Narabo-Kierkegaard-Lebenstadien-Ästhetiker-Ethiker-Gläubiger-Philosophie

Kierkegaard zählt zu den wichtigsten Begründern der europäischen Existenzphilosophie.

Er ist für diese Strömung der modernen Philosophie, die sich mit Fragen der Schuld, Verantwortung, Sterblichkeit und vielen anderen zentralen Lebensbereichen beschäftigt, gar so wichtig gewesen, dass sich die meisten Vertreter nach seiner Zeit stets auf ihn bezogen haben. In diesem Artikel soll seine Lehre der Lebensformen erklärt werden.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Welchen Versuch stellt Kierkegaards Denken dar?
  2. Kierkegaard contra Hegel und Scheinchristentum
  3. Kierkegaards Untersuchung des Lebens
  4. Das Stadium des Ästhetikers
  5. Das Stadium des Ethikers
  6. Woran die ethische Lebensform scheitert
  1. Welches Motiv leitet Kierkegaards Werke?
  2. Warum verachtete Kierkegaard Hegel?
  3. Wie kann man den Ästhetiker beschreiben?
  4. Was kennzeichnet den Ethiker?
  5. Vor welche Probleme werden jeweils beide Lebensformen gestellt?

Welchen Versuch stellt Kierkegaards Denken dar?

Søren Kierkegaards Arbeit, die man auch als philosophische Theologie bezeichnen kann, brachte in Summe neue Maßstäbe für die Relation des Menschen zu Gott und Existenz hervor. Ich habe bereits eine kleine Einführung zu Kierkegaard veröffentlicht, die einige Aspekte zu seiner Biografie beinhaltet und das Verständnis dieses Artikels erleichtern könnte.

Es empfiehlt sich darum dort zunächst einen ersten Eindruck zu gewinnen. Schließlich wollen wir in diesem Artikel den Spuren des abgründigen Werkes Kierkegaards auf die Schliche kommen und beginnen nun damit, nach seinem Motiv des Schaffens zu fragen.

Es ist nicht zu übersehen – selbst ohne tiefere Vorkenntnisse der Biographie des Autors –, dass die Synthese aus freier, unsystematischer Schriftstellerei, Philosophie sowie Theologie, ge­paart mit den Leitworten Verzweiflung, Angst, Freiheit und Subjekt insgeheim folgenden Versuch darstellte:

Kierkegaard wollte nicht einfach als bloßer Beobachter in die Abgründe des allgemeinen Lebens hinabsteigen, sondern vielmehr in das eigene Leben hineinspringen, es von innen heraus zu ergründen und dann zu bewältigen lernen. Schon während seines Studiums äußert er diesen Gedanken:

Was mir eigentlich fehlt, ist, daß ich mit mir selbst ins reine darüber komme, was ich tun soll, nicht darüber, was ich erkennen soll […] es gilt eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich ist, die Idee zu finden, für die ich leben und sterben will. [1]

Kierkegaard contra Hegel und Scheinchristentum

Wenn ich oben von den Abgründen des allgemeinen Lebens spreche, dann betone ich damit den von Kierkegaard selbst aufgestellten Kontrast zwischen seiner eigenen Philosophie und der seiner Zeitgenossen. An erster Stelle finden wir darunter den Idealismus Hegels und die Theologie Hans Martensens.

Kierkegaard sah in den Ideen beider, nämlich einerseits in der hegelschen Dialektik und Betonung des Allgemeinen und anderseits in dem amtlichen Christentum und der lutherischen Orthodoxie, gravierende Gegner, da sie an einer wahrlich authentischen Existenz vorbeiziehen und den Einzelnen missachteten.

Man könnte also zusammenfassen, dass aus Kierkegaards Sicht heraus die Abgründe des allgemeinen Lebens nichts als oberflächliche, vom Einzelnen abstrahierte und so in die Faktizität der Menge übertragene Anschauungen seien. Er empfand all diese Konzepte als seicht, ohne Tiefe und nur von einer förmlich verpackten Struktur getragen. [2]

Das Mensch-Sein, das sich einzig im Einzelnen offenbaren kann, beinhaltet jedoch Aspekte, die unter dem Versuch einer Verallgemeinerung zerbrechen und ihren eigentlichen Sinn verlieren. Kierkegaard klagte dies bei Hegel und Martensen an. Für ihn ist es unmöglich das Mensch-Sein von Furcht, Angst, Verzweiflung und Glauben zu trennen, genauso wie es unmöglich ist, darüber in akkurater und allgemeiner Weise zu sprechen.

