Narabo - Krankheit der Moderne - Vom Wahnsinn der Wissenschaft - Philosophie

Nichts hat unsere Kultur in so kurzer Zeit mit so viel Wucht geprägt wie die Wissenschaft.

Wir bezeichnen uns selbst als eine Technik- und Informationsgesellschaft, in der man in jedem Lebensbereich den Einfluss der Wissenschaft nicht mehr wegdenken kann. Das Motto der Moderne scheint nun wirklich so zu lauten: Ohne Wissenschaft geht nichts. Doch wir sollten nicht zu leichtsinnig und naiv sein! Die Wissenschaft – völlig egal wie toll sie sein mag – müssen wir auch immer einer kritischen Reflexion unterziehen.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Mein Vorhaben in diesem Artikel
  2. Was als Wissenschaft zu verstehen ist
  3. Was ist hier eigentlich das Problem?
  4. Die Krise: Ökonomisierung des freien Geistes
  5. Ausbeutung der Natur als Antrieb der Moderne
  1. Worum ging es der ursprünglichen Wissenschaft?
  2. Zu was hat sich Wissenschaft heute verwandelt?
  3. Was bedeutet der Begriff Technik?
  4. Wie zeigt sich die stupide Ökonomisierung der Wissenschaft ganz besonders?

Mein Vorhaben in diesem Artikel

Vor jeder Kritik sollte man sich darüber einig sein, was überhaupt kritisiert wird. Das werden wir sofort nach der Einleitung betrachten. Zuvor sollte ich jedoch noch ein weiteres Detail vorne anhängen, nämlich das Ziel oder die Motivation hinter diesem Artikel. Es steht außer Frage, dass die Wissenschaft enorm positive Einflüsse auf unsere Gesellschaft ausgewirkt hat.

Ebenso steht die Komplexität der wissenschaftlichen Arbeit, wie auch die Wichtigkeit vieler Forschungsprojekte außer Frage, die in diesem Augenblick von tausenden Forschern geleitet werden. Was ich davon losgelöst als eine große Pflicht der Philosophie betrachte (die keine Wissenschaft ist), besteht in der kritischen Reflexion der Dinge – ganz besonders der Dinge -, die wir als überaus positiv und akzeptiert wahrnehmen.

Wissenschaften haben das Defizit, dass sie sich selbst nicht reflektieren können. Ein Physiker kann zum Beispiel nicht mit den Methoden seiner Disziplin hinterfragen, ob es eine vom Beobachter unabhängige Außenwelt gibt oder nicht. Jeder Wissenschaftler baut auf einer Basis auf, die er unhinterfragt akzeptiert.

Diese wissenschaftstheoretische Diskussion möchte ich hier eigentlich nicht ausarbeiten. Mir geht es vielmehr darum einen großen Fehler der wissenschaftlichen Praxis mit der Schnittstelle zur Welt des alltäglichen Lebens aufzudecken – ein Fehler, der sich seit vielen Jahren immer schlimmer auch auf unser Leben auswirkt.

Wissenschaft ist heute lange nicht mehr das, was sie ursprünglich einmal war, nämlich die Erforschung der Welt. Leider erkennen wir das verwaschene Ideal der Wissenschaft nur sehr schwer.

Ursprünglich war Wissenschaft doch nichts anderes als die möglichst präzise und wertefreie Beschreibung der Realität, also einfach der Dinge, die man analysieren wollte [1]. Es ging um Erkenntnis. Heutzutage ist das völlig anders und genau hierauf richtet sich dieser Artikel und seine Kritik.

Was als Wissenschaft zu verstehen ist 

In der Einleitung habe ich kurz die Begriffe Technik- und Informationsgesellschaft erwähnt und mit Wissenschaft gleichgesetzt. Außerdem habe ich behauptet, dass wir unsere Kultur auf diese Weise bezeichneten. Letzteres scheint doch ziemlich unkontrovers zu sein. Wir ersticken ja geradezu in Technologie und Information. Darauf möchte ich aber gar nicht hinaus.

