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In einem kreativen Schaffensprozess stößt man irgendwann unweigerlich auf die größten Selbstzweifel.

Rainer Maria Rilke, als einer bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne, wusste dies selbstverständlich durch seine eigenen Erfahrungen bestätigt. Ebenso wusste er, wie man mit Zweifeln an den eigenen kreativen Leistungen umzugehen hat und äußerte dies in vielen Briefen, in denen er diesbezüglich um Rat gebeten wurde.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Das Problem des künstlerischen Schaffens
  2. Wie soll man Kunst schon beurteilen?
  3. Aber was ist mit Erfolgen?
  4. Woher sollen wir unsere Inspiration nehmen?
  5. Was ein gutes Kunstwerk ausmacht …
  1. Warum will Rilke Kunst nicht kritisieren?
  2. Wie müssen sich Kunst und Erfolg zueinander verhalten? Was macht wahre Kunst aus?
  3. Woher soll der Künstler Inspiration nehmen?
  4. Wie kann man seine Selbstzweifel überwinden?

Das Problem des künstlerischen Schaffens

Künstlerische Tätigkeit ist frei von festgesetzten Schranken. Darum ist Kunst so schwer. Es gibt keinerlei Regeln, oder zumindest keine Regeln, die man in einer systematischen und geordneten Weise angeben könnte, weil es in der Kunst nicht um das Begreifen geht.

Jeder Künstler versucht nämlich auf natürlichem Wege etwas auszudrücken, das sich aus seinem eigenen Inneren entfaltet und dieses Sich-Entfaltende ist nicht rational, nicht begrifflich klar oder eindeutig. Der Künstler oder die Künstlerin sucht demnach einen Pfad diese Gefühlswelt zu entäußern, d.h. darzustellen, ob nun in einem Bild, einer Skulptur oder einem Gedicht.

Vor allem sind die jungen, noch stark suchenden Künstler von Zweifeln getroffen, die ihre Ausdrucksmöglichkeiten angehen. Rilke hat dies als einer der größten Dichter der Welt natürlich auch durchlebt [1]. Als Konsequenz gab er sich auch große Mühe, anderen aufstrebenden und verzweifelten Künstlern eine helfende Hand zu sein.

In einem Brief an Franz Kappus [2] von 1903 offenbart er zeitlose Hilfestellungen, die uns alle betreffen können.

Wie soll man Kunst schon beurteilen?

Ihr Brief hat mich erst vor einigen Tagen erreicht. Ich kann nicht auf die Art Ihrer Verse eingehen; denn mir liegt jede kritische Absicht zu fern. Mit nichts kann man ein Kunst-Werk so wenig berühren als mit kritischen Worten: es kommt dabei immer auf mehr oder minder glückliche Mißverständnisse heraus. 

So beginnt Rilkes Antwort an F. Kappus, der ihm zuvor einige seiner eigenen Gedichte zusammen mit einem Brief zugeschickt hatte. Dort bittet er ihn um Rat, wie man als Dichter erfolgreich werden kann und natürlich auch um eine Beurteilung seiner Gedichte. Rilke lehnt das gewissermaßen ab, und zwar aus einem sehr spannenden Grund:

Die Dinge sind alle nicht so faßbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte; die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat, und unsagbarer als alle sind die Kunst-Werke, geheimnisvolle Existenzen, deren Leben neben dem unseren, das vergeht, dauert.

Sprache versagt kläglich – darauf läuft es hinaus. Das, was der Künstler auszudrücken versucht, liegt außerhalb des Sprachlichen. Wie soll man beispielsweise Liebe definieren? Man kann Liebe nur leben, oder erfahren, aber niemals beschreiben. Der Dichter muss jedoch genau das versuchen, er muss einen Weg finden mit Sprache Unmögliches zu vollbringen.

Aber was ist mit Erfolgen?

Sie fragen, ob Ihre Verse gut sind – fragen mich. Sie haben vorher andere gefragt und senden sie an Zeitschriften, vergleichen sie mit anderen Gedichten, und Sie beunruhigen sich, wenn gewisse Redaktionen Ihre Versuche ablehnen. Nun (da Sie mir gestattet haben, Ihnen zu raten) bitte ich Sie, das alles aufzugeben.

Sie sehen nach außen, und das vor allem dürften Sie jetzt nicht tun. Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben.

