Narabo-Über-Waffen-Krieg-Sturheit-USA-Philosophie

Zehntausende US-Bürger sterben jedes Jahr durch Schusswaffen.

Wirklich paradox und irrational ist, dass nach jedem Massenmord der Aktienwert der Waffenhersteller ansteigt. Mit durchschnittlich über 80 Schussopfern pro Tag würde man eigentlich vermuten, dass man dem Waffenbesitz abschwört – doch das Gegenteil ist der Fall: die meisten Amerikaner bestehen auf ihr Waffenrecht als Ausdruck ihrer persönlichen Freiheit.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Was ist los mit den USA?
  2. Charakteristika der US-Waffensituation
  3. Gängige Argumente für Waffenbesitz
  4. Die Schusswaffe als Grundrecht
  5. NRA – National Rifle Association
  6. Ein Verein voller Wahnsinniger
  7. Waffen um gegen Waffen zu kämpfen
  8. Ein Konflikt zwischen Mensch und Maschine?
  9. Waffen setzen ein Statement
  1. Wie sehen einige Statistiken zu Waffen und deren Gebrauch in den USA aus?
  2. Welche Argumente werden für den Besitz von Waffen angebracht?
  3. Was ist die NRA und was vertritt sie?
  4. Welches Zerrbild hat die NRA von der Realität?
  5. Wie lautet der Zusammenhang zwischen Mensch und Maschine (Schusswaffen)?
  6. Wer trägt die Verantwortung an den Folgen?

Was ist los mit den USA?

An erster Stelle sollte ich klarstellen, was ich mit diesem Artikel bezwecken möchte. Natürlich handelt es sich hier nicht um eine Hassrede gegen die USA, sondern um das bloße Aufdecken von Fakten und ihrer möglichen Quellen. Ich werde dabei vor allem auf drei Themen eingehen, die nun bekanntlich besonders in der amerikanischen Politik, Gesellschaft und Kultur auftauchen:

  1. Waffenenthusiasmus
  2. Freiheitsfanatismus
  3. Polarisierungsdenken

Zunächst werde ich mich fragmentarisch zu den einzelnen Aspekten äußern und auf diese Weise versuchen einen Überblick der Probleme und Widersprüchlichkeiten zu verschaffen. Anschließend soll es dann darum gehen, den großen Bogen zu spannen und die drei Einzelaspekte auf ihre Grundursache festzunageln.

Charakteristika der US-Waffensituation

In keinem Land der Welt befinden sich sowohl in absoluter als auch in relativer Hinsicht mehr Schusswaffen in privatem Besitz als in den USA. Die tatsächliche Größe dieses Phänomens ist jedoch mangels eines nationalen Waffenregisters nicht einmal bekannt.

Der Politikwissenschaftler Dr. Karl-Dieter Hoffmann gab in seiner Studie zur Politics of Paranoia an, dass seriösen Schätzungen zufolge, die Menge der Schusswaffen in Privathaushalten für das Jahr 2007 auf rund 294 Millionen zu beziffern ist und sich aus 106 Mio. Handfeuerwaffen, 105 Mio. Gewehren und 83 Mio. Schrotflinten ergibt [1].

Ausgehend von einer jüngeren Befragung im Jahr 2015 haben 42% der teilnehmenden US-Bürger auf die Frage, ob sie mindestens eine Waffe direkt im Haus hätten, mit JA geantwortet [2]. Mit deutlich weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung verfügen die USA über einen riesigen Anteil von ca. 35-50 Prozent der auf dem gesamten Globus von Privatpersonen gehaltenen Schusswaffen [3].

Es ist darüber hinaus wichtig festzuhalten, dass die Mehrheit der Waffeneigner überwiegend aus weißen Männern mittleren Alters besteht, die der Mittelschicht angehören und sich meist als Republikaner identifizieren. Weiterhin leben die meisten Waffeneigner in ruralen Gebieten (mehrheitlich im Süden) und entstammen zumeist Familien, die vor vielen Generationen in die USA eingewandert sind [4].

Die Resultate dieser Waffenliebe sind offensichtlich. Allein in den ersten zwei Monaten des Jahres 2018 gab es 11 Vorfälle mit Waffen an Schulen, darunter 2 Selbstmorde, 44 (tödlich) angeschossene Personen und 19 Tote durch Amokläufe. In den USA vergeht kein Tag an dem nicht irgendwo eine Massenschießerei stattfindet (CNN).

