Narabo - Kritik an der modernen Bildung - Friedrich Nietzsche

Niemand spuckt so heißes Feuer wie Friedrich Nietzsche.

Und wenn man einmal jemanden braucht, der es schaffen soll, jedes beliebige Thema in den Dreck zu ziehen, und in allen Dingen die Fehler zu entlarven, dann ist man bei ihm an der geeigneten Adresse. Was heißt eigentlich Bildung, und was sind die Übel der modernen Bildung? Nietzsche hat eine klare Antwort darauf, was Bildung sein sollte.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Wer war Friedrich Nietzsche?
  2. Was macht wahre Bildung aus?
  3. Bildungsideale
  4. Bildung oder eher Ausbildung?
  5. Was hat Nietzsche zu sagen?
  6. Kritik an der modernen Bildung
  7. Zweck-Bildung – Vier kulturfeindliche Aspekte
  8. Fazit: Veränderung im Kleinen
  1. Welche Grundlagen muss wahre Bildung erfüllen?
  2. Wie verhält sich wahre Bildung zum Schüler?
  3. Welche Kritikpunkte hat Nietzsche gegen die Bildung anzubringen?
  4. In welcher Form steht unsere Technik-  und Fortschrittsgesellschaft zur Bildung?
  5. Welche Aspekte des Mensch-Seins missachtet heutzutage jede Form systematisierter Bildung?

Wer war Friedrich Nietzsche?

Auch wenn ich mich immer stark dafür ausspreche, dass Namen und Daten bei all unseren Betrachtungen nur eine Nebensache spielen sollten, so kommen wir um sie letztlich doch nicht ganz herum. Wir brauchen einfach gewisse Grundkenntnisse, zumindest von den Eckpfeilern und den wichtigsten Rahmenbedingungen aller philosophischen Meilensteine und Persönlichkeiten.

Zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Philosophie gehört unter anderem der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900),  der mit seinem polemischen (also bissigen und aggressiven) Stil und radikalen Ideen die Geschichte der Philosophie unverwechselbar geprägt hat.

Seine stachligen Aussagen sorgten außerdem dafür, dass sein Ruf mit der Zeit durch eine mehr und mehr negative Konnotation behaftet wurde. Ganz besonders seit der Schande des Nationalsozialismus und der furchtbaren Idee der Eugenik¹, die fälschlich noch bis zum heutigen Tage mit seinen berühmten Gedanken zum „Übermenschen“ in Verbindung gebracht werden.

Ob man dem nun Glauben schenkt oder nicht hat für diesen Artikel keine Relevanz. Sein berühmter Ausspruch Gott ist tot! und sein Meisterwerk Also sprach Zarathustra bleiben beide bis heute topaktuell und bilden einen breiten Nährboden für philosophische Diskussionen.

Ich persönlich habe mich schon sehr früh mit Nietzsche als ersten großen Philosophen auseinandergesetzt und kann das eben erwähnte Werk nur empfehlen. Jedoch muss Vorsicht geboten sein: Es ist kein einfacher Bissen, jeweils ideologisch als auch sprachlich. Eine Vertiefung lohnt sich für jeden Interessierten absolut – besonders Atheisten, Rebellen, Schwarzmaler, sowie Anarchisten werden großen Gefallen an ihm finden.

1 Eugenik: Erbgesundheitslehre; negativ bewertete Erbanlagen werden aus dem Gen-Pool der Bevölkerung aktiv herausgefiltert: Menschen mit Behinderungen werden im Sinne der Nazi-Rassenlehre umgebracht.

Was macht wahre Bildung aus?

Nietzsche wählt als Ausgangspunkt seiner Kritik an der modernen Bildung das verseuchte Konzept des Bildungs-Ausbildungs-Dualismus. Darunter versteht man im Grunde den Konflikt zwischen dem was heute in allen Schulen als Bildung verkauft wird, und dem was wahre Bildung in Gegensatz dazu eigentlich sein soll.

Innerhalb seiner Erörterung zur Kritik an der Bildung verwendet Nietzsche einen Negativ-Weg, das heißt eine Annäherung an die Idee von wahrer Bildung dadurch, dass man jene Aspekte kritisiert, die nicht dazu beitragen.

