Narabo - Einführung in den Hinduismus - Philosophie - Religion

Wir kennen den Hinduismus als die drittgrößte Religion der Erde.

Doch bereits mit diesem Tatsachenwissen irren wir uns in gewisser Hinsicht. Der Durchschnitts-Europäer hat kaum eine Ahnung davon, was er gemeinhin als Hinduismus kennengelernt hat. So ist ihm auch nicht bewusst, dass es sich dabei eigentlich nicht um eine Religion handelt. Ferner versäumt er den Umstand, dass sowohl das Selbst- wie auch das Fremdverständnis des Hinduismus maßgeblich durch den Einfluss europäischer Kultur pervertiert wurde.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Hinduismus als europäische Erfindung
  2. Zum Begriff der Religion
  3. Indische Kultur und Gesellschaft
  4. Zu Stumpfsinn verkommener Glaube
  5. Der Ursprung des Hinduismus
  6. Woher kommt das Wort Hindu?
  7. Historischer Beginn und Einordnung
  1. Was zeigen die Begriffe Religion und Hinduismus?
  2. In welchem Verhältnis stehen die traditionelle indische Kultur und der religiöse Glaube?
  3. Was heißt das Wort Hindu und woher kommt es?
  4. Wo findet der Hinduismus seinen Anfang?
  5. Warum kann man nicht von Hinduismus als Religion sprechen?

Hinduismus als europäische Erfindung

Von allen Systemen, die wir als Religionen bezeichnen, besitzt der Hinduismus eine unvergleichliche Vielfalt, die gar so erstaunlich ist, dass sich keine Bräuche, Rituale, Glaubensinhalte oder Ähnliches finden lassen, denen alle Hindus anhängen. In Indien, wo der Hinduismus seinen Ursprung lokalisiert, können von Dorf zu Dorf religiöser Glaube und Rituale extrem differieren, ohne dabei Konflikte zu verursachen [1, S.10].

Der Hinduismus ist keine Religion aus der Tube: Es gibt keine historische Persönlichkeit, die sie ins Leben gerufen hat, selbst keine alleinige Schrift, die für alle und jeden verbindlich ist, sowie keine einheitliche Gottesvorstellung. Aus diesem Grund wurde früh in der indologischen Forschung [2] interpretiert, dass der Begriff Hinduismus eine Gruppe zwar miteinander verwandter, aber durchaus verschiedener Religionen zu einer Einheit zusammenfasse.

Der Indologe Peter Schreiner [3] betont, dass die Bezeichnung Hinduismus gar nicht von den Indern selbst kam, sondern eine europäische Erfindung sei, die man allein an der Wortbildung mit der Endung ›-ismus‹ erkennen könne. Im traditionellen Indien gab es keinerlei Unterscheidung zwischen Hindu und Inder! Wir werden gleich noch sehen, dass erst die von Europäern eingeleitete Ausdifferenzierung der religiösen Begrifflichkeit eine als hinduistisch bezeichnete Lehre hervorbrachte.

Der Hinduismus als etwas Einheitliches ist zunächst eine europäische Erfindung, denn es gab keine einheitliche Religion, sondern (nur) die unterschiedlichsten und verschiedenartigsten Formen der indischen Religiosität und Heilswege, die sich im Laufe der Zeit auf dem indischen Subkontinent entwickelt haben [1, S.12].

Der Hinduismus als einheitliche Religion ist nichts als ein europäisches Missverständnis. En bloc gibt es ihn nicht.

Zum Begriff der Religion

Wir würden meinen, dass der Ausdruck Religion in allen Kulturkreisen vorkommt und entsprechend uralt ist – doch dem ist nicht so. Das Wort Religion hat seine Wurzeln im Lateinischen und traf so erst in der Neuzeit – in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts – in die deutsche wie in andere europäische Sprachen ein [4].

In diesem Sinne meint Religion zunächst Christentum – der Begriff steht in einem strengen europäischen Kontext und bezeichnet einen gesellschaftlichen Sachverhalt, den man von anderen Bereichen wie Politik, Wirtschaft oder Bildung unterscheiden kann.

Wenn wir also von Religion als System sprechen, dann müssen wir beachten, dass diese Differenzierung zwischen Religion auf der einen und Gesellschaft auf der anderen Seite nur typisch für die europäische Denkungsart ist und daher anderswo nicht zutreffen muss. Wichtig für ein erstes Verständnis des Hinduismus ist Folgendes:

Der Begriff Religion existierte in Indien nicht, und der Hinduismus war nur durch die europäische Brille als Konstrukt zu sehen. Erst als eine gebildete Oberschicht, die sich nur an Europa orientierte, dieses Missverständnis übernehmend sich selbst als Hindus bezeichnete und anfing, zwischen Religion und Gesellschaft zu unterscheiden, begann sich damit der Hinduismus in Indien als Religion auszudifferenzieren. [1, S.28]

Aus diesem Grund erklärt der Professor für Indologie Heinrich von Stietencron die Tatsache:

Heute weiß man, auch ohne dies zugeben zu wollen, dass der Hinduismus nichts ist als eine von der europäischen Wissenschaft gezüchtete Orchidee. Sie ist viel zu schön, um sie auszureißen, aber sie bleibt eine Retortenpflanze: In der Natur gibt es sie nicht [5].