Mit diesem Abschnitt erfasst Rilke das Herzstück des künstlerischen Schaffens. Wer darauf beschränkt ist, nicht Kunst für sich allein, sondern Erfolg durch Kunst zu erlangen, der wird niemals erst beginnen ein Künstler zu sein. Wir müssen uns von Bewertungen lösen, von Urteilen und Einschätzungen anderer, weil es doch nur darum geht, sich selbst zu öffnen:

Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen ich muß dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie Ihr Leben nach dieser Notwendigkeit;

Ihr Leben bis hinein in seine gleichgültigste und geringste Stunde muß ein Zeichen und Zeugnis werden diesem Drange. Dann nähern Sie sich der Natur. Dann versuchen Sie, wie ein erster Mensch, zu sagen, was Sie sehen und erleben und lieben und verlieren.

Woher sollen wir unsere Inspiration nehmen?

Wenn Ihr Alltag Ihnen arm scheint, klagen Sie ihn nicht an; klagen Sie sich an, sagen Sie sich, daß Sie nicht Dichter genug sind, seine Reichtümer zu rufen; denn für den Schaffenden gibt es keinerlei Armut und keinen armen, gleichgültigen Ort.

Und wenn Sie selbst in einem Gefängnis wären, dessen Wände keines von den Geräuschen der Welt zu Ihren Sinnen kommen ließen – hätten Sie dann nicht immer noch Ihre Kindheit, diesen köstlichen, königlichen Reichtum, dieses Schatzhaus der Erinnerungen? Wenden Sie dorthin Ihre Aufmerksamkeit.

Oftmals sehen wir uns in mangelnder geistiger Stimulanz, doch Rilke betont, dass wir uns in all diesen Momenten kaum dem Dichter ähneln. Ein jeder Künstler schöpft aus seinen tiefsten Quellen, die jeder Mensch bereits in sich trägt. Unsere Kreativität darf nicht von Umständen, von besonderen Erfahrungen und Begegnungen abhängig sein:

Versuchen Sie die versunkenen Sensationen dieser weiten Vergangenheit zu heben; Ihre Persönlichkeit wird sich festigen, Ihre Einsamkeit wird sich erweitern und wird eine dämmernde Wohnung werden, daran der Lärm der anderen fern vorüber geht.

Und wenn aus dieser Wendung nach innen, aus dieser Versenkung in die eigene Welt Verse kommen, dann werden Sie nicht daran denken, jemanden zu fragen, ob es gute Verse sind. Sie werden auch nicht den Versuch machen, Zeitschriften für diese Arbeiten zu interessieren: denn Sie werden in ihnen Ihren lieben natürlichen Besitz, ein Stück und eine Stimme Ihres Lebens sehen.

Was ein gutes Kunstwerk ausmacht …

Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand. In dieser Art seines Ursprungs liegt sein Urteil: es gibt kein anderes. Darum, sehr geehrter Herr, wußte ich Ihnen keinen Rat als diesen: in sich zu gehen und die Tiefen zu prüfen, in denen Ihr Leben entspringt; an seiner Quelle werden Sie die Antwort auf die Frage finden, ob Sie schaffen müssen.

Besonders diesen kürzeren Teil des Briefs finde ich unglaublich aussagekräftig. Wahre Kunst ist Kunst, die aus Notwendigkeit entstanden ist, wie wahr! Wenn es nicht anders hätte sein können; wenn man das Kunstwerk hat schaffen müssen, ja dann ist es Kunst. Genau das braucht der wahre Künstler und viele können dieses Kriterium nicht leisten:

Nehmen Sie sie, wie sie klingt, an, ohne daran zu deuten. Vielleicht erweist es sich, daß Sie berufen sind, Künstler zu sein. Dann nehmen Sie das Los auf sich, und tragen Sie es, seine Last und seine Größe, ohne je nach dem Lohne zu fragen, der von außen kommen könnte. Denn der Schaffende muß eine Welt für sich sein und alles in sich finden und in der Natur, an die er sich angeschlossen hat.

Vielleicht aber müssen Sie auch nach diesem Abstieg in sich und Ihr Einsames darauf verzichten, ein Dichter zu werden (es genügt, wie gesagt, zu fühlen, daß man, ohne zu schreiben, leben könnte, um es überhaupt nicht zu dürfen).

Aber auch dann ist diese Einkehr, um die ich Sie bitte, nicht vergebens gewesen. Ihr Leben wird auf jeden Fall von da ab eigene Wege finden, und daß es gute, reiche und weite sein mögen, das wünsche ich Ihnen mehr, als ich sagen kann.


Quellen und Verweise

Titelbild: Basierend auf Gustave Courbets Werk Der Verzweifelte (1843–1845), CO-Lizenz.

[1] Müller, Wolfgang G, in: Rilke-Handbuch, Leben – Werk – Wirkung. Herausgegeben von Manfred Engel. Stuttgart: Metzler, 2013, S. 296 | Literatur (DEU)

[2] Rainer Maria Rilke an Franz Kappus, Paris, 1903, Briefsammlung | Literatur (DEU)