sollte es. Gettiers Annahmen sind beide durchaus harmlos. Am besten orientieren wir uns an einfachen Alltagsbeispielen: Ich glaube, dass Maria in Berlin ist. Warum ich das glaube? Ganz einfach: Ihr Freund Tim, der für zuverlässig gilt, hat mir das versichert.

Ich bin also ohne weiteres gerechtfertigt zu glauben, dass Maria in Berlin ist. Tatsächlich hat sich Tim aber geirrt und Maria ist kurzfristig nach Hamburg geflogen. Die Tatsache, dass Wahrheit nun nicht vorliegt, ändert absolut nichts an meiner Rechtfertigung.

2) Deduktive Geschlossenheit – Hier: Rechtfertigung bleibt erhalten.

Wenn S darin gerechtfertigt ist, P zu glauben, und wenn aus P Q folgt, und wenn S von P auf Q schließt und Q infolge dieses Schlusses akzeptiert, dann ist S darin gerechtfertigt zu glauben, dass Q. [ebd.]

Die zweite Annahme sieht durch die vielen Buchstaben sehr viel komplizierter aus – das ist sie aber nicht. Verwenden wir wieder ein Beispiel aus dem Alltag: Maria ist diesmal im Schwimmbad. Woher ich das weiß? Sie hat es mir mitgeteilt, ja vielleicht habe ich sie dort sogar gesehen.

Ich bin also durchaus gerechtfertigt diese erste Aussage (P) zu glauben. Die erste Aussage beinhaltet zum Beispiel die folgende Aussage (Q): Maria ist nicht zu Hause. Da ich nun gerechtfertigt bin P zu glauben und Q aus P folgt, bin ich auch darin gerechtfertigt Q zu glauben. Ganz einfach.

Die ganze Problematik der Gettier-Fälle kann man demnach wie folgt zusammenfassen:

Da es möglich ist, dass eine Person S gerechtfertigterweise von einer falschen These P überzeugt ist und weiterhin aus P eine Ableitung Q folgern kann, die ihrerseits wahr ist, ist es durchaus möglich, von falschen Voraussetzungen zu wahren Überzeugungen zu gelangen. Ein so gewonnene Überzeugung stellt dann jedoch keinesfalls Wissen dar, obwohl Q wahr ist, S glaubt, dass Q wahr ist und S‘ Glauben, dass Q wahr ist, gerechtfertigt ist. [1]

Münzen & Job – Der erste Gettier-Fall

Ich möchte die beiden Beispiele Gettiers nicht einfach in diesen Artikel reinkopieren, denn in einer solchen Form kannst du sie einfach hier im Original nachlesen. Vielmehr werde ich die zwei Fälle sinngemäß schildern und den Versuch tätigen, ihre Struktur anhand der bereits erwähnten Grundlagen auszurichten.

1. Fall: Smith und Jones bewerben sich für dieselbe Stelle. Smith ist gerechtfertigt zu glauben, dass Jones den Job bekommt. Der Personalmanager hat ihm das mitgeteilt. Dies entpuppt sich später als falsch, aber wie wir gesehen haben, ändert das nichts an der Rechtfertigung. Außerdem hat Smith gesehen, dass Jones 10 Münzen in der Tasche hat. Er schließt nun:

Derjenige, der den Job bekommen wird, hat 10 Münzen in der Tasche.

Hier setzt also die deduktive Geschlossenheit ein, denn die Aussage „Derjenige, der den Job bekommen wird, hat 10 Münzen in der Tasche“ ist darin enthalten, dass Smith davon überzeugt ist, dass Jones den Job bekommt und er gesehen hat, dass Jones 10 Münzen hat.

Im Sinne der deduktiven Geschlossenheit hat Smith jetzt eine gerechtfertigte Überzeugung. Es stellt sich jedoch heraus, dass Smith den Job bekommt und er zufällig auch 10 Münzen hatte, wovon er nichts wusste (was gar nicht abwegig ist). Demnach liegt auch die Bedingung der Wahrheit vor, nämlich in jener Aussage, die aus der falschen abgeleitet wurde.

Alle Bedingungen der klassischen Wissensdefinition sind erfüllt: Die Aussage „Derjenige, der den Job bekommen wird, hat 10 Münzen in der Tasche“ ist wahr, Smith ist gerechtfertigt daran zu glauben, weil er sie aus einer Aussage abgeleitet hat für die er sehr gute Gründe hatte (wir erinnern uns: der Personalchef hat ihm seine Rechtfertigung geliefert) und die Meinung liegt aus diesen Gründen sowieso vor.

Intuitiv würden wir jedoch nicht von Wissen sprechen, weil dieser komische Faktor des Zufalls miteinspielt. [3]

Ford & Barcelona – Der zweite Gettier-Fall

Der zweite Teil ist ohne ein Grundverständnis der Logik deutlich schwerer. Er wirkt deshalb durchaus konstruiert, ja sogar sehr fremd und alltagsfern, aber im Grunde ist er genau wie der erste Fall aufgebaut – er setzt sogar eine indirekte Annahme voraus, dass nämlich der Protagonist (Smith) ein überaus rationaler Mensch ist.

