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Tagebuchauszüge – 18-23. September 2018 – Schreiben Kreativität, Gefühle.

Heute möchte ich mit euch einige meiner spontan verfassten Gedanken über das Schreiben teilen. Seit Jahren übe ich mich darin, Texte zu verfassen und Gedachtes in Sprache zu verpacken, was bekanntlich keine leichte Aufgabe ist. Kreativität und Gefühle spielen dabei eine wichtige Rolle und lenken den literarischen Prozess gewaltig, sowohl positiv wie auch negativ.

[Hinweis: Dieser Tagebuchauszug (genau wie alle anderen) ist natürlich ernst gemeint. Er ist jedoch zudem gespickt von stilistischen Mitteln und einem freien Ausdruck literarischen Spielens. Es besteht (wahrscheinlich) kein Grund zur Unruhe über die psychische Stabilität des Autors]

Gedanken über das Schreiben

Merkwürdig ist das Schreiben: Man wischt mit Tinte über Papier, malt Schnörkel und Kringel, die eine neue Welt zu öffnen imstande sind. Ein paar Flecken besitzen die immense Macht mein Bewusstsein zu packen, zu bewegen in ferne Gefilde fremder Gedankenwelten.

Muss ich nicht erzittern vor solch einer Macht, die in meinen Hände liegt? Jedes einzelne Wort zählt, ist zu viel oder zu wenig und setzt sich mit großem Gewicht in die Waagschale des Schreibprozesses. In der einen Schale liegt der Wille zum Ausdruck, nämlich sich selbst, vielmehr etwas aus sich heraus zu erfassen und dann greifbar zu machen im Mysterium der Sprache.

Dies wiegt man auf gegen das Bedürfnis des Verständnisses, denn muss man sich stets fragen für Wen und Was man schreibt, wer es liest und gleichzeitig warum es gelesen wird. Wer schreibt, der schreibt niemals ohne Rücksicht auf Verständlichkeit, denn schließlich schreibt man immer für jemanden – wenn nicht für ein konkretes Publikum, dann wenigstens für sich selbst …

Getrost halte ich fest: Mit jedem Punkt trage ich die volle Verantwortung über den Sinn einer Geschichte, den Sinn eines aus mir heraus auf gänzlich unverständliche Weise entsprungenen Gedankens, der sich spontan ergießt wie ein natürlicher Wasserlauf. Ich kenne weder die Quelle seines Ursprungs, noch die große Kraft, die ihn zu seinem beständigen Fließen antreibt.

Wiederkehrende Zweifel 

Ist es nicht ein albernes Spiel, das Schreiben? Mag es wohl sein, dass mich niemand hört, mich niemand wird jemals verstehen können, muss ich da nun nicht mit dem Schreiben brechen, wehmütig werden und dieser merkwürdigen Tätigkeit überdrüssig? Schließlich muss ich damit rechnen, dass keines meiner Worte je vernommen, viel schlimmer, niemals verstanden werden wird …

Doch da bemerke ich allzu schnell wieder – wie ich eben bereits angedeutet habe -, dass es beim Schreiben nicht darum geht, gelesen zu werden, sondern eben geschrieben zu werden. Durch das Schreiben wird der Mensch geschrieben, denn er bringt seine Seele in der vielleicht hoffnungslosen, aber dennoch mutigen Bemühung der Sprache zur Konzentration, Vereinigung, und darauffolgenden Darbietung – zunächst ohne irgendeinen Sinn und sichtbar für alle.

Im Schreiben schafft der Mensch, und gerade das Schaffen ist die höchste aller Tätigkeiten, weil sie Kunst und kein Zweck ist, weil sie ohne Absicht und ohne Ziel ihren Weg einschlägt. Oder irre ich mich hier? Schafft der Mensch vielleicht stets nur für Ziele?

Sicherlich tut dies die Mehrheit – ja, gewiss schafft jeder Mensch für irgendwelche Ziele (wohlgemerkt, er arbeitet für die Erfüllung von Zielen), doch kann dies nicht Ausdruck eines wahren Schaffens sein, niemals gar irgendeine Erhebung seines Mensch-Seins, sondern höchstens eine Verzweckmäßigung seiner selbst!

Was wahres Schaffen aus meiner Sicht wirklich zu kennzeichnen scheint, ist bloß zu nennen als die Verwirklichung des Lebensflusses, den der Schaffende aus sich selbst heraus zu lenken weiß. Schaffen ist Schöpfen und Schöpfen heißt: aus sich selbst heraus schöpfen! Wer schaffend wird, sich selbst zum Schöpfer erhebt, der erfüllt zugleich das, was in seinem Inneren nach Realisierung begehrt.

Doch da werde ich stets erfüllt von tiefer Zermürbtheit. Ich muss mir nämlich ehrlich vorhalten, dass ich weder sagen kann, was da in mir nach Realisierung strebt, noch wie ich es zur Erfüllung bringen kann …

Eingespannt bin ich, ja förmlich eingespannt in ein Geflecht von Ketten, die mich zu Tagen reglos, zu anderen Tagen ängstlich und wieder zu anderen verzweifelt werden lassen, denn was ist es, das ich in mir zum Lichte bringen soll? Ich kann nichts finden, trotz meiner Bemühungen. So bleibt mir wohl nur übrig in meinem Verlorensein stehen zu bleiben, verlassen und ratlos.

– Einige Tage später –

Gemessen am Rang meiner bisherigen Leistungen bin ich zwar niedergeschlagen, aber dennoch erfüllt von Zuversicht. Das Schreiben macht mich träge, es fordern so viel meiner Kraft und wühlt so stark in den tiefen Schichten meines Wesens, dass ich meinen Verstand zu verlieren glaube.

Klagen will ich aber keinesfalls. Es ist unvorstellbar wichtig in allen Lebenslagen und unter allen Anstrengungen stets die innere Haltung zu wahren, sich zu ermahnen, an sich selbst zu appellieren! Sei nicht niedergeschlagen, das Leben ist simpel, umarme die Wirklichkeit und akzeptiere deine jetzige Lage, um so genügend Kraft zu sammeln, damit das Hinwegsteigen über diesen misslichen Zustand ein Leichtes wird.

Die Wallungen der Gefühle spielen hierbei eine dermaßen gewaltige Rolle, eine sehr viel größere als ich ihnen zu gewähren bereit bin, denn was leisten sie mir bitteschön in diesen Momenten, wo ich von ihnen erdrückt, gequält und über alle Belange hinweg gemartert werde? Doch da muss ich mich selbst tadeln …

Rede nicht so abfällig über deine Gefühle, selbst dann, wenn sie dich in Mitleidenschaft zu ziehen scheinen! Schließlich geben sie dir den Puls des Lebens, lassen dich zu der warmen Substanz werden, die du bist und verschonen dir ein kaltes und getrübtes, ja ein vollkommen lebloses Dasein.

Mögen sie dir nicht immer ein Quell der Kraft sein, so sind sie dir immerhin stets der Quell des Lebens, denn wer nicht mit seinen Gefühlen in Berührung steht, der lebt auch nicht. Richte dich also in die entgegengesetzte Haltung aus! Sei deiner Gefühle dankbar und erinnere dich an ihren Wert, den du allzu oft nicht zu schätzen weißt.

Zu Zeiten sind sie dein Ballast, zu Zeiten dein Flügelpaar, das dich über alle Hindernisse hinweg zu den schönsten Höhen führen wird. So wirst du auch deine Zweifel im Schreiben überwinden. Höre auf deine Gefühle.

– Lukas Kiemele, 18-23. September 2018