Narabo - Todeskult - Vom Erfolg des Faschismus - Benito Mussolini und Adolf Hitler in München 1940 - Psychologie - Philosophie

Nichts hat das letzte Jahrhundert so erschüttert wie die Herrschaft des Faschismus.

Im Rückblick auf den vielleicht schrecklichsten Gipfel der Geschichte menschlicher Destruktivität beschränken wir uns meistens bloß auf eine historische Deutung respektive Untersuchung jener Umstände, die zu dieser gräulichen Zeit geführt haben. Dabei übersehen wir, dass das Phänomen des Faschismus nicht an zeitliche Faktoren gebunden ist, sondern an menschliche.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Theorie der menschlichen Destruktivität
  2. Ohne historischen Bezug geht es auch nicht …
  3. Die dramatische Entwicklung des Menschen
  4. Hass und Autorität als Nährboden des Faschismus
  5. Anmerkung: Thanatos und Freud vs. Todestrieb und Gruen
  6. Die Anziehungskraft des Todes und der Todeskult
  7. Überwindung des Todeskults
  1. Warum sollte man die Faschismustheorie psychologisch ansetzen?
  2. Auf welcher Basis gründet Gruen seine psychologische Theorie?
  3. Was bedeutet Außengelenktheit und warum spielt es hier eine Rolle?
  4. Was ist das Bindeglied aller Faschisten?
  5. Warum ensteht ein Todeskult durch außengelenkte Menschen?

Theorie der menschlichen Destruktivität

Was in der historischen Forschung übersehen wird, beziehungsweise aufgrund ihrer Methoden und Ziele gar nicht behandelt werden kann, ist die genaue Untersuchung der faschistischen Bewegung, so wie sie sich auf den einzelnen Menschen bezieht. Politik ist ein Geschäft der Masse, doch jede Masse ist nur eine Ansammlung kleiner Einzelteile, die zu ihr beitragen.

Wenn man den Faschismus, so wie wir ihn alle aus dem Geschichtsunterricht kennen, lediglich als ein System der Politik auffasst, das durch die Herrschaft eines Diktators aufgestellt sowie von Antiliberalität und Nationalismus durchdrungen ist, so reduziert man Politik zu unrecht auf einen Magneten mit nur einem Pol.

Die Beziehung des Einzelnen (der in Summe die Masse bildet) zur politischen Instanz (die nur in Hinwendung zur Masse funktionieren kann) formt den Kreislauf dessen, was wir gemeinhin als Politik bezeichnen. Treffend kann man deshalb sagen:

Unter Politik verstehen wir den Begriff der Kunst, die Führung menschlicher Gruppen zu ordnen und so zu vollziehen. [1]
– Arnold Bergstraesser, 1961

Diese Führung und Ordnung vollzieht sich jedoch niemals ohne die Anteilnahme der Gruppe selbst. Darum ist es so wichtig zu verstehen, warum der einzelne Mensch als Teil der Masse dem Faschismus in den Beispielen, die wir aus der grausamen europäischen Geschichte kennen, auf solch blinde Weise gefolgt ist.

Der renommierte Psychologe Arno Gruen versuchte genau dies zu bewerkstelligen. Er blickte auf den Faschismus nicht unter historischen Faktoren, sondern unter zeitlos psychologischen. Mit diesem Artikel werde ich versuchen, im Sinne seiner psychologischen Theorie des Todeskults ein wenig Licht in die dunklen Abgründe des Faschismus zu scheinen. Sein Werk Der Wahnsinn der Normalität kann ich nur jedem ans Herz legen.

Ohne historischen Bezug geht es auch nicht …

Selbst wenn ich darauf beharre den Erfolg des Faschismus nicht historisch, sondern psychologisch zu betrachten, kann man ohne die Rücksichtnahme gewisser Rahmenbedingungen nicht auskommen. Schließlich lebt der Mensch immer in einer Zeit, in einer spezifischen Kultur und mit einer konkreten Vergangenheit.

