Narabo - Hinduismus zur Einführung - Teil 2 - Religion - Philosophie

Wir kennen den Hinduismus als die drittgrößte Religion der Erde.

Doch bereits mit diesem Tatsachenwissen irren wir uns in gewisser Hinsicht. Der Durchschnitts-Europäer hat kaum eine Ahnung davon, was er gemeinhin als Hinduismus kennengelernt hat. So ist ihm auch nicht bewusst, dass es sich dabei eigentlich nicht um eine Religion handelt. Ferner versäumt er den Umstand, dass sowohl das Selbst- wie auch das Fremdverständnis des Hinduismus maßgeblich durch den Einfluss europäischer Kultur pervertiert wurde.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Erstes Zeugnis der Indoarier – Die Veden
  2. Was steht in den Veden?
  3. Schriften des Hinduismus
  4. Vedanta und Upanishaden
  5. Brahman und Atman
  6. Ich bin Gott, ich bin Alles
  7. Karma, Samsara, Moksha
  8. Das indische Kastensystem
  1. Was ist die schriftliche Basis des Hinduismus?
  2. Welche anderen Schriften gibt es und welche Bedeutung haben diese?
  3. Was versteht man unter Atman und Brahman?
  4. Welche Bedeutung haben die Begriffe Samsara, Moksha und Karma?
  5. Zu welcher leitenden Erkenntnis kommt die Vedanta-Philosophie und was folgt daraus?

Erstes Zeugnis der Indoarier – Die Veden

Im ersten Teil zur Einführung in den Hinduismus haben wir uns etliche Grundlagen zu den Begriffen Hinduismus, Religion und Differenzierung näher betrachtet, sowie einige Missverständnisse und zuletzt historische Basisdaten beleuchtet. In diesem zweiten Teil geht es nun darum, einen direkten Einblick in die Praktik, die Schriften und die Philosophie des Hinduismus zu bekommen.

Die gegen Ende des ersten Artikels erwähnte Tatsache, dass die indische und somit hinduistische Kultur nicht mit dem Einzug der Arier begonnen hat, sondern schon zuvor Hochkulturen vorhanden waren, ist tatsächlich nur zur Hälfte korrekt. Die Indoarier bilden nämlich durch ihr erstes und wichtigstes religiöses Zeugnis der Veda (heiliges Wissen) den Grundstein der spirituellen Weisheiten des Hinduismus. Andreas Becke schreibt dazu:

Der Veda bildet die ewige, unendliche, anfangslose Wahrheit. Es ist das Wissen über die menschlichen Mächte und ihre magische Beeinflussung. [1, S.34]

Unter den Veden versteht man eine Art Hymnensammlung, also eine zunächst mündlich überlieferte und später schriftlich fixierte Serie religiöser Texte, die unter anderem auch die Siedlungsgeschichte der Arier beschreiben. Die ersten Teile der Veden stammen aus der Zeit, als die Arier noch am Ober-Indus lebten, während die späteren aus der Zeit stammen, in der sie bereits bis in die Gangesebene vorgedrungen waren [1, S.33].

Es ist wohl anzunehmen, dass die Veden ein Wissen darstellen, das die Arier zum Teil schon vor ihrem Einzug in den indischen Subkontinent besaßen. Historisch gesichert ist nur der Stand, dass zwischen 1200 und 1000 vor Christus die Veden bereits in einer Tradition der Überlieferung standen, zumal in ihnen über die zu dieser Zeit stattfindende Sesshaftwerdung in Punjab berichtet wird.

Rig-Veda in Sanskrit, Handschrift aus dem 19. Jahrhundert (CO)

Rig-Veda in Sanskrit, Handschrift aus dem 19. Jahrhundert (CO)

Über allerlei historische Rahmenhandlungen hinaus enthalten die Veden außerdem mehrere Schöpfungsmythen, verschiedene Vorstellungen über zahlreiche Götter sowie teils widersprüchliche Anschauungen über den Kosmos. Diese älteste Schrift der Hindus wird im Allgemeinen in vier Teile zergliedert, die man Samhita nennt:

  1. Rig-Veda – Veda der Verse, die wichtigste Sammlung
  2. Sama-Veda – Veda der Gesänge
  3. Yajur-Veda – Veda der Opferformeln
  4. Atharva-Veda – Veda der Magie

Was steht in den Veden?

Da es sich bei den Veden zunächst um ausschließlich mündlich überlieferte Gesänge handelte, war eine fehlerlose Rezitation schon immer enorm wichtig. Bis zum heutigen Tag sind viele Priester (Brahmanen) skeptisch gegenüber dem Buchdruck vedischer Überlieferungen, weil damit die traditionelle und lebendige Überlieferung untergraben wird. Ihr  Misstrauen konnte die schriftliche Weitergabe natürlich nicht verhindern [2].

