Narabo - Massenpsychologie - Der Mensch als Menge - Gustave Le Bon

Unsere Gesellschaft ist auf Verallgemeinerung ausgelegt – die Menschheit ist eine Masse.

Wir leben in einer Demokratie, stehen unter dem Namen verschiedener Gruppen und sind auch in der digitalen Welt kein Individuum, sondern eine Vielheit. Wie funktionieren und agieren jedoch die Zusammenschlüsse von Menschen, wenn diese an sich immer nur als Subjekte auftreten können?

INHALT ÜBERBLICK
  1. Das Verschwinden des Subjekts
  2. Politik kennt keine Menschlichkeit
  3. Ein gleichförmiger Brei
  4. Ursprünge der Massenpsychologie
  5. Die Massenseele – Was kennzeichnet eine Masse?
  6. Die Eigenschaften der Masse
  7. Verantwortung und Anonymität der Massen
  8. Das Unbehagen in der Kultur
  1. Welche Stellung nimmt der Einzelne in unserer heutigen Gesellschaft ein?
  2. Durch welche Kennzeichen charakterisiert sich eine psychologische Masse?
  3. Welche Eigenschaften tragen Massen?
  4. In welchem genauen Verhältnis steht der Einzelne zur psychologischen Masse?
  5. Warum kommt es zur Massenbildung?

Das Verschwinden des Subjekts

Das vergangene Jahrhundert ist unterm Strich ein einziges erschreckendes Beispiel dafür, welche Auswirkungen Massen haben und wie diese wirken können. Besonders natürlich in Hinblick auf deren Ausnutzung, d.h. an erster Stelle hinsichtlich eines politisch-ideologischen Missbrauchs und der damit verbundenen Zerstörungskraft.

Lange Zeit haben kluge Köpfe der Menschheitsgeschichte damit verbracht, solche Wirkungsweise von Gruppen zu untersuchen, denn bekannt sind diese Phänomene seit Anbeginn der Kultur. Wir brauchen uns nur an persönliche Erlebnisse von Gruppen zu erinnern und können so beispielsweise schnell an ein randvolles Fußballstadion denken, um nachvollziehen zu können was hierbei gemeint ist.

Altertümliche Staatensysteme basierten für gewöhnlich auf der autoritären Idee einer Monarchie, Aristokratie oder Oligarchie – also stets auf der Herrschaft einer kleinen Gruppe, nicht zuletzt bedingt durch die vielzähligen Gründe des Misstrauens gegenüber der Masse und ihrer Eigenschaften. Unter einer solchen Herrschaft gedeihten strikte Hierarchie, Gehorsam und Strafverfolgung in ihrer Blütezeit.

Politik kennt keine Menschlichkeit

Seit vergleichsweise wenigen Jahren ist dies jedoch an vielen Orten der Welt nicht mehr der Fall. Die politischen Systeme und die Möglichkeiten des Bürgers haben sich beträchtlich gewandelt. Vor allem dürfen wir den starken Verbindungsknoten zwischen Subjekt und Politik, nämlich den gravierenden Einfluss der Massenmedien niemals unterschlagen. In derselben Weise beschreibt neuzeitliche Politik ein Massenschauspiel.

Die Politik kennt den einzelnen Menschen nicht Ansatzweise, sondern immer nur das Kollektiv.

Abseits politischer Systeme erfahren wir die Entwicklungen der Globalisierung als ein weiteres Massenphänomen. Diese Entwicklung zu einer immer mehr und mehr verflochtenen Welt als Konsequenz einer beständig wachsenden Verallgemeinerung innerhalb von Politik, Wirtschaft, Umwelt und Kommunikation bildet sogar den Grundstein der Kultur des 21. Jahrhunderts.

Es scheint, es gäbe den einzelnen Menschen gar nicht mehr – alles was uns heutzutage bleibt, fällt unter das Schlagwort der Gruppen.  Wir sind sogar zu einer neuen Klassifizierung des Menschen als homo sociologicus gekommen, welche diesen als ein durch die Gesellschaft gerechtfertigtes Herdentier charakterisiert.

