Kant-Narabo-Kategorischer-Imperativ-Widerspruch-im-Denken-Wollen-Pflicht

Wahrscheinlich hat kein Name in der Geschichte europäischer Philosophie mehr Gewicht als der Kants.

Der Allgemeinheit dämmert bei diesem altehrwürdigen Klang ja sofort der Begriff des kategorischen Imperativs: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die zu zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“. Wie oft hat man diese Formel bereits gehört, aber doch nie so richtig verstanden?

INHALT ÜBERBLICK
  1. Kurze Wiederholung – Kategorischer Imperativ
  2. Zwei Arten von Widersprüchen
  3. Selbstmörder – Fall 1:
  4. Opportunistischer Lügner – Fall 2:
  5. Der Faulenzer – Fall 3:
  6. Was ist das Problem im Fall des Faulenzers?
  7. Der unmenschliche Egoist – Fall 4:
  8. Ich kann das Hilfeverweigern nicht wollen
  1. Was sind die Kernmerkmale der kantschen Ethik?
  2. Wie kann man Maximen überprüfen?
  3. Welche vier Fälle gibt Kant als Beispiele an?
  4. Was sind die jeweiligen Widersprüche in diesen Beispielen? Welche zwei Formen gibt es?
  5. Von welchem Kriterium das das Wollen-Können auf keinen Fall abhängen?

Kurze Wiederholung – Kategorischer Imperativ

Im ersten Teil dieses Artikels haben wir die Grundzüge der deontologischen Ethik Kants gezeichnet und mit der Überprüfung von Maximen, den subjektiven Handlungsgrundsätzen, aufgehört. Die Grundlage hierfür will ich nochmals kurz zu Beginn des zweiten Teils erklären, weil die folgenden Beispiele zur Überprüfung von Moralität darauf aufbauen werden.

In Kants Ethik kreist das im Mittelpunkt, was der praktischen Vernunft ohnehin wesentlich ist, nämlich jene Forderung nach einer Universalisierbarkeit von Maximen. Unser Vermögen zu Wollen ist nach Kant dadurch bestimmt, dass wir aus objektiven Prinzipien subjektive Maximen ableiten. [1]

Unmoralisches Handeln liegt nun genau dann vor, wenn meine Maxime notwendig nur als Ausnahme gelten kann. Auf der anderen Seite ist moralisches Handelns solches, das mit dem Kategorischen Imperativ Hand in Hand geht: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. [3]

Für uns wird dieser zunächst merkwürdige Ausdruck „wollen kannst“ wichtig – was meint Kant damit?

Zwei Arten von Widersprüchen

Man muss es wohl so verstehen: der Kategorische Imperativ ist ein Prüfverfahren für unsere Maximen. Auf diese Weise können wir zwar nie positive Bestimmungen moralischen Handelns finden, dagegen aber immer Maximen aussortieren, die dem Kriterium der Universalisierbarkeit nicht genügen.

Das Wollen-Können ist hierfür der Prüfstein. Ob eine Maxime ein allgemeines Gesetz sein kann, entscheidet sich am Auftreten zweierlei Arten von Widersprüchen, die bei der Verallgemeinerung offensichtlich werden können:

(1) Ein Widerspruch im Denken: Eine Maxime ist dann verboten, wenn sie als Gesetz in einer Welt zu einem logischen Widerspruch in sich selbst führt.

(2) Ein Widerspruch im Wollen: Eine Maxime ist dann verboten, wenn sie als Gesetz in einer Welt dazu führt, dass der Wille dieser Maxime sich selbst verhindert.

Am besten demonstrieren wir diese zwei Widersprüche anhand von Beispielen. Kant stimmt in seiner Schrift Grundlegung zur Metaphysik der Sitten vier Fälle an – das heißt vier Maximen -, die er nach dem Kategorischen Imperativ überprüft. Auf diesem Weg versucht er die allgemeinen moralischen Pflichten zu bestimmen:

Nun wollen wir einige Pflichten herzählen, nach der gewöhnlichen Einteilung derselben, in Pflichten gegen uns selbst und gegen andere Menschen, in vollkommene und unvollkommene Pflichten. [2, 421]

Selbstmörder – Fall 1:

Der erste Fall, den Kant zur Veranschaulichung des Kategorischen Imperativs anführt, ist dieser [2, 422]:

Einer, der durch eine Reihe von Übeln, die bis zur Hoffnungslosigkeit angewachsen ist, einen Überdruß am Leben empfindet, ist noch so weit im Besitze seiner Vernunft, daß er sich selbst fragen kann, ob es auch nicht etwa der Pflicht gegen sich selbst zuwider sei, sich das Leben zu nehmen. 

