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Für viele fällt der Begriff Utilitarismus in die Kategorie ‚Mehrfach gehört, aber nicht wirklich verstanden‘.

Ob im Ethikunterricht oder andernorts, fast jeder hat bereits von einer utilitaristischen Handlung gehört und weiß, dass es sich dabei um eine ethische Theorie dreht. Wir werden uns in diesem Artikel nun die genauen Details dieser Theorie anschauen und endlich mit dem Halbwissen über den Utilitarismus aufräumen.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Der grobe Rahmen auf einen Blick
  2. Die vier Grundpfeiler des Utilitarismus
  3. Was fordert der Utilitarismus von uns?
  4. Weitere Bedingungen des KU
  5. Kritik am klassischen Utilitarismus
  6. Antworten des Utilitarismus auf seine Kritik
  1. Wie lautet die Maxime des Utilitarismus?
  2. Welche Grundpfeiler besitzt diese Theorie?
  3. Womit darf man den Utilitarismus keinesfalls verwechseln? Warum nicht?
  4. Wie lauten Kritikpunkte gegen den KU?
  5. In welche Fallstricke verwickelt sich der KU?

Der grobe Rahmen auf einen Blick

Der Utilitarismus besitzt unter allen ethischen Theorien einen intuitiven Anreiz, da in seiner Grundstruktur mit wenigen Voraussetzungen gearbeitet wird. Die Forderung des klassischen Utilitarismus, so wie sie von Jeremy Bentham konzipiert wurde, wirkt unmissverständlich und eindeutig: Maßstab unseres Handelns soll das größte Glück der größten Zahl sein. [1]

Jeremy Bentham (1748-1832) war englischer Jurist, Philosoph, Sozialreformer und Gründervater der ersten Theorie des Utilitarismus mit seiner ethischen Schrift An Introduction to the Principles of Morals and Legislation von 1789. Nach der antiken Tugendethik des Aristoteles entwarf Bentham mit seiner zunächst auf Ökonomie ausgerichteten Theorie erstmals eine normative Ethik.

Normativ ist der Utilitarismus gerade deshalb, weil er einen genauen Maßstab dafür festlegt, was eine moralische oder unmoralische Handlung ist und daraus resultierend gewisse Handlungsweisen fordert. Wichtig ist außerdem, dass man die breitgefächerte Entwicklung des Utilitarismus über die Zeit hinweg im Auge behält.

Nach dem klassischen Utilitarismus Benthams entwickelten sich recht schnell modifizierte Versionen und letztlich deutlich abgewandelte Konzepte, wie zum Beispiel in der Form des Präferenzutilitarismus, der vom zeitgenössischen Philosophen Peter Singer vertreten wird. Es gibt also auch heute noch rege Diskussionen über utilitaristische Ethik.

Die vier Grundpfeiler des Utilitarismus

Bentham, der wie gesagt als Begründer des Utilitarismus zählt, zergliederte das dem Utilitarismus unterstellte oberste Moralprinzip in vier Teilaspekte, die zusammen den klassischen Utilitarismus bilden [2]. Hat man diese verstanden, hat man den Utilitarismus verstanden.

1. Prinzip der Konsequenz: Ob eine Handlung als gut oder schlecht gilt, entscheidet sich niemals intrinsisch, sondern immer anhand der Konsequenzen. Der klassische Utilitarismus Benthams ist demzufolge ein strikter Konsequentialismus – es zählen allein die Folgen einer Handlung.

2. Prinzip der Utilität: Der Nutzen (utility – eng. für Nutzen) einer Handlung ist Maßstab für die Beurteilung einer jeden Handlung. Als Spezifikation von Prinzip 1 besagt Prinzip 2, dass man als eine Konsequenz immer den Handlungsnutzen betrachten soll – es zählt, was die Handlung hervorbringt.

3. Hedonistisches Prinzip: Das allerhöchste Gut ist Lust, im Original pleasure genannt. Wird diese durch eine Handlung nähergebracht, dann hat die Handlung Nutzen und ist moralisch gut. Bentham nannte es eigentlich den pleasure-pain-Maßstab. Lust bedeutet hier also Freude oder Glück.

