Narabo-Mark-Aurel-über-Motivation-und-das-Leben-als-Dienst-für-die-Menschheit-Philosophie

„Du liebst dich eben selbst nicht, sonst würdest du auch deine Natur und deinen Willen lieben.“

So lautet ein berühmter Ausspruch des römischen Kaisers und Philosophen Mark Aurel, den er in seinem der Weltliteratur zugerechneten Werk Selbstbetrachtungen niederschrieb. Tatsächlich bezieht er sich darin auf die Trägheit des Menschen, der oft morgens lieber im warmen Bett bleibt, als tätig und tüchtig zu sein. Wie genau bezieht sich Aurels Aussage zu diesem Laster des Menschen?

INHALT ÜBERBLICK
  1. Kaiser und Philosoph
  2. Aurels philosophische Grundlage: Stoizismus
  3. Stoische Auffassung einer göttlichen Welt
  4. Mark Aurel über die Trägheit des Menschen
  5. Was ist die Natur des Menschen, der er gerecht werden soll?
  1. Wer war Mark Aurel und warum ist er bis zum heutigen Tag so bedeutend?
  2. Was sind zwei wichtige Leitsätze des Stoizismus?
  3. Wie antwortet Aurel auf die Faulheit und Trägheit des Menschen?
  4. Was ist die Aufgabe des Menschenlebens?

Kaiser und Philosoph

In Mark Aurel (121-180) verkörperte sich eine eigentümliche Kombination. Schließlich war er von 161 bis zu seinem Tode römischer Kaiser und als bodenständiger Philosoph zufälligerweise auch der letzte bedeutende Vertreter der jüngeren Stoa. Es war auch gerade diese Zusammenkunft aus Macht und Weisheit, die ihm Lob, Bewunderung und Ehre einbrachte. [1]

Im Gegensatz zu anderen römischen Kaisern hatte dieser nämlich nicht die Verblendung an sich gehabt, irgendein Gottmensch zu sein, sondern ganz im Gegenteil trug Aurel seine Menschlichkeit voll und ganz als äußeres Wappen. So ermahnte er sich oftmals nicht dem Übel der Macht zu unterliegen:

Sieh zu, daß du nicht verkaisert werdest! Nimm einen solchen Anstrich nicht an, denn es geschieht so leicht. Erhalte dich also einfach, gut, lauter, ernsthaft, prunklos, gerechtigkeitsliebend, gottesfürchtig, wohlwollend, liebreich und standhaft in Erfüllung deiner Pflichten. Ringe danach, daß du der Mann bleibest, zu dem dich die Philosophie bilden wollte. Ehre die Götter; fördere das Heil der Menschen! [2, V, 30]

So bescheiden wie Aurel von sich selbst sprach, so bescheiden war er auch in seinen politischen Hoffnungen. Er war keinesfalls dem Gedanken ergeben, dass gerade er als großer Kaiser das gesamte Imperium werde auf einen Schlag verändern können. Ihm war es nicht um Größe zu tun, sondern um eine Verbesserung der tatsächlichen Umstände, wenn auch nur in kleinen, aber bestmöglichen Schritten:

Einem reißenden Strome gleicht die Urkraft des Weltganzen, sie führt alles dahin. Wie unbedeutend dagegen die Taten der Menschenkinder, womit sie als Staatsmänner oder gar als Philosophen aufzutreten wähnen! Wie eitel Schaum! Aber was nun, lieber Mensch? Tue, was gerade jetzt die Natur von dir fordert!

Strebe, wenn dir ein Gegenstand des Strebens gegeben wird, und blicke nicht um dich, ob es einer auch erfahren werde. Hoffe auch nicht auf einen platonischen Staat, sondern sei zufrieden, wenn es auch nur ein klein wenig vorwärts geht, und halte auch einen solchen kleinen Fortschritt nicht für unbedeutend. [2, XI, 29]

Aurels philosophische Grundlage: Stoizismus

Um verstehen zu können, wie Aurel die Faulheit des Menschen zu adressieren versucht, müssen wir einen kurzen Blick in seine Philosophie werfen. Wie bereits erwähnt, war Aurel Stoiker und damit Anhänger, aber vor allem auch Mitgestalter einer der wichtigsten, wirkungsmächtigsten antiken Lebenshaltungen.

Im Kern der stoischen Lehre stehen zahlreiche Prinzipien, von denen uns hier nicht alle zu interessieren brauchen. Es reichen im Grunde genau zwei Kernaspekte aus: erstens die Gesetzmäßigkeit und Gutheit der Welt bzw. Natur und zweitens die Möglichkeit eines gelungenen Lebens durch Vernunft. Zum Letzteren kann man Folgendes sagen:

„Einzig dem Menschen als Vernunftwesen ist es gegeben, die göttlichen Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und sich in bewusstem Handeln nach ihr zu richten. Naturgemäßes Leben ist daher das große Schlüsselwort der stoischen Ethik.

Da der Mensch nun, wie es bereits in der aristotelischen Auffassung (Ergon-Argument) hervorgeht, der Natur nach ein Vernunftwesen ist, bedeutet ein naturgemäßes Leben dasselbe wie ein vernunftgemäßes Leben.“ [3]

Da die stoische Welt voll von Gesetzmäßigkeit ist und zudem ja mit der menschlichen Vernunft verstanden werden kann, gibt es so etwas wie einen Welt-Zweck, eine Ausrichtung auf ein Ziel. [ebd.]