Nun versucht er: ob die Maxime seiner Handlung wohl ein allgemeines Naturgesetz werden könne. Seine Maxime aber ist: ich mache es mir aus Selbstliebe zum Prinzip, wenn das Leben bei seiner langen Frist mehr Übel droht, als es Annehmlichkeit verspricht, es mir abzukürzen. 

Es frägt sich, ob dieses Prinzip der Selbstliebe ein allgemeines Naturgesetz werden könne.

Für Kant ergibt sich in der Verallgemeinerung dieser Maxime ein Widerspruch im Denken, also eine klare logische Inkonsistenz. Eine Natur, die nach einem solchen Gesetze handeln würde, müsse sich unweigerlich selbst zerstören und könnte deshalb im Vorhinein gar nicht bestehen. Die Maxime hebt sich also selbst auf:

Da sieht man aber bald, daß eine Natur, deren Gesetz es wäre, durch dieselbe Empfindung, deren Bestimmung es ist, zur Beförderung des Lebens anzutreiben, das Leben selbst zu zerstören, ihr selbst widersprechen und also nicht als Natur bestehen würde, mithin jene Maxime unmöglich als allgemeines Naturgesetz stattfinden könne, und folglich dem obersten Prinzip aller Pflicht gänzlich widerstreite.

Opportunistischer Lügner – Fall 2:

Ein Beispiel, das schon mehr mit unserem Alltag zu tun hat, nennt Kant als zweiten Fall [2, 422]:

Ein anderer sieht sich durch Not gedrungen Geld zu borgen. Er weiß wohl, dass er nicht wird bezahlen können, sieht aber auch, dass ihm nun nichts geliehen werden wird, wenn er nicht fest verspricht, es zu einer gewissen Zeit zu bezahlen. Er hat Lust, ein solches Versprechen zu tun.

Aber hat er so viel Gewissen, sich zu fragen: ist es nicht unerlaubt und pflichtwidrig, sich auf solche Art aus der Not zu helfen? Gesetzt, er beschlösse es doch, so würde seine Maxime der Handlung so lauten: wenn ich in Geldnot zu sein glaube, so will ich Geld borgen und versprechen, es zu bezahlen, ob ich gleich weiß, es werde niemals geschehen.

Auch hier liegt nach Kant erneut ein Widerspruch im Denken vor. Eine Welt, die es zum allgemeinen Gesetz hätte, prinzipiell immer mit vorgetäuschtem Versprechen zu lügen, würde nun das Konzept des Versprechens als solches aufheben. Es würde so etwas wie ein Versprechen gar nicht mehr geben, und folglich könnte man auch niemanden mehr belügen. Die Maxime widerspricht sich also selbst:

Denn die Allgemeinheit eines Gesetzes, dass jeder, nachdem er in Not zu sein glaubt, versprechen könne, was ihm einfällt, mit dem Vorsatz, es nicht zu halten, würde das Versprechen und den Zweck, den man damit haben mag, selbst unmöglich machen, indem niemand glauben würde, dass ihm was versprochen sei, sondern über alle solche Äußerung als eitles Vorgeben lachen würde.

Der Faulenzer – Fall 3:

Interessanter finde ich die beiden letzten Fälle, die Kant zur Prüfung von Maximen anführt [2, 423]:

Ein dritter findet in sich ein Talent, welches vermittelst einiger Kultur ihn zu einem in allerlei Absicht brauchbaren Menschen machen könnte. Er sieht sich aber in bequemen Umständen, und zieht vor, lieber dem Vergnügen nach zuhängen, als sich mit Erweiterung und Verbesserung seiner glücklichen Naturanlagen zu bemühen. Noch frägt er aber: ob, außer der Übereinstimmung, die seine Maxime der Verwahrlosung seiner Naturgaben mit seinem Hange zur Ergötzlichkeit an sich hat, sie auch mit dem, was man Pflicht nennt, übereinstimme.

Was ist das Problem im Fall des Faulenzers?

