Narabo - Verschiedene Versionen des Utilitarismus - Philosophie - Ethik

Für viele fällt der Begriff Utilitarismus in die Kategorie ‚Mehrfach gehört, aber nicht wirklich verstanden‘.

Ob im Ethikunterricht oder andernorts, fast jeder hat bereits von einer utilitaristischen Handlung gehört und weiß, dass es sich dabei um eine ethische Theorie dreht. Wir werden uns in diesem Artikel nun die genauen Details dieser Theorie anschauen und endlich mit dem Halbwissen über den Utilitarismus aufräumen.

INHALT ÜBERBLICK
  1. Kurze Wiederholung des Utilitarismus
  2. Abwehr der Kritik gegen den Utilitarismus
  3. GE: Wie würde die Zukunft aussehen?
  4. Nein danke, ich möchte keine Orangen mehr!
  5. Verschiedene andere Versionen der Kritik
  6. Wir brauchen Regeln: Regelutilitarismus
  7. Moderne Version: Präferenzutilitarismus
  8. Kontrovers: Präferenz als einziger Maßstab
  1. Was ist das Fundament des Utilitarismus?
  2. Welche Kritik gibt es gegen diese erste Form und wie kann man darauf antworten?
  3. Was zählt zu den prinzipiellen Schwächen des Utilitarismus? Kann man sie beseitigen?
  4. Was bedeutet die Version des Regelutilitarismus?
  5. Welche modernen Entwicklungen gibt es in der utilitaristischen Ethik?

Kurze Wiederholung des Utilitarismus

Im ersten Teil des Artikels über Utilitarismus haben wir die Grundthesen sowie einige Kritik zu dieser normativen Theorie gehört. Wir haben gesehen, dass man vier Pfeiler angeben kann, auf denen der Utilitarismus ruht, nämlich:

1. Konsequentialismus: Ob eine Handlung gut oder schlecht ist, entscheiden immer nur die Folgen.
2. Hedonistisches Prinzip: Oberstes Prinzip allen Handelns ist das Glück und die Vermeidung von Leid.
3. Prinzip der Universalität: Es steht das Wohlergehen aller Betroffener einer Handlung im Mittelpunkt.
4. Prinzip der Utilität: Was bei einer Konsequenz zählt, ist der Nutzen. Dieser muss maximiert werden.

Allein mit diesen vier Aspekten hat man den klassischen Utilitarismus bereits vollständig charakterisiert. Welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind, das heißt vor allem die intuitiven moralischen Widersprüche, haben wir im letzten Teil auch schon genauer betrachtet. Wir waren letztlich bei der Kritik stehengeblieben, wo wir in diesem Artikel wieder anknüpfen wollen.

Abwehr der Kritik gegen den Utilitarismus 

An erster Stelle führte ich den Einwand ein, dass der Utilitarismus scheinbar keinerlei Platz für Versprechen und Gerechtigkeit besitzt. In den meisten Situationen wäre es sogar moralisch geboten Versprechen zu brechen, weil man seine Ressourcen besser einsetzen könnte. Das konkrete Beispiel lautete:

  • Person S steht in einem festen Arbeitsverhältnis und bezieht monatlichen Lohn von seinem Arbeitgeber für geleistete Arbeit. S‘ Chef entschließt nun S seinen Lohn gar nicht auszuzahlen, sondern diesen lieber an eine wohltätige Organisation zu spenden. Dies würde mehr Menschen mehr Lust bereiten und sei utilitaristisch gerechtfertigt.

Eine mögliche Antwort des Utilitaristen darauf, wäre die zukünftigen Folgen zu erwägen, die entstehen würden, wenn ein solches Verhalten allgemein werden würde. Nehmen wir einmal an, es gäbe keinerlei Sinn darin, einem gegebenen Versprechen oder unterzeichneten Vertrag zu vertrauen, weil Menschen jederzeit die Verbindlichkeit auflösen könnten – was folgt daraus?

Gedankenexperiment: Wie würde die Zukunft aussehen?

Wie würde eine Gesellschaft aussehen, die so etwas macht? Es würde schlicht Chaos entstehen. Keiner würde irgend einer Person mehr Vertrauen schenken und jede Form der Organisation würde zusammenbrechen. Der Utilitarist argumentiert damit, dass er den Gesamtnutzen dieser verallgemeinerten Handlung unter die Lupe nimmt und Folgendes feststellt:

Die Glück-Leid-Bilanz würde letztlich stark negativ ausfallen. Den Menschen geht es schlechter, wenn es keine Versprechen gibt. Somit wäre das Verhalten des Chefs utilitaristisch nicht gerechtfertigt. Schauen wir uns das zweite Beispiel an:

  • Person S lebt in einer Sklavengesellschaft. S wird versklavt und ist gezwungen für das Wohl anderer zu arbeiten. Seine Unlust könnte durchaus in der Endbilanz vom positiven Gesamtnutzen und der daraus resultierenden Lust für andere Menschen überwogen werden, weshalb seine Versklavung utilitaristisch gerechtfertigt sei.