In anderen Worten kann man dies so verstehen, dass wir anfänglich ein gewisses Bildungsideal im Kopf haben, das neben der realisierten Bildung besteht. Wir haben eine Vorstellung davon wie Bildung sein sollte und daneben die Tatsache wie Bildung ist. Letzteres hat durch zahlreiche Einflussfaktoren der Moderne eine dicke Umwälzung und regelrechte Verstümmelung erfahren. Genau dies nennen wir dann die zur Ausbildung verkommene Bildung – ein neuzeitliches Phänomen.

Bildungsideale

Die klassische Bildungsphilosophie versteht den Begriff Bildung nämlich vor allem als Selbstbildung und möglichst harmonische Entwicklung der gesamten Person [1, S.7]. Dagegen dient Bildung in allen Schulen und Universitäten der heutigen Zeit meist zur Ausbildung und zum Erwerb von Kompetenzen und sogenannten Schlüsselqualifikationen.

In den neuzeitlichen Schulen geht es im Kontrast zu einer humanistischen Bildung zunächst nur um Resultate, während das Individuum an sich kaum eine Rolle spielt. Es zählt allein die Möglichkeit der Zweckerfüllung und somit wird nicht danach gefragt, ob ein Mensch durch Bildung ganzheitlich zu einem wahrhaftigen Menschen entwickelt wird, sondern nur, ob er einem kapitalistischen Zweck dienen kann.

Alles dreht sich um die Karriere, den zukünftigen Beruf und die allerbesten Qualifikationen, damit man die täuschende Erfolgsleiter [2] noch ein wenig höher klettern kann. Diese Einstellung ist aus guten Gründen unglaublich gefährlich – und leider ist sie ein großer Fluch auf allen Ebenen unserer heutigen Gesellschaft.

Bildung oder eher Ausbildung?

Ursprünglich ist der Bildungsbegriff verwurzelt in der Freiheit von jeglicher Zwecksetzung und steht demzufolge im Kontrast zur heutigen Auffassung, die viel eher den Namen Ausbildung tragen muss. Ein Mensch wird für etwas hergerichtet, das heißt, er wird für einen Zweck missbraucht:  die Erfüllung gewisser Tätigkeiten mithilfe speziell erlernter Fähigkeiten.

Wie der Wirtschaftsexperte Andreas Popp sehr trefflich sagt, entspricht das Wort Ausbildung treffend der oben geschilderten Realität von moderner Bildung, da es sich „aus“-gebildet hat, das heißt es ist vorbei mit der wahren Bildung – ein schönes Wortspiel.

Genau genommen ist es völlig irrelevant, welche Bezeichnung wir nun verwenden, um das Bildungsproblem zu beschreiben. In einer regen Diskussion [3] der Wissensmanufaktur beschreibt Prof. Tilmann Wick den Ausdruck Ausbildung zum Beispiel als positiv konnotiert.

Ob wir von Ausbildung, falscher Bildung  oder sonst einem Ausdruck sprechen, macht keinen Unterschied, solange uns bewusst ist, dass wir damit immer eine Instrumentalisierung des Menschen meinen, die in einer authentischen Bildung  keinen Platz haben darf.

Bildung als Selbst-Bildung, besteht in dem Versuch, sich selbst zu formen, die eigenen Anlagen zu entwickeln und so ein gelingendes Leben zu führen. [1, S.9].

Moderne Bildung verfällt nur immer mehr in einen Wettkampf, also in noch mehr Entfremdung. Das Ziel bildet eine Abstraktion durch eine Handvoll Zahlen auf Schnörkel-Papier, die uns die Illusion geben, dass wir Kenntnis darüber besitzen, wie gebildet eine Person ist. Nichts anderes sind unsere Zeugnisse am langwierigen Ende des Ausbildungsprozesses. Das Problem ist sehr leicht zu erkennen: Was hat das noch mit wahrer Bildung und dem Streben zur Entwicklung der eigenen Person zu tun?

Was hat Nietzsche zu sagen?

Bereits im 19. Jahrhundert beschreibt Friedrich Nietzsche einen Verfall des Bildungsideals, der zwei Jahrhunderte später nicht an Aktualität verloren hat. Wenn überhaupt, müssen wir heute schlicht einsehen, dass dieser durch die fortschreitenden Symptome der modernen Kultur nur verstärkt wurde.

