Narabo - Aufklärung - Immanuel Kant - Universum - C.- Flammarion - Holzschnitt - Paris - Kolorit Heikenwaelder Hugo - Wien - 1998

Die Aufklärung hat unserer neuzeitlichen Kultur die Weichen gestellt.

Immer wieder hört man die Frage, ob wir heutzutage nicht in einem aufgeklärten Zeitalter leben – doch was heißt eigentlich aufgeklärt? Zunächst denken wir dabei vordergründig nur an eine politische Entwicklung im 17. und 18. Jahrhundert, doch das allein wird der Aufklärung bei Weitem nicht gerecht. Oftmals übersehen wir die vielfältige Differenzierung dieses Begriffs sowie dessen zugrundeliegende Gesinnung.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Die Aufklärung als Epoche
  2. Kurzzusammenfassung
  3. Die Basis – Merkmale der Neuzeit
  4. Charakteristika der Aufklärung
  5. Drei Schlüsselereignisse
  6. Immanuel Kant – Was ist Aufklärung?
  7. Acht Thesen der Aufklärung
  1. Was versteht man unter der Aufklärung als historische Epoche?
  2. Auf welcher Basis gründet die Aufklärung?
  3. Welche Hauptmerkmale besitzt die aufklärerische Bewegung in Europa?
  4. Wie beantwortet Immanuel Kant die Frage: Was ist Aufklärung?

Die Aufklärung als Epoche

Wie immer in der Geschichtsschreibung lässt sich erst retrospektiv darüber urteilen, wo, wann und warum zu jener vergangenen Zeit irgendetwas passiert ist. Damit hängt ebenfalls die Einteilung des gesamten Weltverlaufs in klare Epochen zusammen. Es ist faktisch nicht einfach die Aufklärung zwischen zwei Zeitpunkten festzunageln, denn wie wir noch sehen werden, handelt es sich dabei vielmehr um eine geistige Haltung als um ein konkretes Ereignis.

Die fließenden Grenzen der Zeiten und Handlungen, mit denen wir uns so auch im Alltäglichen konfrontiert sehen, machen es darum äußerst schwer irgendwelche Fixpunkte zu definieren. Trotz alledem hat man sich doch geeinigt, die Aufklärung als Epoche festlegen zu können.

Kurzzusammenfassung

Die Aufklärung kann als eine Epoche des 18. Jahrhunderts (ca. 1710-1785) verstanden werden, welche mit ihrer unglaublichen Nachwirkung die gesamteuropäische Kultur in all ihren Lebensbereichen unverkennbar selbst bis zum heutigen Tage beeinflusst.

Anlässlich des immer bemerkenswerteren Fortschritts durch technische und wissenschaftliche Neuerungen – und das bereits während der Neuzeit – haben Philosophen begonnen, die Fähigkeit der Vernunft so in den Mittelpunkt jedes Geschehens zu stellen, wie es bis dahin nicht vorgekommen ist.

Man war demzufolge davon überzeugt, dass die Vernunft in der Lage sei den Menschen aus seiner Unmündigkeit, vom Aberglauben sowie dem damalig vorherrschenden Absolutismus zu befreien und hiermit fortschreitend alle gesellschaftlichen Probleme lösen könne. Stest zentrale Elemente der aufklärerischen Ideen sind die Rationalität, Menschenrechte und der Humanismus.

Als Träger der aufklärerischen Bewegung konnte interessanterweise vor allem das erstarkende Bürgertum in den Städten zählen, das eine literarische Öffentlichkeit in Theatern, Salons und Kaffeehäusern schuf – damit standen rege Diskussion und Ideenaustausch weit oben auf der Prioritätenliste.

 Gabriel Lemonnier - Der literarische Salon von Madame Geoffrin - 1755

Gabriel Lemonnier – Der literarische Salon von Madame  Geoffrin – 1755

Die Basis – Merkmale der Neuzeit

Wollen wir die Charakteristika der Aufklärung verstehen, so macht es Sinn zunächst einmal die Basis, nämlich die Neuzeit zu betrachten aus welcher die aufklärerischen Konzepte hervorgegangen sind. Zum Thema Neuzeit habe ich bereits eine kurze Einführung in Bezug auf René Descartes [2] und seine Sentenz Ich denke, also bin ich verfasst, die ich an dieser Stelle einfach zitiere:

Unter dem Schlagwort der Neuzeit sprechen wir von einer Zeit des Umbruchs, die am stärksten mit der kolossalen Wende ins 17. Jahrhundert zusammenfällt und im Zusammenhang mit einigen gravierenden kulturellen Revolution steht, darunter:

  • Renaissance

Die Renaissance trug zur Bildung einer anthropozentrischen Weltsicht und zur Wiederbelebung der freien Betrachtung antiker Wissensquellen bei, die allesamt starken Ausdruck in der realistischen Kunst finden.