Indische Kultur und Gesellschaft

In der traditionellen indischen Gesellschaft konnte man Religion von dieser nicht trennen, ja man konnte etwas Religiöses noch nicht einmal identifizieren. Andreas Becke schildert dies sehr treffend anhand einer typischen Szenerie: In den Ghats von Benares befinden sich Badende, Menschen die Mantras murmeln, während am Ufer einige Yoga praktizieren und nicht weit davon entfernt werden Leichen verbrannt. Was ist nun religiös und was kann man als ganz  normale nicht-religiöse Praktik auffassen?

Varanasi Munshi am Ganges - Ghat - Foto: Marcin Białek (CO)

Varanasi Munshi am Ganges – Ghat – Foto: Marcin Białek (CO)

Ihre ursprüngliche Sicherheit hatte die Religion in der Gesellschaft selbst.

Nicht, dass jemals alles Handeln als religiös qualifiziert worden wäre. Weder die gesellschaftliche Kommunikation noch die sie umgebende Natur waren je voll und ganz klar sakralisiert worden. Jedenfalls in ihren Grundlagen waren Religion und Gesellschaft nicht voneinander zu unterscheiden [6].

Den Keil zwischen Religion und Gesellschaft, d.h. zwischen Glauben und Leben hat erst die europäische Philosophie im Zuge der Aufklärung geschlagen. Damit werden wir den vielen hinduistischen Lebensformen nicht gerecht, denn darum geht es ja im Kern: es ist eine Lebensform, keine Lehre!

Zu Stumpfsinn verkommener Glaube

Wenn wir zwischen Glauben und Leben differenzieren, so müssen wir dabei den Glauben zu einem leeren Gefäß verkommen lassen, das nur noch auf konfessioneller Engstirnigkeit und gehaltloser Formelpredigt basiert – das Leben, der Geist, die ganze Energie wurde aus dem Glauben verdrängt!

So verhält es sich mit dem christlichen Glauben, oder eigentlich mit jeder Glaubensrichtung im Lichte der Neuzeit. Im hinduistischen Indien galt dagegen seit jeher, dass dieses, was wir geläufig Religion nennen, nicht auf Dogmen, Glaubenssätzen und matte Rechtgläubigkeit beruhen darf (Orthodoxie), sondern allein auf das rechte Verhalten (Orthopraxie) [3].

Im Zuge der von Europa ausgehenden Modernisierung und Technisierung wandelt sich derzeit auch die indische Gesellschaft mehr und mehr. In den Großstädten kann man mittlerweile – ähnlich der europäischen Gesinnung – sehr wohl zwischen Glauben und Leben unterscheiden. Auch die Differenz zwischen Hindu und Inder ist längst etabliert. Für den modernen Neohinduismus gilt demzufolge:

Der nun ausdifferenzierte Hinduismus als Religionssystem ist ein leeres Gefäß, das mit durchaus unterschiedlichen oder sich gegenseitig widersprechenden Inhalten aus der indischen Kulturtradition von den sogenannten neohinduistischen Vertretern gefüllt wird. [Vgl.: 1, S.29]

Der Ursprung des Hinduismus

Da wir nun einige kritische Aspekte zur Vorgeschichte behandelt haben und damit einem ersten Verständnis des Hinduismus entgegengetreten sind, können wir uns jetzt den tatsächlichen Merkmalen dieser „Religion“ nähern.

Innerhalb der ersten Abschnitte dieses Artikels habe ich bereits erwähnt, dass die ganze hinduistische Tradition ihr Wesen gerade aus der Vielheit ihrer Einzelteile und nicht aus einer kohärenten Einheit gewinnt.

Aus diesem Grund ist es keineswegs leicht, verbindliche Merkmale des hinduistischen Glaubens anzugeben (im Sinne einer Lehre), die für alle geltend sind. Diese Tatsache allein bildet jedoch schon das erste Merkmal, das wir uns gut einprägen sollten. Der Hinduismus ist eine Einheit in der Vielfalt, die voller Widersprüchlichkeiten ist.

In Indien stört diese Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit keinen, ja sie fällt noch nicht einmal auf!

Vielmehr sind es doch wieder die Europäer, die beim Hinduismus nach der Einheitlichkeit der Lehre fragen und Wert auf Widerspruchsfreiheit in der Theorie legen, während sie dabei übersehen, dass im Hinduismus diese Unterschiedlichkeit in der Praxis gelebt wird.

Im christlich geprägten Abendland wird von einer Religion eine in sich schlüssige Dogmatik erwartet. Dass Theologen sich alsbald seit zwei Jahrtausenden darum bemühen, diese für das Christentum zu entwickeln, wird dabei allzuleicht übersehen [1, S.29].