Es giebt [sic] eine Art von missbrauchter und in Dienste genommener Kultur – man sehe sich nur um! Und gerade die Gewalten, welche jetzt am thätigsten [sic] die Kultur fördern, haben dabei Nebengedanken und verkehren mit ihr nicht in reiner und uneigennütziger Gesinnung. [4]

Nietzsche bezieht sich hiermit auf den treffenden Kritikpunkt der Verzweckmäßigung, den wir im vorherigen Abschnitt bereits teilweise angesprochen haben. Um jedoch alle folgenden Aspekte zur Kritik an der modernen Bildung verstehen zu können, müssen wir uns vorher verdeutlichen, wie Nietzsche das Ziel von Bildung für den Menschen auffasst. Glücklicherweise gibt es in diesem Zusammenhang diese anschauliche Metapher, welche uns das sehr leicht macht:

Jeder Mensch gleicht einem Samenkorn, das je nach der Umgebung unterschiedlich gut oder schlecht gedeiht. Dabei ist diese Umgebung nichts anderes als der kulturelle Rahmen mit all den zugehörigen Ausprägungen. Ebenso wie bei jeder Pflanze, wächst der Mensch hier umso  besser, je förderlicher die Bedingungen sind. Folglich soll der Einzelne in die Lage versetzt werden, über sich selbst und aus seinem inneren Potenzial hinauszuwachsen.

Die Bildung des Individuums ist darüber hinaus ein Selbstzweck und muss also immer außerhalb von jeder Form einer Zweck-Betrachtungen stehen. Geld, Erfolg, Status und Leistungen gehören nicht zum Kern wahrer Bildung. Jeder Mensch soll sich selbst verwirklichen können, ohne sich hierfür rechtfertigen zu müssen. Auf diesem Wege gewinnt der Mensch seine Großartigkeit und trägt zum übergreifenden Gesamtbild der Kultur bei.

Kritik an der modernen Bildung

Da wir nun einige Gedanken zur Essenz der wahren Bildung gesammelt haben, können wir nun weiter zum Kern von Nietzsches Kritik kommen. Wir haben mittlerweile verstanden, dass fehlgeleitete kulturelle Standards jede Bildung behindern und diese gleichzeitig in eine destruktive Richtung verzerren. Nietzsche erwähnt genau vier kulturfeindliche Aspekte funktionalisierter Bildung in seinem Werk Unzeitgemäße Betrachtungen mit welchem seine Kritik ausformuliert wird [5].

Zweck-Bildung – Vier kulturfeindliche Aspekte

1. Aspekt: Selbstsucht der Erwerbenden

Nietzsche erkennt richtig, dass diese Form der Selbstsucht nur im Zusammenspiel mit der Kultur für den Einzelnen zu verwirklichen ist und sich in jenem beliebten Satz und Kettenschluss äußert, der ganz besonders heutzutage als Glück durch Materialismus in der Gesellschaft vertreten wird: möglichst viel Erkenntnis und Bildung, daher möglichst viel Produktion, daher möglichst viel Gewinn und Glück – so klingt die verführerische Formel. [1, S.183]

Wenn man eine Lebenseinstellung für das 21. Jahrhundert  festlegen müsste, dann wäre diese Sentenz wohl eine fabelhafte Wahl. Der moderne Mensch lebt nur für die Versprechungen der Zukunft und erhofft sich daraus eine Erlösung, Glück, Erfüllung – und zwar durch Fortschritt. In einem anderen Artikel bin ich bereits auf dieses Thema hinsichtlich des Buddhismus und Zen zu sprechen gekommen.

Das Glück eines ganzen Volkes ist nach dieser naiven Auffassung exakt mit der Vermögensleistung des einzelnen Bürgers gekoppelt. Je mehr der einzelne Bürger von ebendieser Eigenschaft mit sich bringt, desto besser geht es der Gesellschaft. Nach Nietzsche lautet die konsequente Schlussfolgerung für den Bildungszweck jeden soweit zu fördern als es in seiner Natur liegt, courant zu werden.

Nietzsche bezieht sich hierbei auf die Kurantmünzen, deren Nominalwert durch das Metall, aus dem sie bestehen, gedeckt ist, und überträgt dieses Motiv auf den Menschen. Jeder muss nach dieser Weise gebildet werden, dass er sich selbst den größten Gewinn einbringt.

Der Reinwert eines Individuums wird damit in gesellschaftlicher Wahrnehmung zum größten Teil von seiner puren Leistungsfähigkeit und dem Potential des Geld-Erwerbens geprägt, wobei es die Aufgabe der Bildungsanstalten ist, dieses Potenzial zum Wohle der Wirtschaft zu fördern:

Jede Bildung ist hier verhasst, die über Geld und Erwerb hinaus Ziele steckt – Das Vermögen ist oberstes Prinzip.