4. Prinzip der Universalität: Es steht nicht das Wohlergehen des Handelnden im Mittelpunkt, sondern jenes aller Betroffenen. Somit lässt sich die Maxime des klassischen Utilitarismus unkompliziert in der folgenden Sentenz zusammenfassen: Handle so, dass deine Handlung für alle Betroffenen dieser Handlung eine strikte Vermehrung beziehungsweise Maximierung von Lust bewirkt.

Was fordert der Utilitarismus von uns?

Besonders der letzte Punkt ist für den Utilitarismus enorm wichtig. Oftmals wird der Utilitarismus als Egoismus missverstanden, doch genau das ist er nicht! – dafür sorgt nämlich das Prinzip der Universalität. Der Utilitarismus entspricht damit ganz im Gegenteil einer enorm anspruchsvollen sowie extrem herausfordernden Ethik, weil sie höchst altruistische Menschen voraussetzt.

Es ist wichtig ein Verständnis dafür zu bekommen, was der Utilitarismus vom Menschen verlangt. Seine Ansprüche zielen darauf ab, alle Ressourcen einer Person so einzusetzen, dass sie den allerhöchsten Nutzen für alle erzeugen können. Bei jeder Handlung müsste man sich also fragen, ob diese den Nutzen maximiert.

Wir dürften somit nicht mehr ins Kino gehen, weil man das Geld spenden und die Zeit für wohltätige Arbeit nutzen könnte. Man müsste im Allgemeinen einen Großteil seines Geldes für Zwecke einsetzen, die für alle Menschen den größtmöglichen Nutzen erbringen. Es gibt unterm Strich daher auch keine Bevorzugung. Jeder ist gleich und keiner verdient etwas mehr als ein anderer, weil er zum Beispiel mit mir verwandt ist.

Zunächst fordert der Utilitarismus, dass man sich selbst komplett zurückstellt. Es darf keine Bevorzugung beim Einsatz der Ressourcen geben. Man muss natürlich auch seine Eltern, sich selbst, seinen Partner, Freunde und so weiter genauso behandeln wie Menschen, die man gar nicht kennt.

Ob ich eine Niere meiner Mutter spende oder einer fremden Person darf nicht daran entschieden werden, dass es sich bei einer dieser Personen um meine Mutter handelt. Der Utilitarismus ist in gewisser Hinsicht wirklich radikal im Vergleich zu unserem intuitiven Gefühl. Schauen wir uns aber noch ein paar weitere Punkte des Utilitarismus an.

Weitere Bedingungen des klassischen Utilitarismus

Ergänzend zu diesen vier Kernaspekten finden wir bei Bentham noch drei zusätzliche Prämissen auf denen sein Utilitarismus – vor allem seine praktische Umsetzung – gründet. An erster Stelle trifft Bentham überhaupt keine Unterscheidung zwischen quantitativer und qualitativer Lust, sondern lässt qualitative Differenzen außer Acht [2, Kap. 4].

Alle Formen der Lust, Freude oder des Glücks – wie man pleasure übersetzen mag –  sind nach Bentham bloß quantitativ aber nicht qualitativ zu unterscheiden. Dies scheint uns unglaublich unplausibel. Die Freude beim Musikhören ist doch deutlich von der Freude zu unterscheiden, die ich beim Essen habe. Benthams Nachfolger Stuart Mill verfeinerte dieses Bild der Lust daraufhin.

An zweiter Stelle setzt Bentham voraus, dass man Lust und Schmerz überhaupt quantifizieren und sogar in der Form einer Bilanz verrechnen kann (vgl. ebd.). Der Utilitarismus wäre als ethische, normative Theorie ziemlich nutzlos, wenn er nicht auch in irgendeiner Form sagen würde, wie man feststellen kann, was eine moralisch gute respektive schlechte Handlung ist.

Aus diesem Grund vertrat Bentham die Idee eines sogenannten hedonistischen Kalküls, eine Art Rechenverfahren mit dem man exemplarisch den Nutzen einer Handlung einschätzen könne. Dafür muss Lust und Leid quantifiziert und zwischen Menschen verrechnet werden können.

Zuletzt löst Bentham sowohl den Autonomie- als auch den Gerechtigkeitsbegriff zumindest auf implizite Weise auf, da er der hedonistischen Nützlichkeitsmoral keinerlei Schranken verpasst. Dies haben wir alles bereits ansatzweise gesehen als ich sagte, dass man keine Unterscheidung zwischen Familie und Nicht-Familie treffen dürfe. Besonders letztere Prämisse sollte umgehend als eine direkte Kritik an Benthams Utilitarismus gelten.