Somit waren auch die Jahrzehnte vor den Weltkriegen durch unzählige Umstände geprägt, an erster Stelle vom herrschenden Zeitgeist eines nationalistischen und rassistischen Denkens. Um dieses Thema nicht unberührt zu lassen, möchte ich gerade in Bezug auf die massenpsychologische Wirkung dieser Faktoren folgendes Zitat als Einführung geltend machen:

Je nüchterner man sich klarmacht, wie schwer und fast unmöglich eine Trennung von kulturellen, religiösen, sprachlichen und erblichen Gesichtspunkten bei der Definition einer Rasse überhaupt ist, desto deutlicher wird die psychologische Bedeutung des rassistischen Denkens. Durch die negative Ausgrenzung des Anderen bewirkt es eine Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls. Wichtig ist auch ein anderer Aspekt: die Sehnsucht nach dem Aufgehen des eigenen Ich in einer größeren Gemeinschaft – ein menschliches Grundbedürfnis, das in der privaten Lebensform der bürgerlichen Gesellschaft zwangläufig unbefriedigt bleiben muss. Der Faschismus wusste dies meisterhaft auszunutzen. Wie konnte des dazu kommen? [2]

Die dramatische Entwicklung des Menschen

Gruens Deutung der Wirkung des Faschismus steht und fällt mit seiner weitgehend akzeptierten Beschreibung der frühkindlichen Entwicklung. In seiner Theorie nehmen die Begriffe Selbsthass, falsche Liebe und Bewahrung des Selbst eine zentrale Stellung ein, die wir im ersten Schritt klären müssen. Gruen beginnt mit der Feststellung:

Wir alle haben zuerst den Schutz des Mutterleibes und dann den Eintritt in die soziale Welt mit ihrem Wechsel von Geborgenheit und Verzweiflung erlebt. […] Schon sehr früh findet eine Weichenstellung statt; das Individuum muss sich entscheiden: Entweder wird die Verbindung zum eigenen Innenleben aufrechterhalten und das autonome Potential bewahrt, oder das Individuum löst sich immer mehr von seinen inneren Erlebnissen und Erfahrungen. [3, S.53]

Diese Spaltung vom Selbst, von seiner lebendigen Gefühlswelt – Gruen nennt es Außengelenktheit -, wird durch eine krankhafte Erziehung immens verstärkt, beziehungsweise ins Leben gerufen. Hier fällt das Schlagwort der falschen Liebe. Wenn Eltern dem Kind Liebe nur für etwas entgegenbringen, also nicht das Kind lieben, sondern eine Fiktion (das, was oder wie das Kind sein soll), beginnt dieses sich bewusst zu verstellen.

Dies kommt schon fast unweigerlich in jeder Erziehung vor, die Unterschiede bestehen nur in der Quantität. Eine solche Art von Manipulation wird oftmals gar nicht bemerkt, weil bereits unbewusstes Verhalten dazu führen kann.

In jedem Fall beginnt das Kind sich als ein bestimmtes Bild auszugeben (weil nur so Liebe zu erreichen ist) und gibt das eigene Innenleben auf. In dieser Abspaltung liegt die Ursache von Hass, nämlich Selbsthass – die Verachtung seiner eigenen Verstellung.

Hass entsteht aus Selbsthass. [3, S.38]

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Ein außengelenktes Selbst kennt keine Empathie, weil es eine leere empfindungslose Hülle ist.

Hass und Autorität als Nährboden des Faschismus

Gruen verdeutlicht dies an einigen Beispielen, darunter auch am gefürchteten Mörder, Folterer und Gestapo-Chef Klaus Barbie. Als dieser zur Ermordung Jean Moulins – eines französischen Widerstandskämpfers – befragt wurde, antwortete er: „Als ich Jean Moulin verhörte, hatte ich das Gefühl, dass er ich selbst war“ [4].