2. Aspekt: Selbstsucht des Staates

Der Staat ist in diesem Gefüge von Mensch und Kultur die mächtigste Instanz und besitzt die wirksamsten Kräfte und Werkzeuge, die jedoch in der Ausbreitung der Bildung unter den Bürgern immer nur ihm selbst, im Wetteifer mit anderen Staaten zu Gute kommen.

Gegründet auf dem ersten Aspekt, geht es hier um Wettkampf und Gewinnmaximierung. Der Staat will ja keine glücklichen Menschen, sondern wandelnde Leistungsfabriken für Produktion und Fortschritt.

Demnach wird der Mensch instrumentalisiert, indem er eine für den Staat nützliche und zweckmäßige Funktion erreicht: überall, wo man jetzt von dem Kulturstaat redet, sieht man ihm die Aufgabe gestellt, die geistigen Kräfte einer Generation so weit zu entbinden, dass sie damit den bestehenden Institutionen dienen und nützen können.

In diesem Zusammenhang ist der Begriff der aristokratischen Bildung als Gegensatz zur demokratischen Bildung eine wichtige Ergänzung. Letztere Form der Bildung wird von Nietzsche verachtet, weil sie die „Ausbildung der Subjektivität“ vernachlässigt und mit einer gleichförmigen Mittelmäßigkeit der öffentlichen Schulen ersetzt:

Es steht Niemandem mehr frei, im jetzigen Deutschland seinen Kindern eine vornehme Erziehung zu geben: unsre „höheren“ Schulen sind allesammt [sic] auf die zweideutigste [sic] Mittelmäßigkeit eingerichtet, mit Lehrern, mit Lehrplänen, mit Lehrzielen [6].

Diese im Jahr 1889 in der Götzen-Dämmerung veröffentlichte Aussage könnte kaum aktueller sein, angesichts der Tatsachen, welche die neusten Bildungsreformen zeigen.

3. Aspekt: Selbstsucht der Gesellschaft

Anders ausgedrückt lautet dieser Titel in einer Umschreibung: die Selbstsucht aller derer, welche Grund haben sich zu verstellen und durch die Form zu verstecken. Nietzsche meint mit dem Begriff der Form das Äußerliche, also das „mit Wort, Gebärde, Verzierung, Gepränge, Manierlichkeit“ geschmückte Individuum der Moderne, welches mit diesen den „Beschauer zu einem falschen Schlusse über den Inhalt“ führt.

Das heutige Ziel der Bildung, welches nur auf Noten und Abschlüssen basiert, missbrauchen wir, um Auskunft über einen Menschen zu gewinnen. Ja, gehaltlose Werte und Auszeichnungen steigen dem von Erfolg und Scheinwissen geblendeten Menschen zu Kopf, und machen ihn eingebildet und hochnäsig. Mit dieser Analyse entlarvt Nietzsche unter anderem den Verfall von Bildung zur Illusion des Gelehrt-Seins.

Auch Jahre nach ihm beschreiben die Philosophen Theodor W. Adorno mit der Theorie der Halbbildung und später Konrad Paul Liessmann mit der Theorie der Unbildung diese Feststellung auf ihre eigenen Weisen.

Sie beide identifizieren die moderne Bildung als ein Schauspiel, welches durch exotische Fakten und Einzelwissen eine falsche Gelehrtheit vortäuscht. In diesem Zusammenhang erwähne ich immer wieder gern dieses Beispiel von Konrad Paul Liessmann:

Eine Fernsehsendung vom Typ „Wer wird Millionär“ verbreitet durch ihren unterhaltenden Erfolg das gar bittere Missverständnis, Bildung hätte etwas mit zusammenhanglosem, in einem Quiz abfragbaren Einzelwissen zu tun.
[1, S.7]

4. Aspekt: Selbstsucht der Wissenschaft

Insbesondere die Selbstsucht hat in der heutigen Zeit überproportional an Bedeutsamkeit gewonnen, weil die Wissenschaft zum allgegenwärtigen Weltteil geworden ist. Das Ideal der Bildung zielt nur auf die übermäßige Geistesbildung. Rationalität verbindet sich hiermit in der Wissenschaft zu einer Tugend. Nietzsche beschreibt diesen Zustand zunächst mit einem Vergleich:

Die Wissenschaft verhält sich zur Weisheit, gar wie die Tugendhaftigkeit zur Heiligung: sie ist kalt und trocken, sie hat keine Liebe und weiß nichts von einem tieferen Gefühle des Ungenügens und der Sehnsucht. [1, S.186f.]