Kritik am klassischen Utilitarismus

Es gibt viele Einwände gegen den klassischen Utilitarismus. Eine Kritik, die am ehesten aufkommt lautet, dass man doch niemals wissen könne welche Konsequenzen eine Handlung erbringt. Oder anders gesagt: man kann niemals alle Faktoren einer Handlung beachten. Wie soll man dann den Nutzen bestimmen?

Dies ist strenggenommen keine Kritik. Was durch diesen Einwand angegriffen wird, ist ein generell epistemisches Problem. Ob wir vielleicht niemals wissen können, welche Konsequenzen all unsre Handlungen im Detail haben werden, ist kein Einwand gegen die Theorie des Utilitarismus, sondern allein gegen unsere Fähigkeit die Zukunft einzuschätzen.

Wir dürfen uns aber auch nicht zu blöd anstellen. Wir können nämlich recht gut einschätzen in welche Tendenz viele unserer Handlungen streben und somit können wir diesen naiven Einwand nun ganz einfach zurückweisen. Schauen wir uns einige Beispiele an, die größere Probleme des Utilitarismus aufdecken:

  • Person S steht in einem festen Arbeitsverhältnis und bezieht monatlichen Lohn von seinem Arbeitgeber für geleistete Arbeit. S‘ Chef entschließt nun S seinen Lohn gar nicht auszuzahlen, sondern diesen lieber an eine wohltätige Organisation zu spenden. Dies würde mehr Menschen mehr Lust bereiten und sei utilitaristisch gerechtfertigt.
  • Person S lebt in einer Sklavengesellschaft. S wird versklavt und ist gezwungen für das Wohl anderer zu arbeiten. Seine Unlust könnte durchaus in der Endbilanz vom positiven Gesamtnutzen und der daraus resultierenden Lust für andere Menschen überwogen werden, weshalb seine Versklavung utilitaristisch gerechtfertigt sei.
  • Eine Firma will einmalig Belohnungen für gute Leistungen der Mitarbeiter verteilen und vergibt allen 100 Mitarbeitern 50€. Nach dem hedonistischen Kalkül von Bentham sollte es keinen Unterschied machen – sofern man eine Belohnung mit einer Einheit Lust gleichsetzt –, wenn man nur 10 Mitarbeitern 500€ gibt, oder einem 5000€.

Welche Aspekte untergräbt der klassische Utilitarismus?

Keinem dieser Szenarien würden wir intuitiv positiv zustimmen. Der erste Fall untergräbt jedes Verhalten des Vertrauens, Verträge, Freundschaft und dergleichen, die man jederzeit beiseiteschieben müsste, weil man mit seiner Zeit oder im Allgemeinen mit allen anderen Ressourcen besser verfahren könnte bzw. aus moralischen Gründen so verfahren müsste.

Den zweiten Fall gibt es so noch in einer etwas krasseren Version: darf man einen Menschen für seine Organe ausschlachten, um sie Menschen einzupflanzen, die sie benötigen? Der Utilitarismus müsste das bejahen, da es mehr Menschen zu mehr Glück verhilft. Schließlich muss man ebenso die zukünftigen Potenziale das Leben zu erfahren miteinbeziehen. Freiheit und Würde scheinen zunächst verwischt zu werden.

Zuletzt weist das dritte Szenario auf eine wichtige Fehlstruktur hin. Der Utilitarismus besitzt im klassischen Sinne keine Gerechtigkeit. Da Lust und Freude quantisiert und verrechnet werden können, spielt es für die Gesamtbilanz keine Rolle, ob eine Person 10 x Lust bekommt und andere gar nichts, oder alle 10 Personen 1 x Lust.

Im zweiten Teil dieses Artikel wollen wir uns die Antworten des Utilitarismus auf diese Kritikpunkte anschauen.


Quellen und Verweise

[1] Celikates, Robin; Gosepath, Stefan (Hrsg.): Philosophie der Moral. Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main: 5. Aufl. 2017, S.224 | Literatur (DEU)

[2] Vergleiche dazu: Bentham, Jeremy : Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung. 1789, Kapitel 1 | Literatur (DEU)