2. Fall: Smith ist gerechtfertigt zu glauben, dass Jones einen Ford besitzt, weil er Jones immer nur in einem Ford hat fahren sehen. Von seinem anderen Freund Brown kennt er keinen Aufenthaltsort. Er schließt nun drei Aussagen …

    • … erstens, dass Jones einen Ford besitzt oder Brown in Boston ist.
    • … zweitens, dass Jones einen Ford besitzt oder Brown in Barcelona ist.
    • … drittens, dass Jones einen Ford besitzt oder Brown in Brest-Litowsk ist.

Diese Aussagen sind alle aus der gerechtfertigten Aussage „Jones besitzt einen Ford“ abgeleitet, denn die Einführung einer (inklusiven) Oder-Verknüpfung kann bedenkenlos geschehen. Schließlich ändert sich die Wahrheit einer beliebigen Aussage wie „Ich bin ein Mensch“ nicht, wenn ich daraus zum Beispiel folgende zusammengesetzte Aussage mache: „Ich bin ein Mensch oder die Erde ist eine Scheibe“.

Beim inklusiven Oder ist die Gesamtaussage wahr, wenn entweder jeweils eine Teilaussage wahr ist oder beide zusammen. Anders gesagt, es müssen beide Teilaussagen falsch sein, damit so die gesamte Aussage falsch wird. Keinesfalls dürfen wir das mit unserem Entweder-Oder aus der Alltagssprache verwechseln.

Der Rest funktioniert analog zum ersten Fall. Aufgrund der deduktiven Geschlossenheit ist Smith wieder absolut gerechtfertigt alle drei Aussagen zu glauben. Die Aussagen sind nämlich genau dann wahr, wenn jeweils eine der Bedingungen wahr ist oder beide zusammen.

Es stellt sich dann jedoch heraus, dass Jones keinen Ford besitzt, sondern nur einen Mietwagen fährt und Brown tatsächlich in einer der drei Städte ist, zum Beispiel in Barcelona. Demnach liegt Wahrheit vor, da eine Bedingung seiner Aussage erfüllt ist, Rechtfertigung ebenfalls durch die Erstaussage aus der die drei abgeleitet wurden und Überzeugung sowieso.

Auch hier sind alle Bedingungen der klassischen Wissensdefinition erfüllt, aber intuitiv liegt kein Wissen vor. Schließlich hat Smith doch nicht wirklich gewusst, dass Brown in Barcelona ist, oder? [3]

Was kommt nach den Gettier-Fällen?

Zuletzt stellt sich die Frage, ob man diese Gettier-Fälle eigentlich lösen kann. Was geschah nach 1963? Natürlich gab es viele originelle Lösungsansätze, doch bemerkenswert ist, dass man bis heute noch an der Wissensdefinition arbeitet, weil nichts Endgültiges gefunden werden konnte.

Es würde wahrscheinlich noch 20 weitere Artikel benötigen, um überhaupt eine Ahnung davon zu bekommen, was alles für die weitere Bearbeitung der Gettier-Fälle angestellt wurde. Das gehört alles zum größeren Themenkreis der Erkenntnistheorie – darunter vor allem die Klärung des Begriffs der Rechtfertigung. Ich möchte abschließend nur noch folgendes anmerken:

Die Gettier-Fälle sollten uns ermahnen, dass nämlich auch eine Jahrhunderte alte Definition, die schon längst als abgesegnet galt, nicht endgültig sein muss. Vor allem sollten wir immer bedenken, dass wir den heiligen Titel der Unantastbarkeit nicht ohne weiteres hinnehmen und in seliger Ruhe lassen dürfen. Schließlich hätte man die 2000 tausend Jahre alte Standardanalyse sonst nie als fehlerhaft entlarven können.


Quellen und Verweise

[1] Leuschner, Anna: Die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft. Eine wissenschafts- und erkenntnistheoretische Analyse am Beispiel der Klimaforschung. transcript Verlag, 2012, S. 8 | Literatur (DEU)

[2] Bieri, Peter: Analytische Philosophie der Erkenntnis. Weinheim: Beltz Athenäum, 4. unveränderte Auflage, 1997, S.91 | Literatur (DEU)

[3] Vgl.: Gettier, Edmund L.: Analysis, Vol. 23, No. 6. (Jun., 1963), pp. 121-123 | Literatur (ENG)

Empfehlungen

Buch: Grundmann, Thomas: Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie. Berlin: de Gruyter, 2008 | Literatur (DEU)

Buch: Ernst, Gerhard: Einführung in die Erkenntnistheorie. Darmstadt: WBG, 2014 | Literatur (DEU)