Der Mörder erkennt in seinem Opfer sein eigenes Selbst. Es ist aber ein Selbst, das er zu fürchten begonnen hat, als es nicht in das elterliche Selbstwertgefühl passte, so dass Mutter oder Vater das Kind zwangen, sich ihrem Willen zu unterwerfen. Ein solches Kind wird dafür später Rache nehmen wollen, es wird als erwachsener Mann [in diesem Fall] danach trachten, dafür geliebt zu werden, dass er anderen Leid zufügt, und gleichzeitig wird er ein solches Handeln entschieden leugnen [3, S.38].

Man könnte nun einwenden: Was hat dieser extreme Einzelfall mit der großen Masse der Menschen zu tun, die alle hinter dem Faschismus standen? Außerdem: Warum führt eine Außengelenktheit überhaupt in eine Verherrlichung von Tod und Zerstörung?

Was kennzeichnet den Anhänger des Faschismus?

Für die erste Frage antworte ich ganz einfach, dass Klaus Barbie keineswegs ein Einzelfall war und gleich hinterher noch damit, dass der Schaden einer Außengelenktheit immer graduell zu betrachten ist. Barbie war sicherlich ein besonders schwerer Fall. Nicht alle Faschisten sind brutale Mörder.

Doch jedem Menschen, der unter der Außengelenktheit leidet, fällt ein mehr oder weniger gemeinsames Merkmal zu, nämlich das des Gehorsams. Es ist eine direkte Folge dessen, was das Kind getan hat, um die Liebe der Eltern zu erlangen: ihre perversen Forderungen erfüllen. Der Faschismus, der eben auf Autorität und Führung beruht, nutzt dies demnach fabelhaft aus.

Wie kommt es zu einer Verherrlichung von Tod und Gewalt?

Spannender ist eigentlich die zweite Frage: Warum führt dies zu einer Verherrlichung von Tod und Gewalt? Es ist erschreckend einfach zu beantworten: Da Hass aus Selbsthass entsteht und dieser unmittelbar aus der Spaltung des Selbst folgt – also der Aufgabe des eigenen Innenlebens, weil dieses wahre Selbst von den Eltern nicht geliebt wurde -, wird alles zur Zielscheibe der Zerstörung, was auch nur ansatzweise versucht, das verlorene Innenleben wieder zu berühren:

Solche Menschen reagieren also auf alles, was die Reste ihres eigenen Selbst wieder hervorholt, ausnahmslos mit gesteigerter Verachtung und Hass, um so die Stimme des Opfers, das sie so sehr in sich selbst hassen, zum Schweigen zu bringen. [3, S.38]

Der außengelenkte Mensch ist vollkommen von seiner Innenwelt getrennt, ja er kennt nur vorgespielte Gefühle. Wahre Liebe wird von ihnen verneint und verachtet, weil ihr eigenes Inneres für fehlerhaft erklärt worden war. Somit suchen sie anderweitig Bestätigung, meist im Streben nach Macht, weil nur diese ihnen den Eindruck von Kontrolle und Stabilität vermittelt. Hitler ist hierfür ein fabelhaftes Beispiel:

Solche Menschen geben uns ungeschminkt zu erkennen, dass sie Zerstörung suchen, um die innere Leere zu mildern. […] Es gibt also eine Sorte von Männern [und Frauen], deren zentraler Impuls immer nur um den Tod kreist. Wir übersehen gewöhnlich, dass Hitler uns seine Schergen morden ließen und selbst mordeten, aber weit davon entfernt waren, zu erkennen, dass sie damit ein Menschsein repräsentierten, das sich nur durch Tod und Zerstörung lebendig fühlt. [3, S.68]

Anmerkung: Thanatos und Freud vs. Todestrieb und Gruen

Dem Kenner psychologischer Konzepte könnte der Begriff Todeskult an einen umstrittenen, von Freud ins Leben gerufenen Begriff erinnern: den Thanatos-Trieb. Thanatos bezeichnet den Totengott der griechischen Mythologie und wurde von Freud dem Sexualtrieb (Eros) entgegengestellt. Destruktivität wurde somit als biologischer Begriff postuliert.