Es ist kaum zu fassen, dass in nicht einmal 60 Tagen des Jahres 2018 bereits 1.857 Todesfälle und 3.213 Verletzte dem Einsatz von Schusswaffen zum Opfern gefallen sind. Nicht mitgezählt sind die begangenen Selbstmorde, die sich pro Jahr auf circa 20.000 belaufen [4].

Gängige Argumente für Waffenbesitz

Man kann die jüngsten Entwicklungen in der Waffengesetzgebung der USA, wie zum Beispiel die Idee Lehrer zu bewaffnen, nicht nachvollziehen, wenn man die Berücksichtigung der Debatte über die Bedeutung und genaue Interpretation des Second Amendment der US-Verfassung missachtet.

Dieser aus dem Jahre 1791 stammende, zum Katalog der Bill of Rights gehörende Verfassungszusatz besteht aus einem einzigen Satz, der den ehernen historischen Ausgangs- und Bezugspunkt der US-amerikanischen gun policy darstellt: » A well regulated militia, being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear arms, shall not be infringed. « [1].

Zu Deutsch heißt dies: Da eine wohlgeordnete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.

Die Schusswaffe als Grundrecht

Waffen besitzen zu dürfen ist ein Grundrecht des amerikanischen Bürgers, auch wenn die Vertreter dieser Ansicht nur eine ganz bestimmte Zielgruppe anvisieren: Weiße. Es ist kein Geheimnis, dass Angehörige der NRA (National Rifle Association) nicht gerne sehen, wenn Afroamerikaner Waffen tragen (man beachte nur die enorm zahlreichen, schweren Übergriffe von Polizisten). Damit erhält auch das Thema rund um die Waffe einen starken Beigeschmack von Rassendiskriminierung.

Die Tatsache des Second Amendments bildet das Hauptargument für Waffenenthusiasten, die sich darauf berufen, dass es ihr unanfechtbares Grundrecht sei. Weitere Pro-Waffen-Argumente lauten:

  • Die amerikanische Kultur ist seit ihrem Beginn von Waffen geprägt. Es handelt sich sprichwörtlich um eine Waffenkultur (gun culture). Man dürfe diesen Faktor nicht einfach ignorieren, weil er viel zu sehr im Geiste Amerikas verankert ist.
  • Waffen werden strikt als ein Wahrzeichen der Freiheit angesehen und das sogar in zweierlei Hinsicht. Zum einen, weil sie ein Ausdruck des alten Siedlerlebens sind, zum zweiten, weil das Besitzen von Waffen als ein Akt gegen die Beherrschung des Staates gilt. Viele Amerikaner besitzen gar die Meinung, dass die Europäer alle ihre Rechte an den Staat abgeben und sie hingegen, indem sie auf ihr Waffenrecht bestehen, einen Akt der persönlichen Freiheit demonstrieren.
  • Waffen gelten als Schutz. Viele Amerikaner – besonders die Angehörigen der NRA – sind davon überzeugt, dass Waffen in der Hand des einzelnen Bürgers zu mehr Sicherheit führen. Sie sind misstrauisch gegenüber der Polizei (dabei nicht zu vergessen: viele Weiße sind misstrauisch gegenüber der schwarzen Bevölkerung) und fordern deshalb, selbstständig für ihre Sicherheit sorgen zu dürfen.

Es gibt noch einige weitere (schwächere) Pro-Waffen-Argumente, die ich an dieser Stelle jedoch aus Gründen der Übersicht auslassen will. Bevor wir uns der Analyse und Kritik der amerikanischen Freiheits- und Waffennarrheit widmen, sollten wir die bereits mehrfach erwähnte NRA etwas genauer unter die Lupe nehmen.

NRA – National Rifle Association

Dr. Karl-Dieter Hoffmann beschreibt die NRA wie folgt: Seit den 1990er Jahren gilt die NRA als eine der stärksten Lobbyorganisationen in den USA, wobei ihr Vermögen, den waffenpolitischen Diskurs zu bestimmen sowie gar den Ausgang von Wahlen zu beeinflussen auf einer Fehlwahrnehmung der wirklichen Stärke der NRA in der politischen Klasse beruht. Es ist aber diese Perzeption, die so über den Grad des politischen Einflusses der NRA in Washington entscheidet [1].