Stoische Auffassung einer göttlichen Welt

Der erste Grundsatz ist zwar weniger gut begründet, aber dafür umso wichtiger für die Stoiker und ihre Lebensart. Schließlich wird der zweite hier erwähnte Aspekt aus dem ersten, nämlich der Gesetzmäßigkeit sowie Gutheit der Welt, gefolgert. Ich möchte an dieser Stelle nicht eine philosophische Argumentation für diese Stellung aufgreifen, denn das würde nur das Thema verfehlen.

Für die nachfolgenden Textstellen ist einfach wichtig zu begreifen, dass die Stoiker in der Natur nicht geringeres als Gott sahen. Natur war in ihren Augen absolut perfekt, sinnvoll und gerecht. Es galt dies in und für das eigene Leben zu implementieren und sich dieser Einstellung anzunehmen. Eine Konsequenz davon lautet:

Ein gutes Leben ist ein Leben ohne Hoffnungen und Ängste, das Leben, das mit dem, was ist, versöhnt ist, eine Existenz, die die Welt so akzeptiert, wie sie ist. [4]

Mark Aurel über die Trägheit des Menschen

Aurels Antwort auf die Faulheit im Menschen ist ein Appell an die Gesetzmäßigkeit und Tugend im Leben. Wir alle sind eingebettet in einen sozialen Kontext, in Handlungsabsichten und Zukunftspläne, ja in das Naturgeschehen als Ganzes. Da kann man als Stoiker dem Faulenzer nur wie folgt antworten:

Wenn du des Morgens so träge aufstehst, so laß dir den Gedanken zur Hand sein: «Ich erwache, um als Mensch zu wirken.» Was soll ich nun verdrießlich sein, wenn ich hingehe, zu tun, weshalb ich geboren und wozu ich in die Welt eingeführt bin? Oder bin ich dazu geschaffen worden, um auf meinem Lager (Bett) liegend mich zu wärmen? 

Aber wozu um alles in der Welt soll ich tugendhaft sein, wozu Ideale haben und mich meiner Lust entbehren? Das alles sind durchaus Fragen, die sich viele Menschen – die gesamte Geschichte der Zivilisation hindurch – gestellt haben. Ihre Ausflucht lautet ganz einfach: «Aber das ist angenehmer.» Aurel entgegnet dem schlicht:

Du bist also zur Lust geboren und gar nicht zur Tätigkeit? Siehst du nicht, wie all die Pflanzen, die Sperlinge, die Ameisen, die Spinnen, die Bienen ihr eigentümliches Geschäft verrichten und jedes in seiner Art die Welt zieren helfen? Und da willst du keine menschliche Tätigkeit üben und dem deiner Natur gemäßen Ziele nicht zustreben?

«Aber man muß doch auch ausruhen?» Freilich muss man das. Indes hat auch hierin die Natur ein bestimmtes Maß gegeben, wie sie beim Essen und Trinken ein solches gegeben hat. Und doch willst du über das Maß, über das Bedürfnis hinausgehen? Nicht so in den Äußerungen deiner Tätigkeit; hier bleibst du vielmehr innerhalb der Grenzen des Möglichen stehen.

Du liebst dich eben selbst nicht, sonst würdest du auch deine Natur und deinen Willen lieben. [2, V, 1]

Was ist die Natur des Menschen, der er gerecht werden soll?

Doch was meint Mark Aurel genau, wenn er hier von der Natur des Menschen spricht? Ganz einfach: Unsere Natur besteht darin, ein Leben im Dienst zu leben – anderen zu helfen und so zur Welt beizutragen. Als Kaiser eines der größten Imperien der Geschichte beweist Aurel mit diesem Menschenbild, das er vor allem auf sich selbst bezieht, höchste altruistische Ideale, die uns bis zum heutigen Tag ein Vorbild sein können.

Schlussendlich können wir Aurels stoischen Grundsatz über Motivation und ein Leben im Dienst der Menschheit mit einem seiner, zumindest nach meiner Ansicht, schönsten Aphorismen wohl am besten auf den Punkt bringen – es ist ein großartiger Leitfaden für das ganze Leben:

Was ist es also, worauf wir unsere ganze Sorge lenken müssen? Nur das eine: eine gerechte Sinnesart, gemeinnütziges Handeln, beständige Wahrheit im Reden und eine Gemütsstimmung, alles, was uns zustößt, mit gelassener Ergebung hinzunehmen wie eine Notwendigkeit, eine bekannte Sache, die mit uns einerlei Quelle und Ursprung hat. [5]


Quellen und Verweise

Titelbild: Von Barnos, Der Kaiserphilosoph in der Öffentlichkeit (Reliefausschnitt, Kapitolinische Museen) [CC BY-SA 3.0 de , CC BY-SA 3.0], über Wikimedia Commons

[1] Vgl.: Cornelius Motschmann: Die Religionspolitik Marc Aurels. Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2002, S. 11 | Literatur (DEU)

[2] Marc Aurel: Selbstbetrachtungen. Wege zu sich selbst, übersetzt von C. Cleß, Nikol, Hamburg, 5. Auflage, 2015 | Literatur (DEU)

[3] Artikel: Einführung in die Philosophie der Stoa | Blog (DEU)

[4] Luc Ferry: Leben lernen: Eine philosophische Gebrauchsanweisung, Verlag Antje Kunstmann, 2007, S.60 | Literatur (DEU)

[5] Mark Aurel IV, 33; zitiert nach der Übertragung von Albert Wittstock: Marc Aurel: Selbstbetrachtungen. Reclam, Stuttgart 1949; Nachdruck 1995, S. 52 | Literatur (DEU)