Narabo-Richard-Feynman-Cargo-Kult-Wissenschaft-Kritik-Moderne-Philosophie-Konstruktivismus

Wir leben in einem Zeitalter der Wissenschaft, in dem viele Seiten höchst unwissenschaftlich sind.

Der überaus berühmte und bewunderte Physiker Richard Phillips Feynman hielt vor dem Abschlussjahrgang 1974 am California Institute of Technology eine vortreffliche Rede, die in die Geschichte einging. Thema war ein weiter fortlebendes Phänomen pseudowissenschaftlicher Ignoranz, basierend auf Selbsttäuschung – genannt Cargo-Kult.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Die Entwicklung und Stellung der Wissenschaft
  2. Warum betreiben wir Wissenschaft?
  3. Cargo-Kult-Wissenschaft
  4. ‚Nur meine persönliche Vorliebe soll zählen …‘
  5. Woher stammt der Begriff Cargo-Kult?
  6. Was ist das Problem an einem Cargo-Kult?
  1. Was macht und will eigentlich Wissenschaft?
  2. Wie ist der Begriff Caro-Kult zu verstehen?
  3. Woher stammt der Begriff Cargo-Kult
  4. Welches Problem steckt in jedem Cargo-Kult?
  5. Auf welches Prinzip müssen wir mehr denn je achten? Warum müssen wir das?

Die Entwicklung und Stellung der Wissenschaft

Bevor wir uns daran machen den Begriff Cargo-Kult vollends zu erklären, sollten wir einen kurzen Blick auf unsere heutige Zeit werfen. Das heißt insbesondere auf die Wissenschaft und wie wir zu ihr gekommen sind. Dabei ist nicht wichtig jeden einzelnen Schritt, den die Menschheit durchlaufen musste, zu betrachten, sondern einzig das Wesen der Wissenschaft.

Was macht Wissenschaft aus? Es ist einfach zu beantworten: Was Wissenschaft wirklich ist, kann man unter dem Begriff der Methode zusammenfassen, einer vollkommen rigorosen und systematischen Vorgehensweise. Was jeder Wissenschaftler der Geschichte, oder im Allgemeinen solche Menschen, die wir retrospektiv nun Wissenschaftler nennen würden, gemacht haben, ist die wissenschaftliche Methode zu befolgen.

Die wissenschaftliche Methode ist charakterisiert durch Objektivität, Transparenz, Verlässlichkeit und einige andere Kriterien. Erfüllt man diese und weitere Bedingungen in seiner Arbeitsweise, darf man stolz von einer wissenschaftlichen Arbeitsweise sprechen. Die Entwicklung hin zu diesem Verständnis markiert die gesamte Ausarbeitung systematischer Wissenschaft seit der Scholastik.

Warum betreiben wir Wissenschaft?

Ein weiteres wesentliches Merkmal der Wissenschaft, das natürlich in der Methode selbst begründet liegt, ist das der Beseitigung von Arbitrarität eben durch die Ausrichtung an vernünftigem, reflektiertem Denken, das mit allem Reichtum empirischer Evidenzen gefüttert wird. Wissenschaft ist demnach sprichwörtlich das, was Wissen schafft.

Die Stellung der Wissenschaft in der Kultur war auf den oben erwähnten Punkten gründend immer jene einer neutralen Betrachtung, Untersuchung bzw. Aufsuchung von Sachverhalten oder der Realität als Ganzes. Eine neutrale Herangehensweise ist jedoch nur möglich, wenn man auch keine Abscheu davor empfindet an seinen eigenen Fundamenten zu rütteln – hier können wir nun zum Phänomen des Cargo-Kults überleiten.

Cargo-Kult-Wissenschaft

Richard Feynman prägte diesen Begriff wie bereits in der Einleitung erwähnt in seiner historischen Rede von 1974 am Caltech. Er verlieh dieser den prägenden Untertitel „Some remarks on science, pseudoscience, and learning how to not fool yourself“ [1].