Ein gleichförmiger Brei

Diese und ähnliche Tendenzen eines Verfalls der Subjektivität haben auch viele Denker der späten Neuzeit gespürt, darunter zum Beispiel Søren Kierkegaard. Der dänische Philosoph erkannte diese Entwicklungen vor allem in der biederen und verträumten Gesellschaft seiner Zeit als auch in dem leblos gewordenen Scheinchristentum, das nur noch zu selbstgefälligen formellen Predigten degradiert ist.

Für Kierkegaard war nun dieser Verfall ein äußerst kritisches Problem, da gerade das Begreifen und Umarmen der Subjektivität durch den einzelnen Menschen die Möglichkeit einer wahren Freiheit und waschecht-authentischen Verantwortung hervorbringt, die nunmehr einfach verfaulte.

Das Resultat ist eine hochaktuelle Eigenheit unserer modernen Gesellschaft, die sich darin offenbart, dass niemand die Schuld an irgendwelchen negativen Ereignissen (z.B. Umweltverschmutzung) tragen will, aber die Welt dennoch durch solche Katastrophen langsam zerstört wird.

Die Faktizität der Menge, die Ansammlung der Vielen, degradiert den Einzelnen zu einer vernachlässigbaren Größe, zu einem Moment, Bruchteil einer Summe, die ihm alle Eigenständigkeit nimmt. [1]

Grob gesprochen, kann man den Ursprung dieser Entwicklungen, die den Unterbau unserer heutigen Kultur und Gesellschaft bilden, auf das 19. Jahrhundert datieren.  Wie bereits erwähnt, kam es diesbezüglich zu einer ersten fatalen Krise zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen mit den beiden Weltkriegen.

Ursprünge der Massenpsychologie

Diese Einführung war nötig, um zu verstehen wo ich jetzt ansetzen will. Wir beginnen mit der wohl ersten klaren Ausarbeitung einer Massenpsychologie im modernen Sinne. Mit seinem Werk „Psychologie der Massen“ (1895) setzte der französische Sozialpsychologe Gustave Le Bon (1841-1931) in jenem Gebiet den ersten Baustein und beeinflusste damit unter anderem Sigmund Freud und Max Weber.

Wenn wir uns im Folgenden nun mit Le Bons Thesen konfrontieren, müssen wir die zeitliche Situation unbedingt beachten, denn schließlich ist sein Hauptwerk zur Massenpsychologie bereits über 100 Jahre alt und entstand in einer politisch turbulenten Atmosphäre. Trotzdem bleiben seine Aussagen, abgesehen von einigen Anpassungen durch die moderne Psychologie, eine bedeutende Quelle für das Verständnis von Massen und ihren Antrieben.

Die Massenseele – Was kennzeichnet eine Masse?

Le Bon stellt gleich zu Beginn seiner Schrift heraus, dass der Begriff Masse in der Psychologie nicht das ausdrückt, was im herkömmlichen Sprachgebrauch gemeint wird. Unter einer Menschenmasse verstehen wir beispielsweise einfach eine mehr oder weniger zufällige Ansammlung verschiedener Personen – das reicht aber noch lange nicht für eine psychologische Masse.

Eine psychologische Masse besteht unter bestimmten (und nur unter bestimmten) Umständen und besitzt völlig eigentümliche Eigenschaften, die von der Summe der Einzelattribute jedes Subjekts unabhängig sind.

Das Überraschendste an einer psychologischen Masse ist nun: welcher Art auch die einzelnen sein mögen, die sie bilden, wie ähnlich oder unähnlich ihre Lebensweise, ihre Beschäftigung, ihr Charakter oder auch ihre Intelligenz ist, durch den bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen sie eine Art Gemeinschaftsseele, vermöge derer sie in durchwegs anderer Weise fühlen, denken und handeln, als jedes von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde. [2, S.32]

Diese Beobachtung belegt Le Bon an zahlreichen Beispielen, die wir, wenn wir wollten, auch selbst mit Leichtigkeit in unserem Alltag wiederfinden könnten. Eines möchte ich kurz anführen: Le Bon spricht exemplarisch davon, dass Menschen durchweg verschiedene Zeugenberichte ablegen, und zwar einmal wenn sie allein sind und andererseits wenn ein Einzelner in einer Zeugen-Gruppe aussagt.

