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Du sollst nicht darüber sprechen. Du sollst es zeigen!

Welch enormen Einfluss bereits einfache Gesten auf unseren Alltag ausüben, ist ein stark unterschätzter Faktor. Tatsache ist aber, dass Kommunikation zu einem Großteil aus Körpersprache besteht und der rein übermittelte Wortlaut tatsächlich sehr wenig ausmacht. Wir wollen uns nun verständlich machen, was Rhetorik eigentlich ist und wie die Körpersprache funktioniert.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Was versteht man unter Rhetorik?
  2. Die Rhetorik in der Antike
  3. Hauptsache ist Überzeugung – Sophisten
  4. Rhetorik: Das Werk von Wortverdrehern?
  5. Die Rhetorik im Wandel durch Aristoteles
  6. Warum funktioniert Rhetorik?
  7. Rhetoriker spielen mit dem Publikum
  1. Wie kann man Rhetorik definieren?
  2. Was bedeutete der Begriff Rhetorik in der Antike?
  3. Was kann man unter einem Sophisten verstehen?
  4. Wieso kann Rhetorik überaus gefährlich sein und wie wird sie ausgenutzt?
  5. Was erklärt die Wirksamkeit eines geübten Rhetorikers? Warum funktioniert Rhetorik?

Was versteht man unter Rhetorik? 

Der Begriff Rhetorik stammt vom altgriechischen ῥητορική τέχνη (rhētorikḗ téchnē) und wird wörtlich stets übersetzt als die Redekunst, die Kunst der Rede oder auch ganz klassisch nach Aristoteles als die Theorie der Beredsamkeit [1].

Wie immer haben Wörter nie nur eine Bedeutung, sondern sind vielschichtig. In den Infos zum Seminar für allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen wird deshalb folgende dreistufige Definition der Rhetorik vorgestellt, die jeweils zu verschiedenen Epochen unterschiedlich stark ausgeprägt war:

Erstens versteht man unter diesem Begriff das auf Erfolg, Effektivität und Überzeugung gerichtete, praktische Kommunikationsverhalten von Menschen. Zweitens wird die mit diesem Verhalten befasste Theorie ebenfalls Rhetorik genannt (Redekunst). Und drittens ist Rhetorik der Kurzname der mit diesen Phänomenen befassten wissenschaftlichen Disziplin (Wissenschaft der wirksamen Rede) [2].

Anmerkung: Ich möchte in diesem Artikel die Geschichte der Rhetorik recht lang halten, aber auf die rein praktische Anwendung der Rhetorik kaum eingehen. Es soll uns hier vor allem die Frage aufhalten, wieso Rhetorik funktioniert, das heißt sicher zu verstehen wie unsere Sprache im Schatten der Körpersprache aufgebaut ist und welchen Einfluss sie verzeichnet.

Die Rhetorik in der Antike

Die Rhetorik war schon in der griechischen Antike als Disziplin bekannt und wurde gar zum Kanon der Sieben freien Künste gezählt. Die politische Bedeutung ragte selbstverständlich hervor, indem die rechte Rede in den Gerichten und in der allgemeinen Meinungsbildung eine zentrale Rolle einnahm.

Die Aufgabe der öffentlichen Rede war es schon immer, den Zuhörer von einer Aussage zu überzeugen oder zu einer bestimmten Handlung zu bewegen. Dies umfasst bloß die erste Definition der Rhetorik als ein Instrument. Ausgehend von der zweiten Definition stellt die Kunst der Rede in der Form der Rhetorik außerdem jedes Mittel einer gelungenen Argumentation bereit – dies könnte man passend auch die Kunst des Debattierens nennen.

Vor allem diese praktische Anwendung zeigt sich in der Redekunst der griechischen und römischen Antike an der Spitze. Insbesondere für das mehr oder weniger alltäglich Tun war nicht die Analyse der Redekunst, sondern die tatsächliche Umsetzung wichtig. Deshalb floss in der frühen politisch-philosophischen Erziehung die Rhetorik als ein fundamentaler Baustein mit ein.

Def.: Die Rhetorik sei nun als jene Fähigkeit definiert, das Überzeugende, das jeder Sache innewohnt, zu erkennen.
– Aristoteles [1]

Für die jungen Griechen und Römer war die Rhetorik nicht nur die Kunst der Rede, sondern darüber hinaus eine Vorbereitung auf die Wissenschaft und Philosophie, was sie in Summe unter anderem auf eine spätere Tätigkeit, beispielsweise als Rechtsanwalt oder Politiker, vorbereiten sollte.

In der dritten Form ist Rhetorik völlig losgelöst vom praktischen Effekt schlicht eine Disziplin, die eine Theorie der Überzeugung formt, analysiert und begründet. Ein erste ausdrückliche Theorie der Überzeugung wurde jedoch erst ziemlich spät von Aristoteles ausgearbeitet.

