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Tagebuchauszüge – 8-12. August 2018 – Existenz, Leid, Sinn.

Mit diesem Beitrag starte ich ein kleines Experiment. Anstatt ein konkretes Thema mehr oder weniger sachlich zu bearbeiten, werde ich mit euch nun in regelmäßigen Abständen Auszüge aus meinen persönlichen Niederschriften teilen. Diese sind in der Form eines Tagebuchs geführt und behandeln alles, was mir durch den Kopf geht.

[Hinweis: Dieser Tagebuchauszug (genau wie alle anderen) ist natürlich ernst gemeint. Er ist jedoch zudem gespickt von stilistischen Mitteln und einem freien Ausdruck literarischen Spielens. Es besteht (wahrscheinlich) kein Grund zur Unruhe über die psychische Stabilität des Autors]

Ein Absturz in die Dunkelheit

Merkwürdig ist es der Struktur der Tage, Wochen und Monate zu folgen, sich ihrer Entwicklung gewahr zu werden, ihrer angestrebten und mehr als fremden Richtung einsichtig zu werden. Was die Zeit bewegt und lenkt, was unser aller Leben in einen Strom der Bewegung versetzt, ist nicht nur fremd, sondern gar ungeheuerlich.

Man kann an vielen Gedanken zugrunde gehen. Der Gedanke an die Ungeheuerlichkeit des Lebens ist einer davon. Er beinhaltet Fragen, wie die nach der Natur und dem Sinn der Existenz, und bietet nichts als hohle und spekulative Antworten. Wenig Erbauliches hat der Mensch seit jeher darin zu finden gewusst.

Mit diesen Fragen konfrontiert zu sein, und dabei ständig nur hin- und hergeschoben zu werden, von einem leeren Platz zum nächsten, von einer unbefriedigenden Antwort zu einer anderen – das muss wohl der dunkle Primat des Wahnsinns sein. Ich kann mich zwar mit Seltsamkeit versöhnen, mit einem irrationalen Leben, doch wie soll ich den Wahnsinn des Lebens ertragen?

So überfällt mich an vielen Tagen des monotonen Schaffens der beklemmende Hinweis auf Lücke, auf Leere, gar auf ein Vakuum. Es fehlt mir ein zentrales Stück, um das Leben sinnvoll zu machen, um mir einen Antrieb zu geben, der mir verdeutlicht, warum ich überhaupt morgens aus dem Bett steige, meine Arbeit mache und abends dann wieder schlafen gehe, anstatt mich einfach umzubringen. Warum sollte man sich nicht einfach umbringen? Man muss einen Sinn finden, um auf diese Frage antworten zu können.

All diese Gedanken sind wie ein Raubzug gegen meine vermeintlich festen Werte, gegen alle Verbindlichkeiten, an die ich mich habe zu glauben bewegen können. Ein niederträchtiger Diebstahl ist es, nichts als Überwältigung durch dutzende Schatten, die auf listigen Umwegen die Risse meiner Seele zu einer gewaltigen Bresche ausweiten.

Ich fühle mich, als stehe mein Zusammenbruch jede kommende Stunde bevor. Woher stammt diese Dunkelheit? Was regt sich dort in diesem Abgrunde des Denkens, das mich selbst zum Abgrund werden lässt? Ich kann es wohl nur vermuten, mich hinauswagen auf den Rand der Spekulation, um mir selbst eine Antwort zu erschleichen.

Doch sind alle Antworten, die ich mir zu geben vermag, nichts als selbstgefällige Schmeichelei, die ich mir dienlich zu machen weiß. Nichts als wohlklingende Lügen der Gutgläubigkeit sind es, die in mir aufkommen, um mich selbst von der Wahrheit der Schrecken des Lebens zu schützen.

Warum bin ich auf dieser Welt? Was nützt es zu leiden?

Ich fühle mich stets so, als lebe ein Fremdkörper in mir, der da brennt in verschiedensten Teilen meiner Seele wie Splitter von glühendem Metall. Lodernd reißen sie in mein Fleisch, mit jeder meiner geistigen Bewegungen treibe ich sie noch tiefer in meine Substanz. Die Pein gleicht in Momenten der Unendlichkeit.

Ich habe den beklemmenden, hoffnungslosen Eindruck, als würde der Fremdkörper schon viel zu tief und viel zu lange in mir sein. Vielleicht bin ich selbst mittlerweile zu einem einzigen Fremdkörper geworden und leide bloß unter der Krankheit, mich selbst nicht mehr zu erkennen. Ja, ich bin dieser Fremdkörper!

– Einige Tage später –

Trage die Bürde deines Schmerzes mit Stolz. Schmerz ist Ausdruck von Lebendigkeit, besonders seelischer – so sagt es zumindest der Asket und lässt dabei all seine Glieder absterben. Zu Unrecht – so muss ich mich immer wieder in den dunklen Momenten meines Seins ermahnen – übersehen wir die glücklichen Momente des Lebens!

All die heilbringenden Erlebnisse und Bestimmungen unserer Tage, die doch nur aus geistiger Verklärung dunkel und trüb wirken. Sie sind jedoch keinesfalls zu unterschlagen. Müssen wir allein kraft dieser Lichtblicke unserer in die Vergangenheit geretteten Glücksmomente nicht immer und überall glücklich sein?

Warum nur hat es der Mensch so schwer sein Glück zu finden?

Seinem Wesen liegt das Leid inne – vor allem das geistige Leid, welches nur er zu tragen hat. Es ist der Zoll seiner geistigen Höhe, denn muss der Mensch denken, so muss er auch den Preis zahlen und des Denkens Leid ertragen. Hört man indessen ständig, es sei nicht das Denken an sich, das uns Leid bereitet, sondern das falsche Denken…

In diesem lichten Moment will ich dem vollkommen zustimmen.

Niemand leidet an seinen Gedanken, denn das Leiden ist Sache der Entscheidung, es steht unter der Bedingung der Bewegung des Geistes, welche immer in der Lage ist, dem Leid zu trotzen. Leidet man, so trotzt man dem Leid nicht. Man hat sich entschieden zu leiden. Man wählt das falsche Denken.

So trotze dem Leid, dann wirst du des Denkens blühende Wege einschlagen und dem Leid entkommen. Erst wenn wir das Trotzen des Geistes beherrschen, sind wir die Herrscher über unser Leid, und nicht umgekehrt, das Leid Herrscher über uns.

– Lukas Kiemele, 8-12. August 2018