Narabo-Hermann-Hesse-Über-Erziehung-Individualisierung-und-den-Kampf-der-Jugend-Philosophie

Die jungen Generationen unserer modernen Zeit finden sich immer stärker in einer gespaltenen Lage wieder.

Fakt ist, dass wir als Menschen nicht determiniert sind einem Wesenszug zu folgen, so wie etwa die Instinkte das Tier führen. Jedoch zeigt sich gerade durch den Verlust von Werten und Idealen als typisches Phänomen unserer Moderne, dass die Jugend so auch keinerlei Wegweiser mehr besitzt. Hermann Hesse hat all das bereits zu seiner Lebenszeit festgestellt und uns spannende Ansichten hinterlassen.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Das Grundproblem unserer Zeit: Orientierungslosigkeit
  2. Zwischen Freiheit und Verantwortung
  3. Konflikt zwischen Persönlichkeit und Außenwelt
  4. Die einzig wichtige Frage in der Erziehung
  5. Hesse über den Prozess der Individuation
  6. Die Reifung des Seelischen
  7. Warum es so schwer ist seinen Weg zu gehen
  8. Wir dürfen unsere Träume nicht loslassen!
  1. Worauf bezieht sich das zentrale Problem der Orientierungslosigkeit?
  2. Was genau kennzeichnet den Menschen in seiner Lebensform und -gestaltung?
  3. Wie lässt sich der Begriff Individuation definieren?
  4. Welcher Konflikt entsteht bei der Herausbildung einer authentischen Persönlichkeit?
  5. Was ist der Treibstoff jeder Individuation?

Das Grundproblem unserer Zeit: Orientierungslosigkeit

Der Mensch ist zur Freiheit der Wahl und so auch zur Verantwortung bestimmt. Im Kontrast zum Tier, liefert ihm die Dimension des Geistigen diese Attribute und macht ihn somit zum Großteil unabhängig von Instinkten. Allein durch Wertsetzung, also durch das selbstständige Einrichten von Regeln, Gesetzen und Vorschriften, schafft der Mensch sich einen Leitfaden der Lebensführung.

Blicken wir auch nur flüchtig zurück auf die Geschichte der Menschheit, so können wir dennoch wohl zu jedem Zeitpunkt ohne Probleme feste und eindeutige Grundsätze erkennen, die das Leben jedes Menschen bestimmt haben. Vor allem sind dies die sogenannten Traditionen sowie moralischen Gesetze jeweiliger Zeiten. Sie gaben insbesondere der Jugend vor, was zu tun und zu lassen geboten war.

Der Literaturnobelpreisträger und Weltschriftsteller Hermann Hesse (1877-1962) musste den Konflikt zwischen Werttradition und Selbstbestimmung auf besonders schwerwiegende Weise durchleben und hat darüber wie kein anderer geschrieben. In seinen Aufzeichnungen Lebensstufen hielt er unter anderem diese Beobachtung fest:

Jugend hat es schwer, sie ist voll von Kräften und stößt aller Enden an Regeln und Konventionen. Der Sohn hasst nichts so sehr als die Regeln und Konventionen, in denen er den Vater befangen sieht. Ein Faustschlag ins Gesicht der Pietät gehört zu den Taten, ohne welche man nicht von der Schürze der Mutter loskommt.

Und da nun auch die junge Generation eine ganze jahrzehntealte bürgerliche Welt hinabsinken fühlt, unter deren kleinlicher Rute sie aufwuchs, frohlockt sie mit Recht … Wer die Einseitigkeit und kühne Umstürzlerei … nicht ertragen kann, wer Jugend lieber weise, lieber gütig, lieber allverstehend sähe als fantastisch und puritanisch, der lehne sie ab. Es wird sein eigner Schade sein. [1, S.80f.]

Zwischen Freiheit und Verantwortung

Worauf Hesse im letzten Abschnitt anspielt, ist eben der Wertverfall seiner eigenen Lebenszeit. Die Auflösung der jahrzehntealten bürgerlichen Welt beschreibt die Lockerung von den strengen Vorschriften einer starren, leblos-militärischen, preußischen Lebenshaltung. Im Jahre 1946 fasst der Psychiater und Holocaust-Überlebende Viktor Frankl den Verfall alter Werte, völlig in Einklang mit Hesse, so prägnant wie überhaupt möglich zusammen:

Dem Menschen sagt nicht, wie den Tieren, ein Instinkt, was er tun muß, und heute sagen ihm auch keine Traditionen mehr, was er tun soll; bald wird er nicht mehr wissen, was er eigentlich will, und nur um so eher bereit sein, zu tun, was andere von ihm wollen, mit anderen Worten, er wird anfällig werden gegenüber autoritären und totalitären Führern und Verführern. [2, S.37]

Konflikt zwischen Persönlichkeit und Außenwelt

Die unmittelbare Konsequenz einer Wert- und Traditionsauflösung ist das Plus an Freiheit. Es gibt keine starren Gebote mehr, die es um der Gebote willen zu befolgen gibt. Die Jugend profitiert davon unsäglich – so könnte man meinen. Doch ist dieser Gewinn an Freiheit mehr eine Gefahr, die Hesse sehr schön im Sinne der Entwicklung zur Persönlichkeit herausstellt:

Die Jugend hat es sehr schwer, nicht nur von außen her, sondern das Problem der Freiheit, und damit das der Persönlichkeit, ist für sie fast unlösbar geworden, und zwar gerade durch ein scheinbares Mehr an Freiheit, das die heutigen jungen Menschen haben.