Die Eigenschaften der Masse

Ein zentraler Aspekt in der Massenpsychologie Le Bons stellt der Dualismus zwischen Kultur, Vernunftmäßigkeit und Bewusstheit im Gegensatz zur Barbarei, Triebhaftigkeit und dem Unbewussten dar. Psychologische Massen haben nach Le Bon eine prinzipielle Neigung zum Letztgesagten, also zur Barbarei, Triebhaftigkeit und Unbewusstheit.

Die Masse ist der Spielball aller äußeren Reize, deren unaufhörlicher Wechsel sie widerspiegelt. Sie ist eine Sklavin der empfangenen Anregungen. [2, S.41]

Dies begründet sich in der Tatsache, dass die Masse stets nur im Inbegriff des Affekts handeln kann, weshalb die Massenseele keine Fähigkeit zur Vernunft besitzt, sondern nur von den Empfindungen gelenkt wird, die allesamt deshalb zustande kommen und Einfluss nehmen können, weil diese auf einer fundamentalen tierischen Ebene der Psyche basieren. Die Hauptmerkmale des Einzelnen in der Masse sind:

1. Schwinden der bewussten Persönlichkeit

In der Masse geht das Subjekt verloren. Es gibt kein Ich mehr, sondern lediglich ein Wir. Der einzelne Handelnde verfällt zu einem Niemand. Auf dieses wichtige Kriterium werden wir später in Bezug auf Sigmund Freud noch im Detail eingehen.

2. Vorherrschaft der unbewussten Persönlichkeit

Die Einzelnen vereinen sich passiv also auf indirekte Weise unter einem gemeinsamen Banner. Die Massenseele wird zum Prinzip der Masse. Plötzlich treten in den einzelnen Individuen neue, verborgene Eigenschaften auf, die nur unter den Umständen der Massenbildung auftauchen.

3. Vorherrschaft des unbewussten Wesens

Die Masse hat absolut keine Fähigkeit zur Vernunft. Nach Le Bon ist sie sogar absolut irrational und willkürlich. Der Einzelne degradiert auf ein triebhaftes, von Reizen gelenktes Wesen – ein tierischer Zustand kommt so zum Vorschein. Aus dem Verlust der Vernunft leitet sich eine gewaltige Leichtgläubigkeit sowie Beeinflussbarkeit ab. Der tierische Zustand bewirkt eine hohe Erregbarkeit und ein starkes Aggressionspotenzial.

Ferner steigt durch die bloße Zugehörigkeit zu einer organisierten Masse der Mensch mehrere Stufen auf der Leiter der Zivilisation herab. In seiner Vereinzelung war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Barbar, das heißt ein Triebwesen. Er besitzt die Spontaneität, die Heftigkeit, die Wildheit sowie den Enthusiasmus und Heroismus primitiver Wesen. [2, S.38]

4. Leitung der Gedanken und Gefühle 

In der Masse verändern sich die primären Gedanken in der Ausrichtung auf einen gemeinsamen Vorsatz durch Beeinflussung und Übertragung in der gleichen Richtung. Dies geschieht durch eine induktive Ansteckung und durch eine der Masse innewohnenden Gruppendynamik.

In der Menge ist jedes Gefühl, jede Handlung ansteckend, und zwar in so hohem Grade, dass das Individuum leicht sein persönliches Interesse dem Gesamtinteresse opfert. [2, S.36]

5. Neigung zur unverzüglichen Verwirklichung der eingeflößten Ideen.

Die Masse ist impulsiv und nur innerhalb ihrer Entstehungsumstände beständig, es sei denn, sie wir durch Einflüsse und Reize immer wieder verstärkt. Solch ein Verhalten beruht auf der Triebhaftigkeit des Einzelnen innerhalb einer Masse: Das Individuum ist nicht mehr es selbst, es ist ein willenloser Automat geworden. [2, S.37f.]

