Narabo-Philosophie-Michel-de-Montaigne-über-die-Einsamkeit

„In der Einsamkeit kannst du dir selber eine große Gesellschaft ersetzen“, lehrt uns Montaigne.

Neben seiner Position als skeptischer Philosoph, Humanist sowie Jurist, wird Michel de Montaigne (1533 – 1592) außerdem als maßgeblicher Begründer der modernen Essayistik angesehen. In einem seiner vielen Essais lässt er seinen Gedankenstrom um das Thema der Einsamkeit kreisen und zeigt uns einige spannende Einsichten in diesen Kernaspekt menschlichen Lebens.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Der Essay als Gedankenfluss
  2. Treibt uns der Ehrgeiz zur Einsamkeit?
  3. Einsamkeit als Flucht vor Einflussnahme
  4. Ist Einsamkeit ein Weg der Befreiung?
  5. Konfrontation mit der eigenen Person
  6. Einsamkeit heißt: Bei-Sich-Selbst-Sein
  1. Welchen Stil prägt Montaigne mit seinen Essais?
  2. Wie hängen Ehrgeiz und Einsamkeit zusammen?
  3. Ist der Wille zur Einsamkeit nicht als Flucht vor Einflussnahme zu deuten?
  4. Welche durchaus positive Wendung kann man der Einsamkeit entnehmen?

Der Essay als Gedankenfluss

Um Montaignes Schriftstellerei verstehen zu können, muss man den Begriff des Essais entgegen einer modernen Tendenz vorerst richtig einordnen. Aus heutiger Sicht erscheint unter dem Begriff des Essais die mehr von einem wissenschaftlichen Stil beeinflusste analytische Form, die man zur Abgrenzung besser in der  englischen Variante Essay bezeichnet.

Ein Essay wie er bei Montaigne zu finden ist, erhebt dagegen nicht zwingend den Anspruch ein Problem zu lösen oder anhand einer klaren These zu argumentieren. Der wesentliche Hintergrund eines Essais im montaignschen (klassischen) Sinne ist der Gedankenfluss, der einen Denkprozess unvoreingenommen aufs Papier projiziert.

Ausgehend davon muss uns klar sein, dass nicht nur ein Gedanke zum Thema Einsamkeit in unserer Beschäftigung mit diesem Teilstück des Œuvres, das uns einer der bedeutendsten französischen Philosophen hinterlassen hat, im Mittelpunkt des Geschehens posiert.

Ganz im Gegenteil wird es in diesem Artikel von einer ganzen Reihe von Fragmenten rund um Einsamkeit die Rede sein – vor allem werden wir noch sehen, dass Montaigne weitaus mehr in den Begriff der Einsamkeit packt, als wir gewöhnlich darin sehen wollen. Schauen wir uns nun drei Inhalte des Essais genauer an.

Treibt uns der Ehrgeiz zur Einsamkeit?

Ganz erstaunlich ist bereits der erste Paragraph, der ironisch mit folgendem Spruch beginnt: ›Wir sind nicht für unsere Einzelinteressen, sondern für die Allgemeinheit da‹, worauf Montaigne kritisch bemerkt, dass wohl nur Ehrgeiz und Habsucht damit ihre Blöße abdeckten [1, S.127].

Man muss sich ganz besonders in unserer modernen von Hektik erschlagenen Gesellschaft fragen, „ob nicht, im Gegensatz zu dem Sinn des schönen Spruchs, Stellung, Amt und berufliche Plackerei hauptsächlich erstrebt wird, um aus dem Dienst an der Allgemeinheit einen privaten Nutzen zu ziehen.“ [ebd.]

Dieser private Nutzen scheint offensichtlich zu sein, weshalb Montaigne seiner Frage mit Zustimmung entgegnet: „Die üblen Mittel, die heutzutage angewendet werden, um Karriere zu machen, beweisen nun geradezu, daß keine ehrlichen Absichten dahinterstehen.“ [ebd.]. Naheliegend scheint demnach die Frage und ihre bittere Antwort:

Treibt uns der Ehrgeiz zur Einsamkeit? Die Antwort muss lauten: Ja! Denn was ist ihm mehr zuwider als Gemeinsamkeit? [ebd.]