Hauptsache ist Überzeugung – Sophisten

Noch lange bevor Aristoteles seine für die Analyse von (politischen) Reden zentrale Schrift Rhetorik verfasste, gab es bereits zahlreiche Männer, die sich auf die Kunst des Vortragens und Überzeugens spezialisiert hatten. Zu ihnen zählte man die sogenannten Sophisten (von σοφισταί – sophistaí – Wissender), die besondere theoretische sowie praktische Kenntnisse besaßen und damit ihr Geld verdienten.

Dabei waren die meisten Sophisten tatsächlich Rhetoriker, das heißt vor allem Anwälte, Redner und dergleichen, die meist dafür bekannt waren, jede Position vortrefflich zu verteidigen, sofern man sie dafür auch entsprechend entlohnte. Ich erwähne diesen geschichtlichen Aspekt deswegen, weil uns gerade diese Ambivalenz der Sophisten gute Auskünfte darüber geben wird, wie Rhetorik funktioniert und warum sie auch gefährlich sein kann.

Anfangs hatten die Sophisten einen guten Ruf als Volkslehrer, der im historischen Kontext jedoch maßgeblich durch die Meinungen Platons erschüttert wurde. Für Platon war das oberste Ziel das Streben nach Wahrheit, worunter er auch den Sinn der Philosophie verstand.

Sophisten vertraten dagegen einen generellen Relativismus und prinzipiellen Skeptizismus, das heißt man könne nichts wissen und alles sei eine Sache der Anschauung, denn es gibt nichts Standhaftes – so tickten vor allem die späteren Sophisten.

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Relativismus – Es gibt keine Wahrheit, sondern nur Wahrscheinliches

Das wankelmütige Verhalten der Sophisten galt für Platon deshalb als überaus grotesk. Er nannte sie nichts als Wortverdreher, Schwätzer, Betrüger und begründete dies wie folgt:

Ein Sophist befasst sich bloß mit Streitkunst (Eristik) und Redekunst (Rhetorik), ein wahrer Philosoph wie Sokrates hingegen mit der Erforschung der Wahrheit. [3]

Rhetorik: Das Werk von Wortverdrehern?

Ein Sophist war in der Lage zunächst Pro und darauf Contra für ein und dasselbe zu argumentieren, während er in beiden Fällen enorm überzeugend blieb. Es kursiert gar die Erzählung, dass ein römischer Kaiser eben aus diesem Grund einen Sophisten hinrichten ließ, da er an einem Tag für und am anderen Tag bereits gegen einen Standpunkt war, wobei er in beiden Fällen all seine Zuhörer mitreißen konnte.

Dieses Verhalten, das die Sophisten berühmt machte, zeigt uns sehr deutlich, dass es erstens mehrere Ebenen der Kommunikation geben muss, dass zweitens die Überzeugungskraft nicht vom Wahrheitsgehalt des Gesprochenen abhängt und, dass drittens der Informationsgehalt, also sozusagen der reine Textinhalt niemals maßgeblich für die Wirksamkeit einer Rede ist.

In diesen drei Punkten finden wir im Folgenden die Antwort auf die Frage, warum Rhetorik funktioniert.

Wie missbrauchte oder verlogene Kommunikation auftritt, zeige ich in diesem Artikel in Bezug auf moderne politische Reden, bei denen die vermittelte Information (der reine Text) und die Körpersprache (unbewusste Reaktionen) nicht stimmig sind und die ganze Rede somit als Heuchelei identifiziert werden kann.

Die Rhetorik im Wandel durch Aristoteles

Aristoteles hat in seinen zahlreichen Arbeiten auch als einer der ersten die Rhetorik analysiert und auf den Punkt gebracht. Er unterscheidet in seinem gleichnamigen Werk zwischen drei Mitteln der Überzeugung …

  • … durch die persönliche Glaubwürdigkeit des Sprechers (ethos)
  • … durch das Ansprechen oder die Lenkung der Gefühle des Publikums (pathos)
  • … oder durch die sachliche Begründung oder Beweisführung (logos)

Nicht im klassischen Text explizit erwähnt, aber ebenso wichtig für die Überzeugung können auch der Ort und die Zeit (kairos) sein. Der Ethos eines Sprechers bezieht sich nur auf seinen Ruf, seine Stellung und Nimbus, der Pathos hingegen allein auf die emotionale Lenkung, die einem massenpsychologischen Phänomen sehr ähnelt.