Es galten für uns in den Jahren unsrer eigenen Jugend, obwohl auch wir schon in vielem kritisch und revolutionär waren, noch eine Menge von geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen, die wir, einerlei ob gern oder ungern, hinnahmen und einhielten, während heute beinahe jeder kleine Rest einer bindenden Allgemein-Moral vollends verschwunden ist.

Aber die Freiheit von Konventionen ist nicht gleichbedeutend mit der inneren Freiheit, und für edlere Menschen ist das Leben in einer Welt ohne fest formulierten Glauben nicht leichter, sondern sehr viel schwerer, weil sie sich alle Bindungen, unter die sie ihr Leben stellen sollen, eigentlich erst selbst schaffen und wählen müssen. [1, S.90]

Hiermit spricht Hesse einen äußerst wichtigen Aspekt der Individualisierung und Persönlichkeitsentwicklung an: das Konzept der Freiheit. Hesse rückt dieses ins richtige Licht, indem er sagt, Freiheit sei nicht das Frei-Sein von Konventionen, sondern einzig eine innere Freiheit, das heißt jene zur freien Bezugnahme auf die Dinge.

Allein aus diesem Grund ist der Verfall von Werten und Tradition eher ein Fluch für den Heranwachsenden als ein Segen, weil weitaus mehr Verantwortung sowie Fähigkeit zu selbstständigen Wertsetzung vom jungen Menschen verlangt werden, als dieser meist in der Lage ist zu leisten. Es droht der Verlust des Selbst. Über diesen zentralen Konflikt kommen wir zur einzig wichtigen Frage der Erziehung.

Die einzig wichtige Frage in der Erziehung

Im Grunde lautet die brennende Frage ja so: Sollen wir der Jugend möglichst viel Tradition, Halt und Norm mitgeben, oder sollen wir sie möglichst frei lassen, möglichst zu Elastizität und Anpassungsfähigkeit erziehen.

Da die Welt, in die diese Jugend hineinwächst, keine moralische und seelische Ordnung mehr hat, helfen wir im ersten Fall der Jugend zwar, anständig zu bleiben und im Notfall anständig unterzugehen, berauben sie aber der Möglichkeit, in dieser amoralischen, rein dynamischen Welt mitzutun und Erfolg zu haben. [1, S.81]

Aus heutiger Sicht scheint die Lösung recht eindeutig: die meisten Eltern ziehen die Erziehung zu Freiheit vor, und zwar in der Form, dass sie selbst keine Versuche tätigen wollen, ihrem Kind verbindliche Werte aufzuerlegen. Das erscheint zunächst sehr nobel, ist aber ein sehr gefährlicher Erziehungsweg.

Der Jugend zu früh jene Aufgabe zu übertragen, eigenständig ihren Weg zu finden, ist durchseucht mit Problemen der Überforderung. Welches Kind ist denn so verantwortlich und selbstständig, dass es gerade kraft dieser Schein-Freiheit – also das Frei-Sein von Konventionen – nicht einfach anderen überaus negativen Einflüssen unterliegt, wie zum Beispiel dem Gruppenzwang?

Theoretisch also wäre die Erziehung zu Norm und Orthodoxie das einzig Erlaubte. Wieweit wir die Bindungen trotzdem lockern wollen, muß allein unsere Liebe entscheiden. Wir dürfen es nur vorsichtig tun, und auch im besten Fall könnten wir nicht verhüten, daß die Jugend allzu früh vor moralische Entscheidungen gestellt und der Kindheit beraubt wird. [ebd.]

Hesse über den Prozess der Individuation

Worauf läuft es in diesem Kampf der Jugend, den ich eben geschildert habe, eigentlich hinaus? Halten wir einmal die Entwicklung des jungen Menschen fest und betrachten diese aus einem größeren Zusammenhang, nämlich im Gesamtkontext des Lebens, dann erkennen wir schnell, dass es sich dabei um die Entwicklung einer authentischen Persönlichkeit dreht.

Die Not der Jugend … hört mit der Jugend nicht auf, geht sie aber doch am meisten an. Es ist der Kampf um die Individualisierung, um das Entstehen einer Persönlichkeit. Nicht jedem Menschen ist es gegeben, eine Persönlichkeit zu werden, die meisten bleiben Exemplare und kennen die Nöte der Individualisierung gar nicht.

Wer sie aber kennt und erlebt, der erfährt auch unfehlbar, daß diese Kämpfe ihm mit dem Durchschnitt, dem normalen Leben, dem Hergebrachten und Bürgerlichen in Konflikt bringen. [1, S.91f.]