Worauf Montaigne hier in modernen Worten anspielt, möchte ich als Ellenbogen-Gesellschaft und Erfolgskult bezeichnen. Unser immer stärker werdender Ehrgeiz nach Reichtum, Status, Macht und dergleichen sorgt für Entmenschlichung. Aus diesem Grund werden wir kraft unserer eigenen Bestrebungen vereinsamt.

Wir sollten uns daher ernsthaft diesen klugen Fragen Jiddu Krishnamurtis stellen:

Warum sind wir ehrgeizig? Warum wollen wir Erfolg haben, jemand Besonderer sein und warum kämpfen wir uns so verbissen nach oben? Welchen Sinn hat dieses Streben, sich zu behaupten und bestätigt zu sehen, sei es unmittelbar, sei es durch eine Ideologie oder durch den Staat? Ist dieses Streben nach Selbstbehauptung nicht die erste Ursache unserer Konflikte und Wirrnisse? [4]

Einsamkeit als Flucht vor Einflussnahme

Einen vollkommen anderen Teilaspekt der Einsamkeit spricht Montaigne im Zuge der Loslösung von äußeren Einflussnahmen an. Schließlich lässt sich das Wort ‚einsam‘ nicht bloß in der negativ konnotierten modernen Auffassung verstehen, sondern auch in einer positiven Prägung, wie es uns die Etymologie zeigt.

Ursprünglich bezeichnete das althochdeutsche einsamana den Begriff Einheit/Einigkeit und sogar Luther hat ihn dergestalt verwendet [5]. Man könnte also durchaus im Sinne der alten Bezeichnung von Einsamkeit, das Ein-sam-Sein als Mit-Sich-Selbst-Sein auffassen. Sehr gut erkennen wir dies anhand allerlei äußerer Einflüsse:

Überall kann man recht und unrecht handeln; doch ist Ansteckung jedenfalls bei Menschenansammlungen sehr gut möglich, wenn der Ausspruch des Bias richtig ist: ›Das Böse ist auf der Seite der Mehrheit‹, oder […] ›Von tausend ist nicht einer gut.‹ [1, S.128]

Den Bösen muß man sich entweder angleichen oder sich grollend von ihnen abwenden; beides ist gefährlich; sowohl sich den anderen anzugleichen, weil es Vertreter der Masse sind, als auch die Abwendung zu verallgemeinern, weil doch nicht alle gleich schlecht sind. [ebd.]

Um diesen Konflikt zwischen Einflussnahme und Authentizität lösen zu können, benötigt der Mensch die Fähigkeit und Kraft zu jener Kunst, die da heißt, sich selbst zu gehören. In diesem Sinne spricht Montaigne den Weisen als ein Beispiel für diesen Charakter an, der zwischen Innerlichkeit und Äußerlichkeit zu vermitteln versucht:

Der Weise kann sich überall wohlfühlen, auch allein, und auch unter der Menge in einem Schloß. Aber wenn er die Wahl hat, weicht er ihr lieber aus; wenn es sein muß, erträgt er sie, aber wenn er kann, wählt er die Einsamkeit. Der Kampf mit dem inneren Bösen ist noch nicht gewonnen, so fühlt er, wenn er noch mit dem Bösen von außen kämpfen muß. [ebd.]

Ist Einsamkeit ein Weg der Befreiung?

Kann man den Prozess der Loslösung nicht auch gänzlich anders auffassen, als es in der Flucht vor Einflüssen eben geschildert wurde? Natürlich kann man das. Montaigne erklärt in seinem Essai noch eine weitere Differenzierung der Einsamkeit, nämlich jene Form, die zum glücklichen Leben führen soll:

Das Ziel, das mit der Absonderung verfolgt wird, ist doch offenbar, mit mehr Muße und mehr Behagen zu leben. Aber der Weg dahin ist nicht immer der richtige. Oft bildet man sich ein, man hätte sich von der Plackerei freigemacht und hat sich doch nur eine andere aufgeladen. [1, S.128]