Woher kommt das Wort Hindu?

Jeweils beide Ausdrücke, Hindu und Inder, stammen aus dem Persischen, wo sie beide im Singular den Fluss Indus und im Plural die am Indus lebenden Menschen bezeichnen. Als folgend im 8. Jahrhundert nach Christus die ersten arabischen Muslime im Industal einfielen, verwendeten sie das Wort Hindu im Sinne von Nicht-Muslim, wodurch das Wort zum ersten Mal eine religiöse Bedeutung bekam [1, S.11f.].

Die Kolonialzeit brachte dann europäische Kaufleute ab dem 16. Jahrhundert nach Indien, die den Begriff der Muslime übernahmen und dabei zu der Ansicht gelangten, es handele sich um Angehörige einer Religionsform. Kurze Zeit später erfanden sie das Wort Hinduismus in Anlehnung an die in Europa gängige Bezeichnung von Lehrsystemen, Denkgebäuden oder Lebenshaltungen (siehe -ismus).

In der heutigen Religionswissenschaft wird der Hinduismus einfach als das definiert, was er nicht ist: also nicht Buddhismus, nicht Islam, nicht Christentum, nicht Sikhismus, nicht Jainismus und so weiter. Es gibt zwar noch andere Kriterien für das Hindu-Sein, wie zum Beispiel das von Gandhi vertretene „als Hindu geboren sein“, diese verlieren jedoch im Allgemeinen immer mehr an Bedeutung (außer bei Fundamentalisten).

Historischer Beginn und Einordnung

Nicht umsonst nennt man den Hinduismus die älteste Religion der Welt – sein Ursprung liegt im Ungewissen. Lange Zeit hatte man die Geschichte Indiens mit der Einwanderung von nomadisierenden Rinderhirten begonnen, die sich selbst als Arya („die Edlen“) bezeichneten [1, S.31].

Diese indogermanische Volksgruppe der Arya wanderte nach gängiger Meinung circa ab der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung zuerst ins iranische Hochland und dann in die Gangesebene,wo sie sesshaft wurde.

Jedoch gilt diese weit verbreitete Theorie mittlerweile als widerlegt. Der Anfang der indischen Kultur und damit auch des Hinduismus findet sich in einer der ältesten Hochkulturen der Menschheit, die wahrscheinlich bis ins 3. oder 4. Jahrtausend vor Christus zurückreicht.

Diese Tatsache zeigte sich bei archäologischen Grabungen im Industal, bei der die riesigen Städte Mohenjo Daro und Harappa entdeckt wurden. Beide Fundorte befinden sich im heutigen Pakistan und sind ganze 640 Kilometer voneinander entfernt, weisen aber solche Ähnlichkeiten auf, dass Historiker mit Sicherheit von einer einheitlichen Kultur sprechen.

Mohenjo-Daro Siegel - ca. 2600-1900 v. Chr. - Yogi Pashupati: Herr der Tiere

Mohenjo-Daro Siegel – ca. 2600-1900 v. Chr. – Yogi Pashupati: Herr der Tiere

Diese bestimmende Entdeckung veranschaulicht, dass die zuvor angenommene Entstehung der hinduistischen Grundlagen durch die Einwanderung der Arier und Verdrängung der Draviden (südindische Bevölkerung) ihren Anfangspunkt nicht allein in jener These zu finden hat. Zwar spielen die arischen Stämme durch ihr Zeugnis der Veden eine extrem wichtige Rolle im Hinduismus, doch es gab vor ihnen eine nicht zu unterschlagene kulturelle Grundlage, die ganz klar Einflüsse auf sie genommen hat.

Mehr zum Hinduismus? Lese den zweiten Teil des Artikels: Hinduismus zur Einführung – Praktik und Leitwörter


Quellen und Verweise

[1] Andreas Becke: Hinduismus zur Einführung, Junius, 1996| Literatur (DEU)

[2] Vgl.: Heinrich von Stietencron: Hinduismus, in: Theologische Realenzyklopädie, Band 15, S.346 | Literatur (DEU)

[3] Peter Schreiner: Begegnung mit dem Hinduismus: Eine Einführung | Literatur (DEU)

[4] Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, erarb. von einem Autorenkollektiv des Zentralinstituts für Sprachwissenschaft unter Leitung von Wolfgang Pfeifer, 1989, S.1409 | Literatur (DEU)

[5] Heinrich von Stietencron: Hinduistische Perspektiven, in: Hans Küng/Josef van Ess/ Heinrich von Stietencron/Heinz Bechert, Christentum und Weltreligionen: Hinführung zum Dialog mit Islam, Hinduismus und Buddhismus, München, 1984, S.213f. | Literatur (DEU)

[6] Niklas Luhmann: Die Ausdifferenzierung der Religion, in: Gesellschaftsstruktur und Semantik: Studien der Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, 1989, S.259 | Literatur (DEU)

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