Ohne an dieser Stelle auf Freuds Theorie einzugehen, möchte ich den Unterschied zu Gruens Begriff dennoch betonen, weil sie grundlegend verschieden sind. Gruen tut dies auf eigene Weise wie folgt:

Sigmund Freud hat richtig beobachtet, dass in allen Menschen Destruktives ist. Aber indem er darin nun universale Instinkte sah [also bloß einen biologischen Begriff], trug er dazu bei, die Ursprünge des Selbsthasses zu verdecken. [3, S.52]

Gruen vertritt dagegen keinen schlicht biologischen Begriff der Destruktivität, sondern einen der auf die bereits beschriebene Außengelenktheit basiert. Jener Mensch, der sich selbst für falsche Liebe verraten hat, hasst seine Verstellung und sein Gehorsam, das auf den Punkt gebracht ein Symptom innerer Schwäche ist.

Die aber, um die es mir hier im Zusammenhang mit der menschlichen Destruktivität geht, gehören zu der Gattung Mensch, die am Ende ihrer fehlgeleiteten Entwicklung fähig zum Gehorsam aber ohne innere Überzeugung ist. Ihr Gehorsam schürt Selbsthass und Destruktivität. Dieser Hass ist das Ergebnis des Sozialisierungsprozesses und nicht eines angeborenen Triebes. [ebd.]

Die Anziehungskraft des Todes und der Todeskult

Nach dem bereits Gesagten liegt es auf der Hand, warum der Faschismus so erfolgreich gewesen ist. Er wird auch zu jeder Zeit erfolgreich bleiben, solange die breite Bevölkerung der Außengelenktheit und dem blinden Gehorsam unterliegt. Destruktivität bleibt im Zentrum stehen. Genau das hält Gruen ebenfalls fest:

Wenn der Tod das ist, was die größte Sicherheit bietet, dann sehnt man sich auch danach. Es ist kein Zufall, dass die Ideologien, die das Mitgefühl am tiefsten verachten und dem männlichen Mythos von Stärke und Größe besonders hemmungslos huldigen, die faschistischen waren und sind. Und jede faschistische Spielart verherrlicht den Tod. [3, S.57]

Deshalb auch finden sie bei so vielen Menschen – auch bei intellektuellen Gegnern – emotionale Gefolgschaft. Sie rühren an die Neigung vieler, vom Tod als heroischem Erlöser fasziniert zu sein. Er befreit von den nagenden Zweifeln wegen der eigenen Unzulänglichkeit, was für Männer ebenso gilt wie für Frauen, die ihr Selbst auf dem männlichen Mythos aufbauen. [ebd.]

Abschließend fasst Gruen seine – wie ich finde – treffende Schlussfolgerung mit einfachen Worten zusammen:

Aus diesem Grund [siehe obiges Zitat] haben es faschistische Ideologien so leicht, Männer und Frauen für ihre vernichtenden Ziele zu gewinnen. Wenn dieses Bedürfnis nach Erlösung nicht schon vorhanden gewesen wäre, hätte der Faschismus nie so erfolgreich sein können. [ebd.]


Quellen und Verweise

Titelbild: Teil von Eva Brauns Fotoalben. 1913 – ca. 1944, von der US-Regierung beschlagnahmt; unter CO-Lizenz.

[1] Peter Massing, Georg Weißeno (hrsg.) : Politik als Kern der politischen Bildung: Wege zur Überwindung unpolitischen Politikunterrichts, Leske + Budrich, Opladen, 1995, S.69 | Literatur (DEU)

[2] Peter Christian Lang, Christoph Helferich: Geschichte der Philosophie: Von den Anfängen bis zur Gegenwart und Östliches Denken, J.B. Metzler, Springer Verlag, 2012, S.402 | Literatur (DEU)

[3] Arno Gruen: Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine Theorie der menschlichen Destruktivität, DTV, München, 2017, 21. Auflage | Literatur (DEU)

[4] N. Ascherson: The »Bildung« of Barbie, in The New York Review of Books, 24. November 1983 | Literatur (DEU)