Auch hier kann der Utilitarist auf dieselbe Weise eine Lösung finden. Deutlicher wird es bei dem radikaleren Beispiel, das ich in diesem Kontext angeführt habe: darf man eine Person für seine Organe ausschlachten, um diese anderen einzupflanzen? Zunächst müsste der Utilitarist dem zustimmen, weil natürlich die Bilanz positiv ausfällt (mehr Menschen haben dadurch mehr Glück).

Doch stellen wir uns wieder eine Gesellschaft vor, wo diese Möglichkeit (das spontane Ausschlachten) an der Tagesordnung steht. Was würde passieren? Selbstverständlich würde auch hier das Vertrauen zu Bruch gehen. Jeder müsste in ständiger Angst leben, weil es doch sein könnte, er wäre das nächste Opfer – der „freiwillige Spender“. Was ist mit dem letzten Beispiel?

Nein danke, ich möchte keine Orangen mehr!

  • Eine Firma will einmalig Belohnungen für gute Leistungen der Mitarbeiter verteilen und vergibt allen 100 Mitarbeitern 50€. Nach dem hedonistischen Kalkül von Bentham sollte es keinen Unterschied machen – sofern man eine Belohnung mit einer Einheit Lust gleichsetzt –, wenn man nur 10 Mitarbeitern 500€ gibt, oder einem 5000€.

Hier kann sich der Utilitarist mit dem bereits bekannten Inhalten seines Theoriegebäudes nicht mehr so einfach rausreden. Er braucht eine originelle neue Lösung – und die hat er auch in der Form eines Grenznutzens (auch das erste Gossensche Gesetz genannt).

Schlicht gesprochen besagt es nichts anderes als die Tatsache, dass man sich für jede neue Portion eines Guts oder Glücks immer weniger freut. Nun freue ich mich zum Beispiel über meine erste Orange sehr stark, aber über meine zehnte deutlich weniger. Es würde also mehr Sinn machen, nicht mir noch eine siebte, achte oder neunte Orange zu geben, sondern einer Person, die noch gar keine hatte.

Auf diese Weise schafft es der Utilitarismus eine gewisse Form von Gerechtigkeit in seine Theorie einzubauen.

Verschiedene andere Versionen der Kritik

Natürlich sind diese drei recht schweren Einwände nicht alles, was man gegen den Utilitarismus sagen kann. Neben weiterer inhaltlicher Kritik, wie zum Beispiel Immanuel Kant sie mit seiner deontologischen Ethik formulierte, gibt es noch einen besonderen formellen Einwand, den ich kurz vorstellen möchte.

Es handelt sich dabei um den sogenannten Einwand der Selbstzerstörung. Im Original als self-defeating-critique bezeichnet, sagt diese nichts weiter aus, als dass man mit einer utilitaristischen Gesinnung niemals eine Handlung vollziehen können würde. Schließlich verlangt der Utilitarismus von uns, dass wir den maximalen Nutzen in jeder Handlung bestimmen. [2]

Auf diese Weise degradierten wir aber zu wandelnden Rechenmaschinen, die immer nur Nutzen-Kalkulationen durchführen würden, ohne letzten Endes eine Handlung zu vollziehen, weil man seine Berechnung in der Praxis niemals abschließen kann.

Wenn man als Utilitarist nun relativieren will und einräumt, es würde eine gute Einschätzung des Nutzens reichen, oder schon eine Vermehrung anstelle der Maximierung, dann wäre der Utilitarismus nichts als eine Wischi-Waschi-Theorie ohne sinnvolle Aussagen über unsere Handlungen.

Es gäbe durch dieses Eingeständnis ja gar kein objektives Kriterium der moralischen Beurteilung, wenn man eben Relativismen zulassen würde – wozu dann noch von einer ethischen Theorie sprechen?

Neben diesen Kritikpunkten gibt es noch einige andere, die ich hier jedoch schlicht aus Gründen der Zeit auslasse. Stattdessen sollten wir viel lieber beginnen zu betrachten, was die Utilitaristen sich nun haben einfallen lassen, um diese Kritikpunkten abzuwehren.

Wir brauchen Regeln: Regelutilitarismus

Eine mögliche Antwort auf den Einwand der Selbstzerstörung ist der Übergang von einem Handlungsutilitarismus zu einem Regelutilitarismus. Die klassische Version zählt zur ersten Variante. Es werden die einzelnen Handlungen nach ihrem Nutzen beurteilt und dementsprechend eine moralische Beurteilung durchgeführt.

