Narabo-Rainer-Maria-Rilke-Über die Dichtkunst und die Notwendigkeit des Vergessens - Philosophie - Dichter

Was braucht es in uns, um den Glanz eines guten Schaffens in die Welt zu tragen?

Nach Rainer Maria Rilke zu urteilen, benötigt der Mensch Tumulte und viel wichtiger das Vergessen, damit eine solche Leistung vollbracht werden kann. Einer von Informationen überfluteten Kultur erscheint dies unplausibel, jedoch sollten wir uns davon nicht beirren lassen. Lauschen wir lieber den Worten des vielleicht bedeutendsten Dichters der literarischen Moderne.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Meine erste Begegnung mit Rilke
  2. Das ewige Dilemma des Dichters
  3. Erinnerungen müssen unser Blut werden
  4. Nietzsche über Glück und historisches Empfinden
  5. Vergessen als Notwendigkeit zur Lebendigkeit
  1. Wie lautet das ewige Dilemma des Dichters?
  2. Welche Rolle spielen Erinnerungen bzw. das Vergessen für das kreative Schaffen?
  3. Warum ist das Vergessen fundamental?
  4. Wie wird der Mensch nach Nietzsche glücklich?

Meine erste Begegnung mit Rilke

Rilke war mir unbekannt, zumindest bis vor einigen Wochen. Ich hatte seinen Namen zwar schon öfters gehört, doch einen wirklichen Eindruck seines Werks oder überhaupt ein größeres Interesse für sein Schaffen hatte ich nicht, bis ich ganz zufällig einen Auszug aus einem seiner Werke gelesen habe.

Es war eine genauere Auseinandersetzung mit Nietzsche, die mich in die Nähe zu Rilke gebracht hat, denn auch er war stark von Schopenhauer und Nietzsche beeinflusst. Damit war der Sprung nicht weit, als ich Nietzsches Schrift Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben [1] las und damit auf das Schlüsselwort des Vergessens traf.

Rilkes Werk Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge beherbergen einen fantastischen Abschnitt, der die Kompliziertheit kreativer Arbeit verdeutlicht und mit dem Akt des Vergessens vereint. Es ist gerade dieses Vergessen, so Rilke, das in uns die Kräfte der Gestaltung schürt und letztlich an die Oberfläche bringt.

Das ewige Dilemma des Dichters

Die Sorgen, Nöte und Zweifel des ästhetisch-dichterischen Lebens fasst Rilke in seinem einzigen Roman wunderbar zusammen. Ein 28-jähriger Tagebuchschreiber, der heimat- und besitzlos geworden ist, versucht in Paris als Dichter zu leben und die Grunderfahrungen des modernen Daseins zu entblößen.

Krisen des Schaffens gehören genauso dazu wie die Themen Verzweiflung, Armut, Tod, Identität und Gesellschaft. Doch in einem Punkt blüht der Tagebuchschreiber Malte wahrlich auf. Er ist in der Lage etwas auszudrücken, das ich sonst noch nie mit solcher Klarheit in Begriffe gemeißelt gesehen habe [2]:

Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. Man sollte warten damit und Sinn und Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum Schluß, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind.

Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug), – es sind Erfahrungen. Um eines Verses willen muß man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muß die Tiere kennen, man muß fühlen, wie die Vögel fliegen, und die Gebärde wissen, mit welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen.

Man muß zurückdenken können an Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die man lange kommen sah, – an Kindheitstage, die noch unaufgeklärt sind, an die Eltern, die man kränken mußte, wenn sie einem eine Freude brachten und man begriff sie nicht (es war eine Freude für einen anderen -), an Kinderkrankheiten, die so seltsam anheben mit so vielen tiefen und schweren Verwandlungen, an Tage in stillen, verhaltenen Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer überhaupt, an Meere, an Reisenächte, die hoch dahinrauschten und mit allen Sternen flogen, – und es ist noch nicht genug, wenn man an alles das denken darf  […] Und es genügt auch noch nicht, daß man Erinnerungen hat.

Erinnerungen müssen unser Blut werden

Ja, all das, all diese Erinnerungen und Erfahrungen genügen letztlich auch nicht, um wirklich kreativ zu sein, um wahrlich Großartiges zu leisten. Solange wir Vergangenes nur anhäufen, sind wir wandelnde Gefäße. Doch alle diese Anhäufungen sind nur Ballast für uns, denn die Vergangenheit lastet schwer auf unseren Schultern.