Als Ausgangspunkt der Veden betrachtet man die älteste Sammlung der Rig-Veda, welche seit dem 9. Jahrhundert v. Chr. zusammengestellt ist. Sie besteht aus 10 Büchern und beinhaltet 1028 Hymnen (Ric). Das erste und zehnte Buch sind von besonderem Interesse, da sie bereits philosophische Spekulationen und soziale Lehren enthalten [1, S.34].

So findet zum Beispiel die Kastenordnung dort ihre erste Nennung. Außerdem findet man im zehnten Buch eine berühmte metaphysische Interpretation der Entstehung des Alls, welche der Indologe Paul Thieme auf folgende Weise zusammengefasst hat: Das Denken ist etwas Seiendes, das aus dem Nichtseienden hervorbricht [3].

1  Nicht existierte Nichtseiendes, noch auch existierte Seiendes damalig – nicht existierte der Raum, noch auch der Himmel jenseits davon. Was umschloss? Wo? Im Schutz wovor? Existierte das Wasser? Nein, nur ein tiefer Abgrund!

2  Nichts existierte der Tod, also auch nicht das Leben. Nicht existierte das Kennzeichen der Nacht (Mond u. Sterne), des Tages (die Sonne) – Es atmete (begann zu atmen) windlos, durch eigene Kraft da ein Einziges. Nicht irgendetwas anderes hat jenseits von diesem existiert.

3  Finsternis war verborgen durch Finsternis im Anfang. Kennzeichenlose Salzflut war dieses All. Der Keim, der von Leere bedeckt war, wurde geboren (kam zum Leben) als Einziges durch die Macht einer (Brut)-Hitze.

4  Ein Begehren (nach der Entstehung) bildete sich da im Anfang, das als Same des Denkens als erstes existierte. So die Nabelschnur (den Ursprung) des Seienden im Nichtseienden fanden die Dichter nun heraus, in ihrem Herzen forschend, durch Nachdenken. [4]

Die vedischen Schriften sind zwar der zentrale Hauptblock des Hinduismus, doch gleichzeitig erwähnen sie viele der philosophischen Hauptelemente des Hinduismus – so wie er dann tatsächlich gelebt wird – überhaupt nicht. Dazu zählen die Begriffe der Wiedergeburt und Erlösung genauso wie die Askese und Weltflucht – sie alle werden in den Veden nicht erwähnt, weil sie erst in der spätvedischen Zeit (800-200 v. Chr.) herausgebildet werden.

Schriften des Hinduismus

Die Veden gelten im Kern des Hinduismus als unantastbare Wahrheiten, ja sogar als Offenbarung des Göttlichen. Überdies umfasst das Umfeld der vedischen Literatur eine große Zahl anderer Schriften, wie etwa die Brahmanas (Interpretationen der Veden), die Aranyakas (esoterische Waldbücher) und die sehr wichtigen Upanishaden (eine Art Geheimlehre) [1, S.33].

Abseits dieses übermenschlichen Offenbarungswissens, das von den Sehern (Rishis) „geschaut“ wurde, gibt es im Hinduismus auch eine ganze Reihe von Schriften, die von menschlichen Verfassern stammen. Zu diesen zählt man zum Beispiel die Sutras (Leitfäden), die Puranas (Göttermythen) und die umfangreichen Volksepen wie Ramayana und Mahabharata zusammen mit der berühmten Bhagavadgita. Mahatma Gandhi kommentierte diese wie folgt:

In der Bhagavadgita finde ich einen Trost, den ich selbst in der Bergpredigt vermisse. Wenn mir manchmal die Enttäuschung ins Antlitz starrt, wenn ich verlassen, keinen Lichtstrahl erblicke, so greife ich zur Bhagavadgita.

Dann finde ich hier und dort eine Strophe und beginne zu lächeln, inmitten aller Tragödien, und mein Leben ist voll von Tragödien gewesen. Wenn sie alle keine sichtbaren Wunden auf mir hinterlassen haben, verdanke ich dies den Lehren der Gita. [5]

Vedanta und Upanishaden

Narabo - Hinduismus - Srimad Guru Adi Shankaracharya - Kommentator zu den Upanishaden - Hinduismus

Guru Shankaracharya – Kommentator der Upanishaden (CO)

Den deutlichsten Ausdruck hinduistischen Gedankensguts findet man in der Schriftensammlung, die als Upanishaden bezeichnet wird. Dieser Ausdruck setzt sich zusammen aus upa (nahe), ni (nieder) sowie shad (sitzen) und beschreibt die Verbreitung und Lehrmethode, die diesem philosophischen Kernstück des Hinduismus unterliegt. [1, S.38]

Die Upanishaden wurden traditionsgemäß immer sitzend zu den Füßen der Gurus, also der sog. Lehrmeister, gehört und zählen zum Vedanta. Dieses bezeichnet die Vollendung des Veda durch dessen Interpretation.