Wie wir jedoch gesehen haben, wäre das aus pragmatischen Gründen eine unerträgliche Zumutung. Aus diesem Grund haben sich Utilitaristen eine bequeme Lösung einfallen lassen: Wir schauen nicht mehr auf jede Handlung, sondern auf Kategorien von Handlungen, die anhand von Regeln bestimmt werden sollen.

Der Handlungsutilitarismus ist mithin eine ziemlich atomistische Theorie: die Richtigkeit einer einzelnen Handlung wird durch ihre Folgen für die Welt bestimmt. Der Regelutilitaris­mus dagegen vertritt die Ansicht, daß die Richtigkeit einer Handlung nicht durch ihren rela­tiven Nutzen bestimmt wird, sondern durch den Nutzen, der daraus resultiert, daß man eine relevante moralische Regel hat. [3]

Die Bestimmung dieser relevanten moralischen Regel ist zentral für diese völlig neue Version des Utilitarismus. Zunächst definiert man diese Regel, nämlich als genau diejenige, deren Akzeptanz direkt zu einer Maximierung der sozialen Utilität in überwiegend ähnlichen Situationen führen würde.

Danach definiert man nun die moralisch richtige Handlung in Übereinstimmung mit dieser Regel, welche selbst aber auf ein konkretes Ziel ausgerichtet ist. Natürlich gibt es auch hier wieder kritische Einsprüche – fallen dir welche ein?

Moderne Version: Präferenzutilitarismus

Zuallerletzt möchte ich noch eine zeitgenössische und höchst kontroverse Position des Utilitarismus vorstellen, nämlich den sogenannten Präferenzutilitarismus. Präferenz bedeutet hier Vorliebe, Bedürfnis oder Interesse.

Peter Singer, der wohl bekannteste Vertreter dieser Denkrichtung argumentiert für die Bewertung von Folgen einer Handlung aus Sicht der Interessen eines individuellen Wesens, das von der Handlung betroffen ist. Dies ist offensichtlich ein völlig neuer Ansatz. Spannend ist auch seine Lebenseinstellung (TED-Talk – Video).

Allein auf diese Weise soll anschließend die Utilität in der Nutzenbilanz beurteilt werden. Damit verabschiedet sich Singer vom uralten pleasure-pain-Maßstab und führt eine viel allgemeinere Beurteilung ein, die ihn leider in einige schwer zu schluckende Schlussfolgerungen führt.

Tatsächlich behauptet Singer, dass jedes lebende Wesen Interessen habe und jedes Interesse jedes Wesens die gleiche Berücksichtigung verdient. Alle differenzierenden Kriterien, die wir anführen können, wie zum Beispiel Geschlecht, Rasse, Spezies, Religion und so weiter, werden somit aufgelöst.

Der Mensch als homo sapiens ist dem Huhn oder der Kuh deshalb in keiner Weise höhergestellt. Was jedoch für Unterschiede sorgt, ist die Qualität spezifischer Interessen. Alle reflektierten, mit Rationalität ausgestatteten Wesen haben nach Singer die gewichtige Präferenz der Zukunftsplanung.

Kontrovers: Die Präferenz als einziger Maßstab

Es ist also durchaus legitim – nach Singers Ansicht – Präferenzen gegeneinander aufzuwiegen und in puncto der Rationalität scheut er sich diese Schlussfolgerung auch nicht auszusprechen:

For preference utilitarians, taking the life of a person will normally be worse than taking the life of some other being, since persons are highly future-oriented in their preferences […] In contrast, beings who cannot see themselves as entities with a future cannot have any preferences about their own future existence. [4]

Auf diese Weise gerät Singer in eine höchst kontroverse Position, weil er intrinsische Merkmale wie ›Würde‹ verneint. Er unterscheidet demzufolge zwischen homo sapiens (potenziell ohne Rationalität) und Person (ein Mensch, der aufgrund seiner Rationalität und daraus resultierenden Präferenzen Personenstatus verdient).

Der Präferenzutilitarismus nennt einen Menschen ohne Präferenzen schlicht keine Person. Was daraus nun folgt, sollte ja ziemlich offensichtlich sein. Alle Behindertenverbände demonstrieren regelmäßig bei Singers Vorträgen.


Quellen und Verweise

[1] Erster Teil des Artikel: Grundlagen der Ethik: Was ist der Utilitarismus? | Blog (DEU)

[2] Consequences of Utilitarianism, D. H. Hodgson, Clarendon Press, Oxford, 1967, 187 pp. 35s | Literatur (ENG)

[3] Einige Vorzüge einer bestimmten Form des Regelutilitarismus, in: Einführung in die utilitaristische Ethik: Klassische und zeitgenössische Texte herausgegeben von Otfried Höffe, Stuttgart, UTB, S.186 | Literatur (DEU)

[4] Peter Singer: Practical Ethics. New York, Cambridge University Press, 2011, S.80 | Literatur (ENG)