Ausgangspunkt ist die Darstellung einiger erschreckender Alltagserfahrungen, die Feynman humorvoll, jedoch mit bitterem Unterton schildert. Darunter fällt beispielsweise der Inhalt folgender Passage, die seine Position deutlich auf den Punkt bringt:

We are now in the scientific age […] But even today I meet lots of people who sooner or later get me into a conversation about UFO’s, or astrology, or some form of mysticism, expanded consciousness, new types of awareness, extra sensory perception, and so forth. And I’ve concluded that it’s not a scientific world. [1]

Auch wenn wir es glauben wollen, dass wir nämlich in einer wissenschaftlichen Zeit leben – wohlgemerkt sagte das Feynman 1974 -, sind wir tatsächlich noch sehr weit davon entfernt, und das gilt für das Ende des 20. Jahrhunderts genauso wie für das jetztige 21. Jahrhundert. Feynman führt seinen Gedanken wie folgt aus:

But then I began to think, what else is there that we believe? (And I thought then about the witch doctors, and how easy is would have been to check on them by noticing that nothing really worked.) So I found things that even more people believe, such as that we have some knowledge of how to educate. There are big schools of reading methods and mathematics methods, and so forth, but if you notice, you’ll see the reading scores keep going down – or hardly going up – in spite of the fact that we continually use the same people to improve the methods.

There’s a witch doctor remedy that doesn’t work. It ought to be looked into; how do they know that their method should work? Another example is how to treat criminals. We obviously have made no progress – lots of theory, but no progress – in decreasing the amount of crime by the method that we use to handle criminals. [ebd.]

‚Nur meine persönliche Vorliebe soll zählen …‘

In unglaublich vielen Bereichen der sogenannten Wissenschaften kommt es zu einer krassen Stagnation sinnvollen Beitragens – man kann auch sagen zu einem fehlenden Realitätsbezug -, weil man nur noch stupide an vielen seiner fehlerhaften Ideen und Konzepten wurschtelt ohne überhaupt die Resultate und Grundannahmen in Betracht zu ziehen, d.h. einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Das hat offensichtlich verheerende Folgen.

So we really ought to look into theories that don’t work, and science that isn’t science. [1]

Zu dem diesem Fehler der unwissenschaftlichen Wissenschaftlichkeit zurechenbaren Disziplinen zählen eine ganze Reihe: Parapsychologie, Astrologie, Homöopathie, alternative Physik und so weiter und so weiter. Ihnen allen muss man denselben Fehler vorwerfen, der einer wahren Wissenschaft niemals passieren darf. [3]

Woher stammt der Begriff Cargo-Kult?

Mit dem Ursprung dieses Begriffs kommt Feynman auch auf den oben erwähnten berüchtigten Fehler zu sprechen. Er verwendet zur Verdeutlichung eine wahre Begebenheit, die sich während des Zweiten Weltkriegs auf Teilen der melanesischen Inseln ereignete:

Während des Kriegs waren Truppen der US-Armee auf einer Inselgruppe in der Südsee stationiert. Die Ureinwohner beobachteten, wie Flugzeuge der US-Armee landeten und wertvolle Fracht (engl.: cargo) lieferten, von der die Ureinwohner auch einen Teil bekamen. Da sie zuvor nicht mit allzu viel Technik in Berührung gekommen waren, erschienen ihnen die reichhaltigen Frachtlieferungen als übernatürliche Wunder. Sie nahmen an, die Amerikaner würden die Fracht von ihren Ahnen erhalten. […] Die Flugplätze mussten also eine rituelle Stätte sein, die dazu diente, die Lieferungen der Ahnen zu beschwören. 

Als 1945 der Krieg endete, kamen keine Flugzeuge mehr, die Lieferungen blieben aus. In der Hoffnung, dennoch weiter die begehrte Fracht zu erhalten, ahmten die Ureinwohner die Gepflogenheiten der Amerikaner nach: Sie bauten Landebahnen mit Fackeln; sie bauten eine Hütte (als Tower), in der ein Ureinwohner (als Fluglotse) mit ‚Kopfhörern‘ aus Holz saß, aus denen mehrere Bambusstäbe (als Antennen) herausragten. Diese Aktivitäten und der damit zusammenhängende Glaube wird als Cargo-Kult bezeichnet. [2]

Was ist das Problem an einem Cargo-Kult?