  • Humanismus

… auch die neue Bewegung genannt, weil sie das Ideal einer an der Antike orientierten rein „menschlichen“ (humanen), also nicht theologischen Bildung aufstellte. [1]

  • Reformation

Martin Luther bekämpft und verwirft zu dieser Zeit den Anspruch der Kirche auf die alleinige Mittlerstellung zwischen Gott und Mensch – er setzt die unsichtbare Kirche anstelle der sichtbaren als die Gemeinschaft derer, die in der göttlichen Gnade sind […] das heißt, er stellt den einzelnen auf sich selbst – eine Befreiungstat, die der durch die Renaissance vollbrachten Befreiung des Individuums parallel geht. [1]

  • Abstoßung alter Autoritäten

Das gesamte Denken der Neuzeit, insbesondere das Gebiet der Philosophie, wendet sich von den alten und verstaubten scholastischen Traditionen des Mittelalters ab und befreit sich damit von einer theologischen und stark aristotelischen Grundhaltung.

  • Aufbruch der Naturwissenschaften

Kopernikus, Kepler und Galilei reißen sich vom Dogmatismus los und legen den Grundstein für die wahre unverfälschte Erkenntnis der Welt durch die Freiheit der Wissenschaft. Es werden solch fundamentale Zusammenhänge entdeckt, dass die gesamte Weltordnung auf den Kopf gestellt wurde.

Charakteristika der Aufklärung

Wenn sich in uns nun der Eindruck gefestigt hat, die Aufklärung sei eine einheitliche Bewegung in der Geschichte Europas gewesen, dann irren wir uns erheblich. Bereits in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit entfalteten sich drei große Hauptzweige, die sich sowohl geografisch als auch ideologisch unterschiedlich einordnen lassen [1].

An erster Stelle sichtet man den französisch-niederländischen Zweig, der von René Descartes (1596-1650) bis Baruch de Spinoza (1623-1677) reichte und seinen Schwerpunkt auf den Rationalismus richtete. In Frankreich hatte die Aufklärung bekanntlich enorme Konsequenzen auf der politischen Ebene zu verzeichnen (siehe dazu: Französische Revolution).

An zweiter Stelle unterscheidet man den englischen Zweig, der durch Thomas Hobbes (1588-1679), John Locke (1632-1704) und David Hume (1711-1776) im Gegensatz zum französischen Rationalismus auf dem Empirismus gegründet ist. Aus dieser starken Betonung der Erfahrung heraus, ist es nicht verwunderlich, dass die Aufklärung innerhalb des englischen Raums ihren Schwerpunkt in den Wissenschaften und Naturrecht verankerte.

An dritter und letzter Stelle kann man noch von einem hauptsächlich deutschen Zweig reden, der sein vorläufiges Ende mit Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) findet. Generell ist die deutsche Aufklärung im Vergleich zu den beiden anderen Strömungen recht unspektakulär und weitaus weniger radikal gewesen. Jedwede aufklärerischen Elemente in Deutschland legten ihr  Hauptmerkmal auf die praktische Vernunft.

Für die Aufklärung im Allgemeinen sind neben Rationalismus und Empirismus die folgenden Konzepte zentral:

  • Individualismus
  • Kosmopolitismus
  • Kritik an der Kirche
  • Kritik an (religiösem) Dogmatismus
  • Kritik an der gesellschaftlichen Ordnung
  • Begeisterung für Fortschritt
  • Euphorie für Wissenschaft
  • Ideen der Toleranz in Politik etc.

Drei Schlüsselereignisse

In der historischen Forschung hat sich nun eingebürgert, für jeweils alle drei Zweige der Aufklärung ein politisches Ereignis als deren Beginn zu markieren [3]. Für England kennzeichnet die Glorious Revolution (~1688) den Anfang der Aufklärung, da mit dieser der Endpunkt nach 150 Jahren englischer Religions- und Bürgerkriege gesetzt wurde und gleichzeitig die parlamentarische Monarchie verstärkt werden konnte.

Für Frankreich gilt die Aufhebung des Edikts von Nantes (~1685), welche die Hugenotten (damalige Bezeichnung für die französischen vom Calvinismus beeinflussten Protestanten im vorrevolutionären Frankreich) vertrieb und Frankreich zum katholisch-absolutistischen Staat machte, als Ausgangspunkt der aufklärerischen Bewegung.