Viel zu häufig verliert sich gerade diese Dimension des Mensch-Seins, wenn man im Radius des begrifflich-rationalen verharrt, wie es sehr treffend in einem seiner großen Werke namens Furcht und Zittern mit einer rhetorischen Frage verdeutlicht wird, auf der Kierkegaards gesamte Philosophie gründet:

Zahllose Geschlechter hat es gegeben, die Wort für Wort die Erzählung von Abraham auswendig gewusst haben, wieviele hat sie schlaflos gemacht? [3]

Selbstverständlich bezieht er sich hiermit auf die Opferung Isaaks, jener biblischen Erzählung, worin Gott Abraham befiehlt, seinen einzigen Sohn zu opfern und dabei in Verzweiflung gerät. Er wird jedoch von einem Engel im letzten Moment abgehalten, worauf er für seine Gottesfurcht belohnt wird, da er bereit war, dieses große Opfer zu bringen und seinen Glauben nicht verlor.

Kierkegaards Untersuchung des Lebens

Indem Kierkegaard sich der Untersuchung des Lebens stellt, richtet er sich in einem Zug entschieden gegen die Menge, auf die er es eigentlich polemisch abgesehen hat [4]. Das Leben in seiner Ganzheit zu untersuchen heißt, nach dessen Möglichkeiten zu fragen und alle unterschiedlichen Lebensstile unvoreingenommen zu analysieren.

Nach Kierkegaard gibt es derer jedoch einzig drei wirklich wesentliche, nämlich drei zu differenzierende, generelle Kategorien oder auch Stadien der Existenz, die einerseits allesamt zusammenhängend sind und sich andererseits gegenseitig, auch innerhalb ihrer eigenen Struktur, nicht ausschließen müssen: erstens das Ästhetische, zweitens das Ethische und drittens das Religiöse. [5]

Auf die religiöse Lebensform werden wir an anderer Stelle eingehen.

Das Stadium des Ästhetikers

Der Ästhetiker als erste Lebensform befindet sich komplett auf dem Niveau eines Hedonisten. Er wird völlig von seinen Leidenschaften geleitet und ist damit verdammt zum Oberflächlichen, was infolge mangelnder Kontinuität zu einem Gefühl von übergreifender Sinnlosigkeit führt.

Er hängt voll und ganz von den Launen seiner ihn beherrschenden Umwelt ab und kennt kein Ziel außerhalb der erotischen Unmittelbarkeit und dem augenblicklichen Genuss. Das Dilemma dieser Lebensform wird vielleicht an keiner Stelle besser verdeutlicht, als zu Beginn in Kierkegaards Werk Entweder – Oder:

Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch dessen Lippen so geformt sind, daß sein Seufzen und Schreien sich in schöne Musik verwandelt, während seine Seele sich in geheimen Qualen windet. Und die Menschen drängen sich um den Dichter und rufen ihm zu: „Sing doch bald wieder!“ Mit anderen Worten: Neue Leiden sollen seine Seele martern, neue Schmerzen soll er singen. […] Und die Rezensenten urteilen:

„So ist’s recht! So soll es sein nach den Gesetzen der Ästhetik.“ Natürlich! Der Rezensent gleicht ja dem Dichter aufs Haar, nur dass er keine Qualen im Herzen hat und keine Musik auf den Lippen. Sieh, darum lieber Schweinehirt sein und verstanden von den Schweinen, als Dichter und miss-verstanden von den Menschen. [6]

In solch einer Weise von seiner eigenen Seichtigkeit und Getriebenheit geschlagen, mag der Ästhetiker bald tiefe Unzufriedenheit mit seiner Notlage empfinden. Diese stellt ihn gleich vor einen Scheideweg, denn er hat die Wahl sich dafür zu entscheiden diese Art von Dichter zu bleiben und seine sprunghaften sowie kurzlebigen Freuden zu bewahren …

… oder einen Entschluss zu fassen, nämlich über dieses primitive Dasein hinauszuschauen.

Sollte er sich für Letzteres entscheiden, wird er kraft seines Entschlusses in eine unmittelbare Konfrontation mit dem Ästhetischen gesetzt, was eine Initiation in die zweite Ebene der Existenz, in das ethische Stadium, bewirkt.

Das Stadium des Ethikers

Das Ethische ist die Kategorie der Entscheidung: „Es handelt sich noch nicht um die Wahl von Etwas, noch nicht um die Realität dessen, was gewählt wird, sondern um die Realität des Wählens.“ [Ebd. S.456]. Die eine Entscheidung, überhaupt erst konfrontiert zu werden oder nicht, ist direkt eine ethische Entscheidung.