Der erste Aspekt ist zentral: darin verbirgt sich das große Dilemma. Wissenschaft ist nicht Technik – zumindest sollte sie das nicht sein.  Doch leider rückt im Zuge der fatalen Technologisierung nun das, was Politisierung und Verwirtschaftlichung der Wissenschaft genannt werden könnte, ins Zentrum der eigentlich wissenschaftlichen Praxis. Moderne Wissenschaft ist also leider doch kaum mehr als Wissenschaft der Technik.

Wissenschaft als Technologie erfüllt die Aufgabe von Herstellungswissen bezüglich der Realisierung von Zielen, die durch Politik und Ökonomie definiert sind.
[3, S.192]

Was ist hier eigentlich das Problem?

Schauen wir doch mal kurz an den Anfang der Wissenschaft. Dieser wird im europäischen Gebiet traditionell mit Anaximander (circa 610 – 547 v. Chr.) festgelegt, da „er es als erster von den uns bekannten Griechen wagte, eine niedergeschriebene Rede über die Natur herauszugeben“ [2]. Mit diesem Zitat haben wir im Grunde schon das Herz der antiken Wissenschaft getroffen. Es dreht sich alles um zwei Punkte:

  1. Zielpunkt: Erforschung der Natur als eine Erkenntniserweiterung
  2. Motivation: Antrieb zur wissenschaftlichen Tätigkeit ist Neugierde

Das Problem dieses gesamten Themas liegt – wie bereits angedeutet – in der Tatsache, dass moderne Wissenschaft nichts mehr mit ihren Wurzeln zu tun hat, obwohl ihr neues Bild weiterhin als das alte ausgegeben wird! Die obigen zwei Aspekte sind im Licht der Moderne zu diesem Paar mutiert:

  1. Neuer Zielpunkt: Gewinnmaximierung / Anpassung an ökonomische Rahmenbedingungen
  2. Neue Motivation: Fortschritt unter Einflussnahme politischer und ökonomischer Faktoren

Bevor ich mit der Erklärung dieser beiden Punkte im Rahmen einer zusammenhängenden Kritik den Schluss ziehe, muss ich noch schnell folgende Klarstellung einfügen. Uns allen sollte bewusst sein, dass Wissenschaft heutzutage unglaublich institutionalisiert ist. Zentren wissenschaftlicher Arbeit sind sprichwörtlich Konzerne.

Klar rückt das stumpfe Erledigen von Administration und Finanzierung in der Hierarchie ohne weiteres in die Nähe der eigentlichen Forschungsarbeit. Das nachfolgende Beispiel verdeutlicht das anschaulich. Wie viel bleibt da wohl noch für Wissenschaft übrig?

Die Krise: Ökonomisierung des freien Geistes

Dass sich auch in der Wissenschaft mittlerweile alles ums Geld dreht, sollte uns an dieser Stelle ins Gedächtnis eingraviert sein. Ich möchte hier gar nicht versuchen, etliche Studien und zahllose Betrugsfälle anzuführen, die erschreckenderweise zeigen wie Forschungsergebnisse von Konzernen aufgekauft und manipuliert wurden.

Die moderne Wissenschaft ist ein Sklave der Wirtschaft und das führt zu In­trans­pa­renz und Unehrlichkeit, ja sogar zu Betrug. Doch es scheint neben solchen Problemen auch ganz andere zu geben, so zum Beispiel die Finanzierung für Forschungen überhaupt zu erhalten. Sehr treffend beschreibt es der Mathematiker Cédric Villani:

Es fiel mir auf, als ich zum ersten Mal an den Veranstaltung des Nobelpreises teilnahm, wie gut sich einige Leute, Nobelpreisträger in Physik und Biologie, präsentierten. Und ich führe das auf die Tatsache zurück, dass sie es schon viele Male für die Finanzierung in ihrer Karriere gegenüber Leuten tun mussten, die wirklich außerhalb ihrer Welt waren, und es war somit für sie sehr wichtig, diese Leute davon zu überzeugen, ihnen zu vertrauen. [5]