Zuletzt markiert die Einführung der deutschen Sprache (anstatt der lateinischen) an der Universität Leipzig (1687) die Aufklärung in Deutschland, wodurch dort unter anderem nicht nur eine Universitätsreform, sondern auch eine allgemeine Kultur- und Gesellschaftsreform ausgelöst wurde. Das Lateinische dominierte bis dahin als Sprache der Akademiker, nicht zuletzt aufgrund ihrer präzisen Struktur.

Der meisterhafte deutsche Philosoph Immanuel Kant – auf den wir gleich noch zu sprechen kommen – war einer der ersten Akademiker, der sein Hauptwerk auf Deutsch verfasste. Kant versuchte dabei allerdings die Präzision des Lateinischen nachzuahmen, was zu einem recht holprigen Stil mit ewig langen Verschachtelungen geführt hat.

Immanuel Kant – Was ist Aufklärung?

Gleich zu Beginn dieses Artikel habe ich sofort darauf hingewiesen, dass Aufklärung einerseits als Epoche zeitlich eingerahmt werden könnte, andererseits als Gesinnung klar eine unbegrenzte Fortdauer aufweist. Bislang haben wir uns vor allem mit den historischen Aspekten auseinandergesetzt und jene Gesinnung nie explizit aufgedeckt.

So oder so ähnlich erging es auch dem Berliner Pfarrer Johann Friedrich Zöllner, der in der Zeitschrift Berlinische Monatsschrift von 1783 die provozierende Frage stellte: „Was ist Aufklärung?“[4]. Zöllner spielte mit seiner Frage auf die Tatsache an, dass es bislang noch keine eindeutige Definition der Bewegung gegeben hat, obwohl diese ja augenscheinlich schon seit Jahrzehnten bestand.

Acht Thesen der Aufklärung

Im Jahr 1784 veröffentlichte der eben erwähnte Immanuel Kant in derselben Berlinischen Monatsschrift seine klare Antwort, die bis heute als Definition der Aufklärung fortbesteht. Sein Aufsatz mit dem Titel Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? lässt sich in 8 Hauptthesen zergliedern, die ich im Folgenden darstellen werde [5].

1. Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.

2. Sapere aude! (Wage es, weise zu sein!) – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.

3. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben – und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.

4. Es ist für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar so lieb gewonnen, und ist vor der Hand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ.

5. Durch eine Revolution wird vielleicht schon ein Abfall von persönlichem Despotismus und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Bedrückung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zu Stande kommen; sondern neue Vorurteile werden, eben sowohl als die alten, zum Leitbande des gedankenlosen großen Haufens werden.

6. Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun aber von allen Seiten höre ich nur rufen: Der Offizier: Exerziert! Der Finanzrat: Bezahlt! Der Geistliche: Gehorcht!

7. Ich verstehe aber unter dem öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht. Den Privatgebrauch nenne ich denjenigen, der er in einem gewissen ihm anvertrauten bürgerlichen Posten, oder Amte, von seiner Vernunft machen darf.

8. Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung.


Quellen und Verweise

Titelbild: By Heikenwaelder Hugo, Austria, Email : heikenwaelder@aon.at, www.heikenwaelder.at [CC BY-SA 2.5 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons

[1] Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 1992, S.347f. | Literatur (DEU)

[2] Blog: René Descartes: Was heißt das: Ich denke also bin ich | Artikel (DEU)

[3] Vgl.: Winkler, Heinrich August: Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. München: C.H. Beck, 2016, Kapitel 2: Der alte und der neue Westen | Literatur (DEU)

[4] Zöllner, Johann Friedrich: Ist es rathsam, das Ehebündniß nicht ferner durch die Religion zu sanciren?,
in: Berlinische Monatsschrift 2 (1783), Anm.: „Was ist Aufklärung? Diese Frage, die beinahe so wichtig ist, als: was ist Wahrheit, sollte doch wol beantwortet werden, ehe man aufzuklären anfange! Und noch habe ich sie nirgends beantwortet gefunden!“

[5] Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift | Literatur (DEU)

Empfehlungen

Blog: Was ist das – die Philosophie? | Artikel (DEU)

Buch: Precht, Richard David: Erkenne dich selbst. Geschichte der Philosophie 2. München: Goldmann, 2017 | Literatur (DEU)

Buch: Russel, Bertrand: Philosophie des Abendlandes. Ihr Zusammenhang mit der politischen und sozialen Entwicklung. München: Piper, 2011 | Literatur (DEU)