Es liegt in diesem Fall offensichtlich kein Widerspruch im Denken vor. Eine Welt, in der jeder Mensch seine Talente verkümmern lassen würde, könnte sicherlich bestehen (auch wenn sie nicht sehr schön wäre). Jedenfalls kommt es zu keinem Widerspruch der Maxime gegen sich selbst. Aber es zeigt sich ein anderes Problem:

Allein er kann unmöglich wollen, daß dieses ein allgemeines Naturgesetz werde, oder als ein solches in uns durch Naturinstinkt gelegt sei. Denn als ein vernünftiges Wesen will er notwendig, daß alle Vermögen in ihm entwickelt werden, weil sie ihm doch zu allerlei möglichen Absichten dienlich und gegeben sind.

Nach Kant kann man unmöglich wollen, dass diese Maxime universell wird. Es ist wichtig zu verstehen, dass das Wollen-Können nicht danach fragt, ob wir es gut finden würden, dass jeder so handelt, oder ob die Welt ein guter Ort wäre. All das hängt von Neigung ab, die in einer rationalen Begründung der Moral nichts verloren hat.

Kant meint mit dem Wollen-Können, ob es widerspruchsfrei möglich ist. Und genau das scheint in diesem Beispiel nicht der Fall zu sein. Schließlich hat auch eine Welt der Faulenzer notwendig gewisse Ziele zu verfolgen, denen man jedoch durch die Verwahrlosung von Talenten hinderlich werden würde. Es ist demnach unmöglich zu wollen, dass diese Maxime universell ist.

Der unmenschliche Egoist – Fall 4:

Zuletzt führt Kant einen in der Lösung analogen Fall an, der gut auf unsere moderne Welt anwendbar ist [2, 423]:

Noch denkt ein vierter, dem es wohl geht, indessen er sieht, daß andere mit großen Mühseligkeiten zu kämpfen haben (denen er auch wohl helfen könnte): was geht’s mich an? mag doch ein jeder so glücklich sein, als es der Himmel will, oder er sich selbst machen kann, ich werde ihm nichts entziehen, ja nicht einmal beneiden; nur zu seinem Wohlbefinden, oder seinem Beistande in der Not, habe ich nicht Lust, etwas beizutragen!

Auch hier könnten wir uns wieder eine Welt denken, die nach ebendieser Maxime widerspruchsfrei Bestand hätte. Es wäre eine ziemlich furchtbare Welt, aber wie bereits gesagt: unsere persönliche Meinung darüber hat keinerlei Bedeutung. Auch Kant stellt das nochmals genau heraus:

Nun könnte allerdings, wenn eine solche Denkungsart ein allgemeines Naturgesetz würde, das menschliche Geschlecht gar wohl bestehen, und ohne Zweifel noch besser, als wenn jedermann von Teilnehmung und Wohlwollen schwatzt, auch sich beeifert, gelegentlich dergleichen auszuüben, dagegen aber auch, wo er nur kann, betrügt, das Recht der Menschen verkauft, oder ihm sonst Abbruch tut.

Ich kann das Hilfeverweigern nicht wollen

Es ergibt sich analog zum dritten Fall auch hier ein Widerspruch im Wollen. Es ist eben nicht wollbar, dass wir ein universelles Prinzip des Egoismus ausüben, weil sich durchaus Fälle ereignen werden, wo wir auf die Hilfe anderer angewiesen sind, selbst wenn es nur um die Erreichung eigener Ziele geht. Demnach wäre eine solche Maxime der prinzipiellen Verweigerung von Hilfe und Beistand unmöglich zu wollen:

Aber, obgleich es möglich ist, daß nach jener Maxime ein allgemeines Naturgesetz wohl bestehen könnte: so ist es doch unmöglich, zu wollen, daß ein solches Prinzip als Naturgesetz allenthalben gelte. Denn ein Wille, der dieses beschlösse, würde sich selbst widerstreiten, indem der Fälle sich doch manche eräugnen können, wo er anderer Liebe und Teilnehmung bedarf, und wo er, durch ein solches aus seinem eigenen Willen entsprungenes Naturgesetz, sich selbst alle Hoffnung des Beistandes, den er sich wünscht, rauben würde.


Quellen und Verweise

[1] Artikel: Deontologie – Immanuel Kant und sein Kategorischer Imperativ | Blog (DEU)

[2] Kant: AA IV, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten zitiert nach folgender Ausgabe: Kant, Immanuel: Werke in zwölf Bänden. Band 7, Frankfurt am Main, 1977 | Literatur (DEU)

[3] Kant: Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900 ff., AA IV, 421 | Literatur (DEU)

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Video: The School of Life – PHILOSOPHIE – Immanuel Kant | YouTube (ENG)