Was uns wirklich fehlt, ist ein qualitativer Sprung. Es braucht eine Umwertung der Erfahrungen, das ein kreatives Moment enstehen lassen kann. Genau dies leistet das Vergessen. So setzt Rilke auf sehr schöne Weise wieder an:

Man muß sie vergessen können, wenn es viele sind, und man muß die große Geduld haben, zu warten, daß sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst ist es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, daß in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.

Nietzsche über Glück und historisches Empfinden

Auch Friedrich Nietzsche betonte die Kraft des Vergessens in seiner frühen Schaffensperiode. Im zweiten Stück seines Werkes Unzeitgemäße Betrachtungen findet sich eine Passage, in der er das Glück untersucht und auf die Fähigkeit zurückführt, den Augenblick unvoreingenommen wahrzunehmen.

Das kleinste Glück, wenn es nur ununterbrochen da ist und glücklich macht, ist ohne Vergleich mehr Glück als das größte, das nur als Episode, gleichsam als Laune, als toller Einfall, zwischen lauter Unlust, Begierde und Entbehrung kommt. Bei dem kleinsten aber und bei dem größten Glücke ist es immer eins, wodurch Glück zum Glücke wird: das Vergessenkönnen oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden.

Was jedes Tier besser kann – Leben im Augenblick

Dieses Vermögen während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden, ist für den Menschen äußerst schwer, weil er seine Vergangenheit wie eine ewig lange Kette hinter sich herzieht. Oftmals braucht der Mensch Hilfsmittel, wie etwa die Musik, um dieses unhistorische Empfinden herbeizuführen. Auf wunderschöne Weise vergleicht Nietzsche den Menschen an dieser Stelle mit dem Tier:

Betrachte die Herde, die an dir vorüberweidet: sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frißt, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig.

Dies zu sehen geht dem Menschen hart ein, weil er seines Menschentums sich vor dem Tiere brüstet und doch nach seinem Glücke eifersüchtig hinblickt – denn das will er selbst doch allein, gleich dem Tiere weder überdrüssig noch unter Schmerzen leben, und will es doch vergebens, weil er es nicht will wie das Tier.

Der Mensch fragt wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst mich nur an? Das Tier will auch antworten und sagen: das kommt daher, daß ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte – da vergaß es aber auch schon diese Antwort und schwieg: so daß der Mensch sich darob verwunderte.

Das Vergessen als Notwendigkeit zur Lebendigkeit

Über Rilke hinaus beteuert Nietzsche, dass das Vergessen notwendig für das Glück des Menschen ist. Rilke war sich dem gewiss auch klar, doch er betonte vor allem das Vergessen als zentralen Teil des kreativen Schaffens. Unsere Erfahrungen müssen unbewusst werden, sie müssen unser Blut werden, bevor wir sie dann zu gänzlich neuen und eigenen Gedanken formen können.

Nietzsche verlangt es dramatischer. Unser gesamtes Lebensglück hängt davon ab, in Momenten des Augenblicks gewahr zu werden, das heißt Vergangenes und Zukünftiges auszublenden. Dabei ist unglaublich welche enormen Parallelen sich zwischen Nietzsche und buddhistischen Konzeptionen zeigen:

Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheiten vergessend, niederlassen kann, wer nicht auf einem Punkte wie eine Siegesgöttin ohne Schwindel und Furcht zu stehen vermag, der wird nie wissen, was Glück ist, und noch schlimmer, er wird nie etwas tun, was andre glücklich macht. […]

Zu allem Handeln gehört Vergessen: wie zum Leben alles Organischen nicht nur Licht, sondern auch Dunkel gehört. Ein Mensch, der durch und durch nur historisch empfinden wollte, wäre dem ähnlich, der sich des Schlafens zu enthalten gezwungen würde, oder dem Tiere, das nur vom Wiederkäuen und immer wiederholtem Wiederkäuen leben sollte. Also: es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben.


Quellen und Verweise

[1] Projekt Gutenberg: Friedrich Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben | Literatur (DEU)

[2] Über das Vergessen – Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (14) | Literatur (DEU)