Verantwortung und Anonymität der Massen

Besonders spannend wird die Massenpsychologie, wenn wir nach dem Warum fragen: Warum wird der Einzelne zum Mitläufer einer Masse, oder aus welchem Grund will er es werden – warum entsteht überhaupt eine Masse? Den folgenden Aspekt der Massenbildung teilt auch Sigmund Freud, der übrigens auch viele andere von Le Bons Vorschlägen übernahm.

Die Ursache besteht darin, dass das Individuum in der Masse schon allein durch die Tatsache der Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht erlangt, welches ihm gestattet, Trieben zu frönen, die es allein notwendig gezügelt hätte.
Es wird dies nun um so weniger Anlass haben, als bei der Anonymität und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse das Verantwortlichkeitsgefühl, welches die Individuen stets zurückhält, völlig schwindet.
[3]

Das Unbehagen in der Kultur

Sigmund Freud (1856-1939) ergänzt Le Bons Theorie durch ein weitaus fundamentaleres Prinzip, das auf der natürlichen Triebhaftigkeit des Menschen beruht: Der Konflikt zwischen Individuum und Kultur.

Genau wie Le Bon beschreibt auch Freud, dass in den Massen der Einzelne ein Gefühl unendlicher Macht erlangt, welches ihm gestattet, Triebe auszuleben, die er als Individuum hätte zügeln müssen [3]. Dieses Machtgefühl und die gewonnene Sicherheit ermöglichen es dem einzelnen Individuum, als Teil einer Masse anonym zu bleiben und aus dieser Sicherheit zu schöpfen.

Für Freud bedeutet dieser Gewinn an Sicherheit immer auch einen groben Verlust:

Der Kulturmensch hat ein Stück Glücksmöglichkeit ein kleines Stück Sicherheit eingetauscht.

Diese Thematik erörtert Freud in seinem Essay Das Unbehagen in der Kultur (1930) [4], in dem er den starken Gegensatz zwischen der Kultur und den Triebregungen des Menschen behandelt. Die Kultur sei immer mehr bestrebt, größere soziale Einheiten zu bilden.

Hierzu schränke sie die Befriedigung sexueller und aggressiver Triebe ein, die auf den tiefsten und stärksten Ebenen der menschlichen Psyche verankert sind. Das Individuum muss einen Teil der Aggression in der Form schwerer Schuldgefühle auf sich selbst zurückwerfen oder wird durch die Kultur vielmehr dazu gezwungen.

Wenn die Kultur nicht allein der Sexualität, sondern auch der Aggressionsneigung des Menschen sehr große Opfer auferlegt, so erfassen wir es nun viel besser, dass es dem Menschen schwer wird, sich in ihr beglückt zu finden. [4]

Zusammenfassend gilt: Die Kultur sei eine Quelle des Leidens. Ihre voranschreitende Entwicklung führe zu einem wachsenden Unbehagen. Das Individuum kann durch die Massenbildung diesem Leiden temporär entgegentreten, indem es zu einem Machtgefühl kommt und in es die kurzweilige Lage versetzt wird, seine natürlichen aggressiven Triebe auszuleben. Freud beendet seinen Essay mit einem bemerkenswerten und erschreckenden Schlusswort:

Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden.
[4, S.136]


Quellen und Verweise

[1] Konrad Paul Liessmann: Sören Kierkegaard zur Einführung, Junius, 2002, S.29 | Literatur (DEU)

[2] Gustave Le Bon: Psychologie der Massen, Nikol Verlag, 2014, übersetzt von Rudolf Eisler | Literatur (DEU)

[3] Vgl.: Sigmund Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse, Nikol Verlag, 2015, S.11f. | Literatur (DEU)

[4] Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur, Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien, 1930, S.86 | Literatur (DEU)

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