So lustig und fast schon bemitleidenswert diese Geschichte auf den ersten Blick wirken kann, so birgt sie doch eine erschreckende Realität. Viele Themenfelder, die von sich selbst keineswegs gerechtfertigt einen wissenschaftlichen Anspruch erheben, funktionieren nämlich ganz genau nach der Art des Glaubens der Ureinwohner.

Rein äußerlich gesehen ahmten die Ureinwohner das Verhalten der Amerikaner sehr gut nach. Aber die ersehnte Fracht kam trotzdem nicht. Was hatten sie bloß falsch gemacht? Warum ließen sich die Ahnen jetzt nicht mehr beschwören? Die Ureinwohner hatten mit ihrem Cargo-Kult einen entscheidenden Denkfehler gemacht, nämlich eine voreilige Schlussfolgerung.

Sie verließen sich blind auf die Annahme, die begehrte Fracht könne nur von den Ahnen stammen. Alle anderen Möglichkeiten schlossen die Cargo-Kult-Anhänger von vornherein aus. Sie hielten ihre Annahme, ihren Glauben an die mächtigen Ahnen, irrtümlich für Wissen. Damit beraubten sie sich selbst der Gelegenheit, hinter die wirklichen Ursachen der Frachtlieferungen zu kommen, nämlich Technik und Wissenschaft. [2]

Hiervon sind jedoch nicht nur die Parawissenschaften betroffen. Nein, denn auch ‚harte‚ Wissenschaften können einem Cargo-Kult unterliegen, wenn sie eben nicht mehr transparent sind, Fehler verheimlichen und nicht mehr darauf ausgerichtet sind, die eigenen Theorien der Falsifikation zu unterziehen. Zu schnelle Überzeugung ist der Strick des Wissenschaftlers.

Was überhaupt in jeder Form eines Cargo-Kults gebrochen ist, nennt Feynman eine Art wissenschaftlichen Kodex:

But there is one feature I notice that is generally missing in Cargo Cult Science. That is the idea that we all hope you have learned in studying science in school […] It’s a kind of scientific integrity, a principle of scientific thought that corresponds to a kind of utter honesty – a kind of leaning backwards. [1]

Mit diesem historischen Wort wollen wir unsere Betrachtungen beenden. Feynman, der bis heute als ein Beispiel für alle Wissenschaftler dient, offenbarte oder wies vielmehr mit großer Vehemenz auf den zentralen Aspekt der Wissenschaft hin, den wir in einer vermeintlich wissenschaftlichen Zeit nicht vergessen dürfen.


Quellen und Verweise

Titelbild: Porträt von Richard Phillips Feynman (1918–1988) aus Quelle und Sketch enthalten in Equations and Sketches (1985) aus Quelle (Sammlung).

[1] Richard Phillips Feynman: Cargo Cult Science. Eröffnungsrede des California Institute of Technology zum Semesterbeginn 1974 in Jeffrey Robbins (Hrsg.), Richard P. Feynman, Freeman J. Dyson: Es ist so einfach – Vom Vergnügen, Dinge zu entdecken, München/Zürich, Piper Verlag, 2001 | Literatur (DEU)

[2] Martin Meter: Die Befreiung des Denkens, Auswege aus Unwissenheit und Aberglaube, Tectum, Baden-Baden, 2018, Kapitel: Wissenschaftliches Denken | Literatur (DEU)

[3] Vgl.: E. Wielandt: Esoterik statt Physik: Glaubt das Wasser auch daran? Kirchheim unter Teck / Stuttgart Vortrag bei den Hanseatischen Sanierungstagen in Warnemünde, 3.-5. 11. 2005 | Literatur (DEU)