Um überhaupt noch Geldmittel zu erhalten, müssen Forscher ihre Arbeiten und Vorhaben so verzerren, dass es für Bänker, Politiker und Geschäftsmänner einen sinnvollen monetären Nutzen zu sehen gibt. Kein Wunder also, dass wir Millionen für die Erforschung von Trivialitäten ausgeben: Neue Handys, sinnlose Designs, alles Technik-Schnick-Schnack, welcher nur Füllstoff für den Markt präsentieren soll.

Ausbeutung der Natur als Antrieb der Moderne

Es ist darauf aufbauend ebenfalls kein Wunder, dass viele Philosophen zum Schluss gekommen sind, die Ideale der Wissenschaft seien verwirkt und damit endgültig durch die Ausbeutung der Natur zum Zwecke des Profits ersetzt worden. Ganz besonders hat dies der deutsche Philosoph Martin Heidegger herausgestellt:

Rückblickend betrachtet war also die ganze neuzeitliche Wissenschaft als experimentelle Wissenschaft nichts anderes als sich in immer stärkerem Maße realisierende technische Wissenschaft, die gegenwärtig in den Zustand der Hybridisierung ihrer selbst und der Technik, das heißt in Technologie übergegangen ist. Über diesen Kontext täuschen wir uns immer wieder, obwohl kein geringerer als Martin Heidegger auf das technische Wesen der neuzeitlichen Wissenschaft aufmerksam gemacht hat. [3, S.191]

Technik ist für ihn synonym mit der Ausbeutung und Unterwerfung der Natur. Dieses Motiv menschlichen Handels erkennen wir heutzutage überall und es ist offensichtlich wieder auf die von Profit und Maximierung ausgerichtete Verwirtschaftlichung zurückzuführen. Wir roden Regenwälder und versklaven arme Nationen für billigere Waren, obwohl wir uns damit selbst zerstören:

Der Mensch ist auf dem Sprunge, sich auf das Ganze der Erde und ihrer Atmosphäre zu stürzen, das verborgene Walten der Natur in der Form von Kräften an sich zu reißen und den Geschichtsgang dem Planen und Ordnen einer Erdregierung zu unterwerfen. Derselbe aufständige Mensch ist außerstande, einfach zu sagen, was ist, was dies ist, dass ein Ding ist. Das ganze Seiende ist Gegenstand eines einzigen Willens zur Eroberung. [4]

Dieser Willen zur Eroberung führt letztlich in die Abwege der Zerstörung. Ökonomisierung der Wissenschaft leistet den allergrößten Beitrag zu unserem selbstverschuldeten Untergang.


Quellen und Verweise

[1] Vgl.: ÖAWI: Österreichische Agentur für Wissenschaftliche Integrität: Akademien der Wissenschaften Schweiz: Wissenschaftliche Integrität – Grundsätze und Verfahrensregeln | Literatur (DEU)

[2] Ferber, Rafael: Der Ursprung der Wissenschaft bei Anaximander von Milet. Theologie und Philosophie, Herder Basel, 1986, 61.Jahrgang, Heft 4, S. 552 | Literatur (DEU)

[3] Meinrad Peterlik: Geist und Wissenschaft im politischen Aufbruch Mitteleuropas: Beiträge zum Österr. Wissenschaftstag 1990 (Studien zu Politik und Verwaltung), Wien, Köln, Böhlau Verlag, 1991 | Literatur (DEU)

[4] Martin Heidegger: Holzwege in GA 5, 8. Auflage. Klostermann, Frankfurt am Main 2003, S. 372 | Literatur (DEU)

[5] Fields-Medal-Preisträger Cédric Villani in Mathematics: Beauty vs Utility – Numberphile, 7-8:30 Min., übersetzt vom Autor | YouTube (ENG)