Aristoteles konzentrierte sich vollkommen auf den Logos (immerhin war er Philosoph) und wies darauf hin, dass allein die logische Argumentation die Überzeugung lenken sollte. Natürlich ging er damit von einem voll und ganz rationalen Publikum aus. Dass das jedoch niemals der Fall ist, zeigt die unmittelbare Realität. Menschen verlieren besonders in der Masse häufig ihre Fähigkeit zur vernünftigen Einschätzung! [4]

Die Masse hat oftmals absolut keine Fähigkeit zur Vernunft. Diesem Verlust der Vernunft folgt eine enorme Leichtgläubigkeit sowie Beeinflussbarkeit.

Der Sophist als Meister der Rhetorik nutzte dies hervorragend aus, indem er verstand den Pathos auszukosten, um die Überzeugung in seinen Hörern hervorzurufen. Mit ebendieser zentralen Erkenntnis im Blick wird uns auch klar, warum manipulative Rhetorik so effektiv ist: man nutzt eine sehr tiefliegende Ebene der Kommunikation bzw. des Menschseins aus: das Unbewusste.

Warum funktioniert Rhetorik?

Dass die Körpersprache als fundamentaler Teil des Pathos die Rhetorik unfassbar mächtig macht, haben wir jetzt bereits verstanden. Wie einflussreich sie sein soll, zeigt auch die gängige Erzählung, dass viele antike Redner ihre Arme in ihrem Gewand so einspannten, dass sie keinerlei Gesten zeigen konnten.

Die Wirkung der Körpersprache wird durch äußere Phänomene beeinflusst. Unbewusst werden wichtige Signale über bestimmte innere Befindlichkeiten an die Außenwelt vermittelt. Sie stehen miteinander in Zusammenhang, werden aber nicht ständig registriert, treten nicht alle gleichzeitig in Erscheinung und können sich teilweise gar innerhalb des Verlaufs von wenigen Sekunden verändern [5]:

  • Die Mimik als genereller Gesichtsausdruck
  • Blickkontakt und Augenbewegung
  • Die Haltung und Bewegung der Hände, also die bewegte Gestik
  • Der Stand, die Körperneigung, die Bewegungsrichtung …
  • Intonation und Nuancen in der Stimme
  • Lautstärke, Tempo, Rhythmus …

Die Körpersprache zählt man zur sogenannten analogen Ebene der Kommunikation, während der Wortlaut in die digitale Ebene fällt. Nur in dem Fall, wenn beide Ebenen sich decken, das heißt also, wenn das Gesprochene (Logos) mit der Körpersprache (Pathos) qualitativ übereinstimmt, kann jemand überzeugen – so zumindest der Idealfall.

Rhetoriker spielen mit dem Publikum

Die Wirkung des Sprechers hängt jedoch nicht nur von ihm ab, sondern auch von der Beschaffenheit des Publikums. Eine Menschengruppe, die zusammen eine psychologische Masse formt, wird beispielsweise viel mehr vom Pathos beeinflusst, als vom Logos, weshalb es nicht so sehr darauf ankommt, ob die Rede logisch schlüssig ist, sondern nur darauf, welche Gefühle sie in den Hörern wecken kann!

Im Gegensatz dazu, kann man die meisten modernen Menschen als einzelne schon kinderleicht durch vorgespielte Gefühle hinters Licht führen. Der typische moderne Mensch konzentriert sich viel mehr auf das gesprochene Wort, also den logischen Sinn, als auf die Übereinstimmung zwischen Pathos und Logos. Sehr deutlich zeige ich diese Falle in diesem Artikel über die täuschende Sprache der Politiker.

Der effektive Rhetoriker wie es die Sophisten waren, versteht es demzufolge den Empfänger der Botschaft richtig einzuschätzen und sich entsprechend durch den geübten Einsatz von Körpersprache und / oder durch die logische (spitzfindige) Argumentation Überzeugungskraft zu verleihen.

Wie man dies nun in der Praxis umsetzt, kann ich hier nicht weiter darstellen. Zwei nützliche Anlaufstellen sind:

  1. Prof. Dr. Ryborz mit seinem Buch: Beeinflussen – Überzeugen – Manipulieren: Seriöse und skrupellose Rhetorik
  2. Und Vera F. Birkenbihl mit ihrem Buch: Signale des Körpers: Körpersprache verstehen.

Quellen und Verweise

[1] Aristoteles: Rhetorik I, 1,1 | Literatur (AG / DEU)

[2] Universität Tübingen: Seminarinfos zur Allgemeine Rhetorik| Webseite (DEU)

[3] Vgl.: Raeder, Hans: Platon und die Sophisten. Kopenhagen, 1939, S. 31 | Literatur (DEU)

[4] Artikel: Die Psychologie der Massen | Blog (DEU)

[5] Trautmann-Voigt, Sabine; Voigt, Bernd: Grammatik der Körpersprache. Ein integratives Lehr- und Arbeitsbuch zum Embodiment – Mit Geleitworten von W. Wöller und U. Sachsse. Schattauer, 2018, S.3 | Literatur (DEU)