Durch die Upanishaden kam ein durchschlagender geistiger Umbruch in Indien auf, der zwischen 750 und 550 v. Chr. die gesamte Religiösität und Philosophie geprägt hat. Die Texte der Upanishaden erwähnen nun erstmals den Gedanken der Seelenwanderung, die Wiedergeburtslehre und die Karma-Theorie – alles essentielle Ansichten, die man aus der Lehre des Hinduismus nicht wegdenken kann.

Während der Upanishadenzeit wurde es zudem für den Einzelnen üblicher das gesellschaftliche Leben aufzugeben und in den Wald zu ziehen (metaphorisch als auch praktisch). Auf diese Weise kann man sich ungestört der Askese und Meditation hingeben, was schon lange Zeit in Indien als vorbildlich gilt.

Brahman und Atman

Die Philosophie und Lebenseinstellung im Hinduismus sind durch diese beiden Begriffe in jeder Hinsicht bestimmt. Brahman ist das schöpferische Weltprinzip, der Weltgeist, aus dem alles hervorgegangen ist, gar der Urgrund alles Seienden [1, S.39]. Brahman war die Welt am Anfang, ist Schöpfer des Kosmos und zugleich der Kosmos selbst. Es schuf aus sich selbst heraus die Götter und stellte sie über die Welt [6].

Atman ist dagegen das ewige, innere Selbst oder die individuelle Seele, also diejenige Substanz, die meine Identität ausmacht. Hiermit entpuppt sich übrigens ein gravierender Unterschied zwischen Hinduismus und Buddhismus, da Letzterer das individuelle, ewige Selbst leugnet. Dieser Atman wird in den Upanishaden so beschrieben:

Dieser mein Atman im Innern des Herzens ist feiner als ein Reis- oder Gersten- oder Senf- oder Hirsekorn oder das Korn eines Hirsekorns. Dieser mein Atman im Innern des Herzens ist größer als die Erde, größer als der Luft-Raum, größer als der Himmel, größer als die Welten. Er ist allwirkend, allwünschend, voll jeglichen Duftes, voll jeglichen Geschmacks, all dies umfassend, wortlos, ja achtlos. Dieser mein Atman im Innern des Herzens ist das Brahman, zu ihm werde ich nach meinem Scheiden von hier gelangen. Wem solche Gewissheit ist, dem bleibt kein Zweifel.

Ich bin Gott, ich bin Alles

Die abrahamitischen Religionen haben demgegenüber ein ganz anderes Menschenbild. Im Judentum, Christentum und Islam gilt, dass jeder Mensch der Knecht Gottes ist. Die Vedanta-Philosophie zusammen mit den Upanishaden betont im Gegensatz dazu die substantielle Einheit von individuellem Selbst und absolutem GeistWie der Tropfen im Meer, so nimmt sich Atman in Brahman aus. Dieser an sich eigenschaftslose Atman-Brahman ist das alleine Wesen, das Sein alles Seienden. [1, S.40]

Hinter dem, was wir durch Sinne von der Welt erfahren und hinter Raum und Zeit an sich, verbirgt sich eine letzte Identität, die zeitlos, unsterblich und unwandelbar ist. Was den Menschen daran hindert diese Identität von Selbst und absolutem Geist zu erkennen ist die große Illusion Maya die uns ebenfalls daran hindert Erlösung zu finden.

Da die Welt Brahman ist, so ist man selbst auch Brahman – dies ist die einzige Wirklichkeit und die Alleinheitslehre des Vedanta: Atman = Brahman. Deshalb steht in den Upanishaden die berühmte Formel:

 तत् त्वम् असि

Tat Tvam Asi

Das bist Du.

Karma, Samsara, Moksha

Was passiert eigentlich mit dem ewigen Selbst, dem Atman nach dem Tod eines Menschen? Im Hinduismus vertritt man die Ansicht, dass der Mensch nach seinem Tode – je nach all seinen guten oder schlechten Taten, dem Karma – unter besseren oder schlechteren Bedingungen wiedergeboren werde und zwar unendlich oft. Für Buddhisten und Hindus gleichermaßen gilt, dass die Welt keinen Anfang und kein Ende hat.