Die NRA bezeichnet sich dagegen selbst klar als eine Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, die amerikanische Verfassung zu schützen. Mittlerweile hat sich die NRA radikalisiert und vertritt hauptsächlich drei Standpunkte [1]:

  1. Das Credo der NRA lautet: »Nicht Waffen, sondern Menschen töten Menschen.« Als bestes Mittel gegen kriminelle Aktivitäten wird die Selbstverteidigung des Bürgers propagiert. Je mehr Waffen es gibt, desto sicherer ist die Gesellschaft, so die NRA.
  2. Beim Recht auf Waffenbesitz handelt es sich nicht um irgendein Grundrecht unter vielen, sondern um das erste und bedeutendste Grundrecht des US-Bürgers, von dem alle anderen Grundrechte abhängen. Wenn man dieses erste Recht aufgibt, wird man ein Sklave des Staates.
  3. Wer die extremistische Position der NRA nicht teilt, gilt sofort als politischer Gegner. Es gibt nur Schwarz oder Weiß, keine Grautöne: »You are either with us or against us.« Was die NRA in Bezug auf ihre politische Effektivität von anderen Interessengruppen unterscheidet, ist die hochmotivierte Mitgliedsbasis und die hiermit verbundene Leitfähigkeit der Organisation, den konzentrierten Druck ihrer Mitglieder zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort zur Wirkung zu bringen.

Ein Verein voller Wahnsinniger

Auf welche absurde Weise sich Waffenenthusiasmus, Freiheitsfanatismus und Polarisierungsdenken nun vereinen, zeigt die Geisteshaltung der National Rifle Association. Die NRA hat eine so vollkommen verzerrte Vorstellung von der Konstellation zwischen Freiheit, Verantwortung und Sicherheit, dass man wirklich kaum glauben kann, welchen politischen Einfluss sie genießt.

Zu behaupten, dass mehr Waffen auch zu mehr Sicherheit führen, käme der Behauptung gleich, mehr Krieg führe zu mehr Frieden (was der amerikanischen Außenpolitik sehr ähnelt). Jede Form einer Waffe ist ein Machtsymbol, dessen Konsequenz natürlich an der Verantwortung des Nutzers scheidet.

Sie besitzt darüber hinaus aber noch einen Eigenwert, der unabhängig vom Nutzer ist, nämlich dass sie zum Töten produziert wurde – völlig gleichgültig, ob das im Zeichen des Mordes, des Wahnsinns, oder der Selbstverteidigung geschieht. Die NRA beschönigt diese Tatsache, indem sie an die Stelle des Eigenwerts das amerikanische Leitwort der Freiheit setzt.

Im selben Zug wird die Waffe in ihrer Funktion auf das Sinnbild der Verteidigung, also auf die Sicherheit reduziert. Doch diese Form von Schein-Sicherheit, die daraus besteht, dass jeder Bürger eine Waffe trägt, ist nichts als eine Sicherheit des Terrors und der Einschüchterung. Die Verzerrung von realen Tatbeständen ist ein beliebtes Mittel der Radikalen, da es erschreckende Fakten einfach vertuscht.

Waffen um gegen Waffen zu kämpfen

Nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Grundschule in Newtown im Jahr 2012, in dem Adam Lanza 20 Kleinkinder sowie 6 Lehrer erschoss, veröffentlichte Michael Moore, der berühmte Regisseur kritischer Filme, einen Tweet mit seinem gewohnten Zynismus: Wenn doch nur das erste Opfer, Adam Lanzas Mutter, eine Waffenbesitzerin gewesen wäre, hätte sie die Tragödie verhindern können.

Natürlich war sie eine Waffenbesitzerin; sie besaß mehrere Pistolen und sogar ein Sturmgewehr, die ihr Sohn dann entwendete, um zunächst sie zu erschießen und kurz darauf seinen Terror fortsetzte. Waffen-Aktivisten bemühen sich selbst aus solchen Beispielen zu retten, indem sie die Menschen polarisieren. Sie nennen alle Amokläufer, oder Kriminelle im Allgemeinen, böse Menschen, d.h. Menschen, die das Böse von Natur aus in sich tragen.

Dass diese Einstellung bei den meisten Vertretern der pro-gun Politik nichts als eine biblisch-naive Fiktion ist und außerdem von neuzeitlicher Psychologie [5] und empirischen Ergebnissen widerlegt ist, wird in der breiten Masse ignoriert. Die Kritik an der NRA könnte man wie folgt zusammenfassen:

Die stellvertretende Direktorin der Anti-Waffen-Gruppe Code Pink, M. Benjamin, warf der NRA Realitätsverweigerung vor: „Sie haben die Schuld für die Gewalt auf alle möglichen Dinge geschoben – nur nicht auf die Waffen selbst.“ Senator Frank Lautenberg aus New Jersey sagte, der Verband liege weit von dem entfernt, was die US-Öffentlichkeit wolle. [6]

Ein Konflikt zwischen Mensch und Maschine?