Genau diese Eigenschaft überträgt sie ihren Dienern und bewirkt, dass ihre Menschlichkeit gleichsam verknöchere. Das Übel der Wissenschaft besteht in der Einseitigkeit der Rationalität, der Gewohnheit jede Erfahrung einzig in ein dialektisches Frage / Antwortspiel und in eine reine Kopfangelegenheit zu übersetzen. [ebd.]

Das große Maß an Wichtigkeit, das der Wissenschaft in der Lösung von Problemen beigemessen wird, ist eigentlich nicht gerechtfertigt, „da sie am Gewohnten hängt und die Wahrheit nur bei einfachen Dingen oder in adiaphoris zu sagen pflegt.“ [1, S.188].

Der Begriff adiaphoris bezieht sich hier auf Angelegenheiten, die generell in ethischer Hinsicht als neutral gesehen werden. Diese entziehen sich also einer Zuordnung als gut oder böse. So kennen wir eine Reihe von Problemen, die im Allgemeinen in den Verantwortungsbereich der ethischen und religiösen und philosophischen Domäne geschoben werden, weil sie mithilfe der Wissenschaft nicht gelöst werden können.

Gerade diese zeigen sich häufig als die größten globalen Konflikte und Dilemma der Menschheit. Ebenso können Fragen nach dem eigenen Heil nicht durch wissenschaftliche Beobachtungen befriedigt werden. In Summe könnte man sich also unter Betrachtung dieser Perspektive sagen:

So lange unter Kultur wesentlich Förderung der Wissenschaft verstanden wird, geht sie an dem großen leidenden Menschen mit unbarmherziger Kälte vorüber, weil die Wissenschaft überall nur Probleme der Erkenntnis sieht, und weil das Leiden eigentlich innerhalb ihrer Welt etwas Ungehöriges und Unverständliches, also höchstens wieder ein Problem ist. [1, S.186f.]

Fazit: Veränderung im Kleinen

Nietzsche macht es uns mit einer Schlussfolgerung nicht leicht. Seine ganze Kritik endet mit einem vernichtenden Ergebnis: Unsere Gesellschaft sei schon auf so derartig verkümmerte Abwege gekommen, dass sie wahrscheinlich niemals mehr eine organisierte Form wahrer Bildung schaffen werden könne. Die vier erwähnten kulturfeindlichen Aspekte sind viel zu stark in ihre Strukturen integriert.

Nietzsche liefert jedoch auch keine klare Antwort auf die Lösung des Bildungsproblems und macht sich auch keine Mühe eine mögliche Lösung vorzuschlagen. Allein dies scheint mir als eine Herausforderung.

Daher möchte ich das Fazit so als einen persönlichen Handlungsaufruf formulieren, nämlich mit kleinen Schritten gegen das Bildungsproblem vorzugehen – vor allem auf persönlicher Basis. An erster Stelle steht die Einsicht, sich der erwähnten Probleme bewusst zu werden. Darauf aufbauend, können wir unser Handeln ausrichten – wie wir das tun, muss jeder selbst entscheiden.


Quellen und Verweise

[1] Reclam: Was ist Bildung. Eine Textanthologie, herausgegeben von Heiner Hastedt, 2015 | Literatur (DEU)

[2] Vgl.: Artikel über die Gefahr des Erfolgs: Alan Watts und das unsichere Leben | Blog (DEU)

[3] Podcast: Wissen schaffen: Ent-Faltung statt Aus-Bildung | YouTube-Video (DEU)

[4] Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke, Kritische Gesamtausgabe, Berlin, New York 1967ff. Band II/3, 371 | Literatur (DEU)

[5] Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen, Insel Verlag, 1981, Kapitel 30 | Literatur (DEU)

[6] Friedrich Nietzsche: Götzen-Dämmerung herausgegeben von Alfred Kröner, Verlag in Leipzig, 1922, Kapitel 10 | Literatur (DEU)

Empfehlungen

Buch: Bernhard Bueb: Von der Pflicht zu führen. Neun Gebote der Bildung | Literatur (DEU)

Buch: Hartmut von Hentig: Bildung | Literatur (DEU)