So wird der Mensch im ästhetischen Bereich im Augenblick der Unzufriedenheit sofort in das Ethische verwickelt. Deshalb haben wir vorhin darauf hingewiesen, dass die drei Stadien miteinander zusammenhängen und so je nach Einstellung des Einzelnen ineinander übergehen können.

Man muss weiterhin einräumen, dass jeder Mensch sowieso schon immer mehr oder weniger in der ethischen Existenz-Kategorie eingebunden ist, da der Mensch von Natur aus eine Lebensform darstellt, die mit der Gabe der Vernunftfähigkeit ausgestattet ist.

Gerade diese Grundfertigkeit stürzt den Ästhetiker in seine eigentliche Notlage, denn die gewaltige Schwermut der ästhetischen Lebensform basiert auf dem „Konflikt zwischen einer unmittelbaren subjektiven Sinnlichkeit und den diese Sinnlichkeit transzendierenden Ansprüchen des Geistes.“ [7]

Die Vernunft erlaubt dem Menschen kalkulierte Vorausschau, Planung und Ordnung, womit sie eben einen Weg der Überwindung der ästhetischen Unmittelbarkeit darstellt: Wer sich dagegen ethisch wählt, der wählt sich selbst konkret als dieses bestimmte Individuum …

 Das Individuum wird also seiner selbst bewusst, als dieses bestimmte Individuum, mit diesen Gaben, diesen Neigungen, diesen Trieben, diesen Leidenschaften, unter dem Einfluß dieser bestimmten Umgebung, als dieses bestimmte Produkt eines bestimmten Milieus. Wer seiner selbst so bewusst wird, übernimmt das alles zusammen unter seine Verantwortung. [8]

Woran die ethische Lebensform scheitert

Der Ethiker vollzieht somit einen Akt der Freiheit und Selbstwahl, indem er durch diese zumindest aus einer Form der Fremdbestimmung, nämlich aus der Zufälligkeit der Äußerlichkeiten, herausbricht. Doch auch er muss letzten Endes in einen tragischen Konflikt geraten.

Während der Ästhetiker, wie wir deutlich gesehen haben, am Kontrollverlust und somit an der tiefen Willkürlichkeit seines Daseins leidet, wird der Ethiker in letzter Instanz vom Paradox der Vernunft geplagt, denn er schafft es nicht seinem Leben einen vernünftigen Sinn abzugewinnen.

Es baut sich eine Spannung auf zwischen seiner Selbstbestimmtheit und der Ausrichtung an den vorhandenen, als rational betrachteten gesellschaftlichen Werten und Institutionen, die für ihn eine Fremdbestimmtheit bedeuten. Er verliert seine Freiheit und muss sich ernsthaft fragen, ob er nicht einfach eine Marionette des Sozialen ist und was sein Leben im Grunde bedeutet.

Der Ethiker bleibt in diesem Sinne zutiefst unerfüllt. Deshalb mündet das ethische Dilemma in Kierkegaards später vollzogenen Untersuchung hinsichtlich der biblischen Abraham-Isaak-Erzählung in die Frage, ob es nunmehr eine teleologische Suspension der Moral geben kann. Für Kierkegaard deutet sich dort an, dass er in seiner Philosophie eine letzte Ebene der Existenz aufdecken muss, und zwar die Kategorie des Religiösen.


Quellen und Verweise

[1] Søren Kierkegaard: Tagebücher I, S.16, in: Emanuel Hirsch, Hayo Gerdes u.a. hrsg. Taschenbuchausgabe der Gesammelten Werke, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1979 | Literatur (DEU)

[2] Vgl.: K. P. Liessmann: Sören Kierkegaard zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag, 2002, S.22f. | Literatur (DEU)

[3] Søren Kierkegaard (hrsg.): Furcht und Zittern von Johannes de silentio, in: Hermann Diem, Walter Rest hrsg. Søren Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode, Furcht und Zittern, Die Wiederholung, Der Begriff der Angst. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2005, S.202 | Literatur (DEU)

[4] Vgl. Schriften über sich selbst, S.79, in: Emanuel Hirsch, Gütersloh, 1979 | Literatur (DEU)

[5] Vgl. Hermann Deuser, Markus Kleinert hrsg.: Søren Kierkegaard: Entweder – Oder. Berlin/Boston: De Gruyter, 2017, S.101f | Literatur (DEU)

[6] Søren Kierkegaard (hrsg.): Entweder – Oder von Victor Eremita, in: Philosophische Schriften übersetzt von Christoph Schrempf, Wolfgang Pfleiderer. Frankfurt am Main, 2007, S.25 | Literatur (DEU)

[7] Liessmann, 2002, S.53 | Literatur (DEU)

[8] Kierkegaard, Schrempf, 2007, S.511 | Literatur (DEU)