Ständig hört man zwei kursierende Thesen zum Thema Waffen & Gewalt, nämlich auf der einen Seite, dass allein die Waffen als Verursacher der vielen Morde, Selbstmorde und Schießereien zählen, oder auf der anderen Seite, dass allein der Mensch und nicht die Waffen dafür verantwortlich ist.

Bruno Latour (* 22. Juni 1947 in Beaune), ein französischer Soziologe und Philosoph, dessen Arbeitsschwerpunkte in der Wissenschafts- und Techniksoziologie liegen, bezeichnet die ganze Debatte um das Waffenrecht in gewisser Hinsicht als vollkommen fehlgeleitet, weil man dem alten amerikanischen Märchen zwischen zwei Polaritäten folgt, wie etwa Weiß und Schwarz, die Guten und die Bösen, die Christen und die Nicht-Christen oder eben die Waffe als Ursache bzw. der Mensch als Ursache von Gewalt.

Als ein Beispiel gegen die Beherrschung von Maschine-Mensch führt Latour die Auseinandersetzung zwischen der National Rifle Association (NRA) und ihren zahlreichen Gegnern an. Diese Auseinandersetzung bezog sich auf den uneingeschränkten Verkauf von Waffen in den USA [7].

Latour hält beide Meinungen für falsch: Die Waffengegner, die behaupten: „Waffen töten Menschen“ als auch die der NRA, die darauf bestehen, dass nicht Waffen töten, sondern lediglich Menschen, die Waffen benutzen.

Latour behauptet nun: „Weder Menschen noch Waffen töten“, denn es sei nur das Zusammenspiel von Mensch und Waffe, das zur Tötung führt. Er betrachtet ferner die Funktionsweise von Dingen als deren Ziel und behauptet nun, dass sowohl Menschen als auch Dinge (Nicht-Menschliches) ihr Ziel hätten [7].

Waffen setzen ein Statement

Waffen werden zum Töten produziert und setzen damit deutliche Zeichen selbst wenn sie nicht benutzt werden. Kein Staat würde einfach so Atomwaffen bauen. Jede Handlung offenbart zugleich etwas über den Handelnden. Besonders in dieser Analogie mit den Atomwaffen können wir dies präzise nachvollziehen: Ein Staat, oder besser gesagt seine politische Spitze, setzt sich für Krieg, Militär und Waffen ein, einzig aufgrund einer inneren Angst.

Dasselbe gilt auch für den einzelnen Menschen, der Waffen kauft: Indem er ein Mittel sucht, dass ihm scheinbare Macht und Stärke verleiht, versucht er verzweifelt der Außenwelt zu imponieren, um damit all seine vorgespielte Freiheit, sein zerrüttetes Selbstwertgefühl und seine mangelnde Stärke zu vertuschen [5].

Je weniger jene Menschen imstande sind, sich der Eroberung ihres eigenen Inneren zu widmen, um so entschiedener stürmen sie auf dem Fluchtweg vor sich selbst voran und suchen verstärkt etwas jenseits der Grenzen ihres gehassten Selbst zu erobern. [5]

Aus Latours Sicht sind zweckgerichtetes Handeln und Intentionalität Eigenschaften von Institutionen – oder in den Worten des berühmten Philosophen Paul-Michel Foucault ausgedrückt: von Dispositiven -, die Menschliches sowie Nicht-Menschliches kombinieren. Nur in dieser Kombination kann man auch sinnvoll vom Gebrauch und Effekt der Waffen reden.


Quellen und Verweise

Statistische Zahlen in der Einleitung: Brady Campaign to Prevent Gun Violence | Webseite (ENG)

[1] Friedrich-Ebert-Stiftung: Dr. Karl-Dieter Hoffmann: Politics of Paranoia – Die US-Waffengesetzgebung und der politische Einfluss der National Rifle Association | Artikel (DEU)

[2] Fachjournal: Injury Prevention, BMJ Journals: Gun ownership and social gun culture | Webseite (ENG)

[3] The Guardian, 22.7.2012: America’s deadly devotion to guns | Artikel (ENG)

[4] Gun Violence Archive: Auswertung von 2.500 Quellen täglich | Webseite (ENG)

[5] Vgl.: Arno Gruen: Der Wahnsinn der Normalität, dtv, 2015, S.68f. | Literatur (DEU)

[6] Focus Online: Thesen der US-Waffenlobby NRA entsetzen Waffengegner | Artikel (DEU)

[7] Holger Burckhart, Jürgen Sikora: Praktische Philosophie in gesellschaftlicher Perspektive: Ein interdisziplinärer Diskurs, LIT Verlag, 2005, S.84f. | Literatur (DEU)