Aus den zwei entgegengesetzten Kräften, dem Drang nach einem persönlichen Leben und der Forderung der Umwelt nach Anpassung, entsteht die Persönlichkeit. Keine entsteht ohne revolutionäre Erlebnisse, aber der Grad ist natürlich bei allen Menschen verschieden, wie auch die Fähigkeit, ein wirklich persönliches und einmaliges Leben (also kein Durchschnittsleben) zu führen … [1, S.91f.]

Die Reifung des Seelischen

Ebenso wie der Körper während der Pubertät eine Entwicklung zur Reife vollzieht, markiert der Beginn einer jeden Individuation die Reifung der Psyche des Menschen. Mit sehr treffenden Worten hat der Psychiater Carl Jung den Prozess der Individuation definiert: Was ist Individuation?

Individuation bedeutet: Zum Einzelwesen werden, und insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte, unvergleichliche Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden.

Wir dürfen jedoch nicht der Illusion verfallen, dass Individuation gleichbedeutend sei mit Individualismus, so hält Jung ausdrücklich fest: Individuation bedeutet jedoch keineswegs Individualismus im engen, egozentrischen Sinn dieses Wortes, denn die Individuation macht den Menschen nur zu dem Einzelwesen, das er ohnehin ist. [3, S.108]

Nicht umsonst gibt es den berühmten Satz Pindars: „Werde, der du bist!“ – genau darauf zielt die Individuation, also die ganzheitliche Entwicklung zu unserem individuellen Selbst, ab. Hesse spricht hier davon, seine Verrücktheiten mit der Welt zu versöhnen. Demnach darf man seine Träume sowie den eigenen Wert nicht im Prozess des Kampfs der Jugend verlieren:

Der werdende junge Mensch, wenn er den Drang zu starker Individualisierung hat, wenn er vom Durchschnitts- und Allerwelts-Typ stark abweicht, kommt notwendig in Lagen, die den Anschein des Verrückten haben … Es gilt nun nicht, seine ‚Verrücktheiten‘ der Welt aufzuzwingen und die Welt zu revolutionieren, sondern es gilt, sich für die Ideale und Träume der eigenen Seele gegen die Welt so viel zu wehren, daß sie nicht verdorren. [1, S.91f.]

Warum es so schwer ist seinen Weg zu gehen

Einen Grund haben wir bereits gleich zu Beginn des Artikels herausgestellt. Es war jener der gefährlichen Freiheit – das bloße Frei-Sein von Konventionen -, die zur Orientierungslosigkeit führen kann und für die meisten Menschen auch zunächst darin endet. Sie haben keine äußeren Werte aufoktroyiert bekommen, sich aber auch keine eigenen Werte geschaffen, die ihre Entwicklung leiten.

Der zweite Grund ist bereits immer im Konflikt der Individuation enthalten, nämlich in der Auseinandersetzung mit der Außenwelt und all ihren Umständen. Unsere innersten Sehnsüchte, Träume und Ziele werden von der Realität mit Füßen getreten – genau dem müssen wir aber trotzen, so Hesse:

Die dunkle Innenwelt, wo diese Träume zu Hause sind, ist beständig bedroht, sie wird von den Kameraden verspottet, von den Erziehern gemieden, sie ist kein fester Zustand, sondern ein beständiges Werden.

Unsre Zeit macht es da den Feineren in der Jugend besonders schwer. Es besteht überall das Streben, die Menschen gleichförmig zu machen und ihr Persönliches möglichst zu beschneiden. Dagegen wehrt sich unsre Seele, mit Recht. [1, 90f.]

Wir dürfen unsere Träume nicht loslassen!

Doch was hält letztlich die Individuation zusammen? Was ist der Antrieb, der Urstoff, der den jungen Menschen entflammt und auf seinen eigenen Weg zu schicken vermag? Darauf zu antworten ist ziemlich einfach: es ist der Traum, der uns antreibt! Die Ausrichtung am Traum setzt uns in Bewegung. In diesem Sinne fasst Hesse nun den Prozess der Individualisierung und Entwicklung der Jugend wie folgt zusammen:

Es ist immer schwer, geboren zu werden … der Vogel hat Mühe, aus dem Ei zu kommen … man muß seinen Traum finden, dann wird der Weg leicht.

Aber es gibt keinen immerwährenden Traum, jeden löst ein neuer ab, und keinen darf man festhalten wollen. [1, S.90f.]


Quellen und Verweise

[1] Hesse, Hermann: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Lebensstufen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1986 | Literatur (DEU)

[2] Frankl, Viktor: Ärztliche Seelsorge. Wien: dtv, 2007 | Literatur (DEU)

[3] Jacobi, Jolande: Die Psychologie von C.G. Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk. Frankfurt am Main: Psychologie Fischer, 1976 | Literatur (DEU)

Empfehlungen

Blog: Das Dreigespann von Verantwortung, Freiheit und Schuld | Artikel (DEU)

Buch: Hesse, Hermann: Narziß und Goldmund. Erzählung. Berlin: S. Fischer, 1930 | Literatur (DEU)

Buch: Hesse, Hermann: Unterm Rad. Erzählung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1972 | Literatur (DEU)