Wir finden ebendiese Einstellung oftmals in der antiken Philosophie, in der Scholastik und sonst immer wieder im Themenkreis der Glückseligkeit. Wahres Glück muss auf einem gewissen Maß der Einsamkeit gründen. Man muss sich in gewisser Hinsicht tatsächlich absondern, um zum Glück zu kommen. Dabei geht es jedoch nicht bloß um die Absonderung von äußeren Umständen, denn …

… die Hauptquälgeister unseres Leben sind wir deshalb noch nicht los, weil wir unsere Tätigkeit bei Hofe oder im Geschäft aufgegeben haben. Sie bleiben doch immer bei uns, auch wenn wir fortgehen: Ehrsucht, Geiz, Angst und Begehrlichkeit, Unentschlossenheit. [ebd.]

Konfrontation mit der eigenen Person

Nicht umsonst hat man den klugen Spruch geprägt, dass man niemals von sich selbst davonlaufen könne – und so schon Horaz: „Est post equitum sedet atra cura / Und hinter dem Reiter sitzt die schwarze Sorge.“ [2] Es bleibt uns nach Montaigne nur ein Weg: Man muß sich von dem Gemeinen in uns losmachen

… Von sich selber muß man sich absperren und dadurch zu sich selber kommen.

Auf ähnliche Weise hat auch Nietzsche das Zu-Sich-Selber-Kommen beschrieben, indem er darauf hindeutete, wie der Mensch gerade durch die Einsamkeit lernt aus sich selbst herauszuschöpfen. Die allergrößte Stärke gewinnt man ausschließlich aus seiner Innerlichkeit heraus – nur so findet der Mensch sein Glück:

Der Einsame spricht. — Man erntet als Lohn für vielen Überdruss, Missmut, Langeweile — wie dies alles eine Einsamkeit ohne Freunde, Bücher, Pflichten, Leidenschaften mit sich bringen muss — jene Viertelstunden tiefster Einkehr in sich und die Natur. Wer sich völlig gegen die Langeweile verschanzt, verschanzt sich auch gegen sich selber: den kräftigsten Labetrunk aus dem eigenen innersten Born wird er nie zu trinken bekommen. [3]

Einsamkeit heißt: Bei-Sich-Selbst-Sein

Zusammenfassend kann man Montaignes Perspektive zur Einsamkeit als durchaus positiv und erbaulich auf den Punkt bringen. Einsam sein heißt nicht allein sein, sondern vielmehr für sich als Einheit sein. Wir müssen vor allem diesen zentralen Aspekt menschlicher Größe realisieren und in uns hervorbringen lernen:

Wir haben eine vielgestaltige Seele; sie genügt sich selbst als Umgang; sie ist so reich, daß die Gegensätze in ihr Angriff und Verteidigung spielen, Geschenke empfangen und Geschenke austeilen können. Wenn wir so allein sind, brauchen wir nicht zu fürchten, daß wir bei diesem Alleinsein in die Langeweile des Nichtstuns versinken, denn … [1, S.130]

… In der Einsamkeit kannst du dir selber eine große Gesellschaft ersetzen!


Quellen und Verweise

Titelbild: Philosopher in Meditation (or Interior with Tobit and Anna) by Rembrandt, 1632, CO.

[1] Michel de Montaigne: Die Essais, herausgegeben aus dem Französischen übertragen und mit einer Einleitung versehen von Arthur Franz, Anaconda, Köln, 2005 | Literatur (DEU)

[2] Horaz, Oden, III, I. 40 | Literatur (DEU/LAT)

[3] Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches II. Ein Buch für freie Geister, §200, in: Friedrich Nietzsche, Werke. Kritische Gesamtausgabe, Berlin/New York, de Gruyter, 1967 | Literatur (DEU)

[4] J. Krishnamurti: Leben!: Gedanken zum Leben Band 1: Ideal und Wirklichkeit, Humata Verlag, Abschnitt 79 Ehrgeiz | Literatur (DEU)

[5] Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Walter de Gruyter, Berlin/New York, 1989, S.171 | Literatur (DEU)