Wie ein Mensch zerschlissene Kleider ablegt, und neue, andere anlegt, so legt die Seele zerschlissene Körper ab, verbindet sich mit anderen, neuen. [7]

Diesen ewigen Kreislauf der Wiedergeburt nennt man Samsara. Dieser basiert im Gegensatz zum europäischen linearen Zeitverständnis auf einem zyklischen. Nach dem Karma-Gesetz ist also jeder selbst für seinen jetzigen Zustand verantwortlich, war es doch stets jeder selbst, der in seinen letzten Leben gutes oder schlechtes Karma angehäuft hat [1]. Dasselbe gilt auch für die unzähligen Götter der Hindus, da auch sie dem Karma unterliegen.

In Indien glaubt man demnach, dass jede Tat eine doppelte Wirkung hat, nämlich zum einen die direkte Folge, zum anderen die langfristige Folge. Das Anhäufen von Karma ist die Ursache der Wiedergeburt. Um Erlösung Moksha zu erlangen, d.h. aus dem Samsara auszusteigen, ist es also notwendig kein Karma mehr anzuhäufen.

Nur das Abstehen vom Wirken, d.h. die Loslösung vom Begehren verbürgt, dass dieses Hochziel erreicht wird. Die Askese ist deshalb das Mittel, das dem Kreislauf der Existenzen ein Ziel setzt. [8]

Wie kann man Moksha erreichen?

Das oberste Ziel des Hinduismus, das Streben und Erreichen von Moksha, ist ein derartig anspruchsvoller Prozess, dass nur wenige Hindus tatsächlich aktiv daran arbeiten und beispielsweise Askese einhalten. Sogar viele Yogis und Asketen bemühen sich selten direkt um Erlösung. Trotzdem sollte man sich vor Augen führen, wie man Moksha aus Sicht des Hinduismus erlangen kann. Andreas Becke beschreibt die drei dafür genannten Wege wie folgt [1, S.46f.]:

Karma-Marga ist der Weg der Tat oder des Handelns. Dieser Weg bezeichnet den gesamten Bereich der praktischen Lebensführung. Moksha wird erreicht, indem man seinen Pflichten (Dharma) im Rahmen der Kastenordnung und der Lebensstadien nachkommt.

Jnana-Marga ist der Weg der Erkenntnis. Dieser Weg wird als der höchste und reinste aller Erlösungswege angesehen: Jnana-Marga besagt, dass Erkenntnis zur Erlösung führt, dass Wissen heilbringend ist. Erlösung durch Wissen setzt nun auf der anderen Seite voraus, dass der unerlöste Zustand auf Unwissenheit beruht. Durch Askese und Yoga geht es darum, zum eigenen Selbst zu gelangen, denn die Welt, wie wir sie durch die Sinne wahrnehmen, ist Maya (Täuschung).

Bhakti-Marga ist der Weg der liebenden Hingabe an Gott bzw. Götter. Diese Gottesliebe äußert sich in Musik, Blumenschmuck oder Speiseopfer, die dem Gott zuhause oder im Tempel dargeboten werden, aber auch in den moralischen Tugenden oder der Wallfahrt. Dieser ist nicht nur der Weg der sozial Tiefstehenden, sondern vor allem der Weg der breiten Masse, denn die wenigsten Hindus leben in Askese.

Mehr zum Hinduismus? Lese den ersten Teil des Artikels: Hinduismus zur Einführung – Geschichte und Begriff


Quellen und Verweise

[1] Andreas Becke: Hinduismus zur Einführung, Junius, 1996| Literatur (DEU)

[2] Vgl.: Jan Gonda: Die Religionen Indiens. Band 1: Veda und älterer Hinduismus (= Die Religionen der Menschheit. Bd. 11) | Literatur (DEU)

[3] Gedichte aus dem Rig-Veda, aus dem Sanskrit übertragen und erläutert von Paul Thieme, Stuttgart 1964, S.65f. | Literatur (DEU)

[4] Zitiert aus [4]; Vgl.: Ram Adhar Mall: Indische Schöpfungsmythen: Eine Einführung, Bonn 1982 | Literatur (DEU)

[5] Tageszeitung Young India, S. 1078-1079, 1925. Vgl.: Mahadev Desai, Mahatma Gandhi: The Bhagavad Gita According to Gandhi | Literatur (ENG)

[6] Upanishaden: Die Geheimlehre der Inder, 1977, S.18 | Literatur (DEU)

[7] Bhagavad-Gita: Wege und Weisungen, übers. und eingeleitet von Peter Schreiner, 1991, S.60 | Literatur (DEU)

[8] Helmut von Glasenapp: Die Philosophie der Inder: Eine Einführung in Geschichte und Lehren, 1985, Stuttgart